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Die Geschichte des Tom Jones / Theil IV

Henry Fielding: Die Geschichte des Tom Jones / Theil IV - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Geschichte des Tom Jones / Theil IV
authorHenry Fielding
year1848
firstpub1749
translatorDr. A. Diezmann
publisherGeorg Westermann
addressBraunschweig
titleDie Geschichte des Tom Jones / Theil IV
pages227
created20080612
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zwölftes Kapitel.

Berichtet, daß Jones trotz Partridge's Anrathen seine Reise fortsetzte, und was sich weiter ereignete.

Sie entdeckten jetzt, zu Jones' großer Freude und zu nicht geringem Schrecken Partridge's ein Licht, das der letztere, der steif und fest glaubte, behext zu sein, für ein Irrlicht oder etwas noch Unheilbringenderes hielt.

Aber wie steigerte sich diese Furcht, als sie, je näher sie dem Lichte (oder den Lichtern, wie sie jetzt bemerkten) kamen, ein verworrenes Geräusch von menschlichen Stimmen vernahmen, als sie singen, lachen und jubeln hörten und zwischendurch sonderbare Töne irgend eines musikalischen Instruments; diese Töne verdienten aber kaum den Namen Musik, man müßte sie denn, um ein wenig in Partridge's Ideen einzugehen, Hexenmusik haben nennen wollen.

Es ist unmöglich, sich einen höheren Grad von Schrecken zu denken, als der war, von dem Partridge jetzt ergriffen wurde, und von dem auch der Führer, dem keine von den ausgesprochenen Vermuthungen des andern entgangen war, angesteckt wurde. Er stimmte daher in Partridge's Bitten ein, daß Jones doch umkehren möchte, indem er sagte, er glaube wirklich, daß Partridge Recht habe und daß die Pferde, obgleich sie vorwärts zu gehen schienen, dennoch in der letzten halben Stunde nicht um einen Schritt weiter gekommen wären.

Jones konnte sich, trotz seinem Aerger über die Furcht 131 dieser armen Teufel, des Lachens nicht erwehren. »Entweder,« sagte er, »kommen wir den Lichtern näher, oder diese sind uns näher gekommen; denn wir sind gar nicht mehr weit von ihnen entfernt; aber wie kann man sich vor Leuten fürchten, die blos versammelt zu sein scheinen, um sich lustig zu machen.«

»Sich lustig zu machen, ja,« rief Partridge; »wer wird sich wohl zu dieser Stunde der Nacht, und an einem solchen Platze und bei solchem Wetter wollen lustig machen? Das können nur Hexen, oder böse Geister oder so etwas ähnliches sein, so viel ist gewiß.«

»Laß sie sein, was sie wollen,« rief Jones, »ich bin entschlossen, zu ihnen hin zu reiten und sie nach dem Wege zu fragen, der uns nach Coventry bringt. Nicht alle Hexen, Partridge, sind so boshafte Fratzen wie die, mit welcher wir zuletzt unglücklicherweise zusammen trafen.«

»Ach Gott, lieber Herr,« rief Partridge aus, »man kann nicht wissen, wie sie gesinnt sind; jedenfalls ist es immer das Beste, ihnen höflich zu begegnen; aber wie, wenn wir etwas schlimmeres fänden, als Hexen, wenn es gar böse Geister wären? – – Ach, ich bitte Sie, lassen Sie sich abrathen; bitte, stehen Sie davon ab. Hätten Sie so viele schreckliche Geschichten über dergleichen Dinge gelesen als ich, Sie würden nicht so tollkühn sein. – – Gott weiß, wohin wir schon gerathen sind, und wohin wir noch kommen werden; denn wahrlich, eine solche Finsterniß ist auf der Welt noch nicht da gewesen, und ich frage Sie, ob es in der andern Welt wohl finsterer sein kann.«

Jones ritt, trotz allen diesen Winken und Vorstellungen, so schnell es gehen wollte, immer weiter, und der arme Partridge sah sich genöthigt, zu folgen; denn ob er sich gleich kaum weiter vorwärts wagte, so wagte er doch noch weniger, allein zurück zu bleiben.

