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Die Geschichte Karls XII., Königs von Schweden

François Marie Arouet de Voltaire: Die Geschichte Karls XII., Königs von Schweden - Kapitel 4
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titleDie Geschichte Karls XII., Königs von Schweden
publisherPhilipp Reclam jun. Leipzig
firstpub1829
translatorAdolf Seubert
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Drittes Buch.

Stanislaus Leczinski wird zum König von Polen erwählt. Tod des Kardinal Primas. Schöner Rückzug des Generals Schulenburg. Unternehmungen des Zaren. Gründung von St. Petersburg. Schlacht bei Frauenstadt. Karl rückt in Sachsen ein. Friede von Altranstädt. August entsagt der polnischen Krone und tritt sie an Stanislaus ab. General Patkul, der Bevollmächtigte des Zaren wird gerädert und gevierteilt. Karl empfängt in Sachsen die Gesandten aller Fürsten. Er geht allein nach Dresden, um August vor seinem Abgang zu sehen.

Der junge Stanislaus Leczinski wurde um diese Zeit an die Versammlung von Warschau abgeordnet, um dem König von Schweden über verschiedene Streitigkeiten, welche zur Zeit der Aufhebung des Prinzen Jakob vorgekommen waren, Bericht zu erstatten. Stanislaus besaß ein anziehendes, zugleich kühnes und mildes Aeußere, ein rechtschaffenes und freimütiges Wesen, diesen größten aller äußeren Vorzüge, der den Worten mehr Gewicht verleiht als selbst Beredsamkeit. Die Klugheit, womit er über König August, die Versammlung, den Kardinal Primas und die verschiedenen Händel sprach, welche Polen zerrütteten, machte Eindruck auf Karl. Der König Stanislaus hat die Gnade gehabt mir zu erzählen, daß er in lateinischer Sprache zum König von Schweden sagte: »Wie können wir eine Königswahl treffen, da die beiden Prinzen Jakob und Konstantin Sobieski gefangen sind?« worauf Karl ihm erwidert habe: »Und wie kann man die Republik befreien, wenn man nicht eine Wahl vornimmt?« Diese Unterhaltung war die einzige Kabale, welche Stanislaus auf den Thron brachte. Karl verlängerte absichtlich die Konferenz, um den Geist des jungen Abgeordneten besser ergründen zu können. Nach der Audienz bemerkte er laut, daß er noch keinen Mann gefunden habe, der so geeignet wäre, alle Parteien zu versöhnen wie Stanislaus. Er unterrichtete sich sofort weiter über den Charakter des Palatin Leczinski. Er erfuhr, daß er ein Mann voll Tapferkeit und abgehärtet gegen alle Strapazen sei, daß er immer auf einer Strohmatratze schlafe, von seinen Dienern keine persönliche Bedienung verlange; daß er von einer in diesem Klima seltenen Mäßigkeit, sparsam, von seinen Vasallen angebetet und vielleicht der einzige Herr in Polen sei, der zu einer Zeit, wo man nur Verbindungen aus Interesse oder zu Parteizwecken kannte, einige wirkliche Freunde habe. Diese Charakterschilderung, welche einigermaßen mit seinem eigenen Wesen im Einklang stand, reifte seinen Entschluß. Gleich nach der Konferenz sprach er laut: »Das ist ein Mann, der immer mein Freund sein wird;« und bald nahm man wahr, daß diese Worte so viel hießen als: »Das ist der Mann, den ich zum König machen werde.«

Als der Primas von Polen erfuhr, daß Karl XII. den Palatin Leczinski ungefähr so genannt hatte, wie Alexander den Abdolonymos, eilte er zu dem König von Schweden und machte den Versuch, den Beschluß desselben wankend zu machen; er wollte die Krone einem Lubomirski verschaffen. »Aber was habt Ihr gegen Stanislaus Leczinski vorzubringen?« fragte der Eroberer. – »Sire,« erwiderte der Primas, »er ist zu jung.« Der König entgegnete trocken: »Er ist ungefähr so alt wie ich;« – drehte dann dem Prälaten den Rücken und sandte sofort den Grafen von Horn an die Versammlung in Warschau und ließ ihr sagen, sie habe innerhalb fünf Tagen einen König zu wählen und zwar den Stanislaus Leczinski. Der Graf von Horn langte am 7. Juli an und bestimmte den 12. zum Wahltag, wie man den Aufbruch eines Bataillons befiehlt. Der Kardinal Primas sah sich jetzt um die Frucht so vieler Intrigen gebracht. Er kehrte zwar zur Versammlung zurück und setzte Himmel und Erde in Bewegung, um eine Wahl zu hintertreiben, an der er keinen Anteil hatte. Allein der König von Schweden ging ebenfalls inkognito nach Warschau; da mußte er schweigen. Alles, was der Primas noch tun konnte, war, daß er der Wahl nicht anwohnte; da er sich dem Sieger nicht widersetzen konnte, ihm aber auch die Hand nicht reichen wollte, verharrte er bei einer unnützen Neutralität.

Als der zur Wahl bestimmte Tag, Samstag, der 12. Juli 1704, herangekommen war, versammelte man sich um drei Uhr nachmittags im Kolo, dem zu dieser Zeremonie bestimmten Felde; der Bischof von Posen führte an Stelle des abwesenden Kardinal Primas den Vorsitz. Er kam mit den Edelleuten seiner Partei. Graf Horn und zwei andere Generale wohnten als außerordentliche Gesandte Karls bei der Republik öffentlich der Feierlichkeit an. Die Sitzung dauerte bis neun Uhr abends; der Bischof von Posen schloß sie, indem er im Namen des Reichstags Stanislaus zum erwählten König von Polen erklärte. Alle Mützen flogen in die Luft und der Lärm der Beifallsrufe erstickte das Geschrei der Widersacher.

Es half dem Kardinal Primas und denjenigen, welche hatten neutral bleiben wollen, nichts, daß sie sich der Wahl enthalten hatten. Sie mußten gleich den anderen Tag kommen und dem neuen Könige huldigen. Die größte Kränkung, die ihnen passierte, war aber, daß sie ihm nach dem Quartiere des Schwedenkönigs folgen mußten. Dieser Fürst erwies dem Herrscher, den er soeben geschaffen hatte, alle einem König von Polen gebührenden Ehren, und um seiner neuen Würde mehr Gewicht zu geben, wies er ihm Geld und Truppen an.

Karl XII. reiste alsbald wieder von Warschau ab, um die Eroberung Polens zu vollenden. Er hatte Lemberg, die Hauptstadt des Großpalatinats Rußland, einen an sich wichtigen Platz, der aber durch die Schätze, die er enthielt, noch wichtiger wurde, als Punkt bestimmt, wo seine Truppen sich vereinigen sollten. Man glaubte, daß der Ort wegen der Befestigungen, die König August dort hatte anlegen lassen, sich vierzehn Tage halten würde. Aber Karl schloß ihn am 5. September ein und nahm ihn am anderen Tag mit Sturm. Alles, was sich zu widersetzen wagte, sprang über die Klinge. Als die siegreichen Truppen Herren von der Stadt waren, gingen sie trotz den Gerüchten über die Schätze, die Lemberg enthalten sollte, doch nicht auseinander, um zu plündern. Sie formierten vielmehr auf dem Hauptplatz die Linie. Dort ergaben sich die Reste der Garnison als kriegsgefangen. Der König ließ nun bei Trompetenschall verkünden, daß alle Einwohner, welche dem König August oder dessen Anhängern gehörige Wertsachen in Händen hätten, sie bei Todesstrafe noch vor Ende des Tages abliefern sollten. Die Maßnahmen waren so gut getroffen, daß wenige es wagten, dem Befehl nicht Folge zu leisten; man brachte dem König vierhundert Kisten mit Gold- und Silbermünzen, Geschirren und anderen Kostbarkeiten.

Der Anfang von Stanislaus' Regiment wurde fast an demselben Tage durch ein ganz anderes Ereignis bezeichnet. Einige Geschäfte, die durchaus seine persönliche Anwesenheit verlangten, hatten ihn in Warschau zurückgehalten. Bei ihm waren seine Mutter, seine Frau und seine beiden Töchter. Der Kardinal Primas, der Bischof von Posen und einige polnische Großen bildeten seinen neuen Hof. Derselbe war von sechstausend Polen der Armee der Krone bewacht, die erst kürzlich in seinen Dienst übergetreten und deren Treue noch nicht auf die Probe gestellt worden war. Der Gouverneur der Stadt, General Horn, hatte außerdem noch etwa fünfzehnhundert Schweden zu seiner Verfügung. Die tiefste Ruhe herrschte in Warschau und Stanislaus gedachte, in wenig Tagen abzureisen, um sich noch an der Einnahme von Lemberg zu beteiligen. Plötzlich erhält er die Nachricht, daß eine zahlreiche Armee sich der Stadt nähere: es war der König August, der sich noch einmal aufschwang, den König von Schweden durch einen der schönsten Märsche, die je ein General ausgeführt hat, täuschte und nun mit zwanzigtausend Mann gegen Warschau rückte, um seines Nebenbuhlers habhaft zu werden.

Warschau war nicht befestigt und die polnischen Truppen, die es verteidigen sollten, nicht sehr zuverlässig. August hatte Verbindungen in der Stadt; wenn Stanislaus blieb, war er verloren. Er schickte daher seine Familie unter der Obhut derjenigen polnischen Truppen, auf die er sich am meisten verlassen zu können glaubte, nach Posen. In der bei diesem Anlaß entstandenen Verwirrung glaubte er einmal schon sein zweites einjähriges Töchterchen verloren zu haben. Es war durch die Amme verlassen worden, Stanislaus fand es jedoch in einem Stalltrog in einem benachbarten Dorfe wieder, wie ich ihn selbst erzählen hörte. Es war dies dasselbe Kind, welches das Schicksal nach den größten Wechselfällen zur Königin von FrankreichMaria Leczinska, geboren 1703, Gemahlin Ludwigs XV. 1725, gestorben 1768. Beuchot. machte. – Die Herren vom Adel flüchteten auf verschiedenen Wegen. Der neue König selbst, der so beizeiten das Mißgeschick kennen lernte und sich genötigt sah, sechs Wochen nach seiner Wahl zum Regenten seine Hauptstadt zu verlassen, eilte zu Karl XII.

August zog als siegreicher und ergrimmter Herrscher in Warschau ein. Die schon von dem Schwedenkönig gebrandschatzten Einwohner wurden es durch August noch mehr. Der Palast des Kardinals und alle Häuser konföderierter Herren sowie alle ihre Güter in der Stadt und auf dem Lande wurden der Plünderung preisgegeben. Das Merkwürdige bei dieser vorübergehenden Umwälzung der Dinge war, daß der päpstliche Nuntius, der im Gefolge des Königs August mitgekommen war, im Namen seines Gebieters die Auslieferung des Bischofs von Posen verlangte, weil derselbe in seiner Eigenschaft als Bischof und Begünstiger eines durch die Waffen eines Lutheraners auf den Thron gesetzten Fürsten der Gerichtsbarkeit des römischen Hofs verfallen sei.

