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Die Geschichte des Tom Jones / Theil IV

Henry Fielding: Die Geschichte des Tom Jones / Theil IV - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Geschichte des Tom Jones / Theil IV
authorHenry Fielding
year1848
firstpub1749
translatorDr. A. Diezmann
publisherGeorg Westermann
addressBraunschweig
titleDie Geschichte des Tom Jones / Theil IV
pages227
created20080612
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Sechstes Kapitel.

Enthält einen Vorfall, der sich ereignete, während die Gesellschaft beim Frühstück saß, und einige Winke über die Erziehung von Töchtern.

Unsere Gesellschaft versammelte sich am Morgen mit denselben guten Gesinnungen gegeneinander, mit denen sie sich am vorigen Abende getrennt hatte; aber der arme Jones war ganz niedergeschlagen; er hatte nämlich so eben von Partridge die Nachricht erhalten, daß Madame Fitzpatrick ihre Wohnung verlassen hätte, und daß er nicht erfahren könne, wohin sie sich gewendet habe. Diese Neuigkeit betrübte ihn tief, und auf seinem Gesicht sowohl, als in seinem Betragen zeigten sich deutliche Spuren eines bekümmerten Gemüths, so sehr er es auch zu verbergen bemüht war.

Das Gespräch drehete sich jetzt, wie vorher, um die Liebe, und Herr Nachtigall sprach sich über diesen Gegenstand wiederum mit jenen warmen, edeln und uneigennützigen Gefühlen aus, die kluge und verständige Männer romantisch nennen, kluge und verständige Frauen aber gemeiniglich in einem bessern Lichte betrachten. Madame Miller (so hieß nämlich die Frau vom Hause) billigte diese Gefühle sehr; aber Anna, die Herr Nachtigall zu ihrer Meinungsäußerung aufforderte, antwortete blos, sie glaube, daß die Herren, welche am wenigsten sprächen, fähig wären, am meisten zu fühlen.

184 Dieses Compliment war so offenbar an Jones gerichtet, daß es uns leid gewesen wäre, wenn er es unbeachtet gelassen hätte. Er machte ihr aber wirklich eine sehr höfliche Erwiederung und schloß mit einer Bemerkung, welche darauf hindeutete, daß sich etwas ähnliches auf sie anwenden lasse; sie hatte nämlich wirklich weder jetzt noch am vergangenen Abende kaum ihre Lippen zum Sprechen geöffnet.

»Es freut mich, Anna,« sagte Madame Miller, »daß der Herr diese Bemerkung ausgesprochen hat; ich muß bekennen, daß ich beinahe seiner Meinung bin. Was ist mit Dir vorgegangen, Kind? Nie ist mir eine solche Veränderung vorgekommen. Was ist aus Deinem heiteren Wesen geworden? Werden Sie es glauben, Herr Jones, ich nannte sie nur meine kleine Schwätzerin? Sie hat nicht zwanzig Worte gesprochen diese ganze Woche.«

Hier wurde ihre Unterredung durch das Eintreten einer Dienstmagd unterbrochen, die ein Packet hereinbrachte, das ihr, so sagte sie, für Herrn Jones übergeben worden wäre. »Der Bote,« fügte sie hinzu, »entfernte sich sogleich wieder, indem er sagte es bedürfe keiner Antwort.«

Jones drückte einige Verwunderung darüber aus und erklärte, daß dies ein Irrthum sein müsse; aber da die Magd behauptete, daß sie hinsichtlich des Namens ihrer Sache gewiß wäre, so waren die Frauen alle begierig, das Packet sogleich zu öffnen, welche Operation mit Bewilligung des Herrn Jones durch die kleine Betty verrichtet wurde. Als Inhalt fand man einen Domino, eine Maske, und ein Maskenballbillet.

Jones versicherte jetzt mit noch größerer Bestimmtheit als zuvor, daß hier ein Irrthum obwalten müsse und Madame Miller selbst hegte einigen Zweifel und sagte, sie wisse nicht, was sie davon denken solle. Aber als Herr Nachtigall gefragt wurde, war er ganz verschiedener 185 Meinung. »Alles,« sagte er, »was ich mir daraus nehmen kann, ist, daß sie ein sehr glücklicher Mann sind; denn ich zweifle nicht, daß Ihnen diese Sachen von irgend einer Dame gesendet worden sind, die Sie so glücklich sein werden auf dem Balle zu finden.«

Jones hatte nicht Eitelkeit genug, um einen so schmeichelhaften Gedanken zu unterhalten; auch Madame Miller war nicht sehr geneigt, Herrn Nachtigalls Ansicht beizustimmen, bis, indem Fräulein Anna den Domino aufhob, aus dem Aermel eine Karte herausfiel, auf welcher folgende Worte geschrieben standen:

An Herrn Jones.

