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Die Geschichte des Tom Jones / Theil IV

Henry Fielding: Die Geschichte des Tom Jones / Theil IV - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Geschichte des Tom Jones / Theil IV
authorHenry Fielding
year1848
firstpub1749
translatorDr. A. Diezmann
publisherGeorg Westermann
addressBraunschweig
titleDie Geschichte des Tom Jones / Theil IV
pages227
created20080612
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Siebentes Kapitel.

In welchem Madame Fitzpatrick ihre Erzählung beendet.

Während Mamsell Honour im Auftrage ihrer Gebieterin eine Bowle Punsch bestellte und Wirth und Wirthin dazu einlud, fuhr Madame Fitzpatrick folgendermaßen in ihrer Erzählung fort:

»Die meisten Officiere der in einer benachbarten Stadt 40 liegenden Garnison waren Bekannte meines Gemahls. Unter diesen befand sich ein Lieutenant, ein höchst angenehmer Mann, der eine, hinsichtlich der Eigenschaften ihres Gemüths sowohl als ihres Geistes, so überaus liebenswürdige Frau hatte, daß wir von unserer ersten Bekanntschaft an, die ich bald nach meinem Wochenbett machte, fast unzertrennlich waren: denn ich war so glücklich, ihr gleichfalls zu gefallen.

»Der Lieutenant, der weder ein Trunkenbold noch ein eingefleischter Jäger war, leistete uns häufig Gesellschaft; überhaupt befand er sich sehr wenig bei meinem Gemahl und zwar nicht mehr als er Anstands halber mußte, in so fern er beständig unser Haus besuchte. Mein Gemahl drückte oft sein großes Mißvergnügen darüber aus, daß der Lieutenant meine Gesellschaft der seinigen vorzog: er war deshalb sehr ärgerlich auf mich und sagte mir manches harte Wort darüber, daß ich ihm seine Gefährten entzöge, indem er, mich zum Henker wünschend, hinzusetzte, ich hätte einen der bravsten Kerle von der Welt verdorben und einen Theekessel aus ihm gemacht.

»Du würdest Dich irren, meine liebe Sophie, wenn Du glaubtest, mein Gemahl hätte mir um deswillen gegrollt, daß ich ihm einen Gesellschafter entzogen; denn der Lieutenant gehörte nicht zu denen, in deren Gesellschaft sich ein Schwachkopf wohl befinden konnte; und das auch angenommen, so hatte mein Gemahl doch so wenig Recht, mir den Verlust seines Gesellschafters beizumessen, daß ich die Ueberzeugung habe, meine Unterhaltung allein war es, die ihn noch stets in unser Haus zog. Nein, Kind, es war Neid, die erbärmlichste und gehässigste Art des Neides, der Neid um die Ueberlegenheit des Verstandes. Der Elende konnte es nicht ertragen, zu sehen, daß meine Unterhaltung der seinigen vorgezogen wurde, und zwar von einem Manne, auf den er nicht die mindeste Ursache haben konnte 41 eifersüchtig zu sein. O meine Sophie, Du bist ein verständiges Mädchen; wenn Du einen Mann heirathen solltest, der weniger geistige Fähigkeiten besäße als Du, dann suche ja zuvor seine Gemüthsart zu erforschen und prüfe, ob er es ertragen kann, sich einer solchen Ueberlegenheit zu fügen..– Versprich mir, Sophie, diesen Rath befolgen zu wollen; denn Du wirst späterhin seine Richtigkeit einsehen.« – »Es ist sehr wahrscheinlich, daß ich mich überhaupt nie verheirathen werde,« antwortete Sophie; »ich denke wenigstens nie an einen Mann, an dessen Verstande ich Schwächen entdecken sollte: eher würde ich den meinigen nicht merken lassen, als klüger zu erscheinen als der Mann.« – »Alles andere,« entgegnete Madame Fitzpatrick, »könnte ich mich entschließen aufzugeben; nur den Verstand nicht. Die Natur würde dem Weibe diese Ueberlegenheit nicht in so vielen Fällen zugestanden haben, wenn sie beabsichtigt hätte, daß wir uns in allen Dingen dem Manne unterordneten. Dies verlangen übrigens verständige Männer gar nicht von uns, wovon mir der so eben erwähnte Lieutenant einen deutlichen Beweis gegeben hat; denn so einsichtsvoll er auch war, so gab er doch jederzeit zu (und er hatte Recht), daß es seine Frau noch in höherem Grade wäre. Und vielleicht war dies ein Grund, warum mein Haustyrann sie nicht leiden mochte.

