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Die Geschichte des Tom Jones / Theil IV

Henry Fielding: Die Geschichte des Tom Jones / Theil IV - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Geschichte des Tom Jones / Theil IV
authorHenry Fielding
year1848
firstpub1749
translatorDr. A. Diezmann
publisherGeorg Westermann
addressBraunschweig
titleDie Geschichte des Tom Jones / Theil IV
pages227
created20080612
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweites Kapitel.

Was sich mit Sophie nach ihrer Abreise von Upton zutrug.

Unmittelbar ehe wir uns in unserer Erzählung etwas zurückzugehen genöthigt sahen, hatten wir von der Abreise Sophiens und ihres Mädchens aus dem Wirthshause berichtet; wir werden daher diesem liebenswürdigen Wesen jetzt weiter folgen und verlassen ihren unwürdigen Geliebten, damit er sein Mißgeschick oder vielmehr sein Mißverhalten ein wenig länger betrauern könne.

Sophie hatte ihrem Führer den Befehl gegeben, sie auf Nebenwegen durch das Land zu geleiten. Sie gingen jetzt über die Savern und waren kaum eine halbe Stunde von dem Wirthshause entfernt, als die junge Dame, während 8 sie sich einmal umsah, mehrere Pferde in vollem Laufe hinter ihnen herkommen sah. Dies versetzte sie in große Unruhe, weshalb sie den Führer zur größtmöglichen Eile aufforderte.

Er gehorchte ihr sogleich, und so flogen sie denn in gestrecktem Trabe dahin. Allein je schneller sie ritten, desto eiliger folgte man ihnen; und da die hinteren Pferde schneller waren als die vorderen, so wurden diese endlich eingeholt. Es war ein glücklicher Umstand für die arme Sophie, die durch Furcht und Ermattung fast gänzlich erschöpft war; denn sie fühlte sich augenblicklich beruhigt, als eine weibliche Stimme sie in einem freundlichen und äußerst höflichen Tone begrüßte. Diesen Gruß erwiederte Sophie, sobald sie wieder etwas Athem geschöpft hatte, mit gleicher Höflichkeit und mit dem Gefühle der größten Herzenserleichterung.

Die Reisenden, welche sich an Sophie anschlossen und ihr so viel Angst verursacht hatten, bestanden, gleich ihrer eigenen Gesellschaft, aus zwei Frauen und einem Führer. Beide Parteien ritten gegen eine Meile Weges zusammen, ehe eine zum Sprechen wieder den Mund öffnete, bis die Heldin unserer Erzählung, nachdem sie ihre Furcht so ziemlich überwunden hatte (aber doch etwas befremdet war, da die andere sich noch immer zu ihr hielt, da sie doch keiner großen Straße folgte und bereits mehrere Krümmungen passirt war), die fremde Dame in sehr verbindlichem Tone anredete und sagte, sie wäre hocherfreut, wahrzunehmen, daß sie beide denselben Weg reisten. Die andere, die, wie ein Geist, nur angeredet sein wollte, antwortete sogleich, daß das Vergnügen ganz auf ihrer Seite wäre, daß sie diese Gegend ganz und gar nicht kennte und sich deshalb glücklich schätzte, eine Gefährtin gefunden zu haben; daß sie sich vielleicht einer Zudringlichkeit schuldig gemacht habe, um deretwillen sie um Verzeihung bitten müsse, indem sie 9 nämlich gleichen Schritt mit ihr halte. Aehnlicher Höflichkeiten wurden zwischen diesen beiden Damen mehr gewechselt; denn Mamsell Honour hatte dem feinen Anzuge Platz gemacht und war zurückgeblieben. Aber obgleich Sophie sehr neugierig war zu wissen, warum die andere Dame sich immer noch auf einem und demselben Nebenwege zu ihr hielt, ja, obgleich es ihr einiges Unbehagen, ja sogar Furcht verursachte, so hielt sie doch ihre Bescheidenheit, oder irgend eine andere Rücksicht von der Frage darnach zurück.