Die Feenkönigin wird sich Dir günstig zeigen,
Verstehst Du, recht zu nützen ihre Gunst.

Madame Miller und Fräulein Anna pflichteten jetzt Herrn Nachtigall bei; ja Jones selbst wurde fast überredet, das nämliche zu glauben. Und da seiner Meinung nach keine Dame außer Madame Fitzpatrick seine Wohnung kannte, so schmeichelte er sich einigermaßen mit der Hoffnung, daß es von ihr herkomme, und daß er vielleicht seine Sophie sehen werde. Diese Hoffnung war in der That sehr wenig begründet; da indessen das Benehmen von Madame Fitzpatrick, in sofern sie ihn nicht annahm, wie sie doch versprochen, und in sofern, daß sie ihre Wohnung verlassen hatte, sehr seltsam und unerklärlich gewesen war, so hielt er es für nicht ganz unwahrscheinlich, daß sie, die ihm schon früher als grillenhaft und phantastisch geschildert worden war, ihm diesen Dienst vielleicht lieber auf einem ungewöhnlichen Wege, als auf dem natürlichsten, erweisen wolle. Es ist wahr, da sich über einen so sonderbaren und ungewöhnlichen Umstand nichts Bestimmtes annehmen ließ, so war seinen Vermuthungen ein um so größeres und 186 freieres Feld gegeben. Sein von Natur sanguinisches Temperament machte sich daher bei dieser Gelegenheit geltend und seine Einbildungskraft zeigte ihm tausenderlei Möglichkeiten, die seine Hoffnung, an diesem Abende seiner theuern Sophie zu begegnen, nährten und befestigten.

Solltest Du, lieber Leser, irgend gute Wünsche für mich hegen, ich vergelte sie Dir reichlich damit, daß ich Dir diese sanguinische Gemüthsverfassung wünsche, weil ich geneigt bin, das Glück, worüber ich viel gelesen und lange nachgedacht habe und worüber viele große Männer geschrieben haben, in dem Besitze dieses Temperamentes zu suchen, denn es entzieht uns in gewisser Hinsicht dem Bereiche des Schicksals und macht uns ohne sein Zuthun glücklich. In der That sind die Freuden, die es gewährt, nicht allein bei weitem beständiger, sondern auch weit lebhafter als diejenigen, welche uns die blinde Schicksalsgöttin zutheilt; denn die Natur hat es weislich eingerichtet, daß sie an alle unsere reellen Genüsse eine Sättigung und einen Ueberdruß geknüpft hat, damit wir nicht so weit von denselben befangen werden sollen, und von allem ferneren Streben abstehen. Ich setze nicht den entferntesten Zweifel darein, daß wir von diesem Gesichtspunkte aus den muthmaßlichen künftigen Kanzler, der eben erst in seine juristische Laufbahn eintritt, den Erzbischoff in spe und den ersten Minister, jetzt noch einer der unbedeutendsten in der Zahl einer Opposition, für wahrhaft glücklicher achten dürfen, als diejenigen, welche sich all der Macht und des Einkommens dieser respectiven Aemter erfreuen.

Da sich Jones nun bestimmt hatte, diesen Abend auf den Maskenball zu gehen, so erbot sich Herr Nachtigall, ihn dorthin zu geleiten und auch Billets für Fräulein Anna und ihre Mutter zu besorgen; aber die gute Frau wollte das nicht annehmen. Sie sagte, sie begreife zwar nicht, 187 worin der Nachtheil bestehen sollte, den manche Leute einem Maskenballe zuschrieben, aber solche kostspielige Vergnügungen schickt sich blos für Personen aus vornehmen und reichen Ständen und nicht für junge Frauenzimmer, die ihren Lebensunterhalt verdienen müßten und sich höchstens auf einen Kaufmann Hoffnung machen dürften. »Einen Kaufmann!« rief Nachtigall, »Sie sollen mir meine Anna nicht herabsetzen. Kein Edelmann auf der Welt braucht sich ihrer zu schämen.« – »O pfui, Herr Nachtigall,« entgegnete Madame Miller, »Sie müssen dem Mädchen nicht solche Dinge in den Kopf setzen; indessen wenn es ihr gutes Glück wollte,« setzte die Mutter mit einem Lächeln hinzu, »daß sie einen Mann von Ihrer edlen Denkungsart aus einem höhern Stande fände, so glaube ich, würde sie ihm seine Großmuth besser vergelten, als daß sie ihren Sinn glänzenden Vergnügungen zuwendete. Freilich wenn junge Damen selbst ein großes Vermögen besitzen, dann haben sie gewissermaßen ein Recht, auf den Genuß desjenigen, das ihr Eigenthum ist, zu dringen und deshalb habe ich Herren sagen hören, daß ein Mann bisweilen mit einer armen Frau besser thue, als mit einer reichen. – Aber mögen meine Töchter heirathen, wen sie wollen, mein Bestreben geht dahin, daß sie ihren Gatten einmal Segen bringen sollen; – ich bitte daher, daß von Maskenbällen nicht ferner die Rede sei. Anna ist, dessen bin ich gewiß, ein zu gutes Mädchen, als daß sie wünschen sollte hinzugehen; denn sie muß sich wohl erinnern, daß es ihr im vorigen Jahre, wo Sie sie mitnahmen, den Kopf fast verdreht hatte und daß sie unter einem Monate nicht wieder zu sich selbst oder zu ihrer Nadel kommen konnte.«

