Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Henry Fielding >

Die Geschichte des Tom Jones / Theil IV

Henry Fielding: Die Geschichte des Tom Jones / Theil IV - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Geschichte des Tom Jones / Theil IV
authorHenry Fielding
year1848
firstpub1749
translatorDr. A. Diezmann
publisherGeorg Westermann
addressBraunschweig
titleDie Geschichte des Tom Jones / Theil IV
pages227
created20080612
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Sechstes Kapitel.

In welchem Sophie durch den Irrthum des Wirths in außerordentliche Bestürzung versetzt wird.

Madame Fitzpatrick war eben im Begriff, in ihrer Erzählung weiter fortzufahren, als sie durch das Auftragen 35 des Mittagessens unterbrochen wurde, und zwar zum großen Leidwesen Sophiens, welcher das Unglück ihrer Freundin so sehr zu Herzen gegangen war, daß sie kein anderes Bedürfniß fühlte, als die Befriedigung ihrer Neugierde durch den ferneren Bericht der Madame Fitzpatrick.

Der Wirth erschien jetzt mit einem Teller unter dem Arme und mit eben so viel Respect in Miene und Haltung, als er gezeigt haben würde, wenn die Damen in einem Wagen mit Sechsen angekommen gewesen wären.

Die verheirathete Dame schien weniger von ihrem Unglück ergriffen als ihre Cousine; denn die erstere ließ es sich trefflich schmecken, während die letztere kaum einen Bissen anrührte. So sah man auch die Bekümmerniß Sophien mehr an als der andern Dame, die, sobald sie dies auf ihrem Gesicht wahrnahm, jene ruhig zu sein bat, indem sie sagte: »Vielleicht kommt alles besser, als wir es beide erwarten.«

Unser Wirth hielt diese Gelegenheit für passend, seinen Mund zu öffnen. »Ich bedaure,« sprach er, »daß Ew. Gnaden nicht essen können; denn nach so langem Fasten müssen Sie doch gewiß hungrig sein. Ich hoffe, daß Ew. Gnaden sich durch nichts beunruhigt fühlen; denn, wie Madam so eben sagen, alles kann einen bessern Ausgang nehmen, als irgend jemand erwartet. Ein Herr, der so eben hier war, brachte die erfreulichsten Nachrichten; und vielleicht erreichen die Leutchen, welche den andern entwischt sind, London noch ehe sie eingeholt werden; und dann zweifle ich auch nicht, daß sie Viele finden werden, die sie mit offenen Armen aufnehmen.«

Jeder, der in der Furcht vor einer Gefahr schwebt, verwandelt, was er auch sehen oder hören möge, in den Gegenstand dieser Furcht. Sophie zog daher aus der obigen Anrede sogleich den Schluß, daß sie erkannt wäre und von 36 ihrem Vater verfolgt würde. Sie gerieth daher in die höchste Bestürzung und war einige Minuten lang ihrer Sprache nicht mächtig, bekam dieselbe indessen bald wieder, um den Wirth zu bitten, daß er seine Leute hinausgehen hieß, und dann zu ihm zu sagen: »Ich sehe, daß Sie wissen, was wir sind; aber ich flehe Sie an – nein, ich bin überzeugt, wenn Sie einiges Mitleid fühlen, wenn Sie ein Herz haben, werden Sie uns nicht verrathen.«

»Ich Ew. Gnaden verrathen!« sagte der Wirth; »nein (und das beschwor er hoch und theuer), eher wollte ich mich in zehntausend Stücken zusammenhauen lassen. Ich hasse alle Verrätherei. Ich! ich habe noch nie in meinem Leben einen Menschen verrathen, und so viel ist gewiß, daß ich mit einer so liebreichen Dame, wie Ew. Gnaden, nicht den Anfang machen werde. Alle Welt würde mir es sehr verargen wenn ich es thäte, da es in Kurzem in Ew. Gnaden Macht stehen wird, mich zu belohnen. Meine Frau kann mir es bezeugen, daß ich Ew. Gnaden den Augenblick erkannt habe, wie Sie in das Haus traten: ich sagte, daß Ew. Gnaden es wären, ehe ich Ihnen noch vom Pferde half, und ich werde die Beulen, die ich in Ew. Gnaden Dienste erhalten habe, mit ins Grab nehmen; aber was ist das dagegen, daß ich Ew. Gnaden gerettet habe? Allerdings würde heut Morgen mancher gedacht haben, eine Belohnung zu gewinnen; aber ein solcher Gedanke kam mir nie in den Kopf. Lieber wollte ich Hungers sterben, als eine Belohnung damit verdienen, daß ich Ew. Gnaden verriethe.«

»Ich verspreche Ihnen,« sagte Sophie, »daß Ihnen, wenn es jemals in meiner Macht stehen sollte, Sie zu belohnen, Ihre Großmuth nicht zum Schaden gereichen soll.«

»Ach, daß Gott, Madame!« entgegnete der Wirth, »in Ew. Gnaden Macht! Der Himmel gebe, daß es eben so 37 leicht in Ew. Gnaden Willen stehen möge. Ich fürchte, Ew. Gnaden werden so einen armen Mann, wie ein Gastwirth einer ist, vergessen; aber wenn es nicht wäre, so hoffe ich, Ew. Gnaden werden sich erinnern, welche Belohnung ich ausschlug.– ausschlug! das heißt, ausgeschlagen haben würde, was das nämliche ist; denn ich hätte sie gewiß haben können; und wahrhaftig, Sie hätten nicht in manchem Hause sein dürfen; – aber ich für meinen Theil möchte, glaube ich, um alles in der Welt nicht, daß Sie so arg von mir dächten, als wäre mir jemals in den Gedanken gekommen, Sie zu verrathen, zumal ehe ich noch die guten Nachrichten gehört hatte.«

»Was für Nachrichten, bitte?« fragte Sophie etwas ungeduldig.

