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Die Geschichte des Tom Jones / Theil IV

Henry Fielding: Die Geschichte des Tom Jones / Theil IV - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Geschichte des Tom Jones / Theil IV
authorHenry Fielding
year1848
firstpub1749
translatorDr. A. Diezmann
publisherGeorg Westermann
addressBraunschweig
titleDie Geschichte des Tom Jones / Theil IV
pages227
created20080612
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zehntes Kapitel.

Ein Kapitel, das trotz seiner Kürze manchem Auge Thränen entlocken dürfte.

Herr Jones hatte sich eben angekleidet, um Lady Bellaston aufzuwarten, als Madame Miller an seine Thüre klopfte und, nachdem sie eingelassen worden war, ihn freundlich bat, unten in ihrer Wohnung den Thee in ihrer Gesellschaft einzunehmen.

Als er in das Zimmer eintrat, stellte sie ihm sogleich einen Mann vor, mit den Worten: »Dies, Herr Jones, ist mein Neffe, den Sie durch Ihre Güte so unendlich verpflichtet haben, wofür er Ihnen seinen aufrichtigsten Dank aussprechen will.«

Der Mann hatte kaum diese Rede, welche Madame Miller so artig eingeleitet, fortzusetzen begonnen, als beide, Jones und er, einander scharf anblickend, Zeichen des höchsten Erstaunens zu erkennen gaben. Der letztere fing an zu stammeln, und anstatt seine Anrede zu beenden, sank er in einen Stuhl und rief: »Es ist so, ich irre mich nicht, es ist so!«

»Mein Gott! was ist denn?« rief Madame Miller, »Sie sind doch nicht krank? Ein Glas Wasser! Augenblicklich ein Glas Wasser!«

»Aengstigen Sie Sich nicht, Madame,« redete ihr Jones 212 zu. Ich bedarf ein Glas Wasser fast eben so sehr als Ihr Neffe. Wir sind gleich sehr erstaunt über dieses unerwartete Zusammentreffen. Ihr Neffe ist ein Bekannter von mir, Madame Miller.«

»Ein Bekannter!« rief der Mann. – – »O Himmel!«

»Ja, ein Bekannter,« wiederholte Jones, »und ein ehrenwerther obendrein. Wenn ich den Mann, der Alles versucht, um sein Weib und seine Kinder vor dem nahen Verderben zu bewahren, nicht liebte und ehrte, dann wäre ich eines Freundes werth, der mich im Unglück verläugnete.«

»O Sie sind ein vortrefflicher junger Mann!« rief Madame Miller. – – »Ja, fürwahr, der arme Mann! er hat Alles versucht. – Hätte er nicht eine so feste Constitution, er würde es nicht überlebt haben.«

»Tante,« rief der Mann, der sich jetzt so ziemlich wieder erholt hatte, »dies ist der Engel vom Himmel, von dem ich sprach. Dies ist er, dem ich, ehe Sie kamen, die Erhaltung meiner Margarethe verdankte. Er war es, durch dessen Edelmuth ich in Stand gesetzt wurde, ihr jede Erquickung und Stärkung, deren sie bedurfte, zu gewähren. Wahrlich er ist der würdigste, bravste, edelste aller Menschen. O Tante, wenn Sie wüßten, was für Verbindlichkeiten ich gegen diesen Herrn habe!«

»Erwähnen Sie nichts von Verbindlichkeiten,« rief Jones schnell; »nicht ein Wort, ich dringe darauf, nicht ein Wort!« (womit er vermuthlich meinte, daß er nichts von dem Raubanfalle erwähnen sollte) – »Wenn ich durch die Kleinigkeit, die Sie von mir erhalten haben, eine ganze Familie vom Unglück rettete, so ward wahrlich nie eine Freude billiger erkauft.«

