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Die Geschichte des Tom Jones / Theil IV

Henry Fielding: Die Geschichte des Tom Jones / Theil IV - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Geschichte des Tom Jones / Theil IV
authorHenry Fielding
year1848
firstpub1749
translatorDr. A. Diezmann
publisherGeorg Westermann
addressBraunschweig
titleDie Geschichte des Tom Jones / Theil IV
pages227
created20080612
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Siebentes Kapitel.

Die Kurzweil eines Maskenballs.

Unsere Ritter traten jetzt in jenen Tempel ein, wo Heydegger, der große Arbiter Deliciarum, der hohe Priester der Freude residirt und, gleich andern heidnischen Priestern seine Verehrer mit der vorgeblichen Gegenwart der 192 Göttin täuscht, während eine solche Göttin in Wirklichkeit nicht vorhanden ist.

Herr Nachtigall verließ seinen Begleiter, nachdem er ein- oder zweimal die Runde gemacht hatte, sehr bald und entfernte sich mit einer Dame, indem er zu ihm sagte. »Nun Sie an Ort und Stelle sind, müssen Sie Ihr Wild selbst aufsuchen.«

Jones machte sich feste Hoffnung auf die Anwesenheit seiner Sophie und diese Hoffnung stimmte ihn heiterer als die Lichter, die Musik und die Gesellschaft, obschon dies ziemlich wirksame Gegenmittel gegen den Spleen sind. Er sprach nun jede Dame an, die ihm begegnete und in deren Wuchs, Gestalt oder Wesen er einige Aehnlichkeit mit seinem Engel fand. Allen suchte er etwas Piquantes zu sagen, um eine Antwort zu erhalten, durch die es ihm möglich würde die Stimme zu unterscheiden, über die er sich nicht täuschen zu können glaubte. Manche derselben antworteten mit einer quiekenden Stimme durch die Frage: »Kennen Sie mich?« Bei weitem die meisten sagten: »Ich kenne Sie nicht, mein Herr,« und weiter nichts. Einige nannten ihn einen impertinenten Menschen, einige gaben ihm gar keine Antwort; andere sagten: »Wahrhaftig ich kenne Ihre Stimme nicht und habe Ihnen nichts zu sagen;« und viele gaben ihm so freundliche Antworten wie er sie nur wünschen konnte, aber nicht mit der Stimme, die er zu hören wünschte.

Während er sich mit einer dieser letzteren, einer Schäferin, unterhielt, kam eine Dame in einem Domino an ihn heran, klopfte ihn auf die Schulter und flüsterte ihm ins Ohr: »Wenn Sie noch länger mit diesem Dinge da schwatzen, so werde ich es Fräulein Western hinterbringen.«

Kaum hörte Jones diesen Namen, als er augenblicklich seine bisherige Gesellschaft verließ, sich an den Domino 193 anschloß und bat und flehte, ihm doch die genannte Dame zu zeigen, wenn sie anders zugegen wäre.

Die Maske eilte bis an das obere Ende des hintersten Zimmers ehe sie sprach, setzte sich dann nieder und erklärte, anstatt eine Antwort zu geben, daß sie müde wäre. Jones setzte sich neben sie und fuhr fort, sie mit Bitten zu bestürmen. Endlich antwortete die Dame kalt: »Ich hätte Herrn Jones für einen scharfsichtigern Liebhaber gehalten, als daß ihm seine Geliebte hinter irgend einer Verkleidung entgehen könnte.« – »Ist sie also hier, Madame?« fragte Jones mit einiger Heftigkeit dagegen; worauf die Dame sagte: »Still, mein Herr, Sie werden beobachtet werden. Ich versichere Sie auf meine Ehre, Fräulein Western ist nicht hier.«

Jones faßte jetzt die Maske bei der Hand und bat sie auf das inständigste, ihm zu sagen, wo er Sophien finden könne; und als er keine bestimmte Antwort erlangen konnte, fing er an, ihr gelinde Vorwürfe zu machen, daß sie ihm gestern ihr Versprechen nicht gehalten hätte und schloß mit den Worten: »In der That, meine liebe Feenkönigin, ich kenne Ew. Majestät recht wohl, wenn Sie auch gleich Ihre Stimme verstellen. Wirklich, Madame Fitzpatrick, es ist ein wenig grausam, daß Sie sich an meiner Qual belustigen.«

