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Die Geschichte des Tom Jones / Theil IV

Henry Fielding: Die Geschichte des Tom Jones / Theil IV - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Geschichte des Tom Jones / Theil IV
authorHenry Fielding
year1848
firstpub1749
translatorDr. A. Diezmann
publisherGeorg Westermann
addressBraunschweig
titleDie Geschichte des Tom Jones / Theil IV
pages227
created20080612
sendergerd.bouillon@t-online.de
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115 Neuntes Kapitel.

Enthält wenig mehr als einige wunderliche Bemerkungen.

Jones war eine volle halbe Stunde abwesend gewesen, als er eilig in die Küche zurückkehrte und seine Rechnung vom Wirthe verlangte. Und jetzt wurde Partridge's Kummer, daß er die warme Kaminecke und ein köstliches Glas Branntwein verlassen sollte, in etwas gelindert, da er hörte, daß er nicht weiter zu Fuße gehen sollte; denn Jones hatte den Burschen durch goldene Argumente überredet, ihn nach dem Gasthofe zurück zu bringen, wohin er zuvor Sophien geleitet hatte, wozu sich derselbe jedoch nur unter der Bedingung verstand, daß der andere Führer ihn hier erwarten wollte, weil der Wirth zu Upton, als ein guter Bekannter des Wirthes zu Gloucester, es doch irgend einmal von diesem erfahren, daß seine Pferde von mehr als einer Person gebraucht worden wären, und von dem Burschen Rechenschaft über das Geld verlangen könnte, das dieser wohlweislich beabsichtigt hatte, in seine Tasche zu stecken.

Wir sahen uns zur Erwähnung dieses Umstandes, so geringfügig er auch erscheinen mag, um deswillen gedrungen, weil er Jones' Abreise um ein Beträchtliches verzögerte; denn die Ehrlichkeit dieses letztern Burschen war nicht gering zu schätzen – nämlich dem Preise nach, und sie würde Jones wirklich sehr theuer zu stehen gekommen sein, hätte nicht Partridge, der, wie gesagt, ein schlauer Fuchs war, noch eine halbe Krone zugelegt, die der Bursche, während er im Wirthshause auf seinen Kameraden wartete, verzehren sollte. Von dieser halben Krone hatte der Wirth kaum Witterung bekommen, als er sich 116 mit solcher Lebhaftigkeit und Ueberredungskunst für die Sache verwendete, daß der Bursche sehr bald gewonnen war und die halbe Krone für sein Warten annahm. Wir können uns hier der Bemerkung nicht enthalten, daß unter den niedersten Volksklassen viel List herrscht und daß vornehme Leute sich oftmals in Hinsicht auf jene Feinheit des Betrugs überschätzen, worin sie häufig von den Niedrigsten übertroffen werden.

So wie die Pferde vorgeführt waren, schwang sich Jones sogleich in den Quersattel auf, worauf seine theure Sophie gesessen hatte. Der Reitknecht bot ihm zwar sehr höflich den seinigen an, allein er zog den Frauensattel vor, vermuthlich weil er weicher war. Partridge aber, obgleich nicht minder weibisch als Jones, konnte den Gedanken, seiner Männlichkeit etwas zu vergeben, nicht ertragen. Er nahm daher des Burschen Anerbieten an und nun machten sie sich, Jones auf dem Sattel seiner Sophie, der Knecht auf dem von Mamsell Honour sitzend und Partridge auf dem dritten Pferde, auf die Reise und gelangten innerhalb vier Stunden an den Gasthof, wo der Leser sich bereits so lange verweilt hat. Partridge war den ganzen Weg über sehr guter Dinge und sprach oft zu Jones von den vielen guten Vorbedeutungen seines künftigen Glücks, die ihm in der letzten Zeit zu Statten gekommen waren, und die der Leser, ohne im Mindesten abergläubisch zu sein, als besonders günstig anerkennen muß. Partridge war ferner mit dem jetzigen Reisezwecke seines Gefährten besser zufrieden als mit dem früheren, welcher den Ruhm zum Ziele hatte; auch wurde ihm aus eben diesen Vorbedeutungen, welche der Pädagog als günstig auslegte, erst die Liebe zwischen Jones und Sophie recht klar, worauf er zuvor sehr wenig geachtet hatte, weil er Jones' Reise einen ganz falschen Grund untergelegt hatte; und was die Vorgänge zu Upton 117 anlangt, so war er kurz vor und nach ihrer Abreise aus diesem Orte zu sehr von Schrecken und Angst ergriffen, um einen andern Schluß aus ihnen zu ziehen, als daß Jones total verrückt sei; – ein Schluß, welcher mit der vorgefaßten Meinung von seiner Wildheit, die sich, wie er glaubte, in seinem Betragen von Gloucester aus kund gab, durchaus harmonirte. Er war indessen mit seiner gegenwärtigen Reise ziemlich wohl zufrieden und fing nun an eine bessere Vorstellung von seines Freundes Verstande zu bekommen.