Der römische Hof, welcher seine weltliche Herrschaft stets mit Hilfe der geistlichen auszudehnen gesucht hat, hatte seit längerer Zeit eine Art Gerichtsbarkeit in Polen aufgestellt, an deren Spitze der geistliche Nuntius stand. Seine Diener hatten keine Gelegenheit vorbeigehen lassen, um ihre, von der Menge stets hochverehrte, aber von den weisesten Männern jederzeit bestrittene Macht weiter und weiter auszudehnen. Sie hatten das Recht für sich in Anspruch genommen, alle Angelegenheiten der Geistlichen selbst zu richten, und sich in Zeiten der Verwirrung noch viele andere Vorrechte angemaßt, in denen sie sich bis gegen 1728 erhielten, wo man dann Mißbräuche beschränkte, die man leider nur immer erst dann abschafft, wenn sie ganz unerträglich werden.

Da es dem König August sehr angenehm war, den Bischof von Posen mit Anstand strafen und zugleich dem römischen Hofe, gegen den er sich zu jeder anderen Zeit auf die Hinterbeine gestellt haben würde, gefällig sein zu können, so übergab er den polnischen Prälaten dem Nuntius. Nachdem der Bischof hatte mitansehen müssen, wie man sein Haus ausplünderte, wurde er durch Soldaten zu dem italienischen Minister gebracht, der ihn nach Sachsen schickte, wo er starb. – Der Graf Horn hielt in dem Schloß, in dem er sich eingeschlossen hatte, eine Zeitlang das heftige Feuer des Feindes aus. Da der Platz aber nicht haltbar war, mußte er sich endlich mit seinen fünfzehnhundert Schweden ergeben. Es war das der erste Vorteil, den der König August im Strom seiner Unfälle gegen die siegreichen Waffen seines Feindes errang.

Aber es war nur das letzte Aufflackern einer Flamme, die erlischt. Seine in Eile zusammengebrachten Truppen bestanden teils aus Polen, die bereit waren ihn beim ersten Mißgeschick wieder zu verlassen, teils aus sächsischen Rekruten, die den König noch nicht kannten, teils aus vagabundierenden Kosaken, die sich besser dazu eigneten Besiegte auszuplündern als selbst zu siegen. Sie alle zitterten, wenn man nur den Namen des Schwedenkönigs aussprach.

Dieser Eroberer kam nun in Begleitung des Königs Stanislaus an der Spitze seiner Eliten, um seinem Feind zu Leibe zu gehen. Die sächsische Armee floh überall vor ihm. Auf dreißig Meilen in der Runde sandten ihm die Städte ihre Schlüssel; kein Tag ging ohne ein glückliches Gefecht vorüber. Die Erfolge wurden bald etwas ganz Gewöhnliches für Karl. Er selbst sagte: Dies heiße mehr auf die Jagd gehen als Krieg führen; und beklagte sich, daß er seine Siege nicht teurer erkaufen mußte.

Eine Zeitlang vertraute August jetzt das Kommando seiner Armee dem Grafen von Schulenburg an, einem sehr geschickten General, der aber jetzt an der Spitze einer entmutigten Armee all seine Erfahrung zusammen nehmen mußte. Es war ihm mehr darum zu tun, seinem Herrn die Truppen zu erhalten als zu siegen. Er führte den Krieg mit Geschick, die beiden Könige mit Feuer. Er täuschte sie über seine Märsche, besetzte vorteilhafte Stellungen, opferte einige Reiter, um seiner Infanterie Zeit zu einem sicheren Rückzug zu verschaffen. Er rettete seine Truppen durch rühmliche Rückzüge vor einem Feind, dem gegenüber keine andere Art Ruhm zu gewinnen war.

Kaum war er in das Palatinat Posen gelangt, als er erfuhr, daß die beiden Könige, welche er fünfzig Stunden weit entfernt wähnte, diese fünfzig Stunden in neun Tagen zurückgelegt hätten. Er selbst hatte nur achttausend Mann Fußvolk und tausend Reiter; mit diesen mußte er sich gegen eine überlegene Armee, gegen den Namen des Schwedenkönigs und gegen die natürliche Furcht, welche so viele Niederlagen den Sachsen eingeflößt hatten, halten. Trotz der gegenteiligen Ansicht der deutschen Generale hatte er immer behauptet, daß die Infanterie auch ohne spanische Reiter auf freiem Felde der Reiterei die Stirne bieten könne. Nun wagte er es den Beweis hiervon gegen jene siegreiche, von zwei Königen und den erlesensten schwedischen Generalen befehligte Reiterei zu führen. Er nahm eine vorteilhafte Stellung ein, die nicht umgangen werden konnte. Sein erstes Glied ließ er knieen; es war mit Piken und Flinten bewaffnet; die enggeschlossenen Reihen boten den Pferden des Feindes gleichsam einen von Piken und Bajonetten gespickten Wall; das zweite Glied feuerte etwas vorwärts gebückt über die Schultern des ersten; das dritte Glied endlich feuerte stehend über die beiden vorderen weg. Die Schweden stürzten mit ihrem gewöhnlichen Ungestüm gegen die Sachsen, welche sie empfingen, ohne erschüttert zu werden. Die Schüsse, die Piken- und Bajonettstöße erschreckten die Pferde, welche stiegen statt vorwärts zu gehen. So wurde der Angriff der Schweden ein regelloser, während die Sachsen sich verteidigten, ohne ihre Glieder zu lösen.

Schulenburg bildete ein längliches Viereck und obschon selbst fünffach verwundet zog er sich in dieser Formation in guter Ordnung während der Nacht nach dem Städtchen Guhrau, drei Stunden vom Schlachtfeld entfernt zurück. Aber kaum begann er hier wieder Atem zu schöpfen, als die beiden Könige wieder hinter ihm standen.

Jenseits Guhrau in der Richtung nach der Oder lag ein dichtes Gehölz, hinter welches der sächsische General seine ermüdete Infanterie zurücknahm. Aber die schwedischen Reiter ließen sich durch den Wald nicht abschrecken, sondern verfolgten jene trotz den Hindernissen auf Wegen, die kaum für die Fußgänger passierbar waren. Fünf Stunden, nachdem die Sachsen den Wald passiert hatten, war auch schon wieder die schwedische Reiterei da. Hinter dem Walde fließt an dem Dorfe Rützen vorbei der Bartschfluß. Schulenburg hatte vorsichtig Leute vorausgeschickt und Boote zusammen bringen lassen; dann ließ er seine schon bis auf die Hälfte zusammengeschmolzene Truppe den Fluß passieren. Karl erschien gerade, als Schulenburg das jenseitige Ufer erreicht hatte. Niemals hat ein Sieger seinen Feind eifriger verfolgt. Der Ruf Schulenburgs hing davon ab, ob er dem König von Schweden entwischen würde. Der König seinerseits glaubte es seinem Ruhme schuldig, Schulenburg und den Rest seiner Armee gefangen zu nehmen; er verlor daher keine Zeit und ließ die Reiterei durch eine Fuhrt übergehen. Die Sachsen sahen sich nun zwischen dem Bartsch und dem Oderstrom, der in Schlesien entspringt und hier bereits sehr tief und reißend ist, eingeschlossen.

Der Untergang Schulenburgs schien unvermeidlich; gleichwohl gelang es ihm mit Aufopferung einiger Leute die Oder während der Nacht zu passieren. Er rettete so sein Korps und Karl konnte nicht umhin, den Ausspruch zu tun: »Heute hat uns Schulenburg besiegt!«

Es ist dies derselbe Schulenburg, der seitdem General der Venezianer wurde und dem die Republik auf Korfu eine Bildsäule errichtete, weil er dieses Bollwerk Italiens gegen die Türken verteidigt hat. Nur Republiken wissen so zu ehren; die Könige geben nur Belohnungen.

Was aber Schulenburg zum Ruhm gereichte, nützte doch dem König August nicht viel. Dieser Fürst mußte Polen noch einmal seinen Feinden überlassen; er zog sich nach Sachsen zurück und ließ in Eile Dresden befestigen, da er bereits und nicht ohne Grund für die Hauptstadt seiner Erbstaaten fürchtete.

Karl XII. sah Polen zu seinen Füßen. Seine Generale waren seinem Beispiel gefolgt und hatten in Kurland mehrere kleine russische Korps geschlagen, welche sich seit der großen Schlacht bei Narwa nur noch in kleinen Abteilungen zeigten und in diesen Gegenden den Krieg nach Art der Tataren führten, welche plündern, entfliehen und wieder erscheinen, um von neuem zu fliehen.

Ueberall wo die Schweden auftraten, glaubten sie sich des Sieges sicher, wenn sie nur zu zwanzig gegen hundert waren. Unter so glücklichen Aussichten traf Stanislaus Anstalt zu seiner Krönung. Das Geschick, das zu Warschau seine Wahl zum König bewirkt und ihn dann wieder von dort vertrieben hatte, rief ihn jetzt noch einmal unter dem Jubelruf der adligen Scharen, die das Kriegsglück an ihn kettete, dahin zurück. Ein Reichstag wurde berufen, alle Hindernisse fanden hier ihren Ausgleich, der römische Hof allein machte einen Querstrich.

Es war natürlich, daß dieser sich für den König August erklärte, der, ursprünglich Protestant, katholisch geworden war, um den polnischen Thron besteigen zu können – und gegen Stanislaus, der durch einen Erzfeind der katholischen Kirche auf diesen Thron erhoben worden war. Der damalige Papst Clemens XI. sandte Breves an alle polnischen Prälaten und besonders an den Kardinal Primas, worin er sie mit der Exkommunikation bedrohte, wenn sie es wagen würden der Krönung Stanislaus' anzuwohnen und irgend etwas gegen die Rechte des Königs August zu unternehmen.

Wenn diese Breves an die Bischöfe gelangten, welche sich zu Warschau befanden, so war zu befürchten, daß einige aus Schwäche denselben gehorchen, die meisten sich ihrer aber bedienen würden, um in dem Maße als sie notwendiger würden, Schwierigkeiten zu erheben. Man hatte daher alle Vorsichtsmaßregeln getroffen, um die päpstlichen Schreiben nicht nach Warschau gelangen zu lassen. Ein Franziskaner hatte deshalb im geheimen die Breves empfangen, um sie persönlich den Prälaten einzuhändigen. Er übergab zunächst eines dem Weihbischof von Chelm; dieser Prälat, der Stanislaus sehr anhänglich war, überbrachte es noch gesiegelt dem König. Der König ließ den Mönch kommen und fragte ihn, wie er es habe wagen können, einen solchen Auftrag anzunehmen? Der Franziskaner erwiderte, es sei auf Befehl seines Generals geschehen. Stanislaus schärfte ihm ein, künftig den Befehlen seines Königs mehr zu gehorchen als denen des Franziskanergenerals und jagte ihn sofort aus der Stadt.

