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Die Geschichte des Tom Jones / Theil IV

Henry Fielding: Die Geschichte des Tom Jones / Theil IV - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Geschichte des Tom Jones / Theil IV
authorHenry Fielding
year1848
firstpub1749
translatorDr. A. Diezmann
publisherGeorg Westermann
addressBraunschweig
titleDie Geschichte des Tom Jones / Theil IV
pages227
created20080612
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zehntes Kapitel.

Herr Jones und Herr Dowling trinken eine Flasche zusammen.

Herr Dowling trank ein Glas auf die Gesundheit des guten Squire Allworthy, worauf er sagte: »Erlauben Sie mir, daß ich auch noch seines Neffen und Erben, des jungen Squire gedenke: wohlan, auf das Wohl Herrn Blifils, dieses scharmanten jungen Mannes, der, ich wollte darauf schwören, einmal eine wichtige Rolle in seinem Lande spielen wird. Ich habe selbst einen Marktflecken für ihn im Auge.«

»Herr Dowling,« antwortete Jones, »ich bin überzeugt, daß Sie mich nicht beleidigen wollten und nehme 120 es Ihnen daher nicht übel, aber ich sage Ihnen, unpassender konnten Sie nicht zwei Personen neben einander stellen, denn er eine ist eine Zierde des Menschengeschlechts und der andere ist ein Schuft, der der Menschheit Schande macht.«

Dowling war hierüber erstaunt. Er sagte: daß er beider Charakter für untadelhaft gehalten habe. »Was Squire Allworthy selbst anlangt,« fügte er hinzu, »so habe ich nie das Vergnügen gehabt, ihn zu sehen; aber von allen hört man nur Gutes über ihn; und den jungen Herrn habe ich freilich nur einmal gesehen, damals als ich ihm die Nachricht von dem Tode seiner Mutter brachte; auch war ich zu jener Zeit so sehr mit Geschäften überhäuft, und mußte so eilen, daß ich mich wenig mit ihm unterhalten konnte; aber er hatte etwas so Biederes und benahm sich so artig, daß mir, ich muß es gestehen, nie jemand besser gefallen hat.«

»Ich wundere mich nicht,« erwiederte Jones, »daß er Sie bei einer so kurzen Bekanntschaft bestochen hat; denn er besitzt die Schlauheit des Teufels und Sie können viele Jahre mit ihm leben ohne ihn zu durchschauen. Ich bin von meiner Kindheit an mit ihm auferzogen worden und wir waren fast immer beisammen; aber erst seit Kurzem bin ich hinter seine Niederträchtigkeit gekommen. Ich gestehe, daß ich ihn nie recht leiden konnte. Es schien mir, als ob ihm jener Adel der Gesinnung abgehe, welcher zu allem was im Menschen erhaben und edel ist, die sichere Grundlage bildet. Ich entdeckte in ihm schon lange eine Selbstsucht, die ich verachtete; aber spät, sehr spät erst habe ich gefunden, daß er der niedrigsten und schwärzesten Handlungen fähig ist; denn ich erkannte in der That endlich, daß er aus meiner Offenheit Vortheil gezogen und fest beschlossen hatte, mich durch ein künstlich gesponnenes 121 Gewebe von List zu verderben, was er endlich auch ausgeführt hat.«

»Ei! ei!« rief Dowling; »dann, muß ich sagen, ist es schade, daß ein solcher Mann das ganze Vermögen Ihres Oheims Allworthy erben soll.«

»Ach!« versetzte Jones, »Sie thun mir eine Ehre an, auf die ich kein Recht habe. Es ist wahr, seine Güte gab mir einst die Erlaubniß, ihn bei einem weit zärtlichern Namen zu nennen; aber da dies nur ein freiwilliger Act seiner Güte war, so kann ich mich nicht über Ungerechtigkeit beklagen, wenn er es für gut findet, mich dieser Ehre verlustig zu machen, da der Verlust nicht unverdienter sein kann, als es die Verleihung ursprünglich war. Ich versichere Sie, daß ich kein Verwandter des Herrn Allworthy bin, und wenn die Welt, die seine vortrefflichen Eigenschaften nicht in ihrem ganzen Umfange kennt, urtheilen sollte, er habe durch sein Betragen gegen mich hart an einem Verwandten gehandelt, so thut sie dem besten der Menschen unrecht; denn ich – aber verzeihen Sie, ich will Sie nicht mit Dingen langweilen, die mich selbst angehen; blos weil Sie mich für einen Verwandten des Herrn Allworthy zu halten scheinen, glaubte ich Sie über eine Angelegenheit aufklären zu müssen, aus der ihm vielleicht Vorwürfe erwachsen könnten, und lieber wollte ich mein Leben lassen, als dazu Gelegenheit geben.«