Die Maske antwortete: »Ob es gleich Ihrem Scharfblicke gelungen ist, mich zu entdecken, so muß ich dennoch dieselbe Stimme beibehalten, um nicht von Andern erkannt zu werden. Und meinen Sie denn, lieber Herr, daß ich nicht größeren Antheil an meiner Cousine nehme, als daß ich ein Verhältniß begünstigen sollte, das mit Ihrer beider Unglück enden müßte? Ueberdies versichere ich Sie, daß meine Cousine nicht so unbesonnen ist, in ihr eigenes 194 Verderben einzuwilligen, wenn Sie so sehr ihr Feind sein sollten, sie dazu verleiten zu wollen.«

»Ach, Madame,« sagte Jones, »wie wenig kennen Sie mein Herz, wenn Sie mich einen Feind Sophiens nennen.«

»Und dennoch ist,« rief sie aus, »jemanden ins Verderben stürzen, das werden Sie mir zugeben, eine feindliche Handlung, und wenn Sie durch dieselbe Handlung wissentlich und unausbleiblich auch sich ins Verderben bringen, ist es dann nicht sowohl Thorheit oder Unbesonnenheit als Verbrechen? Sie wissen, daß meine Cousine sehr wenig mehr hat, als ihrem Vater gefallen wird, ihr zu geben; sehr wenig für eine Dame ihres Standes – Sie kennen ihn und kennen Ihre eigene Lage.«

Jones betheuerte, daß seine Absichten nicht der Art wären und daß er eher den schrecklichsten Tod sterben wollte, als ihr Interesse seinen Wünschen aufopfern. Er sagte, daß er wohl wisse, wie wenig er sie verdiene, daß er schon längst beschlossen habe, jeden Gedanken an ihren Besitz aufzugeben, aber daß einige seltsame Ereignisse es ihm wünschenswerth machten, sie noch einmal zu sehen, bei welcher Gelegenheit er ihr für immer Lebewohl sagen wolle. »Nein, Madame,« fuhr er fort, »meine Liebe ist nicht von jener niedrigen Art, die ihre eigene Befriedigung auf Unkosten desjenigen sucht, was ihrem Gegenstande das Theuerste ist. Ich würde dem Besitze meiner Sophie Alles aufopfern, nur nicht sie selbst.«

Wenn auch die Dame in der Maske dem Leser, so weit er aus dem Bisherigen zu urtheilen vermag, vielleicht keine hohe Idee von ihrer Tugend beigebracht hat und nach dem Folgenden nicht unter die hervorragendsten Charactere ihres Geschlechts zu rechnen sein dürfte, so ist dennoch gewiß, daß diese edlen Gesinnungen einen tiefen Eindruck auf sie 195 machten und sehr viel zur Erhöhung der Zuneigung beitrugen, die sie schon zuvor gegen unsern jungen Helden gefaßt hatte.

Die Dame sagte jetzt, nach einer Pause von einigen Augenblicken, daß sie in seiner Bewerbung um Sophien nicht sowohl eine Anmaßung, als eine Unklugheit erblicke. »Junge Männer,« setzte sie hinzu, »können nie zu hoch streben. Ich liebe den Ehrgeiz an einem jungen Manne und ich möchte, daß Sie ihn so viel als möglich hegten. Sie können vielleicht Ihr Glück machen bei solchen, die in Hinsicht auf Vermögen unendlich weit über Ihnen stehen; ja, ich bin überzeugt, daß es Frauen giebt – aber werden Sie mich nicht für ein sonderbares Geschöpf halten, Herr Jones, daß ich meinen Rath einem Manne gebe, mit dem ich so wenig bekannt bin und durch dessen Betragen ich so wenig Ursache habe mich geschmeichelt zu finden?«