Am gleichen Tage wurde ein Plakat des Schwedenkönigs öffentlich angeschlagen, worin allen in Warschau befindlichen Welt- und Ordensgeistlichen unter den schwersten Strafen verboten wurde, sich in Staatsangelegenheiten zu mischen. Zu größerer Sicherheit ließ er die Türen aller Prälaten mit Wachen besetzen und verbot jedem Fremden den Eintritt in die Stadt. Er nahm diese kleinen Gewalttätigkeiten ganz auf sich, um nicht Stanislaus gleich von vornherein mit dem Klerus zu entzweien. Er sagte, er ruhe von seinen kriegerischen Strapazen aus, indem er die Intrigen des römischen Hofes durchkreuze, und schlage sich gegen ihn mit Papier, während er die anderen Herrscher mit wirklichen Waffen angreifen müsse.

Sowohl Karl als Stanislaus drangen in den Kardinal Primas, daß er kommen solle, um die Krönungszeremonie vorzunehmen. Jener glaubte aber Danzig nicht verlassen zu sollen, um einen König zu weihen, den er nicht hatte erwählen wollen; da es aber in seiner Politik lag, nie etwas ohne Vorwand zu tun, wollte er sich eine rechtskräftige Entschuldigung für seine Weigerung beschaffen. Er ließ daher während der Nacht das päpstliche Breve an die Tür seines eigenen Hauses anschlagen. Der Magistrat von Danzig war hierüber empört und ließ nach dem Täter fahnden, den man jedoch nicht ausfindig zu machen wußte. Der Primas tat, als ob er gleichfalls hierüber erzürnt sei, war aber im Grund seines Herzens höchlich erfreut: er hatte jetzt einen Grund, um den neuen König nicht salben zu dürfen, und schonte zugleich Karl XII., August, Stanislaus und den Papst. Er starb übrigens wenige Tage später und hinterließ sein Vaterland in der äußersten Verwirrung. Mit all seinen Intrigen hatte er nichts bewirkt, als daß er es mit den drei Königen Karl, August und Stanislaus, mit der Republik und dem Papste zugleich verdorben hatte, denn dieser letztere hatte ihm bereits befohlen nach Rom zu kommen und sich über sein Verhalten zu verantworten. Da übrigens auch die Männer der Politik zuweilen in ihren letzten Augenblicken eine Anwandlung von Reue verspüren, schrieb er, als er schon im Sterben lag, an den König August und bat ihn um Verzeihung.

Die Krönung geschah in aller Ruhe und mit dem üblichen Pomp am 4. Oktober 1705 in Warschau, trotzdem es sonst in Polen der Brauch ist, daß man die Könige zu Krakau krönt. Stanislaus Leczinski und seine Gemahlin Charlotte Opalinska wurden von dem Erzbischof von Lemberg in Beisein vieler anderer Prälaten zum König und zur Königin von Polen gesalbt. Karl XII. sah der Zeremonie inkognito zu; es war die einzige Frucht, die ihm all seine Eroberungen trugen.

Während Karl dem unterworfenen Polen einen König gab, während Dänemark ihn nicht zu beunruhigen wagte, der König von Preußen (Friedrich I.) um seine Freundschaft warb und König August sich in seine Erbstaaten zurückzog, wurde der Zar mit jedem Tage ein gefährlicherer Gegner. Zwar hat er August in Polen nur schwach unterstützt, dagegen aber bedeutende Diversionen in Ingermanland gemacht.

Der Zar begann nicht nur selbst ein tüchtiger Kriegsmann zu werden, sondern er lehrte diese Kunst auch seinen Russen. Die Mannszucht verbesserte sich in seinem Heere, er besaß gute Ingenieure, eine wohlbediente Artillerie, viele tüchtige Offiziere. Er verstand die große Kunst seine Truppen zu nähren. Einige seiner Generale hatten bereits gelernt gut zu fechten und nach Bedarf auch nicht zu fechten; noch mehr: er hatte eine Marine geschaffen, die den Schweden in der Ostsee die Spitze bieten konnte.

Stark durch alle diese günstigen Momente, die er seinem Genie und der Abwesenheit des Schwedenkönigs verdankte, nahm er Narwa am 21. August 1704 nach einer regelmäßigen Belagerung und nachdem er den Entsatz zu Land und zur See verhindert hatte, mit Sturm. Als seine Soldaten Meister der Stadt waren, ergaben sie sich der Plünderung und verübten die ungeheuerlichsten Barbareien. Der Zar eilte selbst nach allen Seiten, um der Unordnung und dem Gemetzel Einhalt zu tun; er selbst entriß die Frauen den Händen seiner Soldaten, die sie erwürgen wollten, nachdem sie sie geschändet. Er sah sich sogar genötigt, eigenhändig einige Russen niederzustechen, die nicht auf seine Befehle hörten. In Narwa zeigt man auf dem Rathause noch heute den Tisch, auf welchem er seinen Degen niederlegte und man erzählt sich, daß er bei diesem Anlaß zu den dort versammelten Bürgern sagte: »Es ist nicht Blut von Ortseinwohnern, was an diesem Degen klebt, es ist vielmehr russisches Blut, das ich vergossen habe, um euch zu retten.«

Wenn der Zar immer eine solche Menschlichkeit bewiesen hätte, wäre er der erste der Sterblichen gewesen. Er hatte in der Tat höhere Ziele als die Zerstörung von Städten. Er gründete damals selbst eine Stadt unweit Narwa inmitten des neu eroberten Gebiets; es war die Stadt St. Petersburg, die er nachher zu seiner Residenz und dem Mittelpunkt des russischen Handels machte. Sie liegt zwischen Finnland und Ingermanland auf einer sumpfigen Insel, um welche sich die Newa in mehreren Armen schlingt, ehe sie in den Finnischen Meerbusen fällt. Er selbst entwarf den Plan zu der Stadt, der Festung, dem Hafen, den Kais, die diesen schmücken, und den Forts, die den Eingang verteidigen. Diese öde und verlassene Insel, die während des kurzen Sommers dieser Zone nur ein Kothaufen und während des Winters ein gefrorener Teich gewesen war, wohin man nur durch straßenlose Wälder und tiefe Sümpfe gelangen konnte, und wo bisher nur Wölfe und Bären gehaust hatten, zählte bereits im Jahre 1703 über dreimalhunderttausend Menschen, welche der Zar aus seinen verschiedenen Ländern dahin befohlen hatte. Die Bauern von Astrachan und die Ansiedler an den Grenzen Chinas wurden nach St. Petersburg verpflanzt. Man mußte Wälder aushauen, Straßen bauen, Sümpfe trocknen, Dämme aufwerfen, ehe der Grundstein zu der Stadt gelegt werden konnte. Ueberall wurde der Natur Zwang angetan. Der Zar setzte es durch ein Land zu bevölkern, das nicht für den Aufenthalt von Menschen bestimmt zu sein schien. Weder die Ueberschwemmungen, die seine Werke einrissen, noch die Unfruchtbarkeit des Bodens, noch die Unwissenheit der Arbeiter, noch selbst das ungesunde Klima, welches im Anfang zweimalhunderttausend Menschen das Leben kostete, vermochten ihn von seinem Entschluß abzubringen. Trotz aller Hindernisse, welche die Natur, das Gefühl des Volks und ein unglücklicher Krieg der Sache in den Weg legte, wurde die Stadt gegründet. Bereits im Jahre 1705 war St. Petersburg eine Stadt, deren Hafen mit Schiffen gefüllt war. Durch Gnadenbezeugungen aller Art, Austeilung von Ländereien, Schenkung von Häusern zog der Kaiser die Fremden dahin und ermutigte und unterstützte alle Künste, welche geeignet waren, dieses rauhe Klima zu mildern. Vor allem machte er St. Petersburg unnahbar für seine Feinde. Die schwedischen Generale, welche seine Truppen sonst allerwärts schlugen, hatten doch diese keimende Kolonie nicht zu schädigen vermocht. Sie genoß der Ruhe inmitten des sie umgebenden Kriegs.

Indem der Zar so neue Staaten schuf, bot er dem König August, der die seinigen verlor, noch immer die Hand. Er ließ ihn durch den General Patkul, der seit einiger Zeit in russische Dienste getreten und damals Gesandter des Zaren am sächsischen Hofe war, bereden nach Grodno zu kommen, um sich dort nochmals mit ihm über den leidigen Stand seiner Angelegenheiten zu besprechen. August kam mit einigen Truppen und in Begleitung des Generals Schulenburg, dem sein Uebergang über die Oder im Norden einen Namen gemacht hatte und auf den er seine letzte Hoffnung setzte. Der Zar erschien ebenfalls und ließ sich von siebzigtausend Mann begleiten. Die beiden Herrscher entwarfen neue Kriegspläne. Der entthronte König August brauchte jetzt nicht mehr zu fürchten, daß er die Polen verletzte, wenn er ihr Land den russischen Truppen öffne. Es wurde beschlossen, daß das Heer des Zaren sich in mehrere Korps teilen sollte, um den König von Schweden auf jedem Schritte aufzuhalten. Um die Zeit dieser Zusammenkunft war es, als König August den Orden des weißen Adlers erneuerte, ein dürftiges Hilfsmittel, um sich einiger polnischen Herren zu versichern, welchen doch mehr nach wirklichen Vorteilen verlangte, als nach einer eiteln Ehrenauszeichnung, die von der Hand eines Königs, der dies nur noch dem Namen nach war, erteilt, nur lächerlich sein konnte. Die Konferenz der beiden Herrscher nahm ein seltsames Ende. Der Zar reiste plötzlich ab, um persönlich eine Empörung zu ersticken, von der er in Astrachan bedroht war, und ließ seine Truppen seinem Verbündeten. Kaum war er fort, als König August Patkul in Dresden verhaften ließ. Ganz Europa erstaunte, daß er es wagen konnte, gegen das Völkerrecht und dem Anschein nach gegen sein eigenes Interesse den Gesandten des einzigen Fürsten, der ihm günstig gesinnt war, ins Gefängnis zu werfen.

Der geheime Grund dieses Vorgehens war, wie mir der Marschall von Sachsen, Sohn des Königs August, selbst zu erzählen die Gnade hatte, folgender: Patkul, der aus Schweden verbannt worden war, weil er es gewagt hatte, die Vorrechte seines Vaterlands Livland zu verteidigen, war General des Königs August gewesen; da aber sein lebhafter und stolzer Geist sich mit dem hochfahrenden Wesen des Generals Flemming, eines Günstlings des Königs, nicht vertragen konnte, war er in den Dienst des Zaren übergetreten, dessen General und Gesandter bei August er nunmehr war. Patkul besaß einen durchdringenden Verstand; er hatte herausgebracht, daß Flemming und der sächsische Kanzler die Absicht hatten, einen Frieden mit dem Schwedenkönig um jeden Preis herbeizuführen. Sofort entwarf er den Plan, ihnen zuvorzukommen und eine Verständigung zwischen dem Zaren und Schweden anzubahnen. Der Kanzler kam hinter die Sache und setzte es durch, daß man sich seiner Person bemächtigte. König August versicherte den Zaren, daß Patkul ein Verräter sei, der sie beide hintergehe. Gleichwohl konnte man ihm nichts vorwerfen, als daß er seinem neuen Herrn allzu gut diente; aber ein zur Unzeit geleisteter Dienst wird häufig als Verrat bestraft.