Die fremde Dame hatte mit einer Unannehmlichkeit zu kämpfen, deren Erwähnung die Würde der Geschichte kaum gestattet. Ihre Kopfbedeckung war ihr in der letzten halben Stunde nicht weniger als fünf Mal vom Kopfe gewehet worden: und sie konnte kein Band oder Tuch finden, um jene damit zu befestigen. Als Sophie dies wahrgenommen hatte, erbot sie sich sogleich, ihr mit einem Tuche auszuhelfen; während sie es aber aus der Tasche zog, mochte sie wohl die Führung ihres Pferdes zu sehr vernachlässigt haben, denn das Thier stolperte, fiel auf die Kniee nieder und warf seine schöne Reiterin von seinem Rücken.

Obgleich Sophie kopfüber auf den Boden kam, so nahm sie doch glücklicherweise nicht den geringsten Schaden; und der nämliche Umstand, der vielleicht zu ihrem Falle beigetragen hatte, schützte sie jetzt vor Verlegenheit; denn der Weg, den sie gerade ritten, war schmal und mit überhängenden Bäumen besetzt, so daß der Mond sein Licht nur spärlich hereinwerfen konnte und überdieß in diesem Augenblicke von einer Wolke so verfinstert wurde, daß es fast ganz dunkel war. Dadurch kam es, daß das Schaamgefühl der jungen Dame, das ungemein zart war, eben so wenig verletzt ward als ihre Glieder, und sie saß wiederum in ihrem Sattel, ohne durch ihren Sturz etwas anderes als einen kleinen Schreck davon getragen zu haben.

10 Das Licht brach endlich in seinem ganzen Glanze hervor, und jetzt, da die beiden Damen, während sie neben einander über einen Anger ritten, einander ins Gesicht sahen, blieben ihre Augen starr auf einander geheftet, beide hielten ihre Pferde an und beide riefen gleichzeitig und mit gleich großer Freude, die eine den Namen Sophie, die andere den Namen Henriette aus.

Dieses unerwartete Zusammentreffen überraschte die Damen weit mehr, als es, wie ich mir einbilde, den scharfsinnigen Leser überraschen wird, der jedenfalls errathen hat, daß die fremde Dame niemand anderes als Madame Fitzpatrick, Fräulein Western's Cousine, sein konnte, von der wir oben berichteten, daß sie wenige Minuten nach ihr das Wirthshaus verlassen hätte.

So groß war die Ueberraschung und Freude der beiden Cousinen über dieses Zusammentreffen (denn sie waren früher die vertrautesten Freundinnen gewesen und hatten zusammen bei ihrer Tante Western gelebt), daß es unmöglich ist, nur die Hälfte der Freudenbezeigungen wieder zu erzählen, die sie austauschten, ehe eine jede der andern eine sehr natürliche Frage vorlegte, nämlich die, wohin sie eigentlich wollte?

Diese Frage kam jedoch endlich zuerst von Madame Fitzpatrick; aber, so ungezwungen und natürlich auch die Frage scheinen mag, Sophie fand es schwer, sogleich eine bestimmte Antwort darauf zu geben. Sie bat daher ihre Cousine, ihre Neugierde zu verschieben, bis sie in ein Gasthaus kommen würden, »und das,« sagte sie, »wird vermuthlich nicht lange mehr dauern; auch kannst Du mir glauben, Henriette, daß ich meinerseits bis dahin nicht weniger Neugierde zu bezwingen habe; denn ich glaube wirklich, daß unser beiderseitiges Erstaunen ziemlich gleich groß ist.«

11 Die Unterhaltung, welche diese Damen unterwegs führten, verdient, meines Erachtens nach, keiner besonderen Erwähnung, und sicherlich noch weniger die der beiden Kammermädchen, die sich ebenfalls einander höflich begrüßten. Was die Führer anlangt, so war ihnen das Vergnügen der Unterhaltung dadurch abgeschnitten, daß der eine die Vorhut und der andere die Nachhut bilden mußte.

