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Die Geschichte Karls XII., Königs von Schweden

François Marie Arouet de Voltaire: Die Geschichte Karls XII., Königs von Schweden - Kapitel 2
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titleDie Geschichte Karls XII., Königs von Schweden
publisherPhilipp Reclam jun. Leipzig
firstpub1829
translatorAdolf Seubert
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Erstes Buch.

Kürze Geschichte von Schweden bis Karl XII. Seine Erziehung, seine Feinde. Charakter des Zaren Peter Alexjewitsch. Interessante Nachrichten über diesen Fürsten und das russische Volk. Rußland, Polen und Dänemark verbinden sich gegen Karl XII.

Schweden und Finnland bilden zusammen ein Königreich, welches ungefähr zweihundert Wegstunden breit und dreihundert Stunden lang ist. Es erstreckt sich von Süden nach Norden gemessen vom 55. bis zum 70. Grad. Sein Klima ist rauh; es gibt hier beinahe keinen Frühling, keinen Herbst. Neun Monate lang herrscht der Winter; auf eine außerordentliche Kälte folgt dann plötzlich Sommerhitze. Vom Monat Oktober an gefriert es. Jene unmerklichen Abstufungen, welche anderswo von einer Jahreszeit zur andern führen und den Wechsel erträglicher machen, sind hier unbekannt. Dafür hat die Natur diesem strengen Klima einen heitern Himmel, eine reine Luft gegeben. Fast beständig von der Sonne durchglüht, erzeugt der Sommer Blumen und Früchte in kürzester Zeit. Die langen Winternächte dagegen sind durch Morgenröte und Dämmerungen verschönert, die um so länger dauern, je weniger die Sonne sich von Schweden entfernt. Das Mondlicht aber, welches hier durch kein Gewölk getrübt und durch den Widerschein des Schnees, der rings die Erde bedeckt, noch vermehrt wird – wozu häufig noch Lichterscheinungen kommen, die dem Zodiakallicht ähnlich sind – bewirkt, daß man in Schweden bei Nacht so gut reist wie bei Tage. Das Vieh ist aus Mangel an Weiden kleiner als in den mittäglichen Ländern Europas. Die Menschen dagegen sind groß; der heitere Himmel erhält sie gesund, das rauhe Klima macht sie kräftig. Sie leben lange, wenn sie sich nicht durch den unmäßigen Genuß starker Liköre und Weine schwächen. Freilich scheinen die nördlichen Völker diese Getränke um so mehr zu lieben, je mehr die Natur sie ihnen versagt hat.

Die Schweden sind wohlgestaltet, kräftig, gewandt und fähig, die schwersten Arbeiten, Hunger und Not zu ertragen. Sie sind geborene Soldaten, voll Stolz und mehr tapfer als industriös. Der Handel, der ihnen allein geben kann, was die Natur ihnen versagt hat, wurde von ihnen lange Zeit ganz vernachlässigt und wird auch jetzt noch nicht tätig betrieben. Aus Schweden hauptsächlich, von dem noch jetzt ein Teil Gotland heißt, sollen jene Gotenheere hervorgegangen sein, welche einst Europa überschwemmten und es Rom entrissen, das fünfhundert Jahre lang dessen Beherrscher, Gesetzgeber und Tyrann gewesen war.

Die nördlichen Regionen waren damals weit bevölkerter, als sie es heutzutage sind, weil ihre Religion den Bewohnern Vielweiberei gestattete und sie dadurch in den Stand setzte, dem Staate mehr Kinder zu geben; und die Frauen selbst keine größere Schmach kannten als Unfruchtbarkeit und Müßiggang. Ebenso arbeitsam und ebenso kräftig wie ihre Männer wurden sie daher früher und länger von ihnen Mutter. Jetzt hat Schweden mit dem ihm noch gebliebenen Rest von Finnland nur vier Millionen Einwohner. Das Land ist unfruchtbar und arm. Schonen ist die einzige Provinz, in welcher Weizen wächst. Es gibt nicht mehr als neun Millionen Silbertaler im Lande. Die öffentliche Bank, die älteste in Europa, war ein Kind der Notwendigkeit, weil die Bezahlungen in Kupfer- und Eisenmünzen geschahen und dadurch der Münzverkehr zu schwerfällig wurde.

Schweden war bis zur Mitte des vierzehnten Jahrhunderts ein freies Land. In diesem langen Zeiträume wechselte die Regierungsgewalt mehr als einmal, aber sämtliche Wechsel geschahen zugunsten der Freiheit. Die oberste Behörde trug den Namen König, ein Titel, mit welchem in den verschiedenen Ländern sehr verschiedene Machtbefugnisse verbunden sind. In Frankreich und Spanien bedeutet er die unumschränkte Gewalt, in Polen, in Schweden und England den Vorstand eines Freistaats. Jene schwedischen Könige vermochten nichts ohne den Senat; und der Senat hing wieder von den Ständen ab, die häufig zusammenberufen wurden. Die Vertreter des Volks in diesen großen Versammlungen waren die Edelleute, die Bischöfe und die Abgeordneten der Städte; später wurden auch die Bauern zugelassen, ein sonst ungerechterweise verachteter Teil des Volks, der fast im ganzen übrigen Norden Sklave ist.

Gegen das Jahr 1492 wurde dieses auf seine Freiheit so eifersüchtige Volk, das noch jetzt stolz darauf ist, vor dreizehnhundert Jahren unter Alarich Rom bezwungen zu haben, durch ein Weib und durch ein anderes weniger mächtiges Volk unterjocht.

Margarete Waldemars Tochter, die Semiramis des Nordens, Königin von Dänemark und Norwegen, eroberte Schweden durch Gewalt und List und vereinigte diese drei zu einem einzigen. Nach ihrem Tode zerrissen Bürgerkriege das Land; Schweden warf das Joch der Dänen ab, nahm es aber bald wieder auf, es hatte Könige und Administratoren. Zwei Tyrannen bedrückten es um 1520 auf eine furchtbare Art; der eine war Christiern II., König von Dänemark, ein Ungeheuer voller Laster ohne eine einzige Tugend, der andere war der Erzbischof von Upsala, der Primas des Reiches und ebenso grausam wie Christiern. Im Einverständnis miteinander ließen diese beiden eines Tages die Bürgermeister und Räte der Stadt Stockholm nebst vierundneunzig Senatoren greifen und durch Henkershand hinrichten, unter dem Vorwand, daß der Papst sie exkommuniziert habe, weil sie die Rechte des Staats gegen den Erzbischof verteidigt hätten.

Während diese beiden Menschen, welche die Lust an der Unterdrückung vereinte, die Teilung der Beute aber wieder entzweite, dem härtesten Despotismus, der grausamsten Rachgier frönten, änderte ein neues Ereignis die Gestalt des Nordens.

Gustav Wasa, ein junger Mann, der von den alten Königen des Landes abstammte, trat aus der Tiefe der Wälder Dalekarliens, wo er in Verborgenheit gelebt hatte und befreite Schweden. Er besaß eine jener großen Seelen, welche die Natur so selten bildet, und alle Eigenschaften, deren man bedarf, um die Menschen zu beherrschen. Sein vorteilhaftes Aeußeres, sein hohes Wesen verschafften ihm Anhänger, wo er sich zeigte. Seine Beredsamkeit, der eine edle Miene zu Hilfe kam, war um so ergreifender, je natürlicher sie schien; sein Genie unternahm Dinge, welche der gewöhnliche Mensch für verwegen hält, die aber in den Augen des großen Mannes nur kühn sind; sein Mut, sein unermüdlicher Eifer sicherte seinen Unternehmungen das Gelingen. Er war unerschrocken und zugleich vorsichtig, von einem milden Charakter in einer wilden Zeit und so tugendhaft, als ein Parteiführer nur immer sein kann.