Inzwischen sengten und verwüsteten die in mehrere Korps geteilten siebzigtausend Russen die Güter der Anhänger des Stanislaus, während andererseits Schulenburg mit neuen Truppen heranrückte. Aber in weniger als zwei Monaten hatten die Schweden diese beiden Armeen glücklich zerstreut. Karl XII. und Stanislaus griffen die vereinzelten Korps der Russen nacheinander, aber so energisch an, daß ein russischer General geschlagen war, noch ehe er die Niederlage seines Kriegskameraden erfuhr.

Kein Hindernis vermochte den Sieger aufzuhalten; wenn ein Fluß zwischen ihm und seinen Feinden lag, passierten ihn Karl XII. und seine Schweden schwimmend. Eine schwedische Streifpartei nahm die Bagage Augusts, wobei sich zweimalhunderttausend Taler in Silber befanden. Stanislaus erwischte achtmalhunderttausend Dukaten, welche dem russischen General Fürst Mentschikoff gehörten. Karl machte an der Spitze seiner Reiterei in vierundzwanzig Stunden dreißig Wegstunden, wobei jeder Reiter ein zweites Pferd führte, um es zu besteigen, wenn das seinige nicht mehr konnte. Die erschrockenen und auf eine kleine Zahl herabgeschmolzenen Russen flohen in Unordnung über den Deiner.

Während so Karl die Russen bis ins Herz von Littauen vor sich herjagte, hatte Schulenburg die Oder wieder überschritten und bot an der Spitze von zwanzigtausend Mann dem Marschall Rehnsköld, der als der beste General Karls XII. galt und den man nur den Parmenio des nordischen Alexanders nannte, die Schlacht an. Diese beiden berühmten Generale, welche etwas von dem Geschick ihrer Herren an sich zu haben schienen, trafen sich unweit Punitz bei Fraustadt, welcher Ort den Truppen Augusts schon einmal verhängnisvoll gewesen war. Rehnsköld hatte nur dreizehn Bataillone und zweiundzwanzig Schwadronen, im ganzen etwa zehntausend Mann. Schulenburg befehligte dagegen noch einmal so viel.Nach anderen hatte Rehnsköld zwölf Bataillone, siebenunddreißig Schwadronen (elftausend Mann) und dreißig Geschütze, Schulenburg siebenundzwanzig Bataillone, zweiundvierzig Schwadronen (zwanzigtausend Mann) und sechsundsiebzig Geschütze. Doch ist zu bemerken, daß sich darunter sechs- bis siebentausend Russen befanden, die man lange diszipliniert hatte und nun als geübte Soldaten betrachten zu dürfen glaubte. Am 13. Februar 1706 wurde diese Schlacht bei Fraustadt geschlagen; aber der nämliche General Schulenburg, welcher mit viertausend Mann gewissermaßen das Glück des Schwedenkönigs geäfft hatte, unterlag jetzt dem Stern Rehnskölds. Der Kampf währte keine Viertelstunde; die Sachsen leisteten keinen Augenblick Widerstand, die Russen warfen die Waffen weg, sobald sie die Schweden nur sahen; der Schreck war ein so jäher und die Unordnung eine so große, daß die Sieger auf dem Schlachtfelde siebentausend noch geladene Gewehre fanden, die man weggeworfen hatte, ohne sie abzufeuern. Nie war eine Niederlage rascher, vollständiger und schmählicher; und doch hatte nach dem Zeugnis der sächsischen wie der schwedischen Offiziere Schulenburg den geschicktesten Plan entworfen, den je ein General ersann. So zeigte sich von neuem, wie wenig menschliche Weisheit Herrin der Ereignisse ist.

Unter den Gefangenen befand sich auch ein ganz aus Franzosen bestehendes Regiment. Diese Unglücklichen waren in der berühmten Schlacht bei Hochstädt, im Jahre 1704, die für Ludwig XIV. so unglücklich ausfiel, von den sächsischen Truppen zu Gefangenen gemacht worden. Seitdem waren sie in den Dienst des Königs August übergetreten, der ein Dragonerregiment daraus formierte und das Kommando einem Franzosen aus dem Hause Joyeuse übertrug. Dieser Oberst fiel bei dem ersten und einzigen Angriff der Schweden und das ganze Regiment wurde kriegsgefangen. Am gleichen Tage noch baten diese Franzosen, in den Dienst Karls XII. treten zu dürfen und wurden wirklich in denselben aufgenommen, so noch einmal Besieger und Herrn tauschend.Dieser Absatz ist dahin zu berichtigen, daß das Regiment bei Hochstädt von den Engländern gefangen und dann in Schwaben und Franken interniert worden war. August erhielt vom Kaiser die Erlaubnis, achthundert Mann aus diesen Gefangenen auszuheben, aus denen er ein Grenadierregiment formierte. Da Karl XII. vor der Schlacht ein Schreiben in dem Regiment zirkulieren ließ, worin er versprach, es wieder nach Frankreich zu entlassen, so war dieses Regiment in der Schlacht übergegangen. Der Oberst, der die Fahne retten wollte, war bei diesem Versuch gefallen. – Karl hielt sein Versprechen nicht und behielt das Regiment in seinem Dienst. Beuchot.

Die Russen baten kniefällig um ihr Leben, man metzelte sie jedoch unmenschlicherweise sechs Stunden nach der Schlacht nieder, um an ihnen die Gewalttätigkeiten ihrer Kameraden zu rächen und sich der Gefangenen zu entledigen, mit denen man nichts anzufangen wußte.

Nunmehr sah sich August von allen Mitteln entblößt. Es blieb ihm nur noch Krakau, wo er sich mit zwei russischen und zwei sächsischen Regimentern, sowie einigen Truppen der polnischen Armee der Krone, von denen er jedoch dem Sieger ausgeliefert zu werden fürchtete, eingeschlossen hatte. Sein Unglück erreichte aber seinen Gipfel, als er erfuhr, daß Karl XII. am 1. September 1706 in Sachsen selbst eingefallen sei.

(1706.) Karl war durch Schlesien marschiert, ohne daß er es für nötig hielt, den Wiener Hof nur davon zu benachrichtigen. Deutschland war hierüber bestürzt; der Reichstag von Regensburg, der das deutsche Reich repräsentiert, dessen Beschlüsse oft aber ebenso unfruchtbar als feierlich sind, erklärte den König von Schweden als Reichsfeind, wenn er mit seiner Armee die Oder überschreiten würde. Aber gerade dies bestimmte ihn nur um so rascher in Deutschland einzufallen.

Bei seinem Nahen wurden die Dörfer verlassen, die Einwohner flohen nach allen Richtungen. Karl machte es nun wie in Kopenhagen: er ließ überall anschlagen, daß er nur gekommen sei, um den Frieden zu bringen; daß alle diejenigen, welche in ihre Heimat zurückkehren und die von ihm auferlegte Kontribution bezahlen würden, wie seine eigenen Untertanen behandelt werden sollten; gegen die anderen aber werde er ohne Gnade und Barmherzigkeit verfahren. Diese Erklärung aus dem Munde eines Fürsten, von dem man wußte, daß er nie sein Wort gebrochen, veranlaßte alle, die nur aus Furcht entflohen waren, wieder zurückzukehren. Er schlug sein Lager bei Altranstädt unweit Lützen, jenem durch den Sieg und den Tod Gustav Adolfs so berühmten Schlachtfeld auf. Er besichtigte den Ort, wo jener große Mann gefallen war. Als man ihn an die Stelle geführt hatte, sprach er: »Ich habe versucht, wie er zu leben; Gott wird mir vielleicht dereinst einen ebenso ruhmvollen Tod gewähren.«

Von diesem Lager aus berief er die sächsischen Stände und befahl ihnen ihm unverzüglich die Steuerregister des Kurfürstentums einzusenden. Sobald er sie in Händen hatte und genau wußte, was Sachsen leisten konnte, besteuerte er es mit sechsmalhundertfünfundzwanzigtausend Reichstalern monatlich. Außer dieser Kontribution mußten die Sachsen jedem schwedischen Soldaten täglich zwei Pfund Fleisch, zwei Pfund Brot, zwei Krug Bier und vier Sous nebst der Fourage für die Pferde liefern. Nachdem die Kontribution so geregelt war, setzte der König eine neue Polizei ein, welche die Sachsen gegen Ungehörigkeiten vonseiten seiner Soldaten schützte. In allen Städten, welche Garnison erhielten, mußte der Quartierträger allmonatlich ein Zeugnis über das Verhalten der bei ihm untergebrachten Soldaten ausstellen; sonst erhielt der Mann keinen Sold. Außerdem gingen alle vierzehn Tage Inspektoren von Haus zu Haus und erkundigten sich, ob die Schweden sich nichts hatten zu schulden kommen lassen. Diese Inspektoren hatten die Wirte zu entschädigen und die Schuldigen zu bestrafen. Man kennt die strenge Disziplin, welcher die Truppen Karls XII. unterworfen waren; nie durften sie selbst eine mit Sturm genommene Stadt plündern, ehe die Erlaubnis dazu gegeben war. Die Plünderung selbst geschah mit einer gewissen Ordnung und wurde auf das erste Zeichen eingestellt. Noch heute rühmen sich die Schweden der Disziplin, die sie in Sachsen beobachtet haben; dieses sonderbare Rühmen wäre unverständlich, wenn man nicht wüßte, wie die Menschen dieselben Dinge von verschiedenen Seiten ansehen. Wie leicht mißbraucht der Sieger manchmal seine Rechte und nimmt der Besiegte die leiseste Verletzung für einen barbarischen Raub! Als der König eines Tags in der Nähe von Leipzig spazieren ritt, warf sich ihm ein sächsischer Bauer zu Füßen und flehte ihn um Gerechtigkeit gegen einen Grenadier an, der ihm und seiner Familie das Mittagessen vor dem Munde weggenommen habe. Der König ließ den Soldaten kommen. »Ist es wahr,« sprach er mit strenger Miene, »daß du diesen Mann beraubt hast?« – »Majestät!« erwiderte der Soldat, »ich habe ihm nicht so viel Uebel zugefügt wie Euer Majestät seinem Herrn; denn dem habt Ihr ein Königreich genommen, während ich diesem Schlucker nur eine Ente nahm.« Der König schenkte dem Bauern eigenhändig sechs Dukaten und verzieh dem Soldaten wegen der Freimütigkeit seiner Rede, setzte aber doch hinzu: »Erinnere dich, mein Freund, daß, wenn ich dem König August ein Königreich nahm, ich nichts davon für mich behielt.«

Die große Leipziger Messe wurde wie gewöhnlich abgehalten, die Kaufleute kamen mit vollständigem Vertrauen. Man sah keinen schwedischen Soldaten auf der Messe; man hätte glauben können, die Armee des Königs von Schweden sei nur in Sachsen, um über der Erhaltung des Landes zu wachen. Er herrschte im ganzen Kurfürstentum mit ebenso unumschränkter Gewalt und ebenso ruhig wie in Stockholm.

