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Die Geschichte des Tom Jones / Theil IV

Henry Fielding: Die Geschichte des Tom Jones / Theil IV - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Geschichte des Tom Jones / Theil IV
authorHenry Fielding
year1848
firstpub1749
translatorDr. A. Diezmann
publisherGeorg Westermann
addressBraunschweig
titleDie Geschichte des Tom Jones / Theil IV
pages227
created20080612
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Viertes Kapitel.

Die Geschichte der Madame Fitzpatrick.

Madame Fitzpatrick begann nach einer Pause von wenig Augenblicken und einem aus tiefer Brust herausgeholten Seufzer folgendermaßen:

»Es ist natürlich, daß der Unglückliche ein geheimes Interesse daran hat, sich in die Zeiten seines Lebens zurückzuversetzen, die für ihn die freudevollsten gewesen sind. Die Erinnerung an vergangene Freuden erfüllt uns mit einer Art wonniger Wehmuth, gleich der, mit welcher wir abgeschiedener Freunde gedenken, und die Vorstellungen von beiden lassen unsrer Einbildungskraft keine Ruhe.

»Deshalb denke ich auch nie ohne Kummer an jene Tage (die allerglücklichsten meines Lebens), die wir unter der Aufsicht der Tante Western mit einander zubrachten. Ach. warum sind Fräulein Altklug und Fräulein Flatterhaft nicht mehr? Gewiß erinnerst Du Dich noch der Zeit, wo wir uns unter keinem andern Namen kannten. Wahrhaftig, Du gabst mir jenen Namen mit nur zu vollem Rechte. Ich habe seitdem erfahren, wie sehr ich ihn verdiente. Du, meine Sophie, übertrafst mich in allen Dingen und ich wünsche von Herzen, daß dies auch rücksichtlich Deines Lebensglücks der Fall sein möge. Ich werde nie des klugen und verständigen Rathes vergessen, den Du mir einst gabst, als ich mich beklagte, weil meine Hoffnung auf einen Ball vereitelt worden war, obgleich du damals kaum vierzehn Jahre alt sein mochtest. – O, meine Sophie, wie glücklich muß meine Lage gewesen sein, da ich die Vereitlung 21 einer solchen Hoffnung für ein Unglück halten konnte, und da es in der That das größte war, das ich bis dahin erfahren hatte!«

»Und dennoch, liebe Henriette,« versetzte Sophie, »war es damals für Dich eine Sache von großer Wichtigkeit. Tröste Dich daher mit dem Gedanken, daß Dir das, was es auch immer sein möge, worüber Du jetzt zu klagen hast, vielleicht späterhin eben so unbedeutend und kleinlich erscheinen wird, als Dir jetzt ein Ball erscheinen würde.«

»Ach, Sophie!« entgegnete die andere Dame, »Du selbst wirst von meiner gegenwärtigen Lage anders denken: denn Dein gefühlvolles Herz müßte sich sehr geändert haben, wenn Dir mein Mißgeschick nicht manchen Seufzer, ja manche Thräne entlocken würde. Der Gedanke daran sollte mich fast abhalten, Dir das zu erzählen, was, wie ich überzeugt bin, Dich schmerzlich berühren wird.« Hier hielt Madame Fitzpatrick inne, bis sie auf Sophiens wiederholte Bitten folgendermaßen fortfuhr: –

»Obgleich Du vieles über meine Verheirathung gehört haben mußt, so will ich doch mit dem Anfange meiner unglücklichen Bekanntschaft mit meinem Gemahl beginnen. Diese entspann sich zu Bath, bald nachdem Du unsere Tante verlassen hattest und wieder zu Deinem Vater zurückgekehrt warst.