»Ehe er sich, sagte er, von einem Weibe, zumal einem so häßlichen (denn sie war allerdings keine regelmäßige Schönheit, besaß dagegen sehr viel Anmuth) hofmeistern ließe, eher möchten alle Weiber zur Hölle fahren, was ein Lieblingsausdruck bei ihm war. Er sagte ferner, er wundere sich, was ich nur an ihr finden könne, das mir ihre Gesellschaft so werth machte; seit diese Frau in unser Haus gekommen ist, fuhr er fort, hat es ein Ende mit unserm beliebten Vorlesen, das Dir nach Deinem Vorgeben so viel Vergnügen gewährte, daß Du nicht Zeit finden konntest, die Besuche der Damen aus der Umgegend zu erwiedern; und ich muß bekennen, daß ich in dieser Hinsicht ein wenig unartig gewesen bin; aber die Damen waren zum wenigsten nicht gebildeter als unsere Landedeldamen hier zu Lande und es bedarf bei Dir wohl keiner weitern Entschuldigung dafür, daß ich jedem näheren Umgange mit ihnen auswich.

»Ein ganzes Jahr lang, gerade so lange als der Lieutenant in jener Stadt in Garnison stand, setzte ich diesen Umgang fort, um dessen Preis ich gern die oben angedeutete Behandlung meines Gemahls erduldete, zumal da er häufig abwesend war; denn einmal reiste er auf einen Monat nach Dublin, ein andermal auf ein paar Monate nach London. Ich war nur immer sehr froh, daß ich ihn nicht begleiten durfte, ja, durch seinen häufig ausgesprochenen Tadel derjenigen Männer, die nicht reisen könnten, ohne, wie er sich ausdrückte, eine Frau mitzuschleppen, gab er deutlich zu verstehen, daß, hätte ich ihn auch noch so gern begleiten wollen, mein Wunsch vergeblich gewesen wäre: aber, Gott weiß es, dieser Wunsch kam mir auch nicht entfernt in den Sinn.

»Endlich wurde mein Freund aus unserer Gegend versetzt, und ich war wieder meiner Einsamkeit anheim gegeben und auf die Unterhaltung mit meinen eigenen qualvollen Gedanken und auf Lectüre, meinen einzigen Trostquell, hingewiesen. Ich las fast ganze Tage lang. Wie viel Bücher meinst Du wohl, daß ich innerhalb dreier Monate gelesen habe?« – »Ich kann das wirklich nicht rathen, Cousine,« antwortete Sophie. – »Vielleicht ein Dutzend!« – »Ein Dutzend! mehrere hundert, liebes Kind!« versetzte die andere. »Ich las viel in Daniel's Geschichte von Frankreich, in Plutarch, Pope's Homer, Dryden's Schauspielen, Chillingworth, Locke und andern.