Der König August irrte indessen, seines Königreichs und seines Kurfürstentums beraubt, durch Polen und schrieb endlich einen eigenhändigen Brief an Karl XII., worin er ihn um Frieden bat. Er beauftragte im geheimen den Baron von Imhof im Verein mit dem Referenten des Geheimrats Pfingsten diesen Brief zu überbringen. Er übergab ihnen zu dem Ende zwei Vollmachten und ein Blankett mit seiner Unterschrift. »Geht und suchet vernünftige und christliche Bedingungen für mich zu erhalten,« setzte er hinzu. – August sah sich in die Notwendigkeit versetzt, seine Schritte zur Erlangung des Friedens zu verheimlichen und die Vermittlung keines anderen Fürsten zu erbitten, denn da er sich damals in Polen und gewissermaßen in der Gewalt der Russen befand, so fürchtete er mit Recht, daß der gefährliche Verbündete, den er aufgeben wollte, sich für seine Unterwerfung unter den Sieger an ihm rächen könnte. Die beiden Bevollmächtigten langten nachts im Lager Karls XII. an und erlangten eine geheime Audienz. Der König las den Brief. »Meine Herren,« sagte der König, »Ihr sollt sogleich meine Antwort haben.« – Er zog sich in sein Kabinett zurück und ließ dort Folgendes niederschreiben: »Ich bin geneigt den Frieden unter folgenden Bedingungen, von denen man jedoch nicht erwarten darf, daß ich etwas daran nachlasse, zu gewähren:

1. Der König August hat für immer auf die Krone von Polen zu verzichten, Stanislaus als rechtmäßigen König anzuerkennen und zu versprechen, daß er niemals daran denken wolle, wieder den Thron zu besteigen, selbst nicht nach Stanislaus' Tode.

2. Er hat allen anderen Abmachungen, besonders den mit Rußland verhandelten zu entsagen.

3. Er hat die Prinzen Sobieski und alle übrigen Gefangenen, die er etwa gemacht hat, mit Ehren in mein Lager zurückzusenden.

4. Er hat mir alle Deserteurs auszuliefern, die in seinen Dienst übergegangen sind, namentlich den Johann Patkul; dagegen hat er jedes Prozeßverfahren gegen solche, die von seinem Dienst in den meinigen übergetreten sind, niederzuschlagen.«

Dieses Papier übergab er dem Grafen Piper und beauftragte ihn, über das übrige mit den Bevollmächtigten des Königs August zu verhandeln. Diese erschraken über die Härte jener Bedingungen und versuchten die ganze Kunst, die man noch aufbieten kann, wenn man machtlos ist, um die Strenge des Königs von Schweden zu mildern. Sie hatten mehrere Besprechungen mit dem Grafen Piper. Dieser Minister erwiderte auf alle ihre Vorbringen nur: »So ist der Wille des Königs meines Herrn; niemals ändert er seine Beschlüsse.«

Während so der Friede mit Sachsen im geheimen betrieben wurde, schien das Glück den König August in den Stand setzen zu wollen, einen ehrenvolleren erlangen und mit seinem Besieger auf gleicherem Fuße verhandeln zu können.

Der Obergeneral der russischen Heere, Fürst Mentschikoff kam mit dreißigtausend Mann zu einer Zeit zu ihm nach Polen, wo er nicht nur seine Hilfe nicht mehr wünschte, sondern wo er sie sogar fürchtete. Er selbst hatte nur wenige polnische und sächsische Truppen bei sich, im ganzen etwa sechstausend Mann. Mit diesem kleinen Korps von der Armee des Fürsten Mentschikoff umzingelt, hatte er alles zu befürchten, wenn man seine Unterhandlungen entdeckte. So sah er sich zu gleicher Zeit von seinem Feind entthront und in Gefahr, von seinem Verbündeten gefangen genommen zu werden. Während dieser eigentümlichen Verhältnisse hatte die Armee den schwedischen General Meyerfelt mit zehntausend Mann bei Kalisch, unweit des Palatinats Posen vor sich. Der Fürst Mentschikoff drang in König August diesen anzugreifen. Der König, hierdurch in die äußerste Verlegenheit versetzt, verschob den Angriff unter verschiedenen Vorwänden; denn, obschon die Feinde dreimal schwächer waren als er, standen doch viertausend Schweden in Meyerfelts Korps und dies genügte, um den Ausgang der Unternehmung zweifelhaft zu machen. Wenn er sich während der Verhandlungen mit den Schweden schlug und die Schlacht verlor, so erweiterte er überdies noch den Abgrund, in dem er sich bereits befand. Er schickte daher einen Vertrauensmann an den feindlichen General, um ihn in das Geheimnis der Friedensverhandlungen einzuweihen und ihm den Rat zu erteilen, daß er sich zurückziehen möge. Allein diese Mitteilung hatte gerade die entgegengesetzte Wirkung. Der General Meyerfelt glaubte, man wolle ihm eine Falle stellen, ihn einschüchtern und entschloß sich, selbst anzugreifen.

Aber an diesem Tage besiegten die Russen die Schweden zum erstenmal in geordneter Schlacht. Der Sieg, den König August gegen seinen Willen davon trug, war ein vollständiger. Mitten in seinem Mißgeschick zog er im Triumph in Warschau, seiner früheren Hauptstadt ein, die aber jetzt halb zerstört und zugrunde gerichtet, bereit war, jeden Sieger zu empfangen und den Stärkeren als ihren König anzuerkennen. Er fühlte sich in diesem Moment des Glücks versucht, den Schwedenkönig mit der russischen Armee in Sachsen selbst anzugreifen. Da er jedoch in Erwägung zog, daß Karl XII. sich an der Spitze einer bis dahin nicht bezwungenen schwedischen Armee befand, daß die Russen bei der ersten Mitteilung über seine begonnenen Verhandlungen ihn verlassen würden, daß sein an Geld und Menschen erschöpftes Erbland Sachsen dann von Schweden und Russen in gleichem Maße verwüstet werden würde, daß das damals im Krieg mit Frankreich begriffene deutsche Reich ihn nicht unterstützen könne, daß er sich somit ohne Land, ohne Geld und ohne Freunde befinden würde, so sah er ein, daß er sich den vom Schwedenkönig auferlegten Bedingungen unterwerfen müsse. Diese Bedingungen wurden noch verschärft, als Karl erfuhr, daß König August seine Truppen während der Verhandlungen angegriffen habe. Sein Zorn hierüber und die Freude, einen Feind, der ihn eben besiegt, nur noch mehr demütigen zu können, machten, daß er nur um so unbeugsamer auf allen Artikeln des Vertrags beharrte. So diente der Sieg des Königs August nur dazu, dessen Lage noch unglückseliger zu machen. So etwas konnte nur ihm passieren!

Eben hatte er in Warschau ein Tedeum singen lassen, als sein Bevollmächtigter, Pfingsten, mit dem Friedensvertrag, der ihn der Krone beraubte, aus Sachsen anlangte. August zögerte, aber unterschrieb und reiste in der eiteln Hoffnung nach Sachsen ab, seine Gegenwart werde den König von Schweden milder stimmen und sein Feind werde sich vielleicht der alten Verbindung ihrer Häuser und des Blutes, das sie verband, erinnern.

Die beiden Fürsten sahen sich zum erstenmal im Quartier des Grafen Piper zu Gütersdorf, ohne jegliche Zeremonie. Karl XII. hatte schwere Stiefeln an und ein schwarzes Tuch um den Hals geschlungen. Sein Rock war wie gewöhnlich von grobem blauem Tuch mit vergoldeten Kupferknöpfen. Er trug den langen Degen, dessen er sich in der Schlacht bei Narwa bedient hatte, und auf dessen Griff er sich zu stützen pflegte. Sie unterhielten sich nur über die hohen Stiefel. Karl XII. sagte dem König August, daß er sie seit sechs Jahren nur beim Schlafengehen ablege. Derartige Geringfügigkeiten bildeten die einzige Unterhaltung zweier Könige, von denen der eine dem anderen die Krone nahm. August sprach hierbei mit jener gefälligen und befriedigten Miene, wie sie Fürsten und an große Staatsangelegenheiten gewöhnte Männer mitten unter den grausamsten Kränkungen und Enttäuschungen anzunehmen wissen. Die beiden Könige speisten zweimal zusammen. Karl XII. ließ dabei stets dem König August geflissentlich die rechte Seite; aber weit entfernt seine Forderungen zu mildern, legte er ihm noch härtere auf. Es war schon viel für einen Herrscher, daß er einen General, einen öffentlichen Minister ausliefern mußte; es war eine große Demütigung für ihn, seinem Nachfolger Stanislaus die Juwelen und Archive der Krone schicken zu müssen; der Gipfel der Erniedrigung aber war es, daß er sich endlich sogar gezwungen sah, dem, der sich auf seinen Thron setzte, hierzu noch Glück zu wünschen! Karl verlangte diesen Brief Augusts an Stanislaus; der entthronte König ließ es sich mehr als einmal sagen, aber Karl wollte diesen Brief und jener mußte ihn schreiben. Hier folgt derselbe nach der getreuen Kopie, die ich selbst gesehen habe. Das Original verwahrt König Stanislaus noch jetzt.

»Mein Herr und Bruder!

Wir haben es nicht für notwendig gehalten, in einen brieflichen Verkehr mit Eurer Majestät zu treten. Um jedoch der schwedischen Majestät gefällig zu sein und damit man uns nicht vorwerfe, daß Wir Schwierigkeiten erhoben, ihrem Wunsche zu willfahren, beglückwünschen Wir Euch hiermit zu Eurer Erlangung der Krone und wünschen, daß Ihr in Eurem Lande getreuere Untertanen finden möget, als Wir dort gelassen haben. Jedermann wird Uns die Gerechtigkeit widerfahren lassen, zuzugestehen, daß man Uns für alle Unsere Wohltaten nur mit Undank gelohnt hat und daß die meisten Unserer Untertanen nur darauf bedacht waren, Unsern Untergang zu fördern. Wir wünschen, daß Ihr nicht ähnlichem Unglück ausgesetzt sein möget und empfehlen Euch in den Schutz Gottes.

Dresden, den 8. April 1707.