Gustav Wasa war Christierns Geisel gewesen und gegen das Völkerrecht als Gefangener zurückbehalten worden. Aus seinem Gefängnis entwischt, irrte er als Bauer verkleidet in den Bergen und Wäldern von Dalekarlien umher. Er sah sich hier in die Notwendigkeit versetzt, in den Kupferbergwerken zu arbeiten, um sein Leben zu fristen und sich zu verbergen. In diesen unterirdischen Räumen faßte er den Plan, den Tyrannen vom Throne zu stürzen. Er entdeckte sich den Bauern; sie erkannten in ihm den Menschen höherer Natur, dem sich gewöhnliche Geschöpfe unwillkürlich unterordnen. In kurzer Zeit machte er aus diesen Wilden tüchtige Soldaten. Er griff Christiern und den Erzbischof an, besiegte sie zu wiederholten Malen und jagte beide aus Schweden. Nun erwählten ihn die Stände mit Recht zum König des Landes, dessen Befreier er geworden war.

Kaum saß er auf dem Throne, als er sich an ein Unternehmen wagte, das schwieriger war als Länder erobern. Die wahren Tyrannen des Reiches waren die Bischöfe; sie besaßen fast den ganzen Reichtum Schwedens und bedienten sich desselben nur, um die Untertanen zu bedrücken und die Könige zu befehden. Diese Macht war um so furchtbarer, als die Unwissenheit des Volks sie geheiligt hatte. Gustav Wasa ahndete jetzt an der katholischen Religion die Schlechtigkeit ihrer Priester. In weniger als zwei Jahren machte er Schweden lutherisch und zwar noch mehr durch die Ueberlegenheit seiner Politik als durch seine Regierungsgewalt. Nachdem er dies Reich so den Dänen und der Geistlichkeit, wie er zu sagen pflegte, abgewonnen hatte, regierte er glücklich und unumschränkt bis in sein siebzigstes Jahr und nahm ein ruhmvolles Ende, indem er seine Familie und seinen Glauben auf dem Throne des Landes ließ.

Einer seiner Nachkommen war jener Gustav Adolf, den man auch Gustav den Großen nennt. Dieser König eroberte Ingermanland, Livland, Bremen, Werden, Wismar und Pommern und außerdem noch über hundert Orte in Deutschland, die Schweden nach seinem Tode zurückgab. Er erschütterte den Thron Ferdinands II. und bot den Lutheranern in Deutschland die Hand, wobei ihn die Intrigen von Rom noch unterstützten, da dieses die Macht des Kaisers mehr fürchtete als die der Ketzerei. Er war es in der Tat, der durch seine Siege viel zur Demütigung des Hauses Oesterreich beitrug. Man schreibt den Ruhm dieses Unternehmens dem Kardinal Richelieu zu, der die Kunst verstand sich einen Namen zu machen, während Gustav sich damit begnügte große Taten zu vollführen. Er war im Begriff, den Krieg an die Donau zu verlegen, und vielleicht den Kaiser vom Throne zu stoßen, als er in seinem siebenunddreißigsten Lebensjahre in der Schlacht bei Lützen (16. November 1632) fiel. Er gewann diese Schlacht gegen Wallenstein und nahm den Namen eines großen Königs, die Liebe des Nordens und die Achtung seiner Feinde mit ins Grab.

Seine Tochter Christine, eine Frau von seltenem Geist, unterhielt sich lieber mit Gelehrten, als daß sie ein Volk regierte, welches nur Sinn für kriegerische Taten hatte. Sie machte sich dadurch, daß sie dem Throne entsagte, ebenso berühmt, als ihre Ahnen es durch Gewinnung und Befestigung desselben getan hatten. Die Protestanten haben kein gutes Haar an ihr gelassen, als ob man nicht, auch ohne an Luther zu glauben, große Tugenden haben konnte. Die Päpste dagegen frohlockten viel zu viel über die Bekehrung einer Frau, die doch vor allem Philosoph war. Sie zog sich nach Rom zurück, wo sie den Rest ihrer Tage inmitten der Künste verlebte, die sie so sehr liebte, und um derentwillen sie in einem Alter von siebenundzwanzig Jahren einem Königreiche entsagt hatte.

Vor ihrer Abdankung veranlaßte sie die schwedischen Reichsstände, an ihrer Statt ihren Vetter Karl Gustav X., den Sohn des Pfalzgrafen und Herzogs von Zweibrücken, zum König zu wählen. Dieser König fügte den Eroberungen Gustav Adolfs noch neue hinzu. Er führte seine Kriegsvölker zuerst nach Polen, wo er die berühmte Schlacht bei Warschau gewann, welche drei Tage gedauert hatte. Dann führte er lange Zeit einen glücklichen Krieg gegen die Dänen, belagerte ihre Hauptstadt, vereinigte Schonen mit Schweden und sicherte wenigstens eine Zeitlang dem Herzog von Holstein den Besitz von Schleswig. Als er später Unfälle erlitt und deshalb mit seinen Feinden Frieden schloß, kehrte er seinen Ehrgeiz gegen seine Untertanen. Er faßte den Plan, in Schweden die unumschränkte Monarchie einzuführen; starb jedoch in seinem siebenunddreißigsten Lebensjahre (den 13. Februar 1660) wie der große Gustav, ehe er dieses Werk des Despotismus zu vollenden vermochte, welches dann sein Sohn Karl XI. zum Schlusse führte.

Karl XI., Soldat wie alle seine Vorfahren, war noch despotischer als sie. Er nahm dem Senat seine Macht und erklärte ihn zum Senat des Königs, während er der Senat des Reichs gewesen war. Er war mäßig, tätig, arbeitsam, so daß man ihn hätte lieben können, wenn sein Despotismus die Gefühle seiner Untertanen nicht in Furcht verwandelt hätte.

Im Jahre 1680 heiratete er Ulrike Eleonore, Tochter des Königs Friedrich III. von Dänemark, eine tugendhafte Prinzessin, die eines größeren Vertrauens würdig gewesen wäre, als ihr Gatte ihr schenkte. Ihr entsproßte am 27. Juni 1682 der König Karl XII., der außerordentlichste Mensch vielleicht, der je gelebt. Er vereinigte in sich alle die großen Eigenschaften seiner Vorfahren und hatte keinen anderen Fehler, und kein anderes Unglück, als daß er diese Eigenschaften alle übertrieb. Von ihm soll hier erzählt werden, was über seine Person und seine Taten Sicheres festgestellt werden konnte.