Hier suchte sich Jones zu vertheidigen und sagte, er hoffe, sie durch nichts, was er von ihrer Cousine gesprochen, etwa beleidigt zu haben, worauf die Maske erwiederte: »So wenig kennen Sie unser Geschlecht, daß Sie nicht ahnen, daß Sie eine Dame nicht mehr beleidigen können, als wenn Sie sie von Ihrer Liebe zu einer andern unterhalten? Hätte die Feenkönigin sich nichts besseres von Ihrer Galanterie versehen, sie würde sich schwerlich entschlossen haben, Ihnen hier auf dem Maskenballe ein Rendezvous zu geben.«

Jones fühlte sich zu einer Liebschaft niemals weniger aufgelegt; aber Galanterie gegen die Damen zu üben war ihm ein Ehrenpunkt, und er hielt es eben so sehr für seine Pflicht, eine Herausforderung zur Liebe anzunehmen, als wenn es eine Herausforderung zum Kampfe gewesen wäre. Ja, gerade seine Liebe zu Sophien machte es nothwendig, sich die Dame geneigt zu erhalten, weil er nicht daran 196 zweifelte, daß sie ihm mit dem Aufenthaltsorte der andern werde bekannt machen können.

Er erwiederte daher ihre letzten Worte in sehr warmen und verbindlichen Ausdrücken, als sich eine Maske, ein sehr altes Weib vorstellend, zu ihnen gesellte. Diese Maske gehörte zu jenen Damen, die blos um boshafter Neckereien wegen auf den Maskenball gehen, indem sie den Anwesenden derbe Wahrheiten sagen und sich so viel Kurzweil zu verschaffen suchen, als nur immer möglich. Die gute Dame dachte daher, als sie Jones und ihre Freundin, die sie sehr wohl kannte, in einer Ecke des Zimmers in einem vertrauten Gespräch begriffen sah, daß sie ihren Spleen gar nicht besser werde vertreiben können, als wenn sie jene unterbräche. Sie ging daher zu ihnen und verscheuchte sie bald von diesem einsamen Oertchen; damit aber nicht zufrieden, verfolgte sie dieselben auch überall hin, wohin sie sich nur wendeten, um ihr zu entgehen, bis Herr Nachtigall, der die Noth seines Freundes gewahrte, ihn endlich von ihr befreite und die Alte in ein anderes Abenteuer verwickelte.

Während Jones und seine Maske mit einander durch den Saal gingen, um sich von dem Quälgeiste los zu machen, bemerkte er, daß seine Dame mehrere Masken mit derselben Sicherheit als Bekannte ansprach, als ob sie unmaskirt gewesen wären. Er konnte nicht umhin, seine Verwunderung darüber auszudrücken, indem er sagte: »Wahrhaftig, Madame, Sie müssen eine außerordentliche Gabe besitzen, die Leute hinter allen Verkleidungen heraus zu erkennen.« Worauf die Dame antwortete: »Sie können sich nichts Abgeschmackteres und Kindischeres denken, als ein Maskenball für Leute von Fashion ist, die sich einander in der Regel hier eben so gut kennen, als in jeder andern Gesellschaft, wo sie sich treffen; auch wird sich keine 197 Dame von Stande mit irgend jemandem unterhalten, mit dem sie nicht bekannt ist. Kurz, die Mehrzahl der Personen, die Sie hier sehen, kann man wohl annehmen, schlagen ihre Zeit todt, mehr als anderwärts und haben sich gemeiniglich am Ende mehr gelangweilt als bei der längsten Predigt. Ich muß gestehen, daß es mir selbst nicht besser geht; und wenn ich mich einigermaßen aufs Rathen verstehe, so gefällt es auch Ihnen nicht viel mehr. Ich glaube, daß ich Ihnen fast einen Liebesdienst damit erweisen würde, wenn ich nach Hause ginge.« – »Ich kenne nur einen Liebesdienst, der ihm gleichkommen würde,« rief Jones, »und der ist, daß Sie mir gestatten, Ihnen in Ihrer Wohnung aufwarten zu dürfen.« – »Nun wahrhaftig,« entgegnete die Dame, »Sie haben eine sonderbare Meinung von mir, daß Sie glauben, ich werde Sie nach einer solchen Bekanntschaft um diese Zeit bei mir sehen. Es scheint mir beinahe, als legen Sie der Freundschaft, die ich meiner Cousine bewiesen, ein anderes Motiv unter. Gestehen Sie es ehrlich, halten Sie diese veranstaltete Zusammenkunft für ein wenig besser als eine unzweideutige Bestellung? Sind Sie gewohnt, Herr Jones, so rasche Eroberungen zu machen?« – »Ich bin nicht gewohnt, Madame,« sagte Jones, »mich so schnell zu ergeben; aber da Sie mein Herz mit Sturm genommen haben, so hat der Rest meines Körpers ein Recht zu folgen; Sie werden mir deshalb schon verzeihen müssen, wenn ich mir vornehme, Sie zu begleiten, wohin Sie auch gehen mögen.« Er begleitete diese Worte mit einigen entsprechenden Gesten, worauf die Dame nach einem zarten Verweise, indem sie anführte, ihre Vertraulichkeit möchte bemerkt werden, zu ihm sagte, sie wolle zu einer Bekannten gehen, um mit ihr zu Abend zu essen, und hoffe, daß er ihr nicht folgen werde; »denn wenn Sie das thäten,« fuhr sie fort, »was sollte meine 198 Freundin von mir denken, ob sie gleich wirklich nicht zu denen gehört, die sich über Alles aufhalten; doch ich hoffe, Sie werden mir nicht nachkommen, ich gestehe, ich wüßte nicht, was ich vorgeben sollte, wenn Sie es thäten.«