»Haben Ew. Gnaden also nichts davon gehört?« rief der Wirth; »doch nein, schwerlich: denn ich hörte es erst vor wenigen Minuten; und wenn ich es nie gehört hätte, soll mich der Teufel diesen Augenblick holen, ich hätte Ew. Gnaden nicht verrathen, nein, so gewiß als mich« – hier ließ er noch verschiedene gräßliche Flüche folgen, die Sophie endlich durch die Bitte unterbrach, ihr doch die Nachrichten mitzutheilen, von denen er gesprochen hatte. Er wollte eben antworten, als Mamsell Honour ganz bleich und außer Athem in das Zimmer gelaufen kam und ausrief: »Fräulein, wir sind alle verloren, alle ruinirt! sie sind da, sie sind da!« Diese Worte machten Sophien fast starr vor Schrecken; aber Madame Fitzpatrick fragte Honour, wer denn da sei? – »Wer,« antwortete sie, »nun die Franzosen; mehrere hunderttausend sind gelandet und wir werden alle ermordet und entehrt werden.«

Wie ein Armer, der in einer wohlgebauten Stadt eine elende Hütte besitzt, wenn er in einiger Entfernung davon durch Feuerlärm erschreckt wird, erblaßt und vor Angst 38 zittert; aber wenn er findet, daß nur die schönen Paläste niedergebrannt sind und seine Hütte verschont ist, sogleich zu sich selbst kommt und über sein Glück lächelt. oder wie (denn an dem vorigen Gleichnisse ist etwas, das uns nicht gefällt) eine zärtliche Mutter, wenn sie die Schreckensnachricht erhält, ihr geliebtes Kind sei ertrunken, vor Bestürzung alle Besinnung verliert und fast des Todes ist: aber wenn sie hört, ihr kleiner Liebling sei gerettet und die Victoria blos mit zwölfhundert Mann am Bord untergegangen, wieder auflebt, ihr Mutterherz, aller Furcht plötzlich entlastet, freudig schlägt und die allgemeine Menschenliebe, die sich zu anderer Zeit bei einer so schrecklichen Katastrophe lebendig geregt haben würde, tief in ihrem Busen schläft.

So fühlte sich Sophie, der mehr als irgend jemandem die allgemeine Calamität des Landes zu Herzen gegangen sein würde, als sie die Nichtigkeit ihrer Befürchtung, von ihrem Vater eingeholt worden zu sein, erkannte, mit einem Male dergestalt erleichtert und beruhigt, daß die Ankunft der Franzosen kaum den geringsten Eindruck auf sie machte. Sie schalt ihr Mädchen mit sanften Worten, daß sie ihr einen solchen Schrecken eingejagt habe und sagte: »Ich bin froh, daß es nichts Schlimmeres ist; denn ich fürchtete, es wäre jemand anderes angekommen.«

»Ja, ja,« meinte der Wirth lächelnd, »Ihre Gnaden kennen die Sachen besser; Sie wissen, daß die Franzosen gerade unsere besten Freunde sind, und daß sie nur zu unserm Besten hierherkommen. Sie sind es, die Altengland wieder aufhelfen sollen. Ich wette, Ew. Gnaden dachten, der Herzog wäre da; und das war Grund genug, Sie in Schrecken zu setzen. Ich wollte eben Ew. Gnaden die Nachricht mittheilen. – Sr. Gnaden Majestät, Gott möge sie segnen, ist dem Herzoge entwischt und marschirt gerade 39 auf London los, und zehntausend Franzosen sind gelandet, um sich unterwegs mit ihnen zu vereinigen.«

Sophie fand kein sonderliches Behagen an diesen Neuigkeiten, eben so wenig an dem Manne, der sie berichtete; aber da sie noch immer glaubte, er kenne sie (denn es war nicht wohl möglich, daß sie von der eigentlichen Wahrheit eine Ahnung haben konnte), so durfte sie ihm davon nichts merken lassen. Der Wirth legte jetzt das Tischtuch zusammen und entfernte sich, wiederholte jedoch zuvor noch verschiedene Male die Hoffnung, daß er in Zukunft nicht werde vergessen werden.

Sophien war durchaus nicht wohl zu Muthe bei dem Gedanken, in diesem Hause gekannt zu sein; denn sie bezog noch immer vieles auf sich, was der Wirth an Jenny Cameron gerichtet hatte; sie trug daher ihrem Kammermädchen auf, bei ihm nachzuforschen, wodurch er zu der Bekanntschaft mit ihrer Person gelangt sei, und wer ihm eine Belohnung für den an ihr zu begehenden Verrath angeboten habe; auch befahl sie, daß die Pferde früh um vier Uhr bereit gehalten werden sollten, zu welcher Stunde Madame Fitzpatrick ihr ihre Begleitung zugesagt hatte; und nun suchte sie sich so gut als möglich zu beruhigen und bat ihre Cousine, in ihrer Erzählung fortzufahren.

 << Kapitel 5  Kapitel 7 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.