Das erste Buch, das man ihm zu lesen gab, war das Werk von Samuel Puffendorf. Er sollte sich daraus beizeiten mit seinen Staaten und denen seiner Nachbarn vertraut machen. Zuerst erlernte er die deutsche Sprache, die er immer ebensogut sprach wie seine Muttersprache. Mit sieben Jahren verstand er bereits mit Pferden umzugehen. Anstrengende Uebungen, in denen er sich gefiel, und die auf seine kriegerischen Neigungen schließen ließen, kräftigten frühzeitig seinen Körper, so daß er die Strapazen zu ertragen vermochte, zu denen ihn sein Temperament hinzog.

Obschon in seiner Kindheit von sanfter Gemütsart, besaß er doch einen unüberwindlichen Eigensinn. Das einzige Mittel, ihn nachgiebig zu machen, war, wenn man seinen Ehrgeiz stachelte. Mit dem Worte Ruhm erlangte man alles von ihm. Er hatte eine Abneigung gegen das Latein. Als man ihm aber sagte, daß die Könige von Polen und Dänemark es verstünden, lernte er es schnell, und behielt genug davon, um es von da ab sprechen zu können. Auf die gleiche Art griff man es an, um ihn zum Studium des Französischen zu bestimmen; aber gleichwohl blieb er dabei, sich niemals dieser Sprache zu bedienen, selbst nicht mit den französischen Gesandten, die keine andere Sprache verstanden.

Sobald er einige Fortschritte im Lateinischen gemacht hatte, ließ man ihn den Quintus Curtius übersetzen; er gewann eine Vorliebe für dieses Buch, welche ihm der Gegenstand desselben weit mehr einflößte als dessen Stil. Als der Lehrer, welcher ihm diesen Schriftsteller erklärte, fragte, was er von Alexander halte, erwiderte der Prinz: »Ich möchte ihm ähnlich werden.« – »Aber,« entgegnete man ihm, »er hat nur zweiunddreißig Jahre gelebt.« – »Ach!« versetzte er, »ist denn das nicht genug, wenn man so viele Reiche erobert hat?« – Man verfehlte nicht, dem Könige, seinem Vater, diese Antworten zu hinterbringen, der ausrief: »Aus diesem Kind wird mehr werden, als aus mir geworden ist; er wird weiter gehen als der große Gustav!« – Eines Tages unterhielt er sich damit, im Zimmer des Königs zwei geographische Karten zu betrachten, wovon die eine eine ungarische, dem Kaiser durch die Türken entrissene Stadt, die andere die Hauptstadt von Livland, Riga vorstellte, welch letztere die Schweden schon vor hundert Jahren erobert hatten. Unter dem Plan der ungarischen Stadt standen die Worte aus Hiob: »Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, der Name des Herrn sei gelobet!« – Als der junge Prinz diese Worte las, nahm er sofort einen Bleistift und schrieb unter den Plan von Riga: »Gott hat mir's gegeben, der Teufel soll mir's nicht mehr nehmen.« – So ließ dieser unbezähmbare Charakter schon in den unbedeutendsten Handlungen seiner Kindheit jene Züge zu Tage treten, welche originellen Geistern eigen sind und zum voraus ahnen lassen, was sie einst sein werden.

Er war elf Jahre alt, als er seine Mutter verlor. Diese Fürstin starb am 5. August 1693, wie man sagt an einer Krankheit, die sie sich aus Kummer über das Benehmen ihres Gemahls zugezogen hatte. Die Anstrengung, womit sie ihren Schmerz hierüber zu verbergen suchte, war zu viel für ihre Kräfte. Karl XI. hatte nämlich eine große Menge seiner Untertanen mittels eines Gerichtshofes, der den Namen Liquidationskammer führte und nur von seinem Willen abhing, ihres Vermögens beraubt. Zahllose durch diese Kammer zugrunde gerichtete Bürger, Edelleute, Kaufleute, Gutsbesitzer, Witwen und Waisen füllten die Straßen von Stockholm und erschienen täglich vor den Toren des Palastes, wo sie vergeblich ihre Klagen ertönen ließen. Die Königin unterstützte diese Unglücklichen mit allem, was sie besaß; sie gab ihnen ihr Gold, ihren Schmuck, ihre Mobilien, sogar ihre Kleider. Als sie nichts mehr zu geben hatte, warf sie sich ihrem Gemahl weinend zu Füßen und bat ihn, doch ein Herz für seine Untertanen zu haben. Aber der König erwiderte ihr streng: »Madame, wir nahmen Euch zur Gemahlin, um uns Kinder zu geben, nicht Ratschläge.« – Von diesem Augenblick an soll er sie mit einer Härte behandelt haben, die ihr Ende beschleunigte.

Er starb vier Jahre nach ihr, am 15. April 1697, im zweiundfünfzigsten Jahre seines Lebens und im siebenunddreißigsten seiner Regierung, als eben das deutsche Reich, Spanien und Holland einerseits und Frankreich andererseits die Entscheidung ihrer Händel seinem Schiedsrichteramt unterstellt und er das Werk der Versöhnung dieser Mächte bereits begonnen hatte.

Er hinterließ seinem fünfzehnjährigen Sohne einen nach Außen befestigten und hochgeachteten Thron, arme, aber kriegerische und gehorsame Untertanen, und wohlgeordnete, von geschickten Ministern verwaltete Finanzen. Bei seiner Thronbesteigung war Karl XII. nicht nur unumschränkter und friedlicher Regent von Schweden und Finnland, er beherrschte auch Livland, Carelien und Ingermanland, und besaß Wismar, Wiborg, die Inseln Rügen und Oesel, sowie den schönsten Teil von Pommern und das Herzogtum Bremen und Verden. Alle diese Eroberungen seiner Vorfahren waren seiner Krone durch langen Besitz und die feierlichen, vom Schrecken der schwedischen Waffen aufrecht erhaltenen Verträge von Münster und Oliva gesichert. Der unter den Auspizien des Vaters begonnene Frieden von Ryswick kam unter denen des Sohnes zum Abschluß. Schon mit Beginn seiner Regierung trat er so als Schiedsrichter Europas auf.

Die schwedischen Gesetze bestimmen, daß der König mit fünfzehn Jahren majorenn sein solle. Allein der in allem eigenmächtige Karl XI. setzte in seinem Testamente fest, daß sein Sohn erst mit dem achtzehnten Lebensjahre majorenn werden sollte. Durch diese Bestimmung begünstigte er die ehrgeizigen Pläne seiner Mutter Hedwig Eleonore von Holstein, Witwe des Königs Karl X. Diese Fürstin wurde durch den König, ihren Sohn, zur Vormünderin ihres Enkels, des jüngern Königs und zur Regentin des Königreichs erklärt, wobei man ihr einen Rat von fünf höheren Beamten zur Seite stellte.

Die Regentin hatte, so lange der König, ihr Sohn, regierte, an allen Staatsangelegenheiten teilgenommen. Sie war schon hochbejahrt, allein ihr Ehrgeiz, der größer war als ihre Kräfte und ihr Geist, ließ sie hoffen, die Süßigkeit der Macht noch lange unter ihrem Enkel zu genießen. Sie entfremdete ihn daher möglichst viel den Geschäften. Der junge Prinz verbrachte seine ganze Zeit auf der Jagd oder mit Truppenbesichtigungen. Bisweilen nahm er auch an den Uebungen derselben Anteil. Diese Art Unterhaltung schien nur die natürliche Wirkung der Lebhaftigkeit seines Alters zu sein. Sein Benehmen zeigte nichts, was die Regentin hätte beunruhigen können; diese Fürstin schmeichelte sich vielmehr, daß die Zerstreuungen solcher Uebungen ihn unfähig machen würden, sich mit Ernst und Fleiß zu beschäftigen, so daß sie desto länger die Regierung in Händen behalten würde.