132 Endlich erreichten sie die Stelle, von wo aus die Lichter schimmerten und der Lärm erscholl. Jones erkannte jetzt, daß es eine Scheune war, worin sich eine große Anzahl Männer und Weiber befanden, die sich, wie es schien, auf die heiterste Weise belustigten.

Jones hielt kaum vor dem großen offen stehenden Thore der Scheune, als eine rauhe männliche Stimme von innen fragte, wer da wäre. – Jones antwortete mit artigem Tone, ein Freund und fragte sogleich nach dem Wege nach Coventry.

»Wenn Sie ein Freund sind,« rief ein anderer der Männer in der Scheune, »so thäten Sie besser, abzusitzen und zu warten, bis das Wetter vorüber ist (denn es stürmt jetzt schrecklicher als je); ziehen Sie nur immer ihr Pferd herein; denn auf der einen Seite der Scheune ist Platz genug dazu.«

»Sie sind sehr gefällig,« entgegnete Jones; »und ich will Ihr Anerbieten auf einige Minuten annehmen, da der Regen noch fortwährt; aber da sind noch zwei, die sich freuen würden, wenn sie die nämliche Erlaubniß erhielten.« Diese wurde ebenso gern zugestanden, aber weniger bereitwillig angenommen; denn Partridge würde sich lieber aller erdenklicher Rauhheit des Wetters ausgesetzt haben, als daß er der Freundlichkeit derjenigen trauen sollte, die er für Kobolde hielt; und der arme Führer war von denselben Befürchtungen angesteckt; allein sie mußten jetzt Jones' Beispiele folgen, der eine, weil er sein Pferd nicht im Stiche lassen durfte, und der andere, weil er nichts so sehr fürchtete, als allein gelassen zu werden.

Wäre diese Geschichte in den Zeiten des Aberglaubens geschrieben worden, so würde ich mit dem Leser zu viel Mitleid gehabt haben, um ihn so lange in Ungewißheit zu lassen, ob etwa Beelzebub oder Satan wirklich in Person 133 und mit allem höllischen Zubehör auftreten werde; aber da diese Lehren gegenwärtig kein Glück mehr machen und nur wenig, wenn überhaupt noch, Glauben finden, so bin ich nicht sehr in Sorge gewesen, eine solche Furcht erregt zu haben. In Wahrheit, die ganze Ausrüstung der infernalischen Regionen ist lange ein Eigenthum der Schauspielunternehmer gewesen, die sie seit Kurzem als unnützen Plunder weggeworfen haben, weil es nur noch die oberste Gallerie anziehen konnte, wohin wenige unsrer Leser jemals kommen.

Wenn wir nun aber auch nicht glauben, um deswillen einen großen Schrecken verursacht zu haben, so müssen wir doch mit Grund besorgen, daß hier irgend eine andere Befürchtung in unserm Leser erwache, in der wir ihn nicht gern lassen möchten; ich meine die, daß wir etwa eine Reise in das Feenland zu unternehmen und eine Art von Wesen in unsere Geschichte einzuführen beabsichtigen, an die zu glauben kaum irgend wer kindisch genug war, obgleich Viele so thöricht gewesen sind, ihre Zeit mit dem Schreiben und Lesen ihrer Abenteuer zu verschwenden.

Um daher jeder solchen Vermuthung vorzubeugen, die dem Credit eines Schriftstellers, welcher vorgiebt, seine Materialien einzig und allein von der Natur zu entnehmen, sehr nachtheilig sein müßte, werden wir den Leser mit der Erscheinung, welche Partridge solchen Schrecken eingeflößt, den Führer ziemlich kleinlaut gemacht und Jones selbst ein wenig überrascht hatte, sogleich näher bekannt machen.

Das in der Scheune versammelte Völkchen also war nichts anderes als eine Bande Egyptier, oder, wie sie gewöhnlich genannt werden, Zigeuner; sie feierten so eben die Hochzeit eines ihrer Mitglieder.

