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Die Geschichte des Tom Jones / Theil IV

Henry Fielding: Die Geschichte des Tom Jones / Theil IV - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Geschichte des Tom Jones / Theil IV
authorHenry Fielding
year1848
firstpub1749
translatorDr. A. Diezmann
publisherGeorg Westermann
addressBraunschweig
titleDie Geschichte des Tom Jones / Theil IV
pages227
created20080612
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Achtes Kapitel.

In welchem Fortuna etwas günstiger gegen Jones gestimmt gewesen zu sein scheint, als wir bisher gesehen haben.

Eben so wie es kein heilsameres Mittel zur Beförderung des Schlafes giebt, so giebt es auch kein kräftigeres, als Ermüdung. Von diesem Mittel hatte Jones eine sehr starke Dosis genommen und es übte seine volle Wirkung. Er hatte bereits neun Stunden geschlafen und würde vielleicht 110 noch nicht erwacht sein, wäre er nicht durch einen entsetzlichen Lärm vor seinem Zimmer, wo er viele heftige Schläge und den vielfach wiederholten Ausruf Mörder! erschallen hörte, aus seiner Ruhe gestört worden. Jones sprang sogleich aus seinem Bette und fand den Puppenspieler in voller Thätigkeit, den Rücken und die Rippen seines armen Spaßmachers ohne Erbarmen und Mäßigung zu bearbeiten.

Jones intervenirte sogleich zu Gunsten der leidenden Partei und machte den grausamen Sieger an der Wand fest, denn der Puppenspieler war eben so wenig im Stande, es mit Jones aufzunehmen, als der bunte Spaßmacher mit jenem.

Ob nun aber gleich dieser ein kleiner Bursch und nicht sehr kräftig war, so hatte er doch einige Galle. Nicht sobald sah er sich daher von seinem Feinde befreit, als er anfing, diesen mit der einzigen Waffe, mit welcher er ihm beikommen konnte, zu attakiren. Zuerst schleuderte er einen Schwall von Schimpfworten gegen ihn und diesen folgten verschiedene Beschuldigungen. »Verflucht soll der Schurke sein,« sagte er, »ich habe ihm nicht nur aufgeholfen (denn was er einnimmt, verdankt er mir), sondern ich habe ihn auch vor dem Galgen gerettet. Wollten Sie nicht noch gestern erst hier in dem engen Gäßchen der Dame ihren schönen Reitanzug abnehmen? Können Sie leugnen, daß Sie wünschten, sie in einem Walde allein zu haben, um sie zu berauben, eine der artigsten Damen, die es nur auf der Welt geben kann, zu berauben? Und hier fallen Sie über mich her um eines Mädchens willen, der ich doch nichts zu Leide gethan habe, blos weil sie mich besser leiden mag als Sie.«

Kaum hatte Jones dies gehört, als er den Director unter der nachdrücklichsten Verwarnung, von allen ferneren Thätlichkeiten abzustehen, losließ und den armen Burschen 111 mit sich auf sein Zimmer nahm, wo er Auskunft über Sophien erhielt, die jener, als er den Tag vorher seinen Herrn mit der Trommel begleitet, hatte vorüberreisen sehen. Er bat ihn, ihm den Ort genau zu zeigen, rief dann Partridge und machte sich so schnell als möglich auf die Reise.

Es war beinahe acht Uhr, ehe sie fortkamen; denn Partridge beeilte sich nicht und die Rechnung war auch nicht sogleich aufgesetzt; und dann wollte Jones auch nicht eher abreisen, als bis er alle Differenzen zwischen dem Director und seinem Gehülfen vollständig ausgeglichen hätte.

Als dies glücklich zu Stande gebracht worden war, brach er auf und wurde von dem Spaßmacher an den Ort geführt, wo Sophie vorübergekommen war. Von dort aus setzte er dann, nachdem er seinen Führer ansehnlich belohnt hatte, seine Reise mit der größten Eilfertigkeit wieder fort, höchlich erfreut über die außerordentliche Art und Weise, wie er zu dieser Kunde gelangt war. Sobald Partridge dies hörte, prophezeihte er Jones allen Ernstes, daß ihm gewiß endlich noch alles gelingen werde, »denn,« sagte er, »nicht zweimal würde der Zufall ihn auf so merkwürdige Weise auf die Spur seiner Geliebten gebracht haben, wenn nicht die Vorsehung beschlossen hätte, sie endlich zusammen zu bringen.« Und dies war das erste Mal, daß Jones den abergläubischen