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Die Geschichte des Tom Jones / Theil IV

Henry Fielding: Die Geschichte des Tom Jones / Theil IV - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Geschichte des Tom Jones / Theil IV
authorHenry Fielding
year1848
firstpub1749
translatorDr. A. Diezmann
publisherGeorg Westermann
addressBraunschweig
titleDie Geschichte des Tom Jones / Theil IV
pages227
created20080612
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Drittes Kapitel.

Ein kurzes Kapitel, in welchem nichts destoweniger eine Sonne, ein Mond, ein Stern und ein Engel erscheinen.

Die Sonne war schon längst zur Ruhe gegangen, als Sophie aufstand wunderbar gestärkt durch den Schlaf, den sie, so kurz er auch war, einzig und allein ihrer außerordentlichen Ermüdung verdankte; denn obgleich sie ihrem Mädchen und vielleicht auch sich selbst gesagt hatte, daß sie sich, als sie Upton verließen, vollkommen wohl fühlte, so war doch sicher ihr Gemüth nicht ganz frei von jener Krankheit, welche von den ruheraubenden Symptomen eines Fiebers begleitet zu sein pflegt.

Auch Madame Fitzpatrick verließ gleichzeitig mit ihr das Bett und kleidete sich, nachdem sie ihr Mädchen gerufen, sofort an. Sie war in der That eine sehr hübsche Frau und würde, wäre sie in anderer als Sophiens Gesellschaft gewesen, für schön haben gelten können; aber als Mamsell Honour aus freiem Antriebe erschien (denn ihre Herrin wollte nicht, daß sie geweckt würde) und unsere Heldin angekleidet hatte, erfuhren die Reize der Madame 18 Fitzpatrick, welche dem Morgensterne, dem Vorläufer und Verkünder größeren Glanzes, zu vergleichen war, das Schicksal jenes Sternes, – sie wurden mit dem Aufgange dieses Glanzes gänzlich verdunkelt.

Vielleicht nie war Sophie schöner erschienen als in diesem Augenblicke. Wir können daher auch das Stubenmädchen des Gasthauses ihrer Hyperbel wegen nicht tadeln, wenn sie, nachdem sie Feuer angezündet hatte und wieder hinabgegangen war, erklärte und durch einen Schwur bekräftigte, wenn es jemals einen Engel auf Erden gegeben habe, so sei er jetzt in ihrem Hause eingekehrt.

Sophie hatte ihre Cousine mit ihrem Plane, nach London zu gehen, bekannt gemacht und Madame Fitzpatrick sich bereit erklärt, sie zu begleiten; denn durch die Ankunft ihres Gemahls zu Upton fand sie sich veranlaßt, ihren Entschluß, sich nach Bath oder zu ihrer Tante Western zu begeben, abzuändern. Sobald sie also ihren Thee eingenommen hatten, machte Sophie den Vorschlag, aufzubrechen, weil es eine helle Mondnacht sei. Die Kälte achtete sie nicht viel, auch war sie frei von jener Furcht, die eine Reise zur Nachtzeit vielen jungen Damen verursacht haben würde; denn sie war, wie wir schon erwähnt haben, nicht ohne natürlichen Muth, und diesen steigerte ihre innere Aufregung, die nahe an Verzweiflung streifte, noch um ein Bedeutendes. Ueberdies war sie, da sie bereits zwei Nächte in Mondschein gereist war, ohne einen Unfall zu erleiden, um so kühner geworden, dies auch ein drittes Mal zu wagen.

Madame Fitzpatrick war furchtsamer; denn obgleich die geringeren Schrecken vor den größeren in den Hintergrund getreten waren und die Gegenwart ihres Gemahls sie zu so ungewöhnlicher Stunde von Upton vertrieben hatte; so wirkten doch jetzt, wo sie sich vor seiner Verfolgung sicher hielt, diese geringeren Schrecken, diese Furcht vor ich weiß nicht 19 was, so mächtig auf sie ein, daß sie ihre Cousine dringend bat, bis zum nächsten Morgen zu bleiben, und sich nicht den Gefahren einer Nachtreise auszusetzen.

Sophie, die überaus nachgiebig war, willigte endlich ein, da sie sah, daß sie ihre Cousine weder durch Scherze, noch durch Vernunftgründe von ihrer Furcht befreien konnte. Wenn sie freilich von ihres Vaters Ankunft in Upton etwas gewußt hätte, würde sie vielleicht schwerer zu überreden gewesen sein; der Gedanke, von Jones eingeholt zu werden, machte ihr, fürchte ich, keine große Sorge; ja ich glaube, wenn ich die Wahrheit gestehen soll, sie wünschte es mehr, als daß sie es fürchtete; obgleich ich diesen Wunsch eben so gut hätte vor dem Leser geheim halten können, da er eine jener geheimen und flüchtigen Regungen der Seele ist, die oftmals von der Vernunft unbeachtet bleiben.

Nachdem unsere jungen Damen die Nacht in dem Gasthofe zuzubringen beschlossen hatten, erhielten sie einen Besuch von der Wirthin, die sich erkundigte, was dieselben zu essen wünschten. Es lag ein so großer Zauber in Sophiens Stimme, in ihrem Wesen und in ihrem leutseligen Betragen, daß sie die Wirthin im höchsten Grade entzückte, und diese gute Frau, in der Meinung, sie habe Jenny Cameron ihre Aufwartung gemacht, von diesem Augenblicke an in eine vollkommene Jacobitin umgewandelt wurde und auch der Sache des jungen Prätendenten, um der großen Freundlichkeit und Leutseligkeit willen, mit der sie von seiner muthmaßlichen Herzensgebieterin behandelt worden war, alles Gedeihen wünschte.

Die beiden Cousinen sprachen jetzt von Neuem gegenseitig ihre Neugierde aus und verlangten von einander zu wissen, welche außerordentlichen Ereignisse sie so unerwartet und auf so sonderbare Weise zusammengeführt hätten. Endlich begann Madame Fitzpatrick, nach dem Versprechen 20 Sophiens, ein Gleiches thun zu wollen, ihre Mittheilungen zu machen, die der Leser, wenn er ihre Lebensgeschichte kennen lernen will, im folgenden Kapitel nachlesen mag.

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