Euer Bruder und Nachbar August, König.«

August mußte allen seinen Beamten selbst befehlen, ihn nicht mehr als König von Polen anzureden und zu bezeichnen, auch aus den öffentlichen Gebeten einen Titel zu entfernen, auf den er verzichtet hatte. Weniger Schmerz machte es ihm, die Sobieski zu befreien; als diese Prinzen ihr Gefängnis verließen, weigerten sie sich, ihn zu sehen. Was ihm aber am meisten kosten sollte, war die Aufopferung Patkuls. Von der einen Seite reklamierte ihn der Zar laut als seinen Gesandten; auf der andern verlangte der König von Schweden unter Drohungen, daß man denselben ihm ausliefere. Patkul war damals auf dem Königstein in Sachsen eingesperrt. König August glaubte Karl XII. und seine Ehre zugleich befriedigen zu können. Er schickte Wachen ab, um den Unglücklichen den schwedischen Truppen auszuliefern; vorher aber sandte er dem Kommandanten des Königstein den geheimen Befehl zu, den Gefangenen entwischen zu lassen. Patkuls Unglück wollte aber, daß die Bemühung ihn zu retten zu spät kam. Der Kommandant wußte, daß Patkul sehr reich sei und wollte ihn deshalb seine Freiheit bezahlen lassen. Der Gefangene, der damals noch auf die Macht des Völkerrechts baute und von Augusts wohlwollenden Absichten unterrichtet war, weigerte sich das zu bezahlen, was er umsonst erhalten zu können wähnte. Während dieses Zwischenfalls erschienen die Garden, welche befehligt waren, den Gefangenen zu übernehmen und lieferten ihn alsbald vier schwedischen Hauptleuten aus, die ihn in das Hauptquartier von Altranstädt brachten, wo er drei Monate lang mit einer schweren eisernen Kette an einen Pfahl gefesselt war. Von da wurde er nach Kazmierz geführt.

Karl XII., der ganz vergaß, daß Patkul Gesandter des Zaren war und sich nur erinnerte, daß er als sein Untertan das Licht der Welt erblickt hatte, befahl dem Kriegsgericht, ihn mit der äußersten Strenge zu richten. So wurde er verurteilt lebendig gerädert und gevierteilt zu werden. Ein Kaplan erschien bei ihm, um ihn zum Tode vorzubereiten, sagte ihm aber nicht, auf welche Art er hingerichtet werden sollte. Als nun dieser Mann, der dem Tod in so viel Schlachten ins Angesicht gesehen, sich allein mit dem Priester befand, wo sein Mut nicht mehr durch Ruhmgier und Zorn, jene Triebfedern der menschlichen Unerschrockenheit, aufrecht erhalten wurde, vergoß er bittere Tränen an der Brust des Priesters. Er war mit einer sächsischen Dame, einem durch Geburt, Charakter und Schönheit ausgezeichnetem Fräulein von Einsiedel, verlobt, die er ungefähr zur nämlichen Zeit hatte heiraten wollen, als man ihn dem Henker überlieferte. Er bat den Kaplan zu ihr zu gehen, sie zu trösten und sie zu versichern, daß er voll von Liebe zu ihr in den Tod gegangen sei. Als man ihn auf den Richtplatz führte und er die Räder und Pfähle sah, fiel er vor Entsetzen in Krämpfe und warf sich in die Arme des Geistlichen, der ihn weinend umarmte und mit seinem Mantel bedeckte. Dann las ein schwedischer Offizier folgendes Urteil: »Auf ausdrücklichen Befehl Seiner Majestät unseres sehr gnädigen Gebieters und Herrn wird bekannt gemacht, daß dieser Mensch als Verräter am Vaterland zur Sühne für seine Verbrechen und als Beispiel für andere gerädert und gevierteilt werden solle. Möge ein jeder sich vor Verrat hüten und seinem König getreu dienen.«

Bei den Worten: »sehr gnädiger Gebieter« rief Patkul: »Welche Gnade ist das!« Und bei der Bezeichnung: »Verräter am Vaterland« seufzte er: »Ach ich habe ihm nur zu treu gedient!« Er erhielt sechzehn Stöße und mußte die längste und qualvollste Hinrichtung erleiden, die man sich nur denken kann. So starb der unglückliche Johann Reinhold Patkul, der Gesandte und General des Kaisers von Rußland.

Diejenigen, welche in ihm nur einen gegen seinen König empörten Untertanen sahen, meinten, er habe den Tod verdient; wer ihn aber als Livländer und Sohn einer mit gewissen Vorrechten ausgestatteten Provinz betrachtete und sich erinnerte, daß er Livland nur verlassen, weil er für dessen Rechte gekämpft hatte, nannte ihn den Märtyrer der Freiheit seines Volkes. Alle aber stimmten darin überein, daß der Titel eines Gesandten des Zaren seine Person hätte unverletzlich machen müssen. Der in den Grundsätzen des Despotismus groß gewordene Schwedenkönig allein glaubte, nur eine Handlung der Gerechtigkeit ausgeübt zu haben, während ganz Europa seine Grausamkeit verdammte.

Die gevierteilten Gebeine Patkuls blieben bis 1713 auf Pfählen ausgestellt, wo dann August, der inzwischen wieder auf den Thron gekommen war, diese Beweise seiner Not zu Altranstädt sammeln ließ. Man brachte sie ihm in einem Kistchen nach Warschau, wo er sie in Gegenwart des französischen Gesandten Buzenval empfing. Der König von Polen zeigte dem Gesandten das Kistchen und bemerkte trocken: »Da drin sind die Gebeine Patkuls« – ohne ein Wort des Vorwurfs oder des Bedauerns beizufügen, so daß diejenigen, welche zugegen waren, diesen heikeln und traurigen Gegenstand nicht weiter zu berühren wagten.

Um die nämliche Zeit wurde ein anderer Livländer, namens Paykul, der Offizier bei den sächsischen Truppen gewesen und mit den Waffen in der Hand gefangen genommen worden war, zu Stockholm durch den Senat zum Tode verurteilt. Es sollte ihm jedoch nur der Kopf abgeschlagen werden. Diese Verschiedenheit des Urteils in einem ähnlichen Fall zeigt klar, daß Karl, als er über Patkul einen so grausamen Tod verhängte, mehr seiner Rachgier als der Stimme der strafenden Gerechtigkeit folgte. Nach seiner Verurteilung ließ Paykul dem Senate mitteilen, er wolle dem König das Geheimnis lehren Gold zu machen, wenn man ihn begnadige. Er legte im Gefängnis in Gegenwart des Obersten Hamilton und der Stadtbehörden wirklich eine Probe von seiner Kunst ab. Mag er nun wirklich eine nützliche Entdeckung gemacht oder, was wahrscheinlicher ist, nur eine geschickte Täuschung ausgeübt haben, man brachte das Gold, welches sich am Schluß des Versuchs in dem Schmelztiegel vorfand, in die Münze von Stockholm und erstattete hierüber einen so genauen und wie es scheint interessanten Bericht an den Senat, daß die Königin-Großmutter die Verschiebung des Urteils anordnete, bis der König von dieser merkwürdigen Sache unterrichtet wäre und seine Befehle nach Stockholm geschickt haben würde.

Der König erwiderte, er habe seinen Freunden die Begnadigung des Verbrechers abgeschlagen und werde niemals dem Interesse zugestehen, was er der Freundschaft nicht gewährt habe. Diese Unbeugsamkeit hatte etwas Heroisches an einem Fürsten, der im übrigen jenes Geheimnis für möglich hielt. Als König August dieses erfuhr, bemerkte er: »Es wundert mich nicht, daß der König von Schweden so gleichgültig gegen den Stein der Weisen ist. Er hat ihn bereits in Sachsen gefunden.«

Als der Zar den sonderbaren Frieden, den der König August ihren Uebereinkünften zum Trotz zu Altranstädt abgeschlossen hatte, sowie die Auslieferung Patkuls, seines bevollmächtigten Ministers, an den König von Schweden in Mißachtung alles Völkerrechts erfuhr, erhob er seine laute Klage vor allen Höfen Europas. Er schrieb an den Kaiser von Deutschland, an die Königin von England, an die Generalstaaten. Er nannte die schmerzliche Notwendigkeit, der sich August gebeugt, Niederträchtigkeit und Treulosigkeit. Er beschwor alle Mächte um ihre Vermittlung, damit sein Gesandter ihm zurückgegeben, und die Schmach abgewendet werde, die man allen gekrönten Häuptern in dem seinigen antun wolle; er drang mit Gründen der Ehre in sie, sich nicht zu Bürgen des Friedens von Altranstädt herabzuwürdigen, wozu sie Karl XII. durch Drohungen zu zwingen suchte. Diese Briefe hatten jedoch keine andere Wirkung, als daß sie die Macht des Schwedenkönigs noch deutlicher hervortreten ließen. Der Kaiser, England und Holland hatten gerade einen verderblichen Krieg mit Frankreich auszufechten; sie hielten es nicht für angezeigt, auch noch Karl XII. durch die Weigerung einer leeren Formalität, wie die Bürgschaft jenes Friedens war, zu reizen. Was aber den unglücklichen Patkul betraf, so trat auch nicht eine Macht zu seinen Gunsten ein, alle bewiesen vielmehr, wie wenig ein Untertan auf Könige rechnen kann und wie sehr alle Könige damals den Schweden fürchteten.

Man machte im Rat des Zaren den Vorschlag, gegen die in Moskau kriegsgefangenen schwedischen Offiziere Repressalien zu ergreifen.

Der Zar wollte sich jedoch nicht zu einer Grausamkeit verstehen, die nur verhängnisvolle Folgen haben konnte, denn es befanden sich mehr russische Gefangene in Schweden, als schwedische in Rußland.

Er suchte eine bessere Rache. Die große Armee seines Feindes lag tatenlos in Sachsen. Der schwedische General Löwenhaupt, der an der Spitze von zwanzigtausend Mann in Polen geblieben war, konnte in einem Lande ohne Festungen und voll von Parteien nicht alle Pässe decken. Stanislaus befand sich im Lager Karls XII. Der russische Kaiser benutzte diese Lage der Dinge und fiel mit mehr als sechstausend Mann in Polen ein. Dort trennte er sie in verschiedene Korps und marschierte mit einem derselben in Eilmärschen auf Lemberg, wo keine schwedische Garnison lag. Alle polnischen Städte gehören dem, der sich mit Truppen vor ihren Toren zeigt. Er ließ eine Reichsversammlung nach Lemberg berufen, ungefähr in der Art wie die, welche August in Warschau entthront hatte.

Polen besaß damals zwei Primas und zwei Könige; den ersten hatte August, den zweiten Stanislaus ernannt. Der von August ernannte Primas berief die Versammlung von Lemberg, wohin sich alle diejenigen begaben, welche dieser Fürst durch den Frieden von Altranstädt im Stich gelassen hatte, sowie die, welche das Gold des Zaren gewann. Es wurde der Vorschlag gemacht, einen neuen Herrscher zu wählen. Es fehlte nicht viel, so hätte Polen damals drei Könige bekommen, ohne daß man hätte sagen können, welches der wahre sei.

Während der Konferenzen zu Lemberg schlug der Zar bei dem Kaiser von Deutschland, mit dem ihn das gleiche Interesse und die gemeinschaftliche Furcht vor dem Schwedenkönig verband, im geheimen heraus, daß er eine größere Anzahl deutscher Offiziere erhielt. Diese verstärkten täglich seine Streitkräfte, denen sie Mannszucht und Erfahrung zubrachten. Der Zar fesselte sie durch Freigebigkeit an seinen Dienst; um aber seine eigenen Truppen zu ermutigen, schenkte er den Generalen und Obersten, die in der Schlacht bei Kalisch gekämpft hatten, sein reich mit Diamanten geziertes Porträt; die Subalternoffiziere erhielten goldene Medaillen, die gemeinen Soldaten silberne. Diese Denkzeichen an den Sieg von Kalisch wurden sämtlich in seiner neuen Stadt St. Petersburg geschlagen, wo die Künste in dem Maße aufblühten, als er selbst seinen Truppen kriegerischen Wetteifer und Ruhm kennen lehrte.

