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Die Geschichte des Tom Jones / Theil IV

Henry Fielding: Die Geschichte des Tom Jones / Theil IV - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Geschichte des Tom Jones / Theil IV
authorHenry Fielding
year1848
firstpub1749
translatorDr. A. Diezmann
publisherGeorg Westermann
addressBraunschweig
titleDie Geschichte des Tom Jones / Theil IV
pages227
created20080612
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Erstes Kapitel.

Eine Anrufung.

Komm, herrliche Liebe des Ruhms, begeistre meine glühende Brust! nicht Dich rufe ich, die Du über hoch aufwogende Fluthen von Blut und Thränen den Helden zum Ruhme führst, während Seufzer von Millionen seine schwellenden Segel treiben; sondern Dich, holde, liebliche Jungfrau, die an des Hebrus Ufern die glückliche Nymphe Mnesis gebahr. Dich, die Mäonien erzog, die Mantua bezauberte und die Du auf jenem schönen Hügel, der Britanniens stolze Hauptstadt beherrscht, mit Deinem Milton saßest der Leier anmuthige Töne entlockend; erfülle meine entzückte Phantasie mit den Bildern einer reizenden Zukunft. Verkünde mir, daß einer zarten Jungfrau, deren Großmutter noch nicht geboren ist, einst Seufzer die gleichfühlende Brust heben werden, wenn sie unter dem erdichteten Namen Sophie meiner Charlotte wahren Werth kennen lernt. Laß mich den künftigen Ruhm nicht blos ahnen, nein laß mich ihn genießen, ja laß mich darin schwelgen. Tröste mich durch die feierliche Zusicherung, daß, wenn ich mein kleines Zimmer, in dem ich jetzt sitze, 156 mit einem ärmlichen Verschlag vertauschen müßte, ich von denen, die mich nie kannten oder sahen und die ich nie kennen oder sehen werde, mit Verehrung werde gelesen werden.

Und Du, weit corpulentere Dame, die Du nicht im Gewande luftiger Formen und phantastischer Gebilde erscheinst, die ein gutes Stück Fleisch und der rosinendurchspickte Pudding ergötzt. Dich rufe ich an; die eine wohlgemästete Holländerin, geschwängert von einem üppigen Amsterdamer Kaufmann, auf irgend einem Kanale in einer Treckschuyte gebar: die Du auf die Scriblerstraße in die Schule gingst und dort die Elemente Deiner Erziehung erhieltst. Eben dort hast Du in Deinem reiferen Alter Poesie erlernt, nicht der Phantasie, sondern dem Stolze des Patrons zu schmeicheln. Die Komödie lernt von Dir, ernst und feierlich einherzuschreiten, während die Tragödie stürmt und tobt und mit ihrem Donner das erschreckte Theater erfüllt. Deine müden Glieder in Schlaf zu lullen, trägt die langweilige Geschichte ihre trocknen Erzählungen vor; und Dich wiederum zu erwecken, macht der aufgestutzte Roman seine überraschenden Künste vor Dir. Nicht minder gehorcht Deinem Einflusse der wohlgenährte Buchhändler. Auf Deinen Rath macht der schwere, ungelesene Foliant, der lange im bestaubten Bücherbrett ruhte, vielfach zerstückelt seinen flüchtigen Umlauf durch die Nation. Durch Dich eingeleitet imponiren manche Bücher der Welt, indem sie, Marktschreiern gleich, Wunderdinge verheißen, während andere Stutzern gleichen und ihren ganzen Werth in ein glänzendes Aeußere legen. Komm Du, heiterer Reichthum, mit Deinem strahlenden Gesicht, halte Deinen Athem an Dich, aber spende Deine verführerischen Gaben, Dein glänzendes, klingendes Gold, Deine leicht zu verwandelnden Banknoten, die ungesehene Reichthümer bergen; 157 Deinen häufig wechselnden Vorrath; das warme, wohnliche Haus; und endlich einen guten Kindestheil von jener gütigen Mutter, deren reichlich fließende Brüste allen ihren zahlreichen Sprößlingen vollen Unterhalt gewähren, wenn nur manche, zu gierig und lüstern, ihre Brüder nicht von der Brust vertrieben. Komm Du, und wüßte ich Deine werthvollen Schätze zu wenig zu würdigen, so wärme mein Herz mit dem entzückenden Gedanken, sie andern mitzutheilen. Sage mir, daß durch Deine Freigebigkeit die lärmenden Knaben, deren unschuldiges Spiel durch meine Arbeit häufig unterbrochen wurde, einst reichlich dafür entschädigt werden sollen.