»Unter den lebenslustigen jungen Männern, welche sich in jener Saison zu Bath aufhielten, war auch ein Herr Fitzpatrick. Er war schön, ungezwungen in seinem Benehmen, ungemein artig und zeichnete sich hinsichtlich seiner Kleidung vor den meisten Andern vortheilhaft aus. Kurz, meine Theure, wenn das Unglück wollte, daß Du ihn jetzt sehen solltest, so könnte ich Dir ihn nicht besser schildern, als wenn ich sagte, daß er gerade das Gegentheil von dem war, was er ist; denn er ist so sehr verbauert, daß er in jeder 22 Beziehung ein wilder Irländer geworden ist. Doch daß ich in meiner Erzählung fortfahre; seine damaligen Eigenschaften empfahlen ihn so sehr, daß er, obgleich sich die höhern Stände damals von der übrigen Gesellschaft abgesondert hielten und dieselbe von allen ihren Partien ausschlossen, sich dennoch bei ihnen Zutritt zu verschaffen wußte. Es war vielleicht nicht so leicht, ihn abzuweisen; denn es bedurfte bei ihm nur einer entfernt so aussehenden Einladung, oder auch gar keiner; und so wie er es, als ein schöner und artiger Mann, nicht sehr schwer fand, sich bei den Damen beliebt zu machen, so hüteten sich die Männer, ihn öffentlich zu beleidigen, weil er schon häufig seinen Degen gezogen hatte. Wäre das nicht der Fall gewesen, er würde glaube ich, bald von ihnen ausgestoßen worden sein; denn er hatte bestimmt keinen gerechten Anspruch auf eine Aufnahme unter den dortigen englischen Adel geltend zu machen; auch schien ihm derselbe nicht besonders geneigt zu sein. Alle schimpften hinter seinem Rücken auf ihn, was wohl aus Neid geschehen mochte; denn bei den Damen war er wohl gelitten und er ward von ihnen ganz besonders ausgezeichnet.

»Meine Tante, obgleich selbst nicht von Adel, war dennoch, weil sie stets am Hofe gelebt hatte, in diesem Cirkel aufgenommen; denn auf welchem Wege man auch immer in denselben gelangt, ist man einmal darin, so ist es auch Verdienst genug, darin zu sein. Diese Beobachtung würdest Du, so jung Du auch warst, jedenfalls an der Tante haben machen müssen, denn ihr Benehmen gegen alle andere war entweder ungezwungen oder zurückhaltend, je nachdem sie dieses Verdienst in höherem oder geringerem Maße besaßen.

»Und diesem Verdienste, glaube ich, verdankte auch Fitzpatrick ihre Gunst, die ihm in so reichlichem Maße zu Theil wurde, daß er auch in ihren vertrautesten Cirkeln niemals 23 fehlte. Er erwiederte diese Aufmerksamkeiten und sein Betragen gegen sie ward bald so auffallend, daß der Lästerclub anfing Notiz davon zu nehmen und die besser Gesinnten von einer Heirath zwischen ihnen sprachen. Ich für meinen Theil, ich gestehe es, setzte keinen Zweifel in seine ehrlichen Absichten, wie man das nennt, nämlich eine Dame mittelst Heirath um ihr Vermögen zu bringen. Meine Tante war, das sah ich ein, weder jung noch schön genug, um noch niedrigere Neigungen zu erwecken; aber für eine Ehe hatte sie Reize in Ueberfluß.

»In dieser Ansicht bestärkte mich um so mehr die außerordentliche Aufmerksamkeit, die er von dem ersten Augenblicke unsrer Bekanntschaft an mir bewies. Dies erklärte ich mir so, als wollte er mich dadurch mit seiner Heirath, gegen die er mich vielleicht aus Interesse eingenommen glaubte, wo möglich in etwas versöhnen; und ich weiß es nicht, aber ich glaube wenigstens, daß sein Benehmen auch einigermaßen diesen Erfolg hatte; denn da ich mit meinem eigenen Vermögen völlig zufrieden war und nichts weniger als von eigennützigen Absichten beherrscht wurde, so konnte ich gegen einen Mann nicht sehr eingenommen sein, dessen Betragen mir ungemein gefiel, und zwar um so mehr, als ich der einzige Gegenstand solcher Auszeichnung war; denn gegen viele Damen von Stande beobachtete er gleichzeitig auch nicht die geringste Rücksicht.