Die Dame verließ unmittelbar darauf den Maskenball und Jones wagte es, ihrem strengen Verbote zum Trotz, sie zu begleiten. Er sah sich jetzt in die nämliche Verlegenheit versetzt, wie vorher; es fehlte ihm nämlich an einem Schilling, den zu borgen er nicht einmal wie vorhin Gelegenheit fand. Er schritt daher dem Wagen seiner Dame kühn zu Fuße nach und wurde von dem Geschrei der anwesenden Kutscher verfolgt, die es sich äußerst angelegen sein lassen, die Fußgänger zu verhöhnen. Glücklicherweise war die noble Gesellschaft vor dem Opernhause zu beschäftigt, um ihre Station zu verlassen, und da es auch zu spät war, als daß er vielen auf der Straße hätte begegnen sollen, so kam er in einer Kleidung, die gewiß zu jeder andern Zeit einen Pöbelhaufen um ihn versammelt haben würde, unaufgehalten fort.

Die Dame stieg in einer Straße, unweit Hanoversquare aus und wurde durch die augenblicklich sich öffnende Thür eingeführt, wohin ihr der Gentlemann ohne alle Umstände nachging.

Jones und seine Gefährtin befanden sich nun zusammen in einem sehr gut eingerichteten und durchwärmten Zimmer, als letztere, noch immer mit ihrer angenommenen Stimme sagte, sie wundere sich sehr über ihre Freundin, die ihre Verabredung gänzlich vergessen haben müsse, worüber sie sich sehr ungehalten äußerte, dann plötzlich ihre Besorgniß über Jones' Gegenwart ausdrückte und fragte, was wohl die Welt denken würde, daß sie um diese Zeit der Nacht allein in einem Hause wären. Aber anstatt auf eine so wichtige Frage eine Antwort zu geben, ging Jones sehr 199 ungestüm an das Werk, die Dame zu demaskiren; und als ihm dies endlich gelang, da erschien nicht Madame Fitzpatrick, sondern Lady Bellaston in eigner Person.

Wir würden den Leser langweilen, wollten wir die Unterhaltung umständlich mittheilen, da sie sich über sehr gewöhnliche Dinge erstreckte und von zwei bis sechs Uhr Morgens dauerte. Es genügt, dasjenige daraus anzuführen, was einigermaßen wichtig für diese Geschichte ist, und zwar ist dies ein Versprechen, daß die Dame sich bemühen wollte, Sophiens Aufenthaltsort ausfindig zu machen und ihm nach wenig Tagen eine Zusammenkunft mit ihr zu verschaffen, unter der Bedingung, daß er sich dann von ihr verabschiedete. Nachdem dies abgemacht und eine zweite Zusammenkunft auf den nächsten Abend an demselben Orte festgesetzt war, trennten sie sich und kehrten jedes nach seiner Wohnung zurück.

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