»Ach mein Herr!« rief der Mann, »ich wünschte, Sie könnten in diesem Augenblicke mein Haus sehen. 213 Hatte jemals irgend jemand ein Recht zu der Freude, die Sie erwähnen, so bin ich überzeugt sind Sie es. Meine Tante sagt mir, sie habe Ihnen die Noth, in der sie uns fand, geschildert. Dieser Noth, mein Herr, sind wir fast ganz überhoben, und vorzüglich durch Ihre Güte. – Meine Kinder haben jetzt ein Bett, – – und sie haben – sie haben – Gottes Segen möge es Ihnen lohnen – sie haben Brot zu essen. Mein kleiner Knabe ist genesen, mein Weib außer Gefahr, und ich bin glücklich. Das alles, alles verdanke ich Ihnen und meiner Tante hier, einer der besten Frauen. Wahrlich, mein Herr, ich muß Sie in meinem Hause sehen; ja, mein Weib muß Sie sehen und Ihnen danken. Auch meine Kinder müssen Ihnen ihren Dank ausdrücken. – In der That, mein Herr, sie fühlen wohl ihre Verpflichtung; aber was fühle ich, wenn ich bedenke, wem ich es verdanke, daß sie jetzt ihre Dankbarkeit aussprechen können! Ach! die kleinen Herzen, die Sie erwärmt haben, wären jetzt kalt wie Eis gewesen ohne Ihre Hülfe.«

Hier suchte Jones den armen Mann zu unterbrechen; aber gewiß würde das überfließende Herz desselben seinen Worten von selbst ein Ziel gesetzt haben. Und jetzt begann nun auch Madame Miller ihre Danksagungen, sowohl in ihrem eigenen Namen als in dem ihrer Nichte, auszusprechen und schloß endlich damit, »sie zweifle nicht, daß eine solche Güte einen herrlichen Lohn finden werde.«

Jones erwiederte, daß er schon hinreichend belohnt wäre. »Ihres Neffen Bericht,« sagte er, »hat mir eine größere Freude bereitet, als ich jemals gekannt habe. Der müßte ein Unmensch sein, der eine solche Erzählung ungerührt anhören könnte; wie entzückend muß also der Gedanke sein, zum glücklichen Ausgange dieser Scene mitgewirkt zu haben! Wenn es Menschen giebt, die das 214 beseligende Gefühl, andere glücklich zu machen, nicht kennen, so bemitleide ich sie aufrichtig, denn sie sind unfähig für den Genuß desjenigen, was meines Erachtens eine größere Ehre, ein höheres Interesse und eine süßere Freude gewährt als sie der Ehrgeizige oder der Wollüstling jemals erlangen kann.«

Da die Stunde des Rendezvous gekommen war, so sah sich Jones genöthigt, eilig aufzubrechen; zuvor jedoch schüttelte er seinem Freunde herzlich die Hand und äußerte den Wunsch, ihn recht bald wieder zu sehen, indem er versprach, daß er selbst die erste Gelegenheit ergreifen würde, ihn in seiner Wohnung zu besuchen. Er stieg dann in seinen Wagen und fuhr zu Lady Bellaston, höchlich erfreut über das Glück, das er über diese arme Familie gebracht hatte; auch konnte er sich schaudernd des Gedankens nicht erwehren, wie schrecklich die Folgen gewesen sein müßten, hätte er mehr auf die Stimme strenger Gerechtigkeit als auf die des Erbarmens gehört, als er auf der Straße angefallen wurde.

Madame Miller konnte des Lobens unseres Jones gar kein Ende finden den ganzen Abend hindurch, und Herr Anderson stimmte ihr, so lange er sich aufhielt, so freudig bei, daß er oft nahe daran war, jenes Raubanfalls zu erwähnen. Indessen sammelte er sich glücklicherweise wieder und vermied eine Unklugheit, die um so größer gewesen wäre, als er wußte, daß Madame Miller sehr streng und fest in ihren Grundsätzen war. Auch kannte er die Geschwätzigkeit dieser Dame sehr wohl, und gleichwohl war seine Dankbarkeit so groß, daß sie beinahe über die Klugheit und Schamhaftigkeit gesiegt und ihn bewogen hätte, lieber das zu veröffentlichen, was seinen eigenen Charakter schändete, als einen Umstand zu verschweigen, der seinem Wohlthäter alle Ehre machte.

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