Es ist unmöglich, sich ein glücklicheres Völkchen vorzustellen, als das hier versammelte zu sein schien. Die größte 134 Heiterkeit malte sich auf jedem Gesichte, und dabei entbehrte ihr Ball nicht ganz der Ordnung und des Anstandes. Vielleicht herrschte dessen mehr unter ihnen, als bisweilen unter einer ländlichen Gesellschaft angetroffen wird; denn diese Leute sind einer regelmäßigen Regierung und Gesetzen unterworfen, die sie sich selbst gegeben, und alle gehorchen einer hohen obrigkeitlichen Person, die sie ihren König nennen.

Auch war nicht leicht anderswo ein größerer Ueberfluß zu finden, als wie er in dieser Scheune herrschte. Sauberkeit und Eleganz suchte man freilich vergebens, aber diese verlangte auch der kräftige Appetit der Gäste nicht. Da war reichlicher Vorrath von Speck, Geflügel und Hammelfleisch aufgeschichtet, zu dem sich jeder Anwesende selbst mit einer bessern Sauce versorgte, als wie sie der beste und theuerste französische Koch bereiten kann.

Aeneas kann im Tempel der Juno nicht mehr erstaunt gewesen sein, wenn es von ihm heißt:

Dum stupet obtutuque haeret defixus in uno,

als es unser Held über das war, was er in dieser Scheune sah. Während seine erstaunten Blicke überall herumschweiften, trat ein Mann unter vielen freundlichen Begrüßungen, die zu herrlich waren, als daß man sie höflich nennen konnte, auf ihn zu. Dies war niemand anders als der König der Zigeuner selbst. Er zeichnete sich in Hinsicht auf Kleidung sehr wenig von seinen Unterthanen aus, auch trug er keine Insignien, um seiner Würde Geltung zu verschaffen; und gleichwohl schien es Jones, als läge in seinem Wesen etwas Autorität Verkündendes, das Ehrfurcht und Respect einflößt; obgleich dies Alles vielleicht auf Jones' Einbildung beruhte und das Wahre an der 135 Sache ist, daß sich solche Vorstellungen gewöhnlich an die Macht knüpfen und fast unzertrennlich davon sind.

In dem offenen Gesicht und dem seinen Benehmen von Jones lag etwas, das, in Verbindung mit seiner einnehmenden Persönlichkeit, auf den ersten Anblick jeden für ihn einnahm. Die Wirkung dieser Eigenschaften wurde vielleicht im gegenwärtigen Falle noch ein wenig erhöht durch den tiefen Respect, den er dem Zigeunerkönige erwies, sobald er mit dessen Würde bekannt wurde, was Seiner Majestät um so mehr schmeichelte, als sie nicht gewohnt war, solche Huldigungen von irgend jemandem, außer seinen Unterthanen zu empfangen.

Der König befahl, mit dem Besten, was ihre Vorräthe darböten, einen Tisch vorzurichten, und nachdem er sich zu seiner rechten niedergelassen hatte, fing er folgendes Gespräch mit unserm Helden an:

»Ich zweifle nicht, daß Sie oftmals Leute von meinem Volke gesehen haben, denn sie streifen überall herum; aber Sie werden wohl nicht glauben, daß wir so stark sind, wie wir es wirklich sind; und vielleicht dürften Sie sich noch mehr verwundern, wenn Sie hören, daß die Zigeuner ein eben so regelmäßig und gut regiertes Volk sind, als irgend eines auf dem Erdboden.

»Ich habe die Ehre, wie ich sage, ihr König zu sein, und kein Monarch kann sich pflichtgetreuerer und anhänglicherer Unterthanen rühmen. In wie weit ich ihre Ergebenheit verdiene, darf ich nicht sagen; aber das kann ich sagen, daß ich nichts weiter bezwecke, als ihr Bestes. Ich rühme mich auch dessen nicht, denn worauf könnte ich anders denken als auf das Wohl dieses armen Volks, das alle Tage ausgeht, um mir immer das Beste von dem zu bringen, was es bekommt? Sie lieben und ehren mich 136 deshalb, weil ich sie liebe und für sie sorge; das ist es alles, ich weiß keinen andern Grund.