Eines Tages im November desselben Jahres, da sein Vater gestorben war, hielt er eine Besichtigung über mehrere Regimenter ab, wobei ihn der Staatsrat Piper begleitete. Der König schien in tiefes Nachdenken versunken. »Darf ich mir die Freiheit nehmen zu fragen, worüber Eure Majestät so ernstlich nachdenken?« sagte Piper zu ihm. – »Ich denke,« erwiderte der Prinz, »daß ich mich würdig fühle, diese tapferen Leute zu befehligen, und ich wollte, daß weder ich noch sie Befehle von einem Weibe anzunehmen hätten.« – Piper ergriff die Gelegenheit sein Glück zu machen mit beiden Händen. Er hatte selbst nicht Ansehen genug, um es wagen zu können, ein so gefährliches Unternehmen, wie die Verdrängung der Königin von der Regentschaft und die Herbeiführung der Majorennerklärung des Königs war, in Gang zu bringen. Er schlug es deshalb dem Grafen Axel Sparre vor, einem kühnen Feuerkopf, der nach einer höhern Stellung strebte. Sparre glaubte ihm, nahm alles auf sich und arbeitete doch nur für Piper. Die Regentschaftsräte waren bald gewonnen. Sie wußten ja, daß sie beim Könige einen Stein im Brett haben würden, wenn sie die Ausführung dieses Planes beschleunigten.

Demgemäß begaben sie sich in corpore zur Königin und stellten ihren Antrag. Einen solchen Schritt hatte diese nicht erwartet. Die Reichsstände waren eben versammelt. Auch dort brachten die Regentschaftsräte die Sache vor. Niemand erhob seine Stimme dagegen. Die Sache ging mit einer so unaufhaltsamen Geschwindigkeit vorwärts, daß drei Tage nachdem Karl XII. den Wunsch ausgesprochen hatte, zu regieren, die Stände ihm bereits die Gewalt übertrugen. Die Macht und das Ansehen der Königin fiel in einer Minute. Sie zog sich ins Privatleben zurück, das ihrem Alter besser entsprach, wenn auch nicht ihrer Neigung. Der König wurde am darauffolgenden 24. Dezember gekrönt. Er hielt seinen Einzug in Stockholm auf einem mit Silber beschlagenen Fuchsen, das Zepter in der Hand und die Krone auf dem Haupte, unter dem Jauchzen eines ganzen Volks, das ja stets das Neue vergöttert und jeden jungen Fürsten mit den größten Hoffnungen begrüßt.

Der Erzbischof von Upsala hatte das Recht die Salbung und Krönung vorzunehmen; es war dies das letzte von den Vorrechten, welche seine Vorgänger sich angemaßt hatten. Als er der Sitte gemäß den Prinzen gesalbt hatte und nun die Krone erhob, um sie demselben aufs Haupt zu setzen, entriß sie Karl den Händen des Erzbischofs und krönte sich selbst, wobei er den Prälaten mit stolzen Blicken maß. Das Volk, dem jeder Schein von Größe imponiert, jauchzte der Handlung des Königs Beifall zu. Selbst diejenigen, welche am meisten unter dem Despotismus seines Vaters geseufzt hatten, ließen sich hinreißen den Sohn wegen dieser hochfahrenden Handlung zu rühmen, die ihnen doch ihre künftige Sklaverei voraussagte.

Sobald Karl der Herr war, schenkte er dem Rat Piper sein Vertrauen und übertrug ihm die Leitung der öffentlichen Angelegenheiten. Bald war derselbe sein Premierminister, ohne daß er diesen Namen trug. Wenige Tage darauf ernannte er ihn zum Grafen, was in Schweden eine sehr hohe Würde und kein leerer Titel ist, den man ohne weiteres annehmen kann wie in Frankreich.

Die erste Regierungszeit des Königs erweckte keine günstige Meinung von ihm; es schien als ob ihn mehr seine Ungeduld als eine Berechtigung dazu auf den Thron geführt habe. Zwar zeigte er allerdings keine gefährliche Leidenschaft, aber sein Benehmen war doch nur eine Reihe jugendlicher Aufwallungen und eigensinniger Ausbrüche. Er schien faul und hochfahrend. Die fremden Gesandten an seinem Hofe hielten ihn sogar für einen mittelmäßigen Kopf und schilderten ihn ihren Monarchen als einen solchen. Schweden hatte die gleiche Ansicht von ihm. Niemand kannte seinen wahren Charakter, er kannte ihn selbst nicht, bis die Stürme, die plötzlich im Norden ausbrachen, seinen verborgenen Eigenschaften Gelegenheit gaben, sich zu entfalten.

Drei mächtige Fürsten wollten sich seine außerordentliche Jugend zunutze machen und beschlossen fast zu gleicher Zeit sein Verderben. Der erste war Friedrich VI., König von Dänemark, sein Vetter; der zweite August, Kurfürst von Sachsen und König von Polen, der russische Zar, Peter der Große, war der dritte und gefährlichste. Es ist notwendig, auf die Ursache dieses Kriegs, der so große Ereignisse im Gefolge hatte, zurückzugehen und mit Dänemark zu beginnen.

Von den zwei Schwestern, die Karl XII. besaß, war die älteste an den Herzog von Holstein, einen jungen und ebenso tapfern als liebenswürdigen Fürsten vermählt. Bedrückt von dem König von Dänemark ging der Herzog mit seiner Gemahlin nach Stockholm und warf sich dem König in die Arme, den er nicht nur als Schwager, sondern auch als den Fürsten eines Volks, das stets einen unversöhnlichen Haß gegen die Dänen hegte, um Hilfe anflehte.

Das alte Haus Holstein, aus dem Hause Oldenburg entsprungen, war im Jahre 1449 durch Wahl auf den Thron von Dänemark gelangt. Die Reiche des Nordens waren damals Wahlreiche; das dänische wurde bald zum Erbreich. Einer seiner Könige, Christiern III., empfand für seinen Bruder Adolf eine Liebe oder eine Rücksicht, wie man sie unter Fürsten nicht leicht findet. Er wollte ihn nicht ohne Fürstentum sehen, und konnte doch deshalb seine eigenen Staaten nicht zerstückeln. In einem seltsamen Vertrag teilte er mit ihm die Herzogtümer Holstein-Gottorp und Schleswig und bestimmte darin, daß die Nachkommen Adolfs künftig zugleich mit den Königen von Dänemark in Holstein regieren sollten; daß die beiden Herzogtümer ihnen gemeinschaftlich gehören sollten, und daß der König von Dänemark in Holstein keine Aenderung vornehmen könne ohne den Herzog, noch der Herzog ohne den König. Diese sonderbare Union, wie übrigens schon einmal eine ähnliche mehrere Jahre lang in demselben Hause bestanden hatte, war seit fast achtzig Jahren eine Quelle beständiger Streitigkeiten zwischen der dänischen und der holstein-gottorpischen Linie gewesen. Die Könige hatten immer versucht die Herzoge zu unterdrücken und die Herzoge sich ganz unabhängig zu machen. Den letzten Herzog hatte ein solcher Versuch die Freiheit und den Herzogshut gekostet. Im Jahre 1689 hatte er durch Vermittlung von Schweden, England und Holland, in den Konferenzen von Altona beides wieder erlangt und diese Staaten hatten die Aufrechterhaltung des Vertrags verbürgt. Da aber ein Vertrag zwischen Fürsten häufig nichts anderes ist als die Unterwerfung unter die Notwendigkeit insolange, bis der Stärkere in der Lage ist den Schwächern niederzudrücken, so lebte der Zank unter dem neuen König von Dänemark und dem jungen Herzog heftiger als je wieder auf. Während sich der Herzog in Stockholm befand, erlaubten sich die Dänen bereits Feindseligkeiten im Lande Holstein und verbanden sich im geheimen mit dem König von Polen, um den König von Schweden selbst zu demütigen.