43 »In jener Zeit schrieb ich auch drei, wie ich glaubte, sehr rührende Briefe an meine Tante; aber da ich auf keinen derselben eine Antwort bekam, so ließ es mein Stolz nicht zu, mich länger mit Bitten an sie zu wenden.« – Hier hielt sie inne, und nach einer kurzen Pause, in der sie Sophien prüfend angesehen hatte, sagte sie: »Ich glaube, meine liebe Sophie, in Deinen Augen etwas zu lesen, was mir wie ein Vorwurf, wegen Vernachlässigung einer andern Person aussieht, bei der mir eine freundlichere Begegnung zu Theil geworden wäre.« – »Deine Geschichte, liebe Henriette,« entgegnete Sophie, »ist eine Entschuldigung für jede Vernachlässigung; aber ich fühle freilich, mich ohne eine so gute Entschuldigung einer Nachlässigkeit schuldig gemacht zu haben. – – Doch ich bitte Dich, fortzufahren; denn ich bin auf den Ausgang begierig, ob ich gleich davor zittere.«

Somit nahm Madame Fitzpatrick ihre Erzählung wieder auf und fuhr fort: »Mein Gemahl unternahm jetzt eine zweite Reise nach England, auf der er über drei Monate zubrachte, während welcher Zeit ich zum größten Theil ein Leben führte, das mir nichts als der Gedanke an ein noch traurigeres erträglich erscheinen ließ; denn nie läßt sich ein geselliges Gemüth wie das meinige mit gänzlicher Einsamkeit aussöhnen, außer wenn diese uns einer Gesellschaft überhebt, die uns verhaßt ist. Was die erbarmungswürdige Lage mir noch empfindlicher machte, war der Verlust meines Kindes: nicht daß ich damit sagen will, ich hätte jene grenzenlose Zärtlichkeit für dasselbe gefühlt, deren ich wohl unter andern Umständen fähig gewesen sein möchte; aber ich hatte den Vorsatz, in jeder Hinsicht die Pflichten der zärtlichsten Mutter gegen dasselbe zu erfüllen, und diese Sorge ließ mich die Last meines Elends weniger schwer empfinden.

44 Ich war volle zehn Wochen fast ganz allein auf mich selbst beschränkt gewesen, hatte jene ganze Zeit über außer meinen Dienstleuten und einigen wenigen Besuchenden niemanden gesehen, als eine junge Dame, eine Verwandte meines Mannes, aus einem entfernten Theile Irlands zum Besuch ankam. Sie hatte früher einmal eine Woche in unserm Hause zugebracht und ich hatte sie damals dringend um eine Wiederholung ihres Besuchs gebeten; denn sie war eine sehr angenehme Person, deren vortreffliche natürliche Anlagen durch eine geeignete Erziehung noch sehr gewonnen hatten. Mit einem Worte, sie war mir ein höchst willkommener Gast.

»Nachdem sie einige Tage bei mir war und meine Niedergeschlagenheit bemerkt hatte, fing sie an, ohne nach deren Ursache zu fragen, weil sie dieselbe in der That recht wohl kannte, mir ihr Mitleid zu erkennen zu geben. Sie sagte, daß, wenn ich auch aus Rücksichten der Höflichkeit mich nicht gegen die Verwandten meines Gemahls über dessen Betragen beklagt hätte, sie doch alle schmerzlich davon berührt worden wären, am meisten aber sie selbst, auch machte sie mir endlich nach einigen allgemeinen Bemerkungen über diesen Gegenstand, denen ich meine Beistimmung nicht versagen konnte, unter dem Siegel der Verschwiegenheit die Mittheilung – daß sich mein Gemahl eine Maitresse hielt.

»Diese Nachricht, wirst Du vielleicht glauben, müsse ich mit der größten Gleichgiltigkeit aufgenommen haben. – Dann muß ich Dir aber auf mein Wort versichern, daß Du Dich sehr geirrt hast. Die Verachtung hatte den Haß gegen meinen Gemahl nicht so sehr verdrängt, daß er bei dieser Gelegenheit nicht hätte von Neuem wieder aufleben sollen. Was mag die Ursache davon sein? Sind wir so abscheulich selbstsüchtig, daß wir Andern den Besitz selbst desjenigen mißgönnen, was wir verachten? Oder sind wir 45 nicht vielmehr grenzenlos eitel, und ist dies nicht die größte Verletzung unserer Eitelkeit? Was meinst Du dazu, Sophie?«

