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Die Geschichte des Tom Jones / Theil IV

Henry Fielding: Die Geschichte des Tom Jones / Theil IV - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Geschichte des Tom Jones / Theil IV
authorHenry Fielding
year1848
firstpub1749
translatorDr. A. Diezmann
publisherGeorg Westermann
addressBraunschweig
titleDie Geschichte des Tom Jones / Theil IV
pages227
created20080612
sendergerd.bouillon@t-online.de
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126 Elftes Kapitel.

Die unangenehmen Vorfälle, welche sich auf der Reise nach Coventry ereigneten, und Partridge's weise Bemerkungen.

Keine Straße kann ebener sein, als die von dem Orte, wo sie sich jetzt befanden, nach Coventry; und obgleich weder Jones, noch der Führer, noch Partridge sie je zuvor passirt waren, so würde es doch fast unmöglich gewesen sein, sie zu verfehlen, wären die beiden am Schlusse des vorigen Kapitels erwähnten Umstände nicht gewesen.

Da sich jedoch diese beiden Umstände zufällig ereigneten, so geriethen unsere Reisenden auf eine weit weniger betretene Straße und nachdem sie volle sechs Meilen geritten waren, befanden sie sich, anstatt das herrliche Coventry zu erreichen, noch immer auf einem sehr schmutzigen schmalen Wege, wo sie keine Spuren der nahenden Umgebung einer großen Stadt entdecken konnten.

Jones äußerte jetzt, daß sie den Weg verfehlt haben müßten; aber der Führer erklärte das für unmöglich. Dieses Wort wird nun aber in der gewöhnlichen Conversationssprache oft gebraucht, nicht allein um anzudeuten, was unwahrscheinlich, sondern was sogar sehr wahrscheinlich ist, und bisweilen, was sich zuverlässig ereignet hat, ist also eine hyperbolische Lizenz, gleich jener, welche so häufig bei dem Gebrauche der Worte unendlich und ewig vorkommt; durch deren ersteres man gewöhnlich eine Entfernung von einer halben Elle und durch deren letzteres eine Dauer von fünf Minuten ausdrückt. Und so ist eben so gebräuchlich die Versicherung der Unmöglichkeit etwas zu verlieren, was man bereits wirklich verloren hat. Dies war in der That jetzt der Fall; denn wenn auch der Führer 127 mit der größten Zuversichtlichkeit das Gegentheil versicherte, so ist doch gewiß, daß sie eben so wenig auf dem rechten Wege nach Coventry waren, als der betrügerische, scharrende, grausame, heuchlerische Geizhals auf dem rechten Wege zum Himmel ist.

Der Leser wird sich vielleicht, wenn er sich nie in einer solchen Lage befunden hat, nicht leicht vorstellen können, wie grausig Finsterniß, Regen und Wind für Personen sind, die in der Nacht ihren Weg verloren haben, und folglich der angenehmen Aussicht auf ein wärmendes Feuer, trockene Kleider und andere Erquickungen entbehren, um ihren Muth im Kampfe mit der Rauhheit des Wetters aufrecht zu halten. Eine wenn auch nur sehr unvollkommene Idee von jenem Graus wird indessen schon hinreichen, um sich einen Begriff von dem zu machen, was jetzt in Partridge vorging und was wir sogleich zu entdecken genöthigt sein werden.

Jones wurde es immer gewisser, daß sie von ihrem Wege abgekommen waren; und der Führer bekannte endlich selbst, daß er glaubte, sie wären nicht auf dem rechten Wege nach Coventry, wiewohl er gleichzeitig versicherte, es wäre unmöglich, daß sie den Weg verfehlt haben könnten. Partridge war aber anderer Meinung. Er sagte: »Ich dachte mir gleich, so wie wir aufbrachen, daß uns irgend ein Unglück zustoßen würde. Bemerkten Sie nicht,« sagte er zu Jones, »jene alte Frau, die, gerade als Sie aufstiegen, vor der Thür stand? Ich wollte, Sie hätten ihr eine Kleinigkeit geschenkt, denn sie sagte alsdann, Sie würden es bereuen; und von dem Augenblicke an fing es an zu regnen und der Wind hat seitdem nicht aufgehört. Was auch manche Leute darüber denken mögen, ich glaube fest, daß es Hexen in ihrer Macht haben, den Wind wehen zu lassen, wenn es ihnen gefällt. Ich habe das zu meiner Zeit sehr oft gesehen; und ist mir jemals in meinem Leben eine Hexe vorgekommen, so war jene alte Frau eine. Ich dachte es gleich; und hätte ich nur ein Paar Pfennige in meiner Tasche gehabt, ich hätte sie ihr gegeben; denn es ist allezeit gut, mitleidig gegen solche Leute zu sein, weil man nicht weiß, was einem sonst passiren kann; und mancher hat schon sein Vieh verloren, darum, daß er einen Pfennig sparte.«