Friedrich August, Kurfürst von Sachsen, dessen Wahl zum Könige von Polen weder die beredte Zunge und die diplomatische Geschicklichkeit des Abbé de Polignac, noch die großen Eigenschaften des Prinzen von Conti, seines Mitbewerbers, vor zwei Jahren hatten verhindern können, war ein Fürst, der ebenso wegen seiner ungewöhnlichen Körperkraft als wegen seiner Tapferkeit und Galanterie bekannt war. Nach dem Hofe Ludwigs XIV. war der seinige der glänzendste in Europa. Nie gab es einen Fürsten, der großmütiger und freigebiger war und seine Geschenke mit größerer Anmut zu geben wußte. Er hatte die Hälfte der Stimmen des polnischen Adels erkauft und die andere Hälfte durch den Anmarsch einer sächsischen Armee erzwungen. Er glaubte seine Truppen auch ferner nötig zu haben, um fester auf dem Throne zu sitzen, aber es bedurfte eines Vorwands, um sie in Polen zu behalten. Er beschloß deshalb den König von Schweden in seiner Provinz Livland anzugreifen, und zwar bei folgender Veranlassung.

Livland, diese schönste und fruchtbarste Provinz des Nordens, hatte ehedem den Rittern des Deutschordens gehört. Die Russen, die Polen und die Schweden hatten sich dann den Besitz des Landes streitig gemacht. Seit fast hundert Jahren hatte Schweden es erobert, und endlich war es ihm im Frieden von Oliva feierlich zugesprochen worden.

Der verstorbene König Karl XI., dessen Härte gegen seine Untertanen bereits erwähnt wurde, hatte auch die Livländer nicht geschont. Er hatte sie ihrer Privilegien und eines Teils ihrer Erbgüter beraubt. Patkul, dem sein tragisches Ende später eine traurige Berühmtheit gewann, wurde von dem livländischen Adel abgeordnet, um die Klagen der Provinz an den Thron zu bringen. Er hielt eine Ansprache an seinen Herrscher in achtungsvollen aber energischen Worten und mit jener männlichen Beredsamkeit, welche das Unglück verleiht, wenn es mit dem Mute gepaart ist. Allein die Könige betrachten derartige öffentliche Reden nur zu oft als leere Förmlichkeiten, die man nach altem Brauch duldet, ohne ihnen eine weitere Folge zu geben. Bei diesem Anlaß jedoch klopfte Karl XI. – ein Heuchler, wenn er sich nicht von seinem Zorn hinreißen ließ – Patkul sanft auf die Schulter und sagte zu ihm: »Ihr habt als wackerer Mann für Euer Vaterland gesprochen. Ich schätze Euch darum. Fahrt so fort!« – Wenige Tage später aber ließ er ihn des Hochverrats schuldig erklären und als Hochverräter zum Tode verurteilen. Patkul verbarg sich anfangs und ergriff später die Flucht. Er trug seinen Groll nach Polen. Dort wurde er dem König August vorgestellt. Karl XI. war tot; aber der Urteilsspruch gegen Patkul und dessen Haß lebte fort. Er stellte dem polnischen Monarchen vor, daß alles eine Eroberung Livlands begünstige: die Verzweiflung des Volks, welches sich sehne, das Joch Schwedens abzuwerfen, und die Jugend des Königs, der nicht imstande sei sich zu verteidigen. Diese Aufforderung wurde von einem Fürsten, den die Eroberung Livlands längst angelockt hatte, gnädigst aufgenommen. August hatte überdies bei seiner Krönung zum König von Polen versprochen, alle Anstrengungen zu machen, um die Provinzen, welche Polen verloren, zurückzugewinnen. Durch einen Einfall in Livland glaubte er daher Polen zu gefallen und seine Macht zu befestigen. Er täuschte sich jedoch nach beiden Richtungen hin, so viel Wahrscheinlichkeit auch jene Ansicht für sich hatte. Bald war alles zu einem unvermuteten Einfall bereit; man hielt es nicht einmal für nötig, die leere Förmlichkeit einer Kriegserklärung oder eines Manifests vorauszuschicken.

Zu gleicher Zeit umwölkte sich auch der Horizont gegen Rußland hin. Der Monarch, der damals dort herrschte, verdient die Aufmerksamkeit der Nachwelt. Peter Alexjewitsch, Zar von Rußland, hatte sich bereits durch die Schlacht, welche er im Jahre 1697 gegen die Türken gewann, sowie durch die Einnahme von Asow, die ihm das Schwarze Meer erschloß, einen achtunggebietenden Namen gemacht. Er wollte sich aber durch weit erstaunlichere Dinge als durch Siege den Namen des Großen erringen. Rußland umfaßte schon damals den Norden Asiens und Europas und erstreckte sich von den Grenzen Chinas bis zu denen Polens und Schwedens über einen Raum von tausendfünfhundert Wegstunden. Vor Zar Peter kannte man jedoch dieses ungeheure Land kaum in Europa. Die Moskowiter besaßen eine geringere Bildung als die Mexikaner zur Zeit der Eroberung des Cortez. Geborene Sklaven ebenso barbarischer Herren verrotteten sie in Unwissenheit, in der Entfremdung von jedweder Kunst und in der Unempfindlichkeit dieser Mängel, welche jede Industrie ersticken mußte. Ein altes, bei ihnen hochgeheiligtes Gesetz verbot ihnen sogar bei Todesstrafe ohne die Erlaubnis ihres Patriarchen ihr Land zu verlassen. Dieses Gesetz, das doch nur geschaffen war, um ihnen jede Gelegenheit zu benehmen, ihr Joch kennen zu lernen, gefiel einem Volk, das im Sumpf seiner Unwissenheit und seines Elends jeden Verkehr mit den anderen Nationen verschmähte.

Die Aera der Moskowiter begann mit der Erschaffung der Welt. Zu Anfang des letzten Jahrhunderts rechneten sie bereits 7207 Jahre, ohne sich übrigens über das Entstehen dieser Zahl irgend eine Rechenschaft geben zu können. Der erste Tag ihres Jahres war an unserem 13. September. Als Grund für diese Bestimmung führten sie an, daß es wahrscheinlich sei, daß Gott die Welt im Herbst, das heißt in der Jahreszeit erschaffen habe, wo die Früchte der Erde reif seien. So war selbst der Schein eines Wissens bei ihnen grober Irrtum. Niemand hatte bei ihnen eine Ahnung davon, daß zur Zeit des russischen Herbstes in einem entgegengesetzten Klima Frühling sein könne. Es war noch nicht lange her, daß das Volk in Moskau einen persischen Gesandschaftssekretär verbrennen wollte, weil er eine Sonnenfinsternis vorausgesagt hatte. Die Russen kannten nicht einmal den Gebrauch der Zahlen; zu ihren Rechnungen bedienten sie sich vielmehr kleiner Kugeln, die sie auf Drähte zogen. Auf keiner Steuereinnehmerei, selbst nicht auf dem Schatzamt des Zaren kannte man eine andere Art des Rechnens.