»Wahrhaftig,« sagte Herr Dowling, »Sie sprechen wie ein Mann von Ehre; aber weit entfernt, mich zu langweilen, versichere ich Sie, daß es mir zu großem Vergnügen gereichen würde, zu hören, wie es kam, daß man Sie für einen Verwandten des Herrn Allworthy hielt, wenn Sie es nicht sind. Ihre Pferde werden unter einer halben Stunde nicht bereit sein, und da Sie also hinlänglich Zeit haben, so wünsche ich, daß Sie mir sagten, wie 122 das zuging; denn ich gestehe, es scheint mir sonderbar, daß Sie für den Verwandten eines Mannes gelten, ohne es zu sein.«

Jones, der rücksichtlich seiner Willfährigkeit (weniger rücksichtlich seiner Klugheit) etwas von seiner liebenswürdigen Sophie hatte, war leicht bewogen, Herrn Dowlings Neugierde durch die Erzählung der Geschichte seiner Geburt und Erziehung zu befriedigen, was er wie Othello that

—   Von seiner Knabenzeit
Bis zu dem Augenblick, wo er erzählte.

was Dowling, gleich Desdemona, zu hören begierig war:

Er schwur, 's ist seltsam, wunderbar;
's ist rührend, o unendlich rührend ist's!

Herr Dowling war wirklich sehr ergriffen von dieser Erzählung, denn er hatte sich auch als Advokat die Gefühle der Menschlichkeit bewahrt. Es ist in der That nichts ungerechter, als unsere Vorurtheile gegen einen Stand auf das Privatleben überzutragen und unsere Ansicht von dem Charakter eines Mannes unserer Meinung von seinem Berufe zu entlehnen. Die Gewohnheit schwächt allerdings den Widerwillen gegen solche Handlungen, die der Beruf nöthig macht; aber unter allen andern Umständen wirkt die Natur auf Menschen jeglichen Berufs gleich; ja vielleicht sogar auf diejenigen noch stärker, die ihr, während sie ihren gewohnten Geschäften nachgehen, gleichsam einen Feiertag geben. Ein Fleischer würde jedenfalls Gewissensbisse fühlen, wenn er ein schönes Pferd schlachten sollte; und obgleich ein Chirurg beim Ablösen eines Gliedes keinen Schmerz empfindet, so hat er doch Mitleid für einen Mann, der an einem Gichtanfalle leidet. Der gemeine Henker, unter dessen Händen Hunderte geblutet haben, hat gewiß bei seiner ersten Execution gezittert; und diejenigen, deren Profession es ist, Blut zu vergießen, die im Kriege Tausende, nicht allein Leute von ihrem Handwerk, sondern 123 oftmals Frauen und Kinder ohne Gewissensbisse hinschlachten; selbst diese, sage ich, legen in Zeiten des Friedens, wenn Trommel und Trompete schweigen, alle ihre Wildheit ab und werden friedliche Mitglieder der bürgerlichen Gesellschaft. Eben so kann ein Advokat Gefühl haben für all das Elend und alle die Noth seiner Mitgeschöpfe, vorausgesetzt daß sein Interesse nicht das Gegentheil fordert.

Jones wußte, wie dem Leser bekannt ist, noch nicht, mit wie schwarzen Farben er Herrn Allworthy geschildert worden war; und einiges andere stellte er nicht gerade im ungünstigsten Lichte dar, denn wenn er auch nichts auf seinen ehemaligen Freund und Gönner kommen lassen wollte, so mochte er doch auch sich selbst nicht gern zu viel aufbürden. Dowling bemerkte daher, und nicht mit Unrecht, daß ihm irgend jemand einen sehr schlechten Dienst erzeigt haben müsse. »Denn sicher« rief er, »würde Sie der Squire blos um einiger Fehltritte willen, die wohl jeder junge Mann begangen haben dürfte, nicht enterbt haben. Ueberhaupt kann ich nicht eigentlich sagen enterbt: denn gesetzlich können Sie sich nicht als Erben geltend machen. Das ist gewiß; dazu braucht es keines Advokaten. Dennoch konnten Sie, wenn Sie ein Mann gewissermaßen als seinen Sohn adoptirt hatte, mit Grund einen sehr ansehnlichen Theil, wo nicht das Ganze, erwarten; ja, wenn Sie sich auf das Ganze Rechnung gemacht hätten, würde ich Sie darum nicht getadelt haben, denn jedermann nimmt so viel als er bekommen kann, und niemand ist darum zu tadeln.«

