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Die Geschichte des Tom Jones / Theil IV

Henry Fielding: Die Geschichte des Tom Jones / Theil IV - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Geschichte des Tom Jones / Theil IV
authorHenry Fielding
year1848
firstpub1749
translatorDr. A. Diezmann
publisherGeorg Westermann
addressBraunschweig
titleDie Geschichte des Tom Jones / Theil IV
pages227
created20080612
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Fünftes Kapitel.

In welchem Madame Fitzpatrick ihre Erzählung fortsetzt.

»Wir hielten uns nach unsrer Verheirathung nicht länger als vierzehn Tage in Bath auf: denn zu einer Versöhnung mit meiner Tante war keine Aussicht vorhanden, und von meinem Vermögen konnte, da ich meine Volljährigkeit nicht erlangt hatte, an welcher über zwei Jahre fehlten, noch nichts erhoben werden. Mein Gemahl hatte daher beschlossen, nach Irland zu gehen, wogegen ich sehr ernstlich protestirte, indem ich mich auf ein Versprechen verließ, das er mir vor unserer Verheirathung gethan hatte und das darin bestand, mich nie gegen meinen Willen zu dieser Reise veranlassen zu wollen; und in der That war es meine Absicht, nie darein zu willigen, und niemand, glaube ich, wird mich darum verdenken; aber davon erwähnte ich gleichwohl nichts gegen meinen Gatten, sondern bat blos um einen Monat Aufschub; allein er hatte den Tag festgesetzt, und er beharrte an diesem Tage unbeugsam bei seinem Vorsatze.

»Den Abend vor unserer Abreise, als wir uns mit großer Heftigkeit über diesen Punkt stritten, stand er mit einemmale von seinem Stuhle auf und verließ mich eben so plötzlich, indem er sagte, er ginge in die Gesellschaftszimmer. Er war kaum hinaus, als ich am Fußboden ein Papier liegen sah, das er wahrscheinlich mit dem Taschentuche unversehens aus der Tasche gezogen hatte. Ich hob es auf, und da es ein Brief war, so nahm ich keinen Anstand, ihn zu öffnen und zu lesen; und ich habe ihn 29 wirklich so oft gelesen, daß ich Dir ihn fast Wort für Wort wiederholen kann. Der Brief war folgender:

An Herrn Brian Fitzpatrick.

»Mein Herr!

»Zum Empfange Ihres Geehrten mich bekennend, bin ich erstaunt, daß Sie so an mir handeln, da ich noch nie Geld von Ihnen gesehen habe, außer für einen einzigen Rock von Halbtuch, und Ihre Rechnung beläuft sich nun auf mehr als 150 Pf. St. Bedenken Sie, wie oft Sie mich mit der Vertröstung hingehalten haben, Sie würden sich in Kurzem mit der oder jener Dame verheirathen; aber ich kann weder von Hoffnungen noch von Versprechungen leben, und den Tuchhändler kann ich davon auch nicht bezahlen. Jetzt sagen Sie mir, eine, die Tante oder die Nichte, wäre Ihnen gewiß, und die Tante, deren Witthum unermeßlich wäre, hätten Sie schon heirathen können, aber jetzt zögen Sie die Nichte vor, wegen ihres baaren Geldes. Ich bitte Sie, folgen Sie einmal dem Rathe eines Narren und heirathen Sie die erste, die Sie bekommen können. Sie werden mir verzeihen, daß ich Ihnen einen Rath gebe, aber Sie wissen, wie aufrichtig ich Ihr Bestes wünsche. Ich werde per nächste Post auf Sie ziehen, Ordre Herrn John Drugget und Comp., zahlbar vierzehn Tage dato, was Sie ohne Zweifel honoriren werden, und somit bin ich

»Ihr
ergebener Diener,
Sam. Cosgrave.«
       

»So lautete der Brief Wort für Wort. Denke Dir nun, Theure, denke Dir, welchen Eindruck dies auf mich machen mußte! »Jetzt zögen Sie die Nichte vor, wegen ihres baaren Geldes!« Wäre jedes dieser Worte ein Dolch gewesen, ich hätte sie ihm mit wahrem Vergnügen in das 30 Herz bohren können; aber ich will nichts davon erzählen, wie unsinnig ich mich damals geberdete. Meine Thränen waren noch vor seiner Wiederkehr so ziemlich erschöpft, doch waren noch hinreichende Spuren derselben in meinen rothgeweinten Augen sichtbar. Er warf sich ungestüm in einen Stuhl, und eine lange Zeit schwiegen wir beide still. Endlich sagte er in einem hochfahrenden Tone, ich hoffe, Madame, daß Ihre Leute alle Ihre Sachen eingepackt haben; denn der Wagen wird früh um sechs Uhr da sein. Meine Geduld war durch diese Herausforderung gänzlich überwältigt und ich antwortete: Nein, dieser Brief da ist noch uneingepackt, wobei ich denselben auf den Tisch warf und in die bittersten Vorwürfe, die ich nur ersinnen konnte, ausbrach.