Jones konnte sich, so unangenehm ihm jede Verzögerung war, welche diese Verirrung vom Wege für seine Reise wahrscheinlich zur Folge hatte, des Lachens über den Aberglauben seines Freundes nicht erwehren, der jetzt durch ein Ereigniß in seiner Meinung sehr bestärkt wurde. Dies war ein Sturz vom Pferde, durch den er jedoch keinen andern Schaden nahm, als den der Schmutz an seinen Kleidern verursachte.

Partridge war kaum wieder auf den Füßen, als er seinen Fall für einen unzweideutigen Beweis seiner Behauptung erklärte, worauf ihm Jones, da er sah, daß er keinen Schaden genommen, lächelnd antwortete: »Deine Hexe, Partridge, ist ein höchst undankbares häßliches Bild und macht, wie ich bemerke, in ihrer Rache keinen Unterschied zwischen ihren Freunden und andern. Wenn die alte Frau es mir übel genommen hat, daß ich sie nicht beachtet, so sehe ich nicht ein, warum sie macht, daß Du vom Pferde fällst, da Du ihr doch allen möglichen Respect erwiesen hast.«

»Es ist nicht gut scherzen,« rief Partridge, »mit Leuten, die einem so etwas anthun können; denn sie sind oft sehr boshaft. Ich erinnere mich eines Hufschmieds, der sich einmal über eine solche alte Frau lustig machte und sie fragte, auf wie lange sie ihren Contract mit dem Teufel abgeschlossen hätte; und gerade drei Monate nach jenem 129 Tage war ihm eine seiner besten Kühe ersoffen. Aber das war noch nicht alles; denn kurze Zeit darauf lief ihm ein Faß köstliches Bier aus: die alte Hexe hatte nämlich den Hahn ausgestoßen, und ließ das ganze Bier in den Keller laufen, gerade den ersten Abend, wo er es angezapft hatte, um sich mit einigen seiner Nachbarn eine Güte zu thun. Kurz es wollte ihm von der Zeit an nichts mehr gelingen; denn sie quälte den armen Mann so, daß er sich den Trunk angewöhnte und in Jahr und Tag war von seinem Vermögen nichts mehr übrig und er und seine Familie leben jetzt im Gemeindehause.«

Der Führer, und vielleicht auch sein Pferd, horchte diesem Gespräche so aufmerksam zu, daß sie, sei es nun aus Unachtsamkeit, oder weil die Hexe ihre Bosheit ausübte, auf einmal beide im Kothe lagen.

Partridge schrieb diesen Sturz der nämlichen Ursache zu wie den seinigen. Er sagte zu Jones, daß die Reihe sicher nun an ihn kommen würde, und bat ihn ernstlich, umzukehren, um die alte Frau aufzusuchen und sie zu besänftigen. »Wir werden,« fügte er hinzu, »sehr bald am Gasthofe sein; denn wenn es auch schien, als wären wir vorwärts gekommen, so bin ich doch gewiß, daß wir gerade auf der nämlichen Stelle sind, wo wir vor einer Stunde waren; und ich wollte schwören, wäre es Tag, wir könnten jetzt den Gasthof sehen, von dem wir aufgebrochen sind.«

Anstatt auf diesen klugen Rath zu antworten, war Jones' ganze Aufmerksamkeit auf das Schicksal des Führers gerichtet, welcher keinen andern Schaden genommen hatte, als zuvor Partridge, und den übrigens seine Kleider sehr leicht ertrugen, da sie seit vielen Jahren an so etwas gewöhnt waren. Er saß bald wieder in seinem Sattel und 130 die Flüche und Hiebe, womit er sein Pferd überhäufte, überzeugten Jones sogleich, daß ihm kein Leid widerfahren war.

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