So ritten sie mehrere Stunden fort, bis sie auf eine breite und gebahnte Straße gelangten, die sie bald an ein sehr einladend aussehendes Gasthaus brachte, vor dem sie alle abstiegen; nur Sophie, die so sehr ermüdet war, daß sie sich in der letztern Zeit nur mit großer Mühe hatte auf dem Pferde erhalten können, sah sich außer Stande, ohne fremden Beistand herabzukommen. Der Wirth, der ihr Pferd am Zügel gefaßt hatte und dies sogleich bemerkte, erbat sich, sie herabzuheben, was sie auch sehr gern annahm. Es schien wirklich, als ob es Sophiens Geschick darauf angelegt gehabt hätte, ihr diesen Tag Verlegenheiten zu bereiten, und dieser zweite boshafte Versuch gelang besser als der erste; denn unser Wirth hatte die junge Dame nicht sobald in seinen Armen aufgenommen, als ihm seine Füße, denen die Gicht nur noch vor Kurzem sehr hart zugesetzt hatte, abgingen, und er zu Boden fiel, wobei er es jedoch mit ebenso viel Gewandtheit als Galanterie, so einzurichten wußte, daß er unter seine reizende Bürde zu liegen kam und somit die Quetschungen vom Falle allein auf sich nahm; denn alles was Sophie davontrug, war eine Kränkung ihres Schaamgefühls, die sie empfand, als sie beim Aufstehen die Gesichter der meisten Umstehenden zu einem unmäßigen Lachen verzerrt sah. Dies lies sie ahnen, was eigentlich geschehen sei und was wir aus Rücksicht gegen diejenigen Leser, die über eine Verletzung der Schaamhaftigkeit junger Damen lachen können, hier nicht wieder erzählen 12 werden. Ereignisse solcher Art haben wir nie komisch behandelt; auch nehmen wir keinen Anstand, zu behaupten, daß der einen sehr unrichtigen Begriff von dem Schaamgefühl einer schönen jungen Dame haben müßte, welcher es einem so armseligen Vergnügen, wie das Lachen gewähren kann, aufopfern wollte.

Schreck und Schaam, verbunden mit der großen Ermattung, hatten Sophien dergestalt angegriffen, daß sie kaum noch Kraft genug hatte, auf den Arm ihres Mädchens gelehnt, in das Gasthaus zu wanken. Hier hatten sie sich kaum niedergelassen, als sie nach einem Glase Wasser verlangte, statt dessen aber Mamsell Honour, was meiner Meinung nach sehr klug war, ein Glas Wein brachte.

Madame Fitzpatrick, die von Mamsell Honour erfuhr, daß Sophie die letzten zwei Nächte in kein Bett gekommen war und sie sehr blaß und erschöpft fand, drang ernstlich in sie, sich durch einige Stunden Schlaf zu stärken. Sie war zwar unbekannt mit ihren letzten Schicksalen oder ihren Besorgnissen; aber sie würde selbst in dem Falle, daß sie dieselben gekannt hätte, keinen andern Rath gegeben haben; denn Ruhe war ihr offenbar nothwendig; und ihre lange Reise auf Nebenstraßen beseitigte so gänzlich alle Gefahr einer Verfolgung, daß sie selbst in dieser Beziehung außer aller Sorge war.

Sophie war leicht überredet, dem Rathe ihrer Freundin zu folgen, worin ihr Mädchen ihr herzlich gern beistimmte. Madame Fitzpatrick erbot sich, ihrer Cousine Gesellschaft zu leisten, was von Sophien mit Vergnügen angenommen wurde.

Die Herrin war nicht sobald zu Bett, als die Dienerin sich anschickte, ihrem Beispiele zu folgen. Sie bat ihre Schwester Zofe um Entschuldigung, sie an einem so schrecklichen Orte, wie ein Gasthof, allein zu lassen; aber die 13 andere, die sich nach einem Schläfchen nicht minder sehnte, unterbrach sie und bat um die Ehre, ihr Bett mit ihr theilen zu dürfen. Sophiens Mädchen erklärte sich dazu bereit, jedoch nicht ohne die ganze Ehre für sich in Anspruch zu nehmen. So gingen denn, nach vielen Höflichkeiten und Complimenten, die beiden Kammermädchen zusammen zu Bett, wie das zuvor ihre Gebieterinnen gethan hatten.