Ihre Religion war und ist noch die der griechischen Christen, aber voll von abergläubischen Bräuchen, denen sie um so inniger anhingen, je verrückter sie waren und je schwerer ihr Joch sie bedrückte. Wenige Russen wagten Tauben zu essen, weil man den heiligen Geist in Gestalt einer Taube gemalt hat. Sie beobachteten regelmäßig vier Fasten im Jahr, und wagten es während dieser Zeit nicht Eier oder Milch zu genießen. Gott und der heilige Nikolaus waren die Gegenstände ihrer Anbetung; gleich nach diesen kam der Zar und der Patriarch. Die Macht dieses letzteren war so grenzenlos wie die Unwissenheit seiner Gläubigen. Er verkündete Todesurteile und legte die grausamsten Martern auf, ohne daß es eine Berufung gegen sein Tribunal gab. Zweimal im Jahre ritt er aus, begleitet von seiner ganzen Geistlichkeit in zeremoniösem Aufzug. Der Zar hielt ihm dabei den Zügel seines Rosses und das Volk in den Straßen warf sich vor ihm nieder wie die Tataren vor ihrem großen Lama. Die Beichte war eingeführt, aber man bediente sich ihrer nur bei den größten Verbrechen; dann schien ihnen die Absolution notwendig, nicht aber die Reue. Sobald nur ihre Popen sie gesegnet hatten, hielten sie sich für rein vor Gott. Sie schritten daher auch ohne einen Gewissensbiß zu empfinden von der Beichte zum Diebstahl und zum Totschlag; ja was für andere Christen ein Zügel ist, war für sie gerade eine Aufmunterung zur Schlechtigkeit. Sie machten sich ein Gewissen daraus, an einem Fasttage Milch zu trinken; aber Familienväter, Priester, Frauen und Töchter betranken sich an Fasttagen in Branntwein. Man disputierte übrigens in diesem Lande wie anderswo über die Religion; der größte Streit herrschte aber über die Frage, ob die Laien das Zeichen des Kreuzes mit zwei oder mit drei Fingern machen müßten. Ein gewisser Jakob Nursuff hatte unter der vorigen Regierung wegen dieser Streitfrage in Astrachan einen Aufstand erregt. Es gab sogar Fanatiker, wie bei jenen gebildeten Nationen, wo jedermann Theologe ist; und Peter, der die Gerechtigkeit bis zur Grausamkeit trieb, ließ einige jener Elenden, die man Wosko-Jesuiten hieß, verbrennen.

Uebrigens hatte der Zar in seinem ungeheuern Reich noch viele andere Untertanen, die keine Christen waren. So waren die Tataren, welche die Westseite des Kaspischen und des Asowschen Meeres bewohnen, Mohammedaner. Die Sibirier, die Ostiäken und Samojeden, welche gegen das Eismeer hin wohnen, waren Wilde und zum Teil Götzendiener, zum Teil vollkommene Heiden. Indessen waren die später als Gefangene unter sie verbannten Schweden von ihren Sitten und Gebräuchen mehr befriedigt als von denen der alten Moskowiter.

Peter Alexjewitsch hatte eine Erziehung erhalten, welche geeignet gewesen wäre, die Barbarei dieses Weltteils noch zu vergrößern. Aber die Natur hatte ihm eine gewisse Vorliebe für die Fremden gegeben, ehe er wußte, in welch hohem Grade sie ihm von Nutzen sein könnten. Ein junger Genfer, namens Le Fort, aus einer alten Genfer Familie und Sohn eines Spezereihändlers war der erste, dessen er sich bediente, um Rußland eine andere Gestalt zu geben. Sein mächtiges Genie, das eine barbarische Erziehung bis dahin zurückgehalten hatte, ohne es zerstören zu können, entwickelte sich wie mit einem Zauberschlage. Er beschloß, ein Mensch zu sein, über Menschen zu herrschen und ein neues Volk zu schaffen. Vor ihm hatte schon mancher Fürst aus Widerwillen vor der Last der Geschäfte auf eine Krone verzichtet; noch keiner aber hatte die Krone abgelegt, um erst recht regieren zu lernen. Dies tat Peter der Große.

Nachdem er kaum zwei Jahre regiert hatte, verließ er im Jahre 1698 Rußland und ging unter einem gewöhnlichen Namen nach Holland, als sei er ein Diener dieses nämlichen Le Fort, den er als außerordentlichen Gesandten bei den Generalstaaten beglaubigte. In Amsterdam angelangt, ließ er sich in die Liste der Zimmerleute der Admiralität für Indien eintragen und arbeitete wie die anderen Zimmerleute auf der Werfte. In den Zwischenpausen studierte er diejenigen Teile der Mathematik, die für einen Fürsten von besonderem Wert sind: die Befestigung, die Seemannskunde, das Aufnehmen von Plänen. Er besuchte die Werkstätten der Arbeiter und unterrichtete sich über jede Art Manufaktur; nichts entging seinem beobachtenden Blicke. Von da begab er sich nach England, wo er sich in der Schiffsbaukunst vervollkommnete; kehrte dann nach Holland zurück und besichtigte alles, wovon er sich einen Nutzen für sein Land versprach. Endlich nachdem er zwei Jahre gereist und sich Aufgaben unterzogen hatte, die kein anderer als er durchzuführen imstande gewesen wäre, kehrte er nach Rußland zurück, wohin er die Künste Europas mit sich nahm. Künstler und Handwerker jeder Art folgten ihm dahin in Masse. Zum erstenmal sah man große russische Schiffe auf dem Schwarzen Meer, in der Ostsee und auf dem Atlantischen Meer. Regelmäßige und edel gehaltene Bauten erhoben sich inmitten der moskowitischen Hütten. Er gründete höhere Schulen, Akademien, Buchdruckereien, Bibliotheken. Die Städte erhielten eine innere Ordnung, die Trachten und Sitten wurden allmählich anders, so schwere Mühe dies auch kostete. Die Russen erfuhren nach und nach, was für ein Ding die Gesellschaft sei. Selbst der Aberglaube wurde beschränkt, die Würde des Patriarchen hörte auf. Der Zar erklärte sich selbst zum Oberhaupt der Kirche. Dieses letztere Wagstück, das einem weniger unumschränkten Herrscher Thron und Leben gekostet haben würde, gelang fast ohne Widerspruch und sicherte ihm den Erfolg aller übrigen Neuerungen.