Die allgemeine Verwirrung, die vielen Parteien und die beständigen Kriegsunruhen in Polen ließen den Reichstag von Lemberg zu keinem Entschlusse kommen. Der Zar veranlaßte ihn daher, nach Lublin überzusiedeln. Allein diese Ortsveränderung verminderte die Verwirrung und Ungewißheit, in der sich alle Welt befand, keineswegs; die Versammlung begnügte sich damit, weder August, der dem Thron entsagt hatte, noch Stanislaus, der wider ihren Willen erwählt worden war, anzuerkennen; aber sie war nicht einig und nicht kühn genug, um selbst einen König zu ernennen. Während dieser unnützen Verhandlungen befehdeten sich die Parteien der Sapieha und Oginski, die es im geheimen mit König August hielten, und die neuen Untertanen des Stanislaus gegenseitig, plünderten einander die Güter und vollendeten den Ruin des Landes. Die von Löwenhaupt kommandierten schwedischen Truppen, wovon ein Teil in Livland, ein anderer in Littauen, ein dritter in Polen selbst stand, gingen überall den russischen Truppen nach. Sie verbrannten das Eigentum aller derer, die Feinde des Stanislaus waren. Die Russen dagegen richteten Freund und Feind zugrunde; man sah nur eingeäscherte Städte und umherirrende von allem entblößte polnische Truppen, die ihre zwei Könige, Karl XII. und den Zaren in gleicher Weise verwünschten.

Am 15. Juli 1707 ging der König Stanislaus mit dem General Rehnsköld, sechzehn schwedischen Regimentern und vielem Gelde von Altranstädt ab, um alle diese Wirren in Polen beizulegen und sich in Frieden anerkennen zu lassen. Er wurde in der Tat überall wo er hinkam anerkannt; die Mannszucht seiner Truppen, welche die Barbarei der Russen um so tiefer empfinden ließ, gewann ihm alle Herzen. Seine außerordentliche Leutseligkeit vereinigte die Parteien in dem Maße als sie bekannt wurde, sein Geld endlich gewann ihm den größten Teil der Armee der Krone. Der Zar mußte bald fürchten in einem Lande, das seine Truppen so gründlich verwüstet hatten, Mangel an Lebensmitteln zu leiden, und zog sich nach Littauen zurück, wo er seine Armeekorps sammelte und wo er seine Magazine errichten wollte. Infolge dieses Rückzugs wurde König Stanislaus friedlicher Herrscher von fast ganz Polen.

Der einzige, der das Land noch in Unruhe erhielt, war der Graf Siniawski, welchen König August zum Obergeneral der Krone ernannt hatte. Dieser Mann, der große Talente und viel Ehrgeiz besaß, stand an der Spitze einer dritten Partei. Er anerkannte weder August noch Stanislaus, und nachdem er alles versucht hatte, um seine eigene Wahl herbeizuführen, begnügte er sich schließlich damit, Parteihaupt zu sein, da er nicht König hatte werden können. Die Truppen der Krone, die unter seinen Befehlen verblieben waren, erhielten kaum einen anderen Sold als die Erlaubnis, ihr eigenes Land ungestraft auszurauben. Alle, welche diese Räubereien fürchteten oder darunter zu leiden hatten, schlossen sich bald an Stanislaus an, dessen Macht sich von Tag zu Tag mehr befestigte.

Der König von Schweden empfing damals in seinem Lager von Altranstädt die Gesandten fast aller Fürsten der Christenheit. Die einen kamen, um ihn zu bitten, das Reichsgebiet zu verlassen; die anderen hätten es gern gesehen, wenn er seine Waffen gegen den deutschen Kaiser gekehrt hätte. Es hatte sich sogar das Gerücht verbreitet, er werde sich mit Frankreich verbünden, um das Haus Oesterreich zu demütigen. Unter diesen Gesandten erschien auch von seiten der Königin Anna von England der berühmte Herzog Johann von Marlborough. Dieser Mann, der nie eine Stadt belagerte, ohne sie zu nehmen, und nie eine Schlacht lieferte, ohne sie zu gewinnen, war zu Saint James ein gewandter Höfling, im Parlament ein Parteichef, im Ausland der geschickteste Unterhändler seines Jahrhunderts. Er hatte Frankreich durch seinen Geist ebensoviel Schaden zugefügt wie durch seine Waffen. Der Sekretär der Generalstaaten Fagel, ein Mann von großen Verdiensten sprach sich dahin aus, daß die Generalstaaten mehr als einmal entschlossen gewesen seien, sich den Vorschlägen des Herzogs von Marlborough zu widersetzen, dann aber sei der Herzog selbst gekommen, habe in französischer Sprache zu ihnen gesprochen, in welcher er sich noch dazu sehr schlecht ausdrückte, und habe sie schließlich alle überredet. Lord Bolingbroke hat mir dies selbst bestätigt.

In Gemeinschaft mit den Gefährten seiner Siege, dem Prinzen Eugen und dem Großpensionär von Holland, Heinsius, trug er die ganze Last der Unternehmungen der Alliierten gegen Frankreich. Er wußte, daß Karl XII. gegen den Kaiser und das Reich aufgebracht war, daß die Franzosen ihn im geheimen bearbeiteten und daß, wenn dieser Eroberer die Partei Ludwigs XIV. ergriffe, die Verbündeten notwendig unterliegen müßten.

Allerdings hatte Karl im Jahre 1700 sein Wort gegeben, daß er sich in den Krieg Ludwigs XIV. mit den Verbündeten in keiner Weise mischen wolle; allein der Herzog von Marlborough glaubte nicht, daß irgend ein Fürst ein solcher Sklave seines gegebenen Wortes sein könnte, um es nicht seiner Größe und seinem Interesse zu opfern.Karl XII., der die Unruhe des Herzogs von Marlborough in dieser Beziehung kannte, ließ ihm durch den Baron von Görtz sagen, er erinnere sich wohl seines im Jahre 1700 gegebenen Worts und dessen Zeit sei noch nicht um. Poniatowski. Er reiste daher vom Haag ab, um die Absichten des Königs von Schweden in dieser Richtung zu sondieren. Der damals bei Karl XII. beglaubigte Herr Fabrice hat mich versichert, der Herzog von Marlborough habe sich bei seiner Ankunft im geheimen nicht an den ersten Minister, den Grafen Piper, sondern an den Baron von Görtz gewendet, der damals das Vertrauen des Königs mit Piper zu teilen begann. Marlborough fuhr sogar in dem Wagen des Barons nach dem Quartier Karls XII. und man bemerkte zwischen ihm und dem Kanzler Piper eine deutliche Kälte. Als er hierauf durch Piper zugleich mit dem englischen Minister Robinson dem König vorgestellt wurde, redete er diesen französisch an; er sagte ihm, wie glücklich er sich schätze, unter seinen Befehlen dasjenige von der Kriegskunst lernen zu können, was ihm selbst noch abgehe. Der König erwiderte dieses Kompliment mit keiner Artigkeit und schien ganz zu vergessen, daß es Marlborough war, der mit ihm sprach. Er fand sogar, daß dieser große Mann auf eine viel zu gesuchte Weise gekleidet sei und zu wenig militärisch aussehe. Die Unterhaltung nahm eine allgemeine und ermüdende Wendung, Karl XII. sprach schwedisch und Robinson machte den Dolmetscher. Marlborough, der es nicht eilig hatte, mit seinen Vorschlägen heraus zu rücken, und infolge langer Gewohnheit die Kunst besaß, die Absichten der Menschen auszufinden, auch die Beziehungen kannte, welche zwischen ihren geheimsten Gedanken und ihren Handlungen, Gebärden und Reden bestehen, studierte den König mit Aufmerksamkeit. Während er ihm vom Krieg im allgemeinen sprach, glaubte er in Karl XII. einen natürlichen Widerwillen gegen Frankreich zu entdecken; er bemerkte, daß er sich gerne über die Eroberungen der Alliierten unterhielt. Dann sprach er den Namen des Zaren aus und bemerkte sofort, wie die Augen des Königs bei Nennung dieses Namens funkelten, ungeachtet die Unterhaltung einen durchaus gemäßigten Charakter trug. Ueberdies sah er auf einem Tische eine Karte von Rußland liegen. Er bedurfte nicht mehr, um zu erkennen, daß der innerste Gedanke des Königs von Schweden und sein einziger Ehrgeiz darin bestehe, nach dem König von Polen auch den Zaren zu entthronen. Marlborough kam zu der Ueberzeugung, daß, wenn der König bis jetzt noch in Sachsen verweile, dies nur geschehe, um dem römischen Kaiser noch einige harte Bedingungen aufzuerlegen. Er wußte wohl, daß dieser Kaiser keinen Widerstand leisten und die Angelegenheit sich somit leicht abwickeln würde. Er überließ somit Karl XII. ganz seiner natürlichen Neigung; zufrieden, dessen Absichten durchdrungen zu haben, machte er ihm keinerlei Vorschläge. Diese Details sind mir von der Frau Herzogin von Marlborough, seiner noch lebenden Witwe, selbst mitgeteilt worden.

Da man selten Unterhandlungen zum Abschluß bringt, ohne Summen fließen zu lassen, und es bisweilen Minister gibt, die den Haß oder die Gunst ihres Herrn verkaufen, so glaubte man in ganz Europa, der Herzog von Marlborough habe seinen Zweck bei dem König von Schweden nur dadurch erreicht, daß er dem Grafen Piper gelegentlich eine große Summe eingehändigt, und so wurde das Gedächtnis dieses Mannes bis heute durch einen so niedrigen Verdacht befleckt. Ich habe mich bemüht, diesem Gerücht möglichst auf den Grund zu gehen und dabei erfahren, daß Piper mit Erlaubnis des Königs seines Herrn aus der Hand des Grafen von Wratislaw ein sehr mäßiges Geschenk vom Kaiser, vom Herzog von Marlborough aber nichts erhalten habe. Gewiß ist, daß Karl den unerschütterlichen Entschluß gefaßt hatte, den Kaiser von Rußland zu entthronen, daß er dabei von niemand einen Rat annahm und es nicht erst eines Antriebs von seiten des Grafen Piper bedurfte, um ihn zu bestimmen an Peter Alexjewitsch eine Rache zu nehmen, die er schon so lange ersehnte.

Was diesen Minister endlich vollständig rechtfertigt, ist die Ehre, die Karl XII. seinem Gedächtnis noch lange nachher zollte. Als er erfuhr, daß Piper in Rußland (in Schlüsselburg) gestorben sei, ließ er die Leiche nach Stockholm bringen und sie auf seine Kosten prächtig bestatten.

Der König, der bis dahin noch keinen Unfall gehabt, ja nicht einmal eine Verzögerung in seinem Glückslaufe erfahren hatte, glaubte, ein Jahr werde ihm genügen, um den Zaren vom Throne zu stoßen. Dann wollte er zurückkehren und sich zum Schiedsrichter von Europa aufwerfen; ehe er aufbrach, wollte er aber noch den deutschen Kaiser demütigen.