»Vor vielleicht tausend oder zweitausend Jahren, auf ein oder zwei Jahre kann ich es nicht bestimmen, denn ich kann weder schreiben noch lesen, war eine große Revolution unter den Zigeunern; es gab nämlich damals ein Oberhaupt der Zigeuner, und dieses Oberhaupt stritt sich mit einem andern um die Herrschaft; aber der König der Zigeuner schlug sie alle und machte seine Unterthanen alle einander gleich, und seit der Zeit haben sie sich sehr gut vertragen; denn sie denken nicht daran, König sein zu wollen, und vielleicht ist es auch besser so für sie; denn, ich versichere Sie, es ist sehr beschwerlich, König zu sein und immer Gerechtigkeit zu üben; ich habe oft gewünscht, ein gewöhnlicher Zigeuner zu sein, wenn ich gezwungen gewesen bin, einen theuern Freund und Verwandten zu bestrafen; denn wenn wir gleich keine Todesstrafe haben, so sind unsere Strafen doch sehr streng. Sie machen dem Zigeuner Schande, und das ist eine schreckliche Strafe; es ist mir kaum jemals vorgekommen, daß der Zigeuner, der so bestraft wurde, ein zweites Mal jemandem etwas zu Leide gethan hätte.«

Der König drückte dann einige Verwunderung darüber aus, daß es eine solche Strafe wie die Schande bei andern Regierungen nicht gebe. Jones belehrte ihn vom Gegentheil, indem er ihm sagte, daß es viele Verbrechen gebe, die von den englischen Gesetzen mit Schande bestraft würden und daß sie eigentlich mit jeder Strafe verbunden wäre. »Das ist sehr merkwürdig,« sagte der König; »denn wir wissen und hören sehr viel von Ihrem Volke, obgleich wir nicht unter ihm leben; und wir haben oft gehört, daß Schande von Ihren Belohnungen die Folge und Ursache 137 zugleich ist. Sind denn Ihre Belohnungen und Strafen eins und dasselbe?«

Während Seine Majestät so mit Jones plauderte, entstand ein plötzlicher Tumult in der Scheune, und, wie es scheint, aus folgender Veranlassung: die Höflichkeit dieses Volks hatte Partridge allmälig jede Furcht benommen, so daß er nicht allein von ihren Eßwaaren tapfer zulangte, sondern auch ihren Branntwein kostete, in Folge dessen allmälig an die Stelle seiner früheren Furcht weit angenehmere Gefühle traten.

Eine junge Zigeunerin, mehr durch ihren Geist als ihre Schönheit ausgezeichnet, hatte den ehrlichen Burschen, unter dem Vorgeben, ihm sein Schicksal vorher zu sagen, auf die Seite gelockt. Während sie nun in einem abgelegenen Winkel der Scheune allein zusammen waren, mochte es nun vom Branntwein kommen, der zu keiner Zeit leichter als nach mäßiger Ermüdung ungeregelte Begierden entzündet, oder daher, daß die freundliche Zigeunerin selbst das Zarte und Schicklichkeitsgefühl ihres Geschlechts bei Seite setzte und den jungen Partridge durch ihr freies Entgegenkommen verführte, wurden sie in einer sehr unschicklichen Stellung von dem Manne der Zigeunerin entdeckt; denn dieser hatte, vermuthlich aus Eifersucht, ein wachsames Auge auf seine Frau gehabt und war ihr von ferne nach dem Platze gefolgt, wo er sie in den Armen ihres Galans antraf.