Es hatte eben drei geschlagen, als sie ankamen. Jones forderte sogleich Postpferde, aber unglücklicher Weise war im ganzen Orte kein Pferd aufzutreiben, worüber sich der Leser nicht wundern wird, wenn er bedenkt, in welche stürmische Bewegung die ganze Nation und namentlich dieser Theil derselben damals versetzt war, wo jede Stunde des Tages wie der Nacht Couriere hin und wieder eilten.

Jones suchte alles hervor, um seinen bisherigen Führer zu bewegen, daß er ihn bis Coventry brächte; aber er war unerbittlich. Während er im Hofe mit dem Burschen capitulirte, trat jemand auf ihn zu, nannte ihn, freundlich grüßend, beim Namen und fragte, wie es der ganzen lieben Familie in Somersetshire erginge; als sich Jones umdrehte, erkannte er auf den ersten Blick Herrn Dowling, den Notar, mit dem er zu Gloucester gegessen hatte, und erwiederte seinen Gruß mit vieler Höflichkeit.

Dowling redete Herrn Jones sehr ernstlich zu, doch diese Nacht nicht weiter zu reisen und unterstützte seine Bitten mit vielen unwiderleglichen Gründen, als da sind, daß es schon fast dunkel und der Weg sehr kothig wäre und daß sich bei Tage viel besser reisen ließe und ähnliche andere mehr, von denen sich Jones vermuthlich schon selbst einige gesagt hatte; aber so wie sie vorhin ohne Wirkung 118 gewesen waren, so waren sie es noch; und er beharrte fest auf seinem Vorhaben, selbst für den Fall, daß er genöthigt sein sollte zu Fuße zu gehen.

Da der gute Notar sah, daß er Jones nicht zum Dableiben bewegen konnte, so gab er sich selbst ernstliche Mühe mit, den Führer dahin zu bringen, daß er noch weiter mit ginge. Er stellte ihm unter andern vor, daß es ja nur eine kurze Reise sei und schloß mit den Worten: »Denken Sie denn, der Herr werde Sie nicht gut für Ihre Mühe lohnen?«

Zwei gegen Einen sind, wie beim Ballschlagen, so in allen Stücken im Vortheil. Aber der aus dieser vereinigten Kraft resultirende Vortheil in Fällen, wo es sich um Ueberredung oder Bitten handelt, kann einem aufmerksamen Beobachter nicht entgangen sein; denn er muß oft gesehen haben, daß, wenn ein Vater, ein Lehrer, eine Frau oder sonst eine in Autorität stehende Person allen von einem Einzelnen vorgebrachten Gründen einen beharrlichen Widerstand entgegengesetzt haben, sie hinterdrein einer zweiten oder dritten Person, welche dasselbe Anliegen wiederholt, ohne sich durch neue oder gewichtigere Gründe dafür zu verwenden, dennoch nachgaben. Und daher rührt vielleicht der Ausdruck, einen Beweisgrund oder einen Antrag unterstützen, und die große Wirkung davon in Versammlungen zu öffentlicher Berathung. Daher kommt es gleichfalls wahrscheinlich, daß wir in unsern Gerichtshöfen oftmals einen gelehrten Herrn (gemeiniglich einen Advokaten) eine Stunde lang das wiederholen hören, was ein anderer gelehrter Herr eben erst vor ihm gesagt hatte.

Anstatt eine Erklärung darüber zu geben, stellen wir nach unserer gewohnten Weise ein Beispiel davon auf an dem Benehmen des oben erwähnten Führers, welcher Herrn Dowlings Zureden nachgab und Jones nochmals 119 einen Ritt auf seinem Quersattel zusagte; nur bestand er darauf, daß die armen Thiere erst ein gutes Futter haben müßten, weil sie einen weiten Weg gemacht hätten und sehr angestrengt worden wären. Diese vorsichtige Bemerkung des Burschen war wirklich überflüssig; denn Jones würde das, trotz seiner Eilfertigkeit und Ungeduld, selbst befohlen haben; denn er gehörte keineswegs zu denen, welche die Thiere als bloße Maschinen betrachten und, wenn sie ihren Pferden die Sporen geben, meinen, das Pferd fühle nicht mehr davon als der Sporn.

Während die Thiere ihr Futter fraßen, oder vielmehr während man glaubte, daß dies geschähe (denn da der Führer für sich in der Küche sorgte, sorgte der Wirth im Stalle dafür, daß sein Futter nicht aufgezehrt würde), begleitete Jones auf Herrn Dowlings inständige Bitten diesen Herrn auf sein Zimmer, wo sie sich bei einer Flasche Wein niederließen.

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