»Sie thun mir wirklich unrecht,« sagte Jones;»ich würde mit sehr wenigem zufrieden gewesen sein; nie habe ich mir auf Herrn Allworthy's Vermögen Rechnung gemacht; ja ich glaube in Wahrheit sagen zu dürfen, daß ich niemals daran gedacht habe, was er mir irgend geben 124 könnte oder würde. Ich erkläre auf das Feierlichste, daß, wenn er seinen Neffen zu meinen Gunsten in Nachtheil gestellt hätte, ich es ungeschehen gemacht haben würde. Lieber will ich mir meinen eignen Sinn bewahren, als das Vermögen eines andern besitzen. Was ist der armselige Stolz, der aus dem Besitze eines prächtigen Hauses, eines zahlreichen Gefolges, eines reich besetzten Tisches und aus allen andern Vortheilen des Vermögens entspringt gegen die wohlthuende, dauerhafte Zufriedenheit, die erhebende Genugthuung, das feurige Entzücken und den jubelnden Triumph, die das Bewußtsein einer großmüthigen, tugendhaften, edeln, wohlthätigen Handlung gewährt? Ich beneide Blifil die Aussicht auf seinen Reichthum nicht; auch werde ich ihm den Besitz desselben nicht beneiden. Ich möchte nicht auf eine halbe Stunde das Bewußtsein eines Schurken haben, um meine Lage mit der seinigen zu vertauschen. Ich glaube in der That, daß mich Blifil der von Ihnen erwähnten Absichten für fähig hielt, und vermuthe, daß dieser Argwohn, so wie er von seinem schlechten Herzen zeugt, auch die Ursache seiner schlechten Handlungsweise gegen mich gewesen ist. Aber Gott sei Dank, ich bin mir bewußt – – ich bin mir meiner Unschuld bewußt; und ich würde dieses Bewußtsein um die Welt nicht hingeben. Denn so lange ich denken kann, habe ich nie irgend jemandem unrecht gethan, oder nur die Absicht dazu gehabt.

»Pone me pigris ubi nulla campis
Arbor aestiva recreatur aura,
Quod latus mundi nebulae, malusque
    Jupiter urget.

Pone sub curru nimium propinqui
Solis in terra domibus negata;
Dulce ridentem Lalagen amabo,
    Dulce loquentem.«

125 Er füllte hierauf sein Glas und trank es auf das Wohl seiner theuren Lalage; auch Dowlings Glas füllte er bis zum Rande und forderte ihn auf, ihm Bescheid zu thun. »Nun wohlan, Fräulein Lalage's Wohlsein, von ganzem Herzen,« rief Dowling. »Ich habe oft ihre Gesundheit ausbringen hören, muß aber bekennen, sie noch nie gesehen zu haben; sie soll eine außerordentliche Schönheit sein.«

Obgleich das Latein nicht das einzige war, was Dowling von diesem Gespräch nicht verstand, so lag doch etwas darin, was einen sehr tiefen Eindruck auf ihn machte. Und wenn er auch durch Blinzeln, Kopfnicken, Lächeln und Grinsen den Eindruck vor Jones zu verbergen suchte (denn wir schämen uns eben so oft das Rechte wie das Falsche zu denken), so ist doch gewiß, daß er von seinen Gesinnungen so viel als er davon verstand ins Geheim billigte und wirklich einen sehr lebhaften Drang zum Mitleid mit ihm fühlte. Aber wir werden vielleicht darüber bei einer andern Gelegenheit nähern Aufschluß geben, vorzüglich wenn wir im Verlaufe unsrer Geschichte mit Herrn Dowling etwa wieder zusammentreffen sollten. Für jetzt sind wir gezwungen, uns von diesem Herrn ein wenig eilig zu verabschieden, worin wir Herrn Jones nachahmen, der nicht sobald durch Partridge benachrichtigt worden war, daß seine Pferde bereit wären, als er sogleich seine Rechnung bezahlte, seinem Gesellschafter eine gute Nacht wünschte, sein Pferd bestieg und nach Coventry aufbrach, trotz der finstern Nacht und dem Regen, der eben sehr heftig zu werden anfing.

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