»Ob Schuld, ob Schaam oder Klugheit ihn in Schranken hielten, kann ich nicht sagen; aber trotzdem, daß er der leidenschaftlichste Mensch ist, wußte er doch seine Wuth damals zu zügeln. Er gab sich im Gegentheil Mühe, mich durch die gewinnendsten Mittel zu beruhigen. Er schwur, der Ausdruck in dem Briefe, worauf ich vorzüglich hindeutete, wäre nicht der seinige, auch hätte er niemals so etwas geschrieben. Er gestand allerdings ein, seiner Heirath und des mir gegebenen Vorzugs erwähnt zu haben, leugnete aber unter vielen Schwüren, einen solchen Grund dafür angegeben zu haben. Und er entschuldigte seine Erwähnung eines solchen Gegenstandes überhaupt damit, daß er in Geldverlegenheit gewesen wäre, als deren Grund er die durch seine zu lange Abwesenheit herbeigeführte Vernachlässigung seines Landgutes in Irland anführte. Dies mir zu entdecken, sagte er, hätte er nicht über sich gewinnen können, und darum allein habe er so fest auf unsrer Reise bestanden. Er wählte nun die zärtlichsten Ausdrücke und überhäufte mich endlich mit Liebkosungen und den wärmsten Versicherungen seiner Liebe.

31 »Ein Umstand war bei der Sache, der, obgleich er sich nicht darauf berief, bei mir sehr zu seinen Gunsten sprach, und das war das Wort Witthum in des Schneiders Briefe. Meine Tante ist aber doch nie verheirathet gewesen, und Herrn Fitzpatrick war das nicht unbekannt. Da ich mir also dachte, der Mann müsse das aus seinem eigenen Kopfe oder vom Hörensagen hinzugesetzt haben, so überredete ich mich, er könne es wohl ebenfalls mit jener verhaßten Zeile auf dieselbe Autorität hin versucht haben. Was für Schlüsse waren das nicht, liebe Sophie? war ich nicht eher ein Vertheidiger als ein Richter? Aber warum erwähne ich auch nur eines solchen Umstandes oder berufe mich auf ihn zur Rechtfertigung meiner Verzeihung? Denn hätte er auch zehnmal so viel Schuld auf sich gehabt und mir nur halb so viel Zärtlichkeit bewiesen, ich würde ihm doch verziehen haben. Ich machte nun keine Einwendungen weiter gegen unsere Reise, die wir am nächsten Morgen antraten und in wenig mehr als einer Woche beendet hatten, wo wir auf Fitzpatricks Landsitze eintrafen.

»Deine Neugierde wird mich entschuldigen, wenn ich Einiges, das sich auf unsrer Reise zutrug, aus meiner Erzählung ausschließe: denn es würde mir wirklich sehr lästig werden, Dir die ganze Reisebeschreibung zu geben, und Du würdest Dich eben so wenig daran ergötzen.

»Dieses Landhaus also ist ein altes Gebäude, das ich Dir, hätte ich noch jene alte Laune, in der Du mich so oft gesehen hast, lächerlich genug schildern könnte. Es sah aus als wäre es einstmals von einem Herrn bewohnt gewesen. Raum umfaßte es genug, um desto mehr, als es an Möbeln mangelte. Ein altes Weib, wohl eben so alt, wie das Haus, empfing uns vor der Thür und hieß mit einem, kaum einer menschlichen Stimme ähnlichen und mir unverständlichen Geheul ihren Herrn willkommen. Mit einem 32 Worte, die ganze Scene war so düster und traurig, daß mir aller Muth sank; und anstatt ihn wieder zu erheben, vermehrte mein Gemahl vielmehr meine Niedergeschlagenheit durch einige boshafte Bemerkungen. Es giebt, sagte er, wie Du siehst, außerhalb England auch noch gute Häuser; aber vielleicht wärst Du lieber in einer schmuzigen Wohnung zu Bath gewesen.