Nachdem er eine unwissende und barbarische Geistlichkeit gedemütigt, wagte er es, ihr Bildung zu gewähren, obschon er dabei riskierte, sie wieder furchtbar zu machen. Allein er hielt sich jetzt für mächtig genug, um sie nicht mehr fürchten zu müssen. In den wenigen noch übrigen Klöstern ließ er Philosophie und Theologie lehren. Allerdings schmeckte diese Theologie noch etwas nach dem Zustand der Barbarei, der Peter Alexjewitsch sein Vaterland entrissen hatte. Ein glaubwürdiger Zeuge hat mir versichert, er habe einer öffentlichen Disputation angewohnt, wobei es sich darum handelte festzustellen, ob der Genuß des Rauchtabaks eine Sünde sei oder nicht. Der Disputant behauptete, es sei erlaubt sich mit Branntwein zu berauschen, nicht aber Tabak zu rauchen, denn in der Heiligen Schrift stehe, was aus dem Munde des Menschen hervorgehe, beschmutze ihn, nicht aber was in ihn hineingehe!

Die Mönche waren mit diesen Reformen nicht zufrieden. Kaum hatte der Zar Buchdruckereien eingerichtet, als sie sich derselben bedienten, um ihn selbst anzuschwärzen. Sie druckten, er sei der Antichrist, und wollten dies damit beweisen, weil er den Lebenden den Bart abspreche und in seiner Akademie die Toten sezieren lasse. Ein anderer Mönch, der sein Glück machen wollte, widerlegte jenes Buch und bewies, daß Peter nicht der Antichrist sein könne, weil die Zahl 666 nicht in seinem Namen enthalten sei. Der Verfasser der Schmähschrift wurde gerädert, sein Widerleger zum Bischof von Räsan ernannt.

Der Reformator Rußlands hat unter anderem ein weises Gesetz erlassen, in welchem sich manche andere zivilisierte Staaten spiegeln könnten. Dieses Gesetz verbietet, daß ein Staatsbeamter, ein ansässiger Bürger, oder gar ein Minderjähriger in ein Kloster trete.

Dieser Fürst begriff, wie wichtig es ist, nicht zu gestatten, daß Personen, die sich nützlich machen können, dem Müßiggang frönen, und daß man in einem Alter über seine Freiheit verfüge, wo man doch noch nicht über sein Vermögen verfügen darf. Indessen sucht die Schlauheit der Mönche dieses Gesetz, das nur zum Wohl der Menschheit gemacht ist, täglich zu umgehen, als ob die Mönche wirklich dabei gewännen, wenn sie die Klöster auf Kosten des Landes bevölkern.

Der Zar hat nicht nur wie der türkische Sultan die Kirche dem Staat unterworfen, sondern er hat auch als ein noch höherer Politiker eine den Janitscharen ähnliche Miliz vernichtet. Was die Ottomanen vergebens versuchten, hat er in kurzer Zeit durchgeführt; er hat die russischen Janitscharen, die Strelitzen, welche sich eine Vormundschaft über die Zaren anmaßten, ausgerottet. Diese Miliz, die für ihre Herren furchtbarer war als für die Nachbarn, zählte etwa dreißigtausend Mann Fußvolk und war zur Hälfte in Moskau seßhaft, zur Hälfte über die Grenzen ausgebreitet. Der Strelitze erhielt zwar nur vier Rubel jährliche Löhnung, aber seine Privilegien und mancherlei Mißbräuche entschädigten ihn reichlich. Peter begann damit, eine Kompanie fremder Truppen zu organisieren, der er sich selbst einverleibte, wobei er es nicht verschmähte als Tambour anzufangen und alle Funktionen von unten herauf durchzumachen, um so seinem Volke ein Beispiel der Subordination zu geben. Stufenweise rückte er zum Offizier vor. Ganz in der Stille schuf er so neue Regimenter, und als er sich endlich im Besitz disziplinierter Truppen wußte, löste er die Strelitzen auf, welche nicht dagegen zu mucksen wagten.

Die russische Reiterei war damals, was die polnische noch ist und die französische ehedem war, als das Königreich Frankreich nur aus einer Vereinigung von Lehensgütern bestand. Die russischen Edelleute machten sich auf ihre Kosten beritten und fochten ohne Disziplin und oft ohne andere Waffen als einen Säbel oder einen Köcher, waren auch nicht imstande etwas auf ein Kommando auszuführen, somit auch nicht zu siegen.

Durch sein Beispiel und durch gehörige Strafen an Leib und Leben lehrte sie Peter der Große gehorchen, denn er selbst diente als Soldat und Subalternoffizier und strafte als Zar strenge die Bojaren, das heißt die Edelleute, welche vermeinten, das Vorrecht des Adels bestehe darin, daß sie dem Staate nur dienen dürften, wenn es ihnen beliebte. Er organisierte ein regelmäßiges Artilleriekorps und nahm fünfhundert Glocken aus den Kirchen, um daraus Kanonen zu gießen. Im Jahre 1714 hatte er schon tausenddreihundert Kanonen. Er errichtete ferner Dragonerkorps, eine dem Naturell der Russen und der Gestalt ihrer kleinen Pferde ganz entsprechende Waffe. Gegenwärtig (1738) besitzt Rußland dreißig wohlunterhaltene Dragonerregimenter, jedes zu tausend Mann.

Auch Husaren hat er in Rußland eingeführt. Endlich errichtete er in einem Lande, wo vor ihm niemand auch nur die Elemente der Geometrie kannte, sogar eine Ingenieurschule.

Er selbst war ein guter Ingenieur; besonders aber zeichnete er sich in allen Zweigen des Seewesens aus: er war ein tüchtiger Schiffskapitän, ein geschickter Lotse, ein guter Matrose, ein gewandter Zimmermann, und man durfte ihm diese Geschicklichkeiten um so höher anrechnen, als er von Natur eine außerordentliche Furcht vor dem Wasser hatte. In seiner Jugend konnte er über keine Brücke fahren, ohne zu zittern, er ließ dann die Vorhänge seiner Kutsche schließen. Aber sein Mut, sein Genie wußte die Schwachheit seiner Natur zu besiegen.

Er ließ an der Mündung des Don bei Azow einen schönen Hafen bauen. Dort wollte er seine Galeeren unterbringen. Später überzeugte er sich, daß diese langen, flachen und leichten Schiffe auch die Ostsee befahren könnten und ließ nun bei seiner Lieblingsstadt St. Petersburg ihrer über dreihundert erbauen. Er lehrte seinen Untertanen die Kunst, diese Schiffe aus einfachem Fichtenholz zu zimmern und zeigte ihnen, wie man sie führen mußte. Sogar die Chirurgie erlernte er; man hat ihn in einem Notfalle einen Wassersüchtigen anzapfen gesehen. In der Mechanik war er ebenso zu Hause und unterrichtete die Kunsthandwerker.

Im Vergleich mit dem ungeheuern Umfang seiner Staaten wollten seine Finanzen nicht viel heißen. Er hatte niemals achtzig Millionen Einkünfte, wenn man die Mark zu etwa zwanzig Livres rechnet, wie derzeit geschieht, wie aber vielleicht schon morgen nicht mehr geschieht. Allein man ist immer sehr reich, wenn man imstande ist große Dinge auszuführen. Nicht der Mangel an Geld macht ein Reich schwach, sondern die Armut an Menschen und an Talenten.