Zu Jones' großer Verlegenheit wurde Partridge jetzt vor den König geschleppt, der sowohl die Anklage, als auch des Beschuldigten Vertheidigung anhörte. Diese war freilich von sehr geringem Gewicht, denn der arme Teufel war auf offener That ertappt worden und hatte somit sehr wenig für sich vorzubringen. Seine Majestät sagte daher, zu Jones gewendet: »Mein Herr, Sie haben gehört, 138 was sie sagen, was halten Sie dafür, welche Strafe Ihrem Diener zukomme?«

Jones antwortete, es thue ihm leid, was geschehen sei, und Partridge solle, so weit es in seinen Kräften stehe, dem Manne Genugthuung geben. Er setzte hinzu, daß er gerade jetzt sehr wenig Geld bei sich habe, und bot, indem er in die Tasche griff, dem Manne eine Guinee an, worauf dieser sogleich erwiederte, er hoffe doch, daß ihm seine Gnaden nicht weniger als fünf geben würden.

Diese Summe wurde nach einigem Hin- und Herreden auf zwei reducirt; und Jones wollte, nachdem er sowohl Partridge, als dem Weibe vollständige Vergebung ausbedungen hatte, schon das Geld auszahlen, als Seine Majestät dies durch Abwehren der Hand verhinderte und zu dem Zeugen gewendet, diesen fragte, wann er die Schuldigen entdeckt hätte. Der Zeuge erwiederte darauf, daß er, von dem Manne aufgefordert, die Bewegungen seines Weibes von dem Augenblicke an, wo sie mit dem Fremden gesprochen, beobachtet und sie nicht aus den Augen verloren hätte, bis das Verbrechen begangen gewesen wäre. Darauf fragte der König weiter, ob der Mann die ganze Zeit über mit ihm auf der Lauer gewesen, was von dem Zeugen bejaht wurde. Nun wendete sich Seine egyptische Majestät mit folgenden Worten an den Ehemann: »Es schmerzt mich, zu erfahren, daß ein Zigeuner nicht mehr Ehrgefühl hat, als daß er die Ehre seiner Frau um Geld verkauft. Wenn Du Liebe zu Deiner Frau hättest, so würdest Du diesen Vorfall abgewendet haben und sie nicht lassen zur Hure machen, um sie zu ertappen. Ich befehle, daß Dir kein Geld gegeben werde, denn Du verdienst Strafe und keine Entschädigung; ich erkläre Dich daher für ehrlos und befehle, daß Du auf einen Monat ein paar Hörner vor der Stirn tragen sollst, und daß man eben so 139 lange Dein Weib die Hure nennen und mit Fingern auf sie zeigen soll; denn Du bist ein ehrloser Zigeuner, sie aber ist nicht minder eine ehrlose Hure.«

Die Zigeuner gingen sogleich ans Werk, das Urtheil zu vollziehen und ließen Jones und Partridge mit Seiner Majestät allein.

Jones sprach sich über die Gerechtigkeit des Urtheilspruchs sehr beifällig aus, worauf der König zu ihm sagte: »Es scheint, daß Sie sich darüber wundern; denn ich vermuthe, Sie haben eine sehr schlechte Meinung von meinem Volke; ich glaube, Sie halten uns alle für Diebe.«

»Ich muß bekennen,« sagte Jones, » daß ich kein so günstiges Urtheil über dasselbe gehört habe, als es zu verdienen scheint.«

»Ich will Ihnen sagen,« versetzte der König, »worin der Unterschied zwischen Ihnen und uns besteht. Mein Volk bestiehlt Ihr Volk und Ihr Volk bestiehlt sich untereinander.«

Jones rühmte hierauf mit vielem Ernste das Glück derjenigen Unterthanen, die unter einer solchen Obrigkeit leben.

Ihr Glück scheint in der That so vollständig gewesen zu sein, daß wir in Sorgen sind, es könne einmal ein Vertheidiger der unumschränkten Gewalt dieses Volk als ein Beispiel von den großen Vorzügen anführen, welche diese Regierungsverfassung vor allen andern voraus habe.