»Ich weiß es wirklich nicht,« antwortete Sophie; »ich habe mich nie in dergleichen Betrachtungen vertieft; aber ich glaube, die Dame that sehr unrecht daran, Dir ein solches Geheimniß mitzutheilen.«

»Und dennoch, meine Liebe, finde ich das sehr natürlich,« entgegnete Madame Fitzpatrick; »und wenn Du so viel erfahren und gelesen hast als ich, so wirst Du mir darin Recht geben.«

»Ich bedaure zu hören, daß es natürlich ist,« erwiederte Sophie; »denn es bedarf weder der Lectüre noch der Erfahrung, mich zu überzeugen, daß es eben so wenig edel als liebreich ist: ja es zeugt nicht minder von Mangel an guter Erziehung, einem Gatten oder einer Gattin die Fehler des andern aufzudecken, als ihnen ihre eigenen vorzuhalten.«

»Wohlan,« erzählte Madame Fitzpatrick weiter, »mein Gemahl kehrte endlich zurück, und urtheile ich ganz richtig über meine Gefühle, so haßte ich ihn jetzt mehr als je; aber ich verachtete ihn um so viel weniger, denn wahrhaftig, nichts vermindert unsere Verachtung in dem Grade, als eine Verletzung unseres Stolzes oder unserer Eitelkeit.

»Er nahm jetzt ein von dem bisherigen so ganz verschiedenes und dem der ersten Woche unserer Ehe so nahe kommendes Betragen gegen mich an, daß, wäre mir nur ein Funken von Liebe übrig geblieben, derselbe vielleicht wieder zur Flamme geworden wäre. Allein wenn auch Haß an die Stelle der Verachtung treten und diese zurückdrängen kann, Liebe, glaube ich, kann es nicht. Die Wahrheit ist, die Leidenschaft der Liebe findet keine Befriedigung, wenn ihr diese nicht von dem geliebten Gegenstande 46 gegeben wird; und man kann eben so wenig für Liebe empfänglich sein ohne zu lieben, als Augen haben ohne zu sehen. Wenn daher ein Mann aufhört, der Gegenstand dieser Leidenschaft zu sein, so ist es höchst wahrscheinlich, daß irgend ein anderer – ich meine, liebe Sophie, wenn Dein Mann gleichgiltig gegen Dich wird – wenn es dahin kommt, daß Du ihn verachtest – – nämlich – das heißt, – wenn Du Liebe fühlst. – Mein Gott, ich habe mich so verwickelt – aber man kann bei solchen abstracten Betrachtungen leicht die Verkettung der Ideen verlieren, wie Locke sagt. – Kurz die Wahrheit ist – Kurz, kaum weiß ich, was sie ist; aber, wie gesagt, mein Gemahl kehrte zurück und ich war anfangs von seinem Betragen ganz überrascht; doch bald machte er mich mit der Ursache desselben bekannt und zeigte mir so, was ich davon zu halten hatte. Mit einem Worte also, er hatte mein ganzes baares Vermögen verwendet und verloren, und da er sein eigenes Gut nicht tiefer verpfänden konnte, so beabsichtigte er jetzt, sich die Mittel zu seinen Ausschweifungen durch den Verkauf eines mir zugehörigen kleinen Gutes zu verschaffen, was ohne meine Einwilligung nicht geschehen konnte; und diese zu erlangen war der ganze und der einzige Grund dieser Aenderung seines Betragens.

»Ich verweigerte meine Einwilligung auf das Bestimmteste. Ich sagte ihm offen und ehrlich, daß, hätte ich zu Anfang unsrer Ehe die Schätze Indiens besessen, dieselben zu seiner Verfügung gestanden hätten, denn es wäre stets ein Grundsatz von mir gewesen, daß ein Weib, wohin sie ihr Herz giebt, dahin auch ihr Vermögen niederlegen solle; aber da er schon längst so gefällig gewesen wäre, mich wiederum in den Besitz des ersteren einzusetzen, so wäre ich auch entschlossen, das Wenige, was mir von dem letzteren übrig geblieben, zu behalten.