Das russische Volk ist nicht zahlreich, ungeachtet die Frauen fruchtbar und die Männer kräftig sind. Peter hat leider durch die Zivilisierung seines Reichs selbst zur Entvölkerung beigetragen. Die häufigen Rekrutierungen für seine lange Zeit unglücklichen Kriege, die Versetzung von ganzen Volksstämmen von den Ufern des Kaspischen Meeres an die der Ostsee, ihre Aufreibung durch harte Arbeiten und Krankheiten, die Vernichtung von drei Vierteilen aller Kinder durch die Pocken, die hier viel gefährlicher auftreten als in anderen Ländern, endlich die traurigen Nachwehen einer so lange wilden und barbarischen Regierung, die bis in die neue Ordnung der Dinge hinein fühlbar waren, sind daran schuld, daß dieser große Teil des Festlands noch reich an menschenleeren Steppen ist. Man zählt heutigestags in Rußland fünfmalhunderttausend Familien, die dem Adel angehören, zweimalhunderttausend vom Beamtenstand und etwas über fünf Millionen Bürger und Bauern, welche eine Art Steuer bezahlen. Hierzu kommen sechsmalhunderttausend Einwohner in den Schweden entrissenen Provinzen und etwa zwei Millionen Kosaken der Ukraine und Rußland unterworfenen Tataren. Kurz man berechnet die damalige Einwohnerzahl dieser ungeheuern Ländergebiete auf nicht über vierzehn Millionen, das heißt etwas mehr als zwei Dritteile der Bevölkerung Frankreichs.

Zar Peter änderte nicht nur die Sitten und Gebräuche, die Gesetzgebung, das Militärwesen und die äußere Gestalt seines Landes, er wollte auch im Handel groß sein, dem ja der Reichtum eines Landes, der allgemeine Vorteil entfließt. Er wollte Rußland zum Mittelpunkt des Handels zwischen Asien und Europa machen. Durch Kanäle, zu welchen er selbst die Pläne entwarf, wollte er die Dwina, die Wolga, den Don miteinander verbinden und sich neue Wege von der Ostsee nach dem Schwarzen und Kaspischen Meere, und von diesen zwei Meeren wieder nach der Nordsee schaffen.

Der Hafen von Archangel, der neun Monate im Jahr durch das Eis geschlossen ist, und zu dem man nur auf einem weiten und gefährlichen Umweg gelangen kann, erschien ihm nicht bequem genug. Er faßte daher schon im Jahre 1700 den Plan, an der Ostsee einen Hafen, das Magazin des Nordens, und zugleich eine Stadt zu erbauen, welche die Hauptstadt seines Reiches werden sollte.

Schon suchte er auch eine Durchfahrt durch die Meere des Nordostens nach China; die Fabrikate von Paris und China sollten seine neue Stadt verschönern. Ein Landweg von 754 Werst, der mitten durch Sümpfe angelegt wurde, die man erst trocken legen mußte, führt jetzt von Moskau nach seiner neuen Stadt. Die meisten seiner Entwürfe gingen aus seiner eigenen Hand hervor, und zwei Kaiserinnen, die nacheinander auf ihn folgten, sind noch über seine Pläne hinausgegangen, wenn dieselben irgend durchführbar waren, und haben nur das ganz Unmögliche fallen lassen.

Beständig war er auf Reisen durch seine Staaten begriffen, so oft es ihm nur die Kriege erlaubten. Aber er reiste als Gesetzgeber, als Arzt, prüfte überall die physischen Verhältnisse, versuchte zu bessern, zu vervollkommnen, sondierte selbst die Tiefe der Flüsse und Meere, ordnete die Erbauung von Schleusen an, visitierte die Werften, ließ Bergwerke eröffnen, probierte die Metalle, ließ genaue Karten anlegen und arbeitete mit eigener Hand daran.

In einer Wildnis erbaute er die Kaiserstadt St. Petersburg, die heute schon sechzigtausend Häuser zählt, wo sich ein glänzender Hof gebildet hat und wo man bereits die feineren Genüsse des Lebens kennt. An der Newa baute er den Hafen von Kronstadt, an den Grenzen Persiens Sainte Croix, in der Ukraine mehrere Forts, ebenso in Sibirien. In Archangel, in St. Petersburg, in Astrachan und Asow errichtete er Admiralitäten, Arsenale und Spitäler. Die gewöhnlichen Häuser baute er klein und in schlechtem Geschmack, öffentliche Gebäude dagegen stattete er großartig und prächtig aus.

Die Wissenschaften, anderwärts die langsam reifende Frucht der Jahrhunderte, kamen durch seine Bemühungen bereits in vollendeter Form in sein Reich. Er errichtete eine Akademie nach dem Muster der berühmten Gesellschaften von Paris und London: Delisle, Bilfinger, Hermann, Bernoulli, der berühmte, in jedem Zweige der Philosophie ausgezeichnete Wolf wurden mit großen Kosten nach St. Petersburg berufen. Diese Akademie besteht noch heute und an ihr bilden sich jetzt auch russische Philosophen.

Er zwang die adlige Jugend seines Landes zu reisen, sich zu belehren, die Feinheiten des Auslandes nach Rußland zu tragen. Ich sah solche junge Russen, die voll Geist und Kenntnisse waren. So hat dieser einzige Mann das größte Reich der Welt umgeschaffen. Schade, daß diesem großen Reformator die erste Tugend – die Menschlichkeit – fehlte. Die Roheit seiner Vergnügungen, die Wildheit seiner Sitten, die Grausamkeit seiner Rache war mit ebensoviel Tugenden gemischt. Er zivilisierte seine Länder und war selbst ein Wilder. Mit eigenen Händen vollstreckte er Urteilssprüche an Verbrechern; und bei einem bacchantischen Mahle zeigte er seine Geschicklichkeit im Kopfabschneiden. In Afrika gibt es Herrscher, die das Blut ihrer Untertanen mit eigener Hand vergießen; diese Herren werden aber dafür auch als Barbaren gebrandmarkt.

Die Hinrichtung eines Sohns, der gebessert oder enterbt werden mußte, würde das Andenken Peters verabscheuungswürdig machen, wenn nicht die Wohltaten, die er seinen Untertanen erzeigt, die Grausamkeit, welche er gegen sein eigenes Blut bewies, fast verzeihlich erscheinen lassen würde. So war Zar Peter. Seine großen Pläne waren nur erst im Groben entworfen, als er sich mit den Königen von Polen und Dänemark gegen ein Kind verbündete, das alle drei verachteten. Der Gründer Rußlands wollte Eroberungen machen; er glaubte, daß er dies jetzt ohne große Mühe ausführen und daß ein Krieg dieser Art seinen übrigen Entwürfen nur nützlich sein könnte. Auch die Kriegskunst war eine neue Kunst, womit er seine Völker bekannt machen mußte.

Ueberdies bedurfte er eines Hafens am östlichen Ufer des Baltischen Meeres, um alle seine Ideen ausführen zu können. Er brauchte die Provinz Ingermanland, welche im Nordosten von Livland liegt; dort waren die Schweden Herren, man mußte sie ihnen daher entreißen. Seine Vorfahren hatten gewisse Rechte auf Ingermanland, Esthland und Livland besessen; der Augenblick schien günstig, um diese seit hundert Jahren verlorenen und durch Verträge annullierten Rechte wieder aufleben zu lassen. Er schloß daher ein Bündnis mit dem König von Polen, um dem jungen Karl XII. all die Länder zu entreißen, welche zwischen dem Finnischen Meerbusen, der Ostsee, Polen und Rußland liegen.

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