Und nun wollen wir ein Zugeständniß machen, das man vielleicht nicht von uns erwartet hätte, nämlich, daß keine beschränkte Regierungsform denselben Grad von Vollkommenheit erreichen, oder den nämlichen wohlthätigen Einfluß auf die Gesellschaft ausüben könne, als die uneingeschränkte. Nie sind die Menschen so glücklich gewesen als in den Zeiten, wo der größte Theil der damals 140 bekannten Welt unter der Herrschaft eines einzelnen Oberherrn stand; und dieser glückliche Zustand dauerte die Regierungszeit von fünf auf einander folgenden Fürsten hindurchNerva, Trajan, Hadrian und die beiden Antonine.. Dies war das wahre goldene Zeitalter, und das einzige, das, außer in der glühenden Einbildungskraft der Dichter, seit der Vertreibung aus Eden bis auf diesen Tag existirt hat.

In der That kenne ich nur einen gegründeten Einwurf gegen die absolute Monarchie, und dieser ist die Schwierigkeit, einen der Stellung eines absoluten Monarchen angemessenen Mann zu finden; denn dazu sind drei Eigenschaften unerläßlich, die, wie aus der Geschichte erhellt, bei Fürsten sehr schwer anzutreffen sind: Erstens, so viel Mäßigung als erforderlich ist, um mit der möglicher Weise für ihn errichteten Macht zufrieden zu sein; zweitens, so viel Weisheit als nöthig ist, um sein eignes Glück zu erkennen, und drittens so viel Güte, daß er das Glück anderer erträgt, wenn es mit dem seinigen nicht allein vereinbar, sondern für dasselbe auch ersprießlich ist.

Wenn man nun aber zugiebt, daß ein absoluter Monarch, wenn er alle diese erhabenen und seltenen Eigenschaften besitzt, den größten Segen über die Gesellschaft bringen kann, so muß man gewiß auch zugestehen, daß im Gegentheil die absolute Gewalt in den Händen eines Fürsten, dem alle jene Eigenschaften abgehen, wahrscheinlich eben so großes Unheil stiften wird.

Kurz unsere Religion liefert uns treffende Vorstellungen von dem Segen sowohl als dem Fluche, der die absolute Gewalt begleiten kann. Die Schilderungen vom Himmel und von der Hölle führen uns ein sehr lebendiges Bild von beiden vor Augen, denn ob der Fürst der letztern 141 gleich keine Macht haben kann, außer der ihm ursprünglich von dem allmächtigen Herrscher im ersteren verliehenen, so geht doch aus der heiligen Schrift deutlich hervor, daß dem Herrn des Höllengebiets absolute Gewalt zugestanden ist. Dies ist in der That die einzige absolute Gewalt, welche der Schrift nach vom Himmel stammen kann. Wenn daher Zwangherrschaften auf der Erde irgend göttliche Autorität nachweisen können, so muß sie von dieser ursprünglichen Verleihung an den Fürsten der Finsterniß abgeleitet werden, und diese untergeordneten Belehnungen müssen folglich zunächst von ihm ausgehen, dessen Gepräge sie so unverkennbar tragen.

Da endlich die Beispiele aller Zeiten darthun, daß die Menschen in der Regel nur nach Macht streben, um zu schaden, und wenn sie dieselbe erlangen, zu keinem andern Zwecke verwenden, so würde es auch nicht im geringsten Grade klug sein, eine Aenderung zu wagen, wodurch unsern Hoffnungen nur zwei bis drei Ausnahmen in Aussicht gestellt würden gegen tausend Fälle, die unsere Besorgniß erregen müßten. Somit wird es viel weiser sein, sich den wenigen Nachtheilen. die aus der unparteilichen Taubheit der Gesetze hervorgehen, zu fügen, als sie dadurch abstellen zu wollen, daß man sich an die offenen Ohren eines leidenschaftlichen Tyrannen wendet.

So kann man denn auch das Beispiel der Zigeuner, obgleich sie sich bei dieser Regierungsform lange Zeit wohl befunden haben mögen, hier nicht gelten lassen; denn wir müssen den sehr wesentlichen Punkt im Auge behalten, worin sie sich von allen andern Völkern unterscheiden, nämlich, daß sie keine falschen Begriffe von Ehre unter sich hegen, und daß sie die Schande für die härteste Strafe in der Welt ansehen.

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