Obgleich ein kleiner Seufzer, der sich aus Anna's Busen stahl, auf eine geheime Mißbilligung dieses Ausspruchs schließen zu lassen schien, so wagte sie es doch nicht, 188 sich offen dagegen zu erklären. Denn bei aller ihrer Zärtlichkeit hatte diese gute Frau sich alle Autorität einer Mutter bewahrt; und da ihre Nachsicht gegen die Wünsche ihrer Kinder blos in der Besorgniß um ihr Heil und ihr zukünftiges Wohl eine Schranke fand, so duldete sie auch nie, daß ihren Befehlen, welche aus einer solchen Besorgniß entsprangen, Ungehorsam oder Widerspruch entgegengesetzt wurde. Und dies wußte der junge Herr, der bereits seit zwei Jahren im Hause wohnte, so wohl, daß er sich ohne weiteres der Verweigerung fügte.

Herr Nachtigall, den Jones mit jeder Minute mehr für sich einnahm, wünschte sehr, daß dieser an diesem Tage mit ihm in einem Weinhause speisen möchte, wo er ihn mit einigen seiner Freunde bekannt machen wollte; aber Jones lehnte es ab, indem er sich damit entschuldigte, daß seine Kleider noch nicht zur Stadt gekommen wären.

Die Wahrheit zu gestehen, so war Jones jetzt in einer Lage, in die bisweilen junge Herren von weit besserem Aeußeren, als das seine gegenwärtig, gerathen. Kurz er hatte keinen Pfennig in seiner Tasche; – eine Lage, die bei den alten Philosophen in weit größerem Credit stand, als bei den Weisen, die in Lombardstreet wohnen, oder die White's Kaffehaus besuchen. Und vielleicht ist die große Ehre, welche jene Philosophen einer leeren Tasche erwiesen haben, eine von den Ursachen dieser tiefen Verachtung, in der sie in oben erwähnten Straße und in besagtem Kaffeehause stehen.

Wenn nun die alte Meinung, daß der Mensch recht gut von der Tugend allein leben könne, nach der Behauptung der so eben erwähnten modernen Weisen, notorisch irrig ist, so fürchte ich, ist die aufgestellte Behauptung einiger Romanschreiber, daß ein Mann einzig und allein von der Liebe leben könne, nicht minder falsch; denn wie 189 köstlich der Genuß auch immer sein mag, den sie einigen unserer Sinne oder Appetite gewährt, so steht doch unbestreitbar fest, daß andere keine Befriedigung darin finden können. Daher haben diejenigen, welche auf solche Schriftsteller ein zu großes Vertrauen setzen, ihren Irrthum eingesehen, als es zu spät war, und gefunden, daß die Liebe eben so wenig den Hunger zu stillen vermag, als eine Rose das Ohr, oder eine Violine den Geruch zu ergötzen.

Trotz allen Delicatessen daher, die ihm die Liebe in der Hoffnung, seine Sophie auf dem Maskenballe zu sehen, vorgesetzt und in deren Genusse, wie ungegründet auch seine Einbildung immer sein mochte, er den ganzen Tag geschwelgt hatte, war doch der Abend kaum da, als sich in Jones das Begehren nach einer Nahrung etwas substanziellerer Art zu regen begann. Partridge entdeckte dies vermöge seines Scharfblicks, ergriff die Gelegenheit, einige Anspielungen auf die Banknote zu machen, und faßte, als er mit derselben abgewiesen wurde, noch einmal so viel Muth, Jones an die Rückkehr zu Herrn Allworthy zu erinnern.