Der schwedische Gesandte in Wien, Baron von Stralheim, hatte nämlich bei einem Mahle mit dem kaiserlichen Kammerherrn, Grafen von Zobor, Streit bekommen. Der letztere hatte sich geweigert, auf die Gesundheit Karls XII. zu trinken, und in derben Worten ausgesprochen, daß dieser Fürst seinen Herrn und Kaiser zu schlecht behandle. Stralheim hatte widersprochen und ihm dabei eine Ohrfeige gegeben, trotz dieser Beleidigung aber noch gewagt, bei dem kaiserlichen Hofe Genugtuung zu verlangen. Aus Furcht dem Schwedenkönig zu mißfallen, hatte der Kaiser seinen Untertanen verbannt, den er doch eigentlich hätte schützen und rächen sollen. Karl XII. war aber damit noch nicht zufrieden; er verlangte, daß man ihm den Grafen von Zobor ausliefern solle. Der stolze Wiener Hof sah sich gezwungen nachzugeben; der Graf wurde dem Könige übergeben, der ihn, nachdem er ihn eine Zeitlang als Gefangenen in Stettin behalten, wieder entließ.

Außerdem verlangte er gegen alles Völkerrecht, daß man ihm die fünfzehnhundert unglücklichen Russen ausliefern solle, die seiner Armee entronnen waren und sich auf das Gebiet des Kaisers geflüchtet hatten. Auch dieses sonderbare Verlangen mußte der Wiener Hof erfüllen und wenn der russische Gesandte in Wien nicht in geschickter Weise diesen Unglücklichen auf verschiedenen Wegen zum Lande hinausgeholfen hätte, wären sie sämtlich ihren Feinden ausgeliefert worden.

Die dritte und letzte seiner Forderungen war die stärkste. Er erklärte sich zum Beschützer der protestantischen Untertanen des Kaisers in Schlesien, einer zum Hause Oesterreich und nicht zum Reiche gehörigen Provinz. Er wollte, daß ihnen der Kaiser die allerdings durch den Westfälischen Frieden gewährleisteten, aber durch den Frieden von Ryswick wieder aufgehobenen oder wenigstens umgangenen Freiheiten und Vorrechte einräumen solle. Der Kaiser, der keinen anderen Gedanken hatte, als einen so gefährlichen Nachbar los zu werden, gab abermals nach und gewährte das Verlangte. Die schlesischen Lutheraner erhielten über hundert Kirchen, welche die Katholiken ihnen nach jenem Friedensvertrag hätten abtreten sollen, zurück; aber viele dieser Zugeständnisse, welche das Glück des Schwedenkönigs ihnen verschafft, wurden ihnen wieder genommen, sobald jener nicht mehr imstande war, Gesetze aufzuerlegen.

Der Kaiser, der diese erzwungenen Zugeständnisse machte und in allem dem Willen Karls XII. nachgab, hieß Josef. Er war der älteste Sohn Leopolds und Bruder Karls VI., der ihm auf dem Throne folgte. Der päpstliche Internuntius, der damals bei Josef beglaubigt war, machte demselben die lebhaftesten Vorwürfe darüber, daß ein katholischer Kaiser wie er das Interesse seiner eigenen Kirche dem der Ketzer hintansetze. »Ihr könnt euch noch glücklich schätzen,« erwiderte ihm der Kaiser lachend, »daß der König von Schweden mich nicht aufgefordert hat, lutherisch zu werden; denn wenn er es verlangt hätte, weiß ich nicht, was ich getan haben würde.«

Sein Gesandter bei Karl XII., Graf Wratislaw brachte den von der Hand seines Herrn unterzeichneten Vertrag zugunsten der Schlesier nach Leipzig. Nun erklärte Karl, er sei der beste Freund des Kaisers; doch bemerkte er nicht ohne Aerger, daß Rom seine Pläne nach Kräften gekreuzt hatte. Mit Verachtung sah er auf die Schwäche dieses letzteren Hofs herab, der die eine Hälfte Europas zum unversöhnlichsten Feinde hat, der anderen ebensowenig traut und sein Ansehen nur durch geschickte Unterhandlungen aufrecht hält. Doch dachte er daran, sich dereinst auch an Rom zu rächen. Er sagte zu dem Grafen Wratislaw, die Schweden (Goten) hätten Rom schon einmal unterjocht und wären nicht so aus der Art geschlagen wie Rom. Er ließ den Papst benachrichtigen, daß er die Wertgegenstände, welche die Königin Christine zu Rom gelassen, dereinst von ihm verlangen würde. Man weiß in der Tat nicht, wie weit dieser junge Eroberer seinen Haß und seine Waffen getragen haben würde, wenn das Glück seine Pläne begünstigt hätte. Damals schien ihm nichts unmöglich; er hatte insgeheim sogar mehrere Offiziere nach Asien und Aegypten geschickt, um Pläne von den dortigen Städten aufzunehmen und ihn über die Streitkräfte dieser Staaten ins klare zu setzen. Wenn es damals jemand gab, der das persische und türkische Reich umstürzen und dann nach Italien ziehen konnte, so war es gewiß Karl XII. Er war ebenso jung wie Alexander, ebenso kriegerisch, ebenso unternehmend, und noch unermüdlicher, noch körperlich kräftiger, und mäßiger. Seine Schweden aber wogen vielleicht noch schwerer als die Makedonier. Aber derartige Pläne, die man göttlich heißt, wenn sie gelingen, werden als Hirngespinste bezeichnet, wenn das Gegenteil der Fall ist.

Als endlich alle Schwierigkeiten geebnet und alle Absichten durchgeführt waren, nachdem er den Kaiser gedemütigt, dem Reiche Gesetze vorgeschrieben, seine lutherische Religion inmitten der Katholiken beschützt, einen König entthront, einen anderen gekrönt hatte und der Schrecken aller Fürsten geworden war, schickte er sich zum Abmarsch an. Die Annehmlichkeiten Sachsens, wo er ein Jahr lang müßig gelegen, hatten seine Lebensweise in Nichts gemildert. Er stieg auch hier dreimal täglich zu Pferde, stand morgens um vier Uhr auf, kleidete sich allein an, trank keinen Wein, blieb nur eine Viertelstunde bei Tische, exerzierte täglich seine Truppen und kannte kein anderes Vergnügen, als Europa angst zu machen.

Die Schweden wußten nicht, wohin ihr König sie führen würde. Man fürchtete jedoch in der Armee, Karl könnte nach Moskau gehen. Einige Tage vor dem Abmarsch befahl er dem Generalquartiermeister, ihm schriftlich die Route vorzulegen, von Leipzig nach – hier hielt er inne; und aus Furcht, der Generalquartiermeister könnte seine Pläne erraten, setzte er lachend hinzu: – »nach allen Hauptstädten Europas!« Der Generalquartiermeister übergab ihm eine Liste aller dieser Routen; an die Spitze derselben aber hatte er mit großen Buchstaben gesetzt: »Straße von Leipzig nach Stockholm.« Die meisten Schweden hatten nämlich keinen anderen Gedanken als dahin zurückzukehren; der König war aber weit entfernt, sie ihr Vaterland wieder sehen lassen zu wollen. »Herr Marschall,« sprach er, »ich sehe recht gut, wohin Ihr mich gerne führen möchtet, aber wir werden nicht so bald nach Stockholm zurückkehren.«

Die Armee setzte sich in Marsch und kam in der Nähe von Dresden vorüber; Karl war an der Spitze und ritt nach seiner Gewohnheit immer zwei- bis dreihundert Schritt vor seinen Garden. Plötzlich verlor man ihn aus den Augen: einige Offiziere jagten vorwärts, um nach ihm zu sehen; man rannte nach allen Seiten und fand ihn nicht. In einem Nu dringt der Alarm durch die ganze Armee, man macht Halt, die Generale treten zusammen; die Bestürzung war allgemein, bis man endlich von einem vorübergehenden Sachsen erfuhr, was aus dem König geworden war.

Als er so nahe an Dresden vorüber kam, hatte ihn nämlich die Lust angewandelt, dem König August einen Besuch zu machen. Er war nur von drei bis vier Generalen begleitet in die Stadt geritten. Am Tore fragte man sie nach dem Namen; Karl sagte, er heiße Karl und sei Trabant. Jeder nahm einen falschen Namen an. Als der Graf Flemming die Gesellschaft kommen sah, konnte er seinen Herrn kaum noch benachrichtigen. Alles was man bei einer solchen Gelegenheit etwa tun könnte, fuhr dem Minister durch den Kopf; er sprach mit August davon, aber Karl trat bereits gestiefelt und gespornt ins Zimmer, ehe August Zeit hatte, sich zu fassen. Er war gerade unwohl und im Schlafrock; und zog sich nun in aller Eile an. Karl frühstückte mit ihm wie ein Reisender, der sich von seinem Freunde verabschiedet. Dann wollte er die Befestigungen sehen. Während er dieselben durcheilte, glaubte ein in Schweden verurteilter Livländer, der unter den sächsischen Truppen diente, daß sich vielleicht nie wieder eine so günstige Gelegenheit biete, um seine Begnadigung zu erlangen. Er beschwor daher den König August, sich bei Karl für ihn zu verwenden, überzeugt, daß dieser König eine so geringe Gefälligkeit einem Fürsten nicht verweigern würde, dem er eine Krone genommen hatte und in dessen Hand er sich eben befand. August nahm sich der Sache ohne allen Anstand an. Er war gerade etwas entfernt von dem König von Schweden und unterhielt sich mit dem schwedischen General Hord. »Ich glaube, Euer Gebieter wird mir das nicht abschlagen,« sagte er lächelnd zu diesem. – »Ihr kennt ihn nicht,« erwiderte General Hord, »er wird es Euch hier eher als irgendwo abschlagen.« – August unterließ gleichwohl nicht den König in den dringendsten Ausdrücken um die Begnadigung des Livländers zu bitten. Allein Karl schlug es in einer Weise ab, daß man nicht ein zweites Mal darum bitten konnte. Nachdem dieser seltsame Besuch einige Stunden gedauert hatte, umarmte er den König August und ritt weiter. Als er die Armee wieder erreichte, fand er die Generale noch in größter Bestürzung. Sie sagten ihm, sie hätten Dresden belagert, wenn man Seine Majestät gefangen gehalten hätte. »Gut,« erwiderte der König, »sie würden das nicht gewagt haben.« – Als man am anderen Tag erfuhr, daß König August einen außerordentlichen Ministerrat in Dresden halte, bemerkte der Baron von Stralheim: »Ihr seht, sie beraten jetzt darüber, was sie gestern hätten tun sollen.« Als Rehnsköld einige Tage später zu dem Könige kam und ihm sein Erstaunen über den Abstecher nach Dresden ausdrückte, sagte der König: »Ich habe mich auf mein Glück verlassen; einen Augenblick war es übrigens nicht ganz sauber. Flemming hatte Lust, mich nicht so bald aus Dresden fort zu lassen.«

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