»War mir dies schon angenehm, so war es eine gewisse Veränderung, die sich in seinem Betragen gegen mich bald wahrnehmen ließ, vielleicht noch mehr. Er nahm jetzt ein sanfteres und zärtlicheres Wesen an und schmachtete und seufzte unaufhörlich. Zu Zeiten, ob es affectirt oder natürlich war, will ich nicht entscheiden, überließ er sich zwar seiner gewohnten ausgelassenen Lustigkeit; allein dies war stets in öffentlicher Gesellschaft und anderen Damen 24 gegenüber der Fall; denn selbst in einem Contretanze, in dem er nicht mein Tänzer war, ward er ernst und nahm den zärtlichsten Blick an, so wie er in meine Nähe kam. Kurz er zeichnete mich in jeder Hinsicht so auffallend aus, daß ich hätte blind sein müssen, um es nicht zu bemerken. Und, und, und –« »Und das freute Dich noch mehr, liebe Henriette,« rief Sophie: »Du brauchst Dich dessen nicht zu schämen,« setzte sie seufzend hinzu; »denn wahrhaftig es liegen unwiderstehliche Reize in der Zärtlichkeit, die leider zu viele Männer zu erheucheln fähig sind.« – »Wohl wahr,« versetzte ihre Cousine, »Männer, denen es in jeder andern Beziehung an gemeinem Menschenverstande fehlt, sind wahre Machiavels in der Kunst zu lieben. Ich wünschte, es wäre mir kein Beispiel bekannt. – – Genug, die Lästerzungen fingen nun an sich eben so eifrig über mich herzumachen, als zuvor über meine Tante; und einige gute Damen nahmen keinen Anstand zu behaupten, daß Herr Fitzpatrick einen Liebeshandel mit uns beiden unterhielte.

»Aber was zum Verwundern scheinen mag, ist, daß meine Tante niemals bemerkte, oder nicht im Geringsten zu argwöhnen schien, was aus unser beider Betragen, meiner Meinung nach, deutlich genug ersichtlich war. Man möchte wirklich glauben, daß die Liebe die Augen einer alten Frau mit Blindheit schlüge. Denn wahrlich, sie verschlingen mit solcher Begierde die ihnen dargebrachten Huldigungen, daß sie, gleich einem unersättlichen Schlemmer, keine Muße finden zu beobachten, was am nämlichen Tische unter den Uebrigen vorgeht. Dies habe ich nicht blos in meinem Falle beobachtet, und es bestätigte sich bei meiner Tante in solchem Umfange, daß, obgleich sie uns bei ihrer Rückkehr vom Brunnen oft beisammen fand, die geringste, Ungeduld über ihre Abwesenheit ausdrückende Redensart von ihm in der That allen Verdacht zerstreute. Eine List 25 namentlich, deren er sich gegen sie bediente, gelang ihm ausnehmend. Er behandelte mich nämlich wie ein kleines Kind und nannte mich in ihrer Gegenwart nie anders als schönes Fräulein. Dies verletzte mich nun zwar ein wenig; allein ich durchschaute die Sache bald, vorzüglich da er mich in ihrer Abwesenheit, wie schon gesagt, ganz anders behandelte. Wenn mich nun aber auch ein Benehmen, dessen Zweck ich entdeckt hatte, nicht sehr beleidigte, so hatte ich dennoch schmerzlich darunter zu leiden; denn meine Tante nahm mich wirklich für das, wofür mich ihr Geliebter (denn dafür hielt sie ihn) scheinbar erklärte und behandelte mich in jeder Hinsicht ganz wie ein Kind. Fürwahr, ich wundere mich, daß sie nicht darauf gedrungen hat, mir wieder Gängelbänder anzulegen.

»Endlich hielt es mein Geliebter (denn das war er) für schicklich, mir in feierlichster Form ein Geheimniß zu offenbaren, das mir schon längst bekannt gewesen war. Er trug jetzt alle Liebe, die er meiner Tante vorgespiegelt hatte, auf mich über. Er beklagte sich in sehr rührenden Ausdrücken über ihr ermunterndes Entgegenkommen und rechnete sich die langweiligen Stunden, die er bei ihrer Unterhaltung zugebracht hatte, zum Verdienst an. – Was soll ich Dir nun sagen, meine theure Sophie? – Wohlan, ich will die Wahrheit gestehen. Mein Mann gefiel mir, und ich war erfreut über meine Eroberung. Mit meiner Tante zu rivalisiren ergötzte mich; mit so vielen andern Frauen zu rivalisiren bezauberte mich. Kurz, ich besorge, daß ich mich, gerade nach der ersten Erklärung nicht so benommen habe, als ich sollte. –