47 »Ich will Dir von der leidenschaftlichen Hitze, in welche diese Worte und der entschiedene Ton, in dem sie gesprochen wurden, ihn versetzten, keine Schilderung entwerfen: auch will ich Dich nicht mit der ganzen Scene belästigen, welche darauf folgte. Es kam nämlich, wie Du Dir wohl denken kannst, die Geschichte von der Maitresse auf das Tapet, und zwar mit all den Ausschmückungen, die verhaltener Groll und stolze Verachtung nur hinzuzusetzen vermögen.

»Herr Fitzpatrick schien etwas bestürzt darüber und mehr verwirrt als ich ihn je gesehen hatte, obgleich seine Ideen, Gott weiß es, beständig verwirrt genug waren. Er machte gleichwohl keinen Versuch sich zu entschuldigen, sondern schlug eine Methode an, die mich fast in gleiche Verlegenheit brachte. Was konnte dies anderes sein als Gegenbeschuldigung! Er stellte sich eifersüchtig: – er mag vielleicht, denn was weiß ich, vermöge seiner Gemüthsart zur Eifersucht geneigt sein; ja sie mußte in seiner Natur liegen, oder der Teufel hatte sie ihm in den Kopf gesetzt; denn ich fordere die ganze Welt auf, mir einen Flecken meines Charakters nachzuweisen, wenn sie es mit Recht kann; ja die schmähsüchtigsten Zungen haben nie meinen Ruf tadeln dürfen. Dieser ist, Gott sei Dank, stets so fleckenlos gewesen, wie mein Leben; und die Lüge selbst darf es nicht wagen ihn anzutasten. Nein, so viel Kränkung, Mißhandlung und Unrecht mir auch für meine Liebe geworden ist, so habe ich doch fest beschlossen, nicht dem geringsten Vorwurf in dieser Beziehung Raum zu geben. – Und dennoch, meine Theure, giebt es so boshafte Menschen, so giftige Zungen, daß keine Unschuld vor ihnen sicher ist. Das gleichgiltigste Wort, der nichtssagendste Blick, die geringste Vertraulichkeit, die unschuldigste Freiheit wird von ihnen gemißdeutet und zu, wer weiß, welcher Wichtigkeit und 48 Bedeutung erhoben. Aber ich verachte solche Verläumder, ich verachte sie. Keine solche Bosheit, das versichere ich Dich, hat mir jemals einen unruhigen Augenblick verursacht. Nein, nein, das kannst Du mir glauben, darüber bin ich hinaus. – Aber wo war ich? Laß sehen; ich sagte Dir, daß mein Gemahl eifersüchtig war. – Und auf wen, bitte ich Dich? – Nun auf wen anders als aus den Lieutenant, von dem ich Dir vorhin erzählt habe! Er sah sich genöthigt auf ein Jahr und darüber zurückzugehen, um einen Gegenstand für diese unerklärliche Leidenschaft zu finden, wenn er überhaupt dieselbe wirklich empfand und sie nicht etwa blos vorgab, um mich zu kränken.

»Aber ich habe Dich bereits mit zu vielen Einzelheiten gelangweilt. Ich will meine Erzählung nun rasch zu Ende bringen. Kurz, als Fitzpatrick, nach verschiedenen Scenen, die ich der Wiederholung nicht werth halte und in denen meine Cousine mit solcher Wärme meine Partie nahm, daß er sie aus dem Hause verwies, zu der Ueberzeugung gelangte, daß ich mich weder durch sanfte Ueberredung noch durch Einschüchterung zur Einwilligung bewegen ließ, so nahm er seine Zuflucht zu Zwangsmaßregeln. Vielleicht glaubst Du, er habe mich geschlagen; allein das hat er, obschon er sehr nahe daran gewesen war, niemals gethan. Er schloß mich in mein Zimmer ein, ohne mir Feder, Tinte, Papier oder ein Buch zukommen zu lassen, und ein Dienstmädchen machte mir jeden Tag mein Bett und brachte mir meine Nahrung.