»Partridge,« rief Jones, »meine Lage kann Dir nicht verzweifelter scheinen, als mir selbst; und ich fange an, es herzlich zu bereuen, daß ich Dir erlaubte, einen sichern Platz zu verlassen und mir zu folgen. Indessen bestehe ich jetzt darauf, daß Du nach Hause zurückkehrst und wünsche, daß Du für die Unkosten und Mühe, die Du meinetwegen übernommen hast, alle Kleider, die ich Deiner Verwahrung übergeben, als Dein eigen ansiehst. Es thut mir leid, daß ich Dir keine andere Erkenntlichkeit beweisen kann.«

Er sprach diese Worte in einem so rührenden Tone, daß Partridge, zu dessen Untugenden Bosheit oder Hartherzigkeit nicht gehörten, in Thränen ausbrach und 190 nachdem er betheuert, daß er ihn in seinem Unglücke nicht verlassen wolle, ihn mit den dringendsten Bitten bestürmte, doch nach Hause zurückzukehren. »Ueberlegen Sie nur, um des Himmels willen,« sagte er, »was können Ew. Gnaden thun? Wie ist es möglich, daß Sie in dieser Stadt ohne Geld leben können? Nehmen Sie vor was Sie wollen, oder gehen Sie wohin Sie wollen, ich bin fest entschlossen, nicht von Ihnen zu weichen. – Aber überlegen Sie, ich bitte – überlegen Sie es um Ihretwillen; und ich bin gewiß, Ihre Einsicht wird Ihnen selbst sagen, daß Sie am besten thun, wieder nach Hause zu gehen.«

»Wie oft soll ich Dir sagen,« antwortete Jones, »daß ich keine Heimath habe, in die ich mich wenden könnte? Hätte ich nur irgend Hoffnung, daß Herrn Allworthy's Haus sich mir öffnen würde, so bedürfte es keiner Noth mich zu zwingen: nein, keine andere Ursache auf der Welt würde mich einen Augenblick abhalten können, in seine Arme zu fliegen; aber ach! er hat mich auf immer von sich verbannt. Seine letzten Worte – Ach Partridge! – sie hallen noch in meinen Ohren wieder – Seine letzten Worte, die er an mich richtete, als er mir eine Summe Geld gab, wie viel weiß ich nicht. aber viel gewiß – waren: »»Ich habe mir vorgesetzt, von diesem Tage an in keinerlei Verkehr weiter mit Dir zu stehen.««

Hier ließ der Schmerz Jones nicht weiter sprechen und die Ueberraschung legte auch Partridge für einen Augenblick Schweigen auf, doch bald bekam er den Gebrauch der Sprache wieder und forschte nach einer vorausgeschickten Einleitung, in der er erklärte, daß er nicht neugierig wäre, was Jones unter einer beträchtlichen Summe verstände und was aus dem Gelde geworden wäre.

Ueber diese beiden Punkte erhielt er jetzt die genügendste Auskunft. Während er nun mit der Auslegung dieses 191 Textes im besten Zuge war, wurde er dadurch unterbrochen, daß sein Herr zu Herrn Nachtigall auf dessen Zimmer beschieden wurde.

Als die beiden Herren ihre Ballkleider angelegt hatten und Herr Nachtigall Befehl gegeben, daß Portchaisen geholt würden, sah sich Jones auf einmal in eine sehr unglückliche Lage versetzt, welche vielen unsrer Leser sehr lächerlich erscheinen wird. Er wußte nämlich nicht, woher einen Schilling nehmen; aber wenn solche Leser ein wenig bedenken wollen, was sie selbst empfunden haben, wenn ihnen tausend Pfund, oder vielleicht zehn oder zwanzig fehlten, um einen Lieblingsplan auszuführen, so werden sie eine deutliche Vorstellung davon haben, was Herr Jones bei dieser Gelegenheit empfand. Er wendete sich daher dieser Summe wegen an Partridge, von dem er das erste Mal etwas borgte, und nahm sich zugleich vor, daß es das letzte Mal sein sollte, so lange dieser arme Bursche in seinen Diensten wäre. Es ist wahr, Partridge hatte ihm neuerdings kein solches Anerbieten gemacht; ob er nun wünschte, daß die Banknote verwechselt, oder Jones durch die Noth zur Rückkehr nach Hause getrieben werden möchte, oder aus welchem andern Grunde er es nicht that, das will ich nicht bestimmen.

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