»Glücklich, liebe Sophie, ist das Weib, das in allen Verhältnissen des Lebens einen guten Gatten zur Seite hat; doch warum denke ich an glückliche Umstände, die mir mein Elend nur noch drückender machen? Mein Gatte, weit entfernt, diese düstere Einsamkeit aufzuheitern, überzeugte mich bald, daß ich an jedem Orte und unter allen Umständen, unglücklich mit ihm gewesen sein müßte. Er war ein grämlicher Mensch, ein Charakter, wie er Dir vielleicht noch nie vorgekommen ist; denn Frauen bekommen ihn wirklich nur an Vätern, Brüdern oder Gatten zu sehen; und Dein Vater hat diesen Charakter nicht. Der Murrkopf war mir früherhin gerade als das Gegentheil von dem erschienen, was er jetzt war, und so auch allen andern. Guter Gott! wie ist es einem Manne nur möglich, mit seinem Betragen auswärts und in Gesellschaft beständig zu lügen und sich damit zu begnügen nur zu Hause in seiner unangenehmen Wahrheit zu erscheinen? Hier, scheint es, suchen sie sich für den lästigen Zwang zu entschädigen, den sie in Gesellschaft ihren Launen anlegen; denn ich habe die Bemerkung gemacht, daß mein Gemahl, je heiterer und fröhlicher gestimmt er jedes Mal in Gesellschaft gewesen, desto unfreundlicher und mürrischer zu mir zurückkehrte. Wie soll ich seine Grausamkeit schildern? Gegen meine Zärtlichkeit war er kalt und unempfindlich. Meine scherzhaften Einfälle, die Du, meine Sophie, und Andere so angenehm nanntet, wies er mit Verachtung 33 zurück. War ich ernst gestimmt, so sang und pfiff er; und wenn ich niedergeschlagen und trostlos war, so ward er ärgerlich und schmähete mich; denn obgleich ihm meine gute Laune nie recht war und er sie nicht meiner Zufriedenheit mit ihm zuschrieb, so beleidigte ihn gleichwohl stets meine trübe Stimmung, und er sah darin das Gefühl der Reue, einen Irländer (wie er sich ausdrückte) geheirathet zu haben.

»Du wirst leicht begreifen, meine liebe Altklug (verzeihe mir, ich vergaß mich wirklich), daß, wenn ein Frauenzimmer im Sinne der Welt eine unkluge Heirath schließt, das heißt, wenn sie nicht so erbärmlich ist, sich von pecuniären Interessen bestechen zu lassen, dieselbe nothwendig eine herzliche Zuneigung für ihren Mann haben müsse. Eben so leicht wirst Du glauben, daß diese Zuneigung unter Umständen vermindert werden könne; ja, ich sage Dir, Verachtung wird sie gänzlich ausrotten. Und Verachtung war es, was mich jetzt gegen meinen Gatten erfüllte, indem ich zu der Ueberzeugung gelangte, daß er – ich muß den Ausdruck brauchen – ein Erzdummkopf ist. Vielleicht wirst Dich wundern, daß ich diese Entdeckung so spät erst machte; aber Frauen suchen und finden tausend Entschuldigungen für die Geistarmuth derjenigen, die sie lieben: überdies, erlaube mir, dies zu bemerken, gehört ein geübter Scharfblick dazu, einen Thoren hinter der Maske geselligen Anstriches und guter Erziehung herauszufinden.

»Du kannst Dir leicht denken, daß mir, sobald ich meinen Gatten einmal verachtete, was, ich gestehe, sehr bald geschah, auch seine Gesellschaft unangenehm wurde, mit der er mir jedoch zu meinem Glücke sehr selten lästig fiel; denn unser Haus war jetzt auf das Eleganteste ausgestattet, unsere Keller reichlich versorgt und Hunde und Pferde die Menge vorhanden. Da nun mein Herr Gemahl seine Nachbarn sehr gastfreundschaftlich bewirthete, so stellten sich diese 34 auch sehr fleißig bei ihm ein, und Jagen und Trinken nahm so viel von seiner Zeit in Anspruch, daß nur ein kleiner Theil seiner Unterhaltung, das heißt, seiner übeln Laune auf mich kam.

»Glücklich würde ich mich geschätzt haben, wenn ich eben so leicht alle übrige unangenehme Gesellschaft hätte von mir fern halten können; aber ach! es gab eine solche, die mich nie verließ und die mich ohne Unterlaß quälte, um so mehr, als ich keine Aussicht vor mir sah, mich von derselben zu befreien. Diese Gesellschaft waren meine eigenen folternden Gedanken, die mir Tag und Nacht keine Ruhe gönnten. In dieser Gemüthsverfassung durchlebte ich eine Periode meines Lebens, deren Qualen sich weder beschreiben noch denken lassen. Stelle Dir es vor, meine Theure, wenn Du es kannst, was ich gelitten haben muß. Ich ward Mutter von dem Manne, den ich geringschätzte, den ich haßte und verabscheute. Alle Angst, alle Schmerzen habe ich durchgekämpft, die ein Kindbett in einer Einöde, oder vielmehr unter einem Gewühle von wildem Jubel und Toben, ohne einen freundlichen Beistand, oder ohne irgend eines jener angenehmen Verhältnisse, welche unter solchen Umständen oftmals die unserm Geschlecht zuertheilten Schmerzen lindern und vielleicht bisweilen mehr als aufwägen, nur immer mit sich bringen kann.«

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