»Jetzt sprach man laut, ich möchte fast sagen, man schrie über mich. Mehrere junge Damen gaben sich den Schein, mich nicht zu kennen, weniger vielleicht aus einem reellen Argwohn, als um mich aus einer Gesellschaft zu 26 verbannen, in der ich ihren Liebling zu sehr an mich zog. Und hier kann ich nicht umhin, dankbar des Wohlwollens zu gedenken, das mir Herr Nash bewies, indem er mich eines Tages bei Seite nahm und mir einen Rath ertheilte, der, wenn ich ihn befolgt hätte, mir vieles Unglück erspart haben würde. Kind, sagte er, es thut mir leid zu sehen, daß ein so vertrautes Verhältniß zwischen Ihnen und einem Menschen stattfindet, der Ihrer durchaus unwürdig ist und, ich fürchte, Sie in's Verderben stürzen wird. Was Ihre alte häßliche Tante betrifft, so würde ich, wäre es nicht eine Ungerechtigkeit gegen Sie und meine liebliche Sophie Western (ich versichere Dich, daß ich seine Worte wiederhole) mich herzlich darüber freuen, daß sich der Mensch in Besitz aller ihrer Habseligkeiten setzte. Alten Frauenzimmern rathe ich nie: denn haben sie sich einmal in den Kopf gesetzt, zum Teufel zu gehen, so ist es eben so wenig mehr möglich, als der Mühe werth, sie davon abzuhalten. Unschuld und Jugend und Schönheit sind eines bessern Schicksals werth, und ich möchte sie gern vor seinen Klauen bewahren. Lassen Sie sich, liebes Kind, von mir rathen und dulden Sie es nie, daß dieser Mensch sich wieder Vertraulichkeiten gegen Sie erlaubt. – Er sagte mir noch vieles andere, was ich wieder vergessen habe, weil ich damals wirklich sehr wenig darauf achtete; denn meine Neigung widersprach allem, was er sagte; und überdies konnte ich mich nicht überreden, daß sich Frauen von Stande gegen einen Mann, wie er ihn mir schilderte, bis zu Vertraulichkeiten herablassen würden.

»Aber ich fürchte, meine Liebe, Dich durch eine ausführliche Beschreibung so vieler unbedeutender Umstände zu ermüden. Um daher kurz zu sein, stelle Dir mich verheirathet vor, stelle Dir mich und meinen Gemahl meiner Tante zu Füßen liegend vor, und dann stelle Dir vor das 27 verrückteste Weib in Bedlam in einem Wuthanfalle, und Deine Einbildungskraft wird Dir nicht mehr vorhalten, als was sich wirklich ereignete.

»Gleich den darauf folgenden Tag verließ meine Tante den Ort, theils um ein Zusammentreffen mit Fitzpatrick oder mir, theils auch wohl mit jedem andern zu vermeiden; denn, obgleich ich gehört habe, daß sie seitdem Alles standhaft geleugnet hat, so glaube ich doch, daß sie damals über ihre Täuschung ein wenig beschämt war. Nach dieser Zeit habe ich viele Briefe an sie geschrieben, aber nie eine Antwort erhalten können, was, ich muß es gestehen, um so kränkender ist, als sie es doch gerade war, die, wenn auch absichtslos, den Grund zu allen meinen Leiden legte: denn wäre es Fitzpatrick nicht unter dem Scheine, ihr den Hof zu machen, möglich geworden, er würde nie hinreichende Gelegenheit gefunden haben, mein Herz zu gewinnen, das, wie ich mir noch jetzt schmeichle, unter andern Verhältnissen für einen solchen Mann keine so leichte Eroberung gewesen sein würde. Ueberhaupt glaube ich, ich würde mich nicht so gröblich in meiner Wahl geirrt haben, wenn ich mich auf mein eigenes Urtheil verlassen hätte; aber ich vertraute in allen Stücken der Meinung Anderer und hielt das Verdienst eines Mannes thörichter Weise für ausgemacht, weil ich ihn bei den Frauen so allgemein wohl aufgenommen sah. Worin liegt der Grund, liebe Sophie, daß wir, die wir in Hinsicht auf Verstand den Klügsten und Erfahrensten des andern Geschlechts nicht nachstehen, in der Wahl unserer Gesellschafter und Günstlinge so oft auf die albernsten Männer fallen? Es erregt meinen Unwillen im höchsten Grade, wenn ich an die Menge vernünftiger Frauen denke, die durch Narren unglücklich geworden sind.« Hier hielt sie einen Augenblick inne; aber da Sophie 28 keine Antwort gab, so fuhr sie fort wie das nächste Kapitel berichtet.

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