Und nun mich dieses ungleiche Paar, dieser luftige Schatten und diese massige Substanz zum Schreiben aufgefordert haben, wessen Beistand soll ich anrufen, meine Feder zu führen?

Zuerst Dich, Genie, Du Himmelsgabe, ohne deren Hülfe wir vergebens gegen den Strom der Natur ankämpfen. Du, die den edlen Saamen ausstreut, aus dem die Kunst entkeimt und zur Vollendung heranwächst. Reiche mir freundlich Deine Hand und leite mich durch alle Windungen und Irrgänge der Natur. Weihe mich ein in alle die Mysterien, die nie ein profanes Auge erblickt. Lehre mich, was Dir ein Leichtes ist, die Menschen besser kennen als sie selbst sich kennen. Helle jenen Nebel auf, der den Verstand der Sterblichen umhüllt und macht, daß sie den Menschen um seiner Kunst willen verehren, oder wegen seiner List, andere zu betrügen, verachten, wenn er in der That nur ein Gegenstand der Lächerlichkeit ist, weil er sich selbst betrügt. Streife dem Eigendünkel die leichte Maske des Wissens ab, der Habsucht die des Reichthums und dem Ehrgeiz die des Ruhms. Komm Genie, daß Du Deinen Aristophanes, Deinen Lucian, Deinen Cervantes, Deinen 158 Rabelais, Deinen Moliere, Deinen Shakspeare, Deinen Swift, Deinen Marivaux begeistert, hauche meinen Worten Humor ein, bis die Menschen gutmüthig genug geworden sind, die Thorheiten anderer blos zu belachen, und bescheiden genug, sich über ihre eignen zu grämen.

Und Du, fast unzertrennliche Begleiterin des wahren Genius, Humanität, komm und bringe alle Deine zarten Gefühle. Solltest Du sie schon alle zwischen Deinem Allen und Deinem Littleton vertheilt haben, so stiehl sie ihnen auf eine kleine Weile von ihrem Busen hinweg; denn ohne sie wird keine Schilderung einer zärtlichen Scene gelingen. Aus ihnen allein entspringt die edle uneigennützige Freundschaft, die aufopfernde Liebe, die Großmuth, die glühende Dankbarkeit, das sanfte Mitleid, das redliche Urtheil, und alle jene schönen Eigenschaften eines guten Gemüths, welche die feuchten Augen mit Thränen erfüllen, die glühenden Wangen mit Blut überziehen und das Herz für Kummer, Freude und Wohlwollen öffnen.

Und Du, o Gelehrsamkeit, (denn ohne Deinen Beistand kann das Genie nichts Vortreffliches, nichts Fehlerfreies schaffen,) führe Du meine Feder. Dich habe ich, in Deinen Lieblingsgefilden, wo die klare Themse in sanften Windungen Deine Etonischen Ufer bespült, in früher Jugend verehrt. Dir habe ich auf Deinem birknen Altar mit ächt spartanischer Ergebenheit mein Blut geopfert. Komm daher und spende von Deinen unermeßlichen, vom frühen Alterthume her aufgehäuften Schätzen reiche Gaben. Oeffne Deine mäonischen und Deine mantuanischen Kisten und was sonst Deine philosophischen, Deine poetischen und historischen Schätze bieten, magst Du die gewichtigen Fächer nun mit griechischen oder römischen Characteren überschrieben haben; übergieb mir auf kurze Zeit jenen Schlüssel zu 159 all Deinen Reichthümern, den Du Deinem Warburton anvertraut hast.

Und Du, Erfahrung, die Du Dich gern und lange mit dem Weisen, dem Guten, dem Gelehrten und Gebildeten unterhältst; und nicht mit diesem allein, sondern mit einem jeden jeglichen Standes, von dem Minister an, wenn er seine Morgenbesuche empfängt, bis zu dem Gerichtsdiener im Stockhause; von der Herzogin in ihrem Boudoir bis zu der Schenkwirthin hinter ihrem Schenktische. Von Dir allein sind die Sitten der Menschen genau zu erlernen; dem abgeschlossenen Pedanten, wie groß auch seine Talente, wie umfassend auch seine Gelehrsamkeit sein möge, sind sie stets fremd geblieben.

Kommt, Ihr alle, und mehr noch, wenn es möglich ist; denn schwer ist die Arbeit, die ich unternommen habe und, ohne Euren Beistand, meines Bedünkens zu schwer für mich. Doch wenn Ihr mir alle helfend beisteht, so hoffe ich sie dennoch zu einem glücklichen Schlusse zu bringen.

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