Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Henry Fielding >

Die Geschichte des Tom Jones / Theil IV

Henry Fielding: Die Geschichte des Tom Jones / Theil IV - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Geschichte des Tom Jones / Theil IV
authorHenry Fielding
year1848
firstpub1749
translatorDr. A. Diezmann
publisherGeorg Westermann
addressBraunschweig
titleDie Geschichte des Tom Jones / Theil IV
pages227
created20080612
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

206 Neuntes Kapitel.

Handelt von ganz andern Dingen als das vorhergehende.

Den Abend sah Jones seine Dame wieder und es fand ein langes Gespräch zwischen ihnen statt; da es indessen über die nämlichen gewöhnlichen Dinge wie zuvor handelte, so unterlassen wir eine umständliche Mittheilung desselben, weil wir zweifeln, daß sie dem Leser angenehm sein werde, er müßte denn zu denen gehören, deren Verehrung gegen das schöne Geschlecht, gleich der der Katholiken gegen ihre Heiligen, der Bilder bedarf, um geweckt zu werden. Aber es liegt so sehr außer meiner Absicht, dem Publikum solche Gemälde darzubieten, daß ich lieber einen Vorhang über diejenigen ziehen möchte, die in der letzten Zeit in gewissen französischen Novellen mitgetheilt worden sind, von denen wir hier unter dem Namen Uebersetzungen wahre Sudeleien von Kopien erhalten haben.

Jones' Ungeduld Sophien zu sehen ward immer größer, und da er nach wiederholten Zusammenkünften mit Lady Bellaston keine Wahrscheinlichkeit sah, daß ihm dieser Wunsch werde durch ihre Vermittelung erfüllt werden (denn im Gegentheil fing sie an über die blose Nennung des Namens Sophie ungehalten zu werden), so beschloß er, einen andern Plan zu versuchen. Er zweifelte nicht daran, daß Lady Bellaston wisse, wo sein Engel sei; und darum hielt er es für höchst wahrscheinlich, daß einige ihrer Leute gleichfalls um dieses Geheimniß wissen möchten. Partridge wurde daher beauftragt, sich mit den Dienstleuten der Lady bekannt zu machen, um ihnen dasselbe abzulocken.

Selten kann wohl eine Lage schwieriger gedacht werden, 207 als die, worin sich sein armer Herr damals befand, denn außer der Befürchtung, sich Sophien mißfällig gemacht zu haben, so wie der von Lady Bellaston erhaltenen Versicherung, daß sie sich entschieden gegen ihn erklärt und absichtlich vor ihm verborgen habe, was für wahr zu halten er hinreichenden Grund hatte, war noch eine andere Schwierigkeit zu besiegen, deren Bezwingung nicht in der Macht seiner Geliebten stand, wie günstig ihm auch ihre Stimmung sein mochte. Diese war, daß er sie der Gefahr aussetzte, um ihr ganzes väterliches Erbtheil zu kommen, was eine fast unvermeidliche Folge ihrer Verbindung ohne des Vaters Einwilligung, welche nie zu hoffen stand, sein mußte.

Dazu kamen die vielen Verpflichtungen, die er sich von Lady Bellaston, deren heftige Leidenschaft wir nicht länger verhehlen können, auferlegt sah, so daß er durch ihre Freigebigkeit jetzt einer der best gekleideten Männer in der Stadt und nicht allein jenen lächerlichen Verlegenheiten, deren wir vorhin gedacht haben, enthoben, sondern wirklich in einen Zustand ihm bisher unbekannten Ueberflusses versetzt war.

Ob es nun gleich viele Herren giebt, die es mit ihrem Gewissen sehr wohl verträglich finden, daß sie über das ganze Vermögen einer Frau gebieten, ohne ihr irgend eine Vergeltung angedeihen zu lassen; so ist doch für einen Mann, dessen Denkart nicht so beschaffen ist, daß er gehängt zu werden verdient, so viel ich glaube, nichts drückender als Liebe mit bloser Dankbarkeit zu vergelten; namentlich wo die Neigung das Herz nach einer entgegengesetzten Richtung treibt. Dies war nun leider Jones' Fall; denn wenn auch die tugendhafte Liebe, die er zu Sophien hatte, und die für andere Frauen sehr wenig Raum in seinem Herzen übrig ließ, gar nicht in Frage 208 gekommen wäre, so würde er die edle Leidenschaft dieser Dame, welche wirklich einst ein Gegenstand des Verlangens gewesen war, doch nicht in gleichem Grade haben erwiedern können, weil sie jetzt in den Herbst des Lebens eingetreten war, obwohl sie sich noch durch all die Munterkeit der Jugend, sowohl in Kleidung wie in Manieren, auszeichnete; ja sie wußte noch immer die Rosen auf ihren Wangen zu unterhalten; allein diese hatten, gleich Blumen, welche die Kunst außer ihrer Blüthezeit hervortreibt, nichts von jener saftigen Frische, mit der die Natur zu ihrer Zeit ihre Producte ausstattet. Sie hatte überdies eine gewisse Eigenschaft, die manche Blumen, so schön sie auch für das Auge sind, für einen duftenden Blumenflor ungeeignet machen und die vor allen andern dem Athem der Liebe höchst widerlich ist.

Obgleich Jones auf der einen Seite alle diese entmuthigenden Umstände gewahrte, so fühlte er auf der andern doch auch den ganzen Umfang seiner Verpflichtungen; nicht minder deutlich erkannte er die glühende Leidenschaft, aus der ihm diese Verpflichtungen entsprangen, deren Gluth nicht zu erwiedern der Dame und, was noch schlimmer war, ihm selbst eine Undankbarkeit erscheinen mußte. Er kannte die stillschweigende Bedingung, unter der ihm ihre Gunstbezeugungen zuflossen; und da ihn die Nothwendigkeit zwang, sie anzunehmen, so forderte es, wie er meinte, die Ehre von ihm, den Preis dafür zu zahlen. Dies beschloß er daher auch zu thun, welche Ueberwindung es ihm auch kosten möchte, und sich ihr zu weihen, jenem hohen Rechtsprincipe folgend, vermöge dessen manche Länder einen Schuldner, der außer Stand ist seine Schuld auf andere Weise abzutragen, nöthigen, der Sklav seines Gläubigers zu werden.

209 Während er hierüber nachdachte, empfing er folgendes Billet von der Dame: –

»Ein sehr lächerlicher, aber eben so widerwärtiger Umstand, der sich seit unserem letzten Beisammensein ereignet hat, macht es unstatthaft, Sie ferner an dem gewohnten Orte zu sehen. Ich will, wo möglich, bis morgen einen andern Platz ausfindig zu machen suchen. Unterdessen adieu!«

Vielleicht schließt der Leser, daß dieser Umstand nicht so sehr fatal war; indessen wenn er es war, so wurde er auch eben so schnell unwirksam gemacht, denn nach weniger als einer Stunde kam auch schon von der nämlichen Hand geschrieben ein anderes Briefchen folgenden Inhalts an: –

»Ich habe seit ich geschrieben meinen Entschluß geändert, was Sie, wenn Sie der zartesten aller Leidenschaften nicht fremd sind, nicht wundern wird. Ich habe mir jetzt vorgenommen, Sie diesen Abend in meinem eigenen Hause zu sehen, mag daraus kommen, was da wolle. Stellen Sie Sich punkt sieben Uhr ein; ich speise auswärts, werde aber um diese Zeit zu Hause eintreffen. Ein Tag, finde ich, erscheint denen, die aufrichtig lieben, länger als ich mir dachte.

»Sollten Sie etwa einige Augenblicke vor mir da sein, so lassen Sie Sich in ein Zimmer führen.«

Die Wahrheit zu sagen, so war Jones über diesen letzten Brief weniger erfreut, als er es über den ersten gewesen war, weil er sich dadurch verhindert sah, eine dringende Bitte Herrn Nachtigall's zu erfüllen, mit dem er in ein intimes Freundschaftsverhältniß getreten war. Diese Bitte bestand darin, den jungen Mann mit seinen Bekannten in ein neues Schauspiel zu begleiten, das diesen Abend gegeben werden sollte und das eine große Partei, 210 die dem Autor, einem Freunde von einem Bekannten Herrn Nachtigall's, nicht wohlwollte, auszupochen sich vorgesetzt hatte. Und diesen Spaß, kaum wagen wir es zu gestehen, würde unser Held der obigen freundlichen Einladung gern vorgezogen haben; doch seine Ehre gewann über seine Neigung die Oberhand.

Bevor wir ihn zu seiner Zusammenkunft mit der Lady begleiten, dürfte es angemessen sein, etwas zur Erklärung der obigen beiden Briefe zu sagen, indem der Leser vielleicht nicht wenig über Lady Bellaston's Unklugheit erstaunt ist, ihren Liebhaber in dasselbe Haus einzuführen, das ihre Nebenbuhlerin bewohnte.

Fürs erste denn war die Herrin des Hauses, wo diese Liebenden bisher ihre Zusammenkünfte gehabt, eine ehemalige Kostgängerin der Lady, jetzt Methodistin geworden und hatte ihr bei Gelegenheit eines Besuchs, den sie der Lady diesen Morgen gemacht, harte Vorwürfe über ihr bisheriges Leben gemacht und dabei auf das Bestimmteste erklärt, daß sie ihr in Zukunft unter keiner Bedingung bei ihren Liebeshändeln behülflich sein werde.

Die Aufregung, in welche dieser Vorfall die Lady versetzte, ließ sie an der Möglichkeit verzweifeln, einen schicklichen Ort zu finden, wo sie Jones diesen Abend sehen könnte; aber als sie sich von ihrem Aerger über dieses Mißgeschick ein wenig erholt hatte, fing sie an, darüber nachzudenken und fiel glücklicherweise auf den Gedanken, Sophien den Vorschlag zu machen, daß sie mit einer Dame ihrer Bekanntschaft das Schauspiel besuchen möchte, worein jene auch sogleich willigte. Mamsell Honour und Etof erhielten gleichfalls die Weisung, sich dieses Vergnügen zu gewähren; und so war denn das Haus rein für den sichern Empfang des Herrn Jones, mit dem sie sich eine ungestörte Unterhaltung von einigen Stunden versprach, 211 nachdem sie von ihrem Diner würde zurückgekehrt sein, zu dem sie sich selbst bei einer Freundin, deren Wohnung in der Nähe des Ortes ihrer bisherigen Zusammenkünfte lag, eingeladen hatte, ehe sie von der Sinnes- und Glaubensänderung ihrer vertrauten Freundin in Kenntniß gesetzt worden war.

 << Kapitel 32  Kapitel 34 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.