»Als ich eine Woche in dieser Gefangenschaft geschmachtet hatte, machte er mir einen Besuch und fragte mich mit der Stimme eines Schulmeisters, oder was oft ganz dasselbe ist, eines Tyrannen, ob ich noch nicht einwilligen wolle. Ich antwortete mit großer Festigkeit, eher wollte ich sterben. 49 – So sollst Du es auch und verdammt sein, rief er, denn lebendig sollst Du nie aus diesem Zimmer kommen.

»Es vergingen wiederum vierzehn Tage; und, die Wahrheit zu sagen, meine Standhaftigkeit war beinahe überwunden und ich fing an an Unterwerfung zu denken, als sich eines Tages in der Abwesenheit meines Gemahls, der sich auf eine kurze Zeit auswärts befand, zu meinem größten Glücke ein Zufall ereignete. Ich – gerade als ich der Verzweiflung nahe war – zu einer solchen Zeit würde alles zu entschuldigen sein – damals erhielt ich – – doch es würde eine Stunde dazu erforderlich sein, wollte ich Dir alle einzelnen Umstände mittheilen. – Mit einem Worte also (denn ich will Dir damit nicht beschwerlich fallen), Gold, der Schlüssel aller Schlösser, öffnete meine Thür und setzte mich in Freiheit.

»Ich eilte nun nach Dublin, von wo ich sogleich meine Ueberfahrt nach England bewerkstelligte, und beabsichtigte, nach Bath zu gehen, um mich in den Schutz meiner Tante oder Deines Vaters, oder irgend eines Verwandten, der ihn mir bieten würde, zu begeben. Mein Gemahl holte mich in der letzten Nacht, in dem Gasthofe, den ich bewohnte, und den Du wenige Minuten vor mir verließest, ein; aber ich war so glücklich, ihm zu entwischen und Dich zu treffen.

»Und damit, meine Theure, endet meine Geschichte; für mich ist sie wahrhaftig traurig genug; Dich freilich wird sie gelangweilt haben.«

Sophie seufzte tief und antwortete. »In der That, Henriette, ich bedaure Dich von ganzer Seele. – Aber was konntest Du anderes erwarten? Wie konntest Du auch einen Irländer heirathen?«

»Auf mein Wort,« versetzte ihre Cousine, »Dein Tadel ist ungerecht. Es giebt unter den Irländern eben so brave 50 und ehrenhafte Männer als unter den Engländern; ja, wenn ich die Wahrheit sagen soll, Edelmuth ist ein noch allgemeinerer Zug derselben. Ich habe auch von guten Ehemännern dort Beispiele kennen gelernt; und ich glaube, diese sind in England nicht sehr häufig. Frage mich lieber, was ich erwarten konnte, da ich einen albernen Thoren heirathete; und ich will Dir die volle Wahrheit sagen; ich wußte nicht, daß er das war.« – »Meinst Du,« fragte Sophie mit sehr schwacher und veränderter Stimme, »daß kein Mann, der nicht ein alberner Thor ist, ein schlechter Gatte sein könne?« – »Dies,« erwiederte die andere, »wäre eine zu allgemeine Verneinung; aber von keinem wird es wahrscheinlicher sein, als von einem Schwachkopfe. So weit meine Bekanntschaft reicht, waren die simpelsten Männer immer die schlechtesten Gatten, und ich wage es, die Behauptung als eine Thatsache aufzustellen, daß ein Mann von gesundem und scharfem Verstande einem Weibe selten eine sehr schlechte Behandlung zu Theil werden lassen wird, wenn sie eine gute verdient.

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