Der Wirth hatte (wie das in der That bei seiner ganzen Collegenschaft der Fall zu sein pflegt) die Gewohnheit, sich bei allen Kutschern, Bedienten, Postillonen und andern umständlich nach den Namen aller seiner Gäste, nach ihren Gütern und wo sie lägen, zu erkundigen. Es kann daher nicht Wunder nehmen, daß die mancherlei eigenthümlichen Umstände, welche bei unsern Reisenden auffielen, und namentlich, daß sie zu einer so ungewöhnlichen Stunde, wie zehn Uhr Morgens, schlafen gingen, seine Neugierde rege machten. Sobald daher die Führer in die Küche traten, fing er an, sie zu examiniren, wer die Damen wären und woher sie kämen, allein die Führer, obgleich sie getreulich alles berichteten, was sie wußten, konnten ihn nur wenig zufriedenstellen. Im Gegentheil, sie reizten seine Neugierde eher, als sie dieselbe stillten.

Dieser Wirth stand bei allen seinen Nachbarn in dem Rufe, ein sehr kluger Patron zu sein. Man glaubte von ihm, er durchschaue die Dinge klarer und tiefer als irgend einer im Dorfe, selbst den Pfarrer nicht ausgenommen. Vielleicht hatte sein äußeres Ansehen nicht wenig dazu beigetragen, ihm diesen Ruf zu erwerben; denn es lag darin etwas merkwürdig Kluges und Bedeutungsvolles, namentlich, wenn er eine Pfeife im Munde hatte, und diese brachte er wirklich sehr selten heraus. Auch sein Anstand mochte zu der Meinung von seiner Klugheit mitgewirkt haben. In seinem Gange lag etwas Feierliches, wo nicht 14 etwas Phlegmatisches; und wenn er sprach, was selten geschah, so sprach er stets mit leiser Stimme, und unterbrach seine Bemerkungen, obgleich sie kurz waren, durch viele Hm's und Ha's und Ja Ja's und andere Flickwörtchen, so daß er, obschon er seine Worte mit gewissen erläuternden Gesten, als Schütteln oder Nicken mit dem Kopfe, oder Deuten mit dem Zeigefinger, begleitete, gemeiniglich seine Zuhörer glauben machte, er denke sich mehr als er ausspreche; ja er gab ihnen wohl auch selbst zu verstehen, daß er weit mehr wisse, als er mitzutheilen für gut halte. Dieser letzte Umstand dürfte wirklich allein hinreichen, um uns über die Bewandtniß, die es mit dem Rufe seiner Klugheit hatte, aufzuklären, indem die Menschen den sonderbaren Hang besitzen, das zu verehren, was sie nicht verstehen: ein großes Geheimniß, worauf schon mancher Betrüger seine Pläne und die Hoffnung ihres Gelingens gegründet hat.

Dieser kluge Mann nun nahm seine Frau bei Seite und fragte sie, was sie wohl von den zuletzt angekommenen Damen dächte. – »Was ich von ihnen denke,« sagte die Frau, »nun, was soll ich von ihnen denken?« – »Ich weiß,« entgegnete er, »was ich denke. Die Führer erzählen sonderbare Dinge. Der eine will von Gloucester und der andere von Upton kommen; und keiner von beiden, so viel ich aus ihnen herausbringen kann, weiß mir zu sagen, wohin sie reisen. Aber was für Leute kommen über Land von Upton hierher, namentlich nach London? Und eines von den Kammermädchen fragte, ehe sie vom Pferde abstieg, ob das nicht die Londoner Straße wäre? Nun habe ich alle diese Umstände zusammengenommen, und was denkst Du wohl, wen ich aus ihnen herausgefunden habe?« – »Ja,« antwortete sie, »das weißt Du, daß ich mir nicht anmaße, Deine Entdeckungen zu errathen.« – »'S ist ein 15 gutes Kind,« versetzte er, indem er sie an das Kinn faßte; »ich muß sagen, in solchen Sachen hast Du Dich immer auf meine Klugheit verlassen. Nun denn, glaube mir; merke was ich sage, glaube mir, sie sind gewiß einige von den Rebellen-Damen, die, wie es heißt, mit dem jungen Ritter reisen und die einen Umweg gemacht haben, um der Armee des Herzogs auszuweichen.«

»Mann,« sagte die Frau, »Du hast es sicher getroffen; denn eine von ihnen ist schön gekleidet wie eine Prinzessin; und wahrhaftig, sie sieht auch ganz so aus. Aber dennoch, wenn ich mir Eins überlege – –« – »Wenn Du Dir überlegst,« rief der Wirth verächtlich – – »Nun, laß doch hören, was Du Dir überlegst.« – »Nun ich meine nämlich,« antwortete die Frau, »daß sie zu bescheiden ist für eine große Dame; denn während unsere Betty das Bett wärmte, nannte sie dieselbe immer mein Kind, und meine Liebe, und mein Herzchen; und als sich Betty erbot, ihr die Schuhe und Strümpfe auszuziehen, nahm sie es nicht an und sagte, sie wolle sie nicht bemühen.«

»Bah!« entgegnete der Mann, »das will nichts sagen. Du denkst wohl, weil Du manche große Dame untergebene Personen rauh und unhöflich hast behandeln sehen, keine wisse, wie sie sich gegen Niedere betragen soll? Ich denke ich verstehe mich auf die Vornehmen, wenn ich sie sehe. Ich denke es. Verlangte sie nicht ein Glas Wasser, als sie hereinkam? Eine andere Art Frauenzimmer hätte etwas Kräftigeres verlangt; das weißt Du doch. Wenn sie nicht eine Dame von hohem Range ist, sollst Du mich für dumm verkaufen; und ich glaube, wer mich dafür kauft, soll einen schlechten Handel gemacht haben. Sag', würde eine Dame von ihrem Stande wohl ohne einen Bedienten reisen, wenn nicht solche außerordentliche Umstände vorhanden wären?« – »Ja, das ist wahr, Mann,« sagte sie, »Du verstehst Dich 16 besser auf solche Dinge, als ich oder die meisten Leute.« – »Das wollt' ich meinen, daß ich mich etwas darauf verstehe,« sagte er. – »Wahrhaftig,« fuhr die Frau fort, »die arme Kleine sah so erbarmungswürdig aus, als sie sich auf den Stuhl niederließ, daß sie mich wirklich dauerte, fast so sehr als wenn sie ein armes Ding gewesen wäre. Aber was ist da zu thun, Mann? Wenn sie zu den Rebellen gehört, so stelle ich mir vor, Du wirst sie an den Hof verrathen wollen. Mag sie sein was sie will, jedenfalls ist sie eine freundliche gutmüthige Dame, und ich würde weinen müssen, wenn ich hörte, daß sie gehängt oder geköpft worden wäre.« – »Bah!« versetzte der Mann. »Was zu thun ist? das ist nicht so leicht gesagt. Ich hoffe, daß wir, ehe sie abreist, Nachricht von einer Schlacht erhalten sollen; denn wenn der Ritter (der Prätendent) die Oberhand behielte, so könnte sie uns bei Hofe von Nutzen sein und uns glücklich machen, ohne daß wir sie zu verrathen brauchten.« – »Ei das ist wahr,« meinte die Frau; »und ich will nur wünschen, daß es in ihrer Macht stehe. Das ist wahr, eine liebe gute Dame ist sie; es würde mir erschrecklich nahe gehen, wenn ihr ein Unglück zustoßen sollte.« – »Bah!« rief der Wirth, »Weiber sind immer so weichmüthig. Du wolltest doch nicht gar Rebellen beherbergen, oder wolltest Du?« – »Nein, gewiß nicht,« antwortete die Frau; »und wenn wir sie verrathen, so kann uns niemand tadeln, komme auch daraus, was da wolle. An unsrer Stelle würde jeder so handeln.«

Während unser schlauer Wirth, der, wie wir sehen, nicht mit Unrecht bei seinen Nachbarn im Rufe großer Klugheit stand, die Sache noch bei sich überlegte (denn die Ansicht seiner Frau beachtete er wenig), trafen Nachrichten ein, daß die Rebellen dem Herzoge entwischt wären und einen Tagemarsch gegen London voraushätten. Bald darauf 17 kam ein berüchtigter jacobitischer Herr an, der dem Wirth die Hand schüttelte und mit freudestrahlendem Gesicht sagte: »Jetzt ist Alles gewonnen; zehntausend brave Franzosen sind in Suffolk gelandet. Es lebe Altengland! zehntausend Franzosen, mein lieber Mann!«

Diese Neuigkeit bestärkte den klugen Wirth in seiner Vermuthung, und er beschloß, der jungen Dame seine Aufwartung zu machen, sobald sie aufgestanden sein würde: denn er hatte jetzt, wie er sagte, herausgebracht, daß sie niemand anders wäre als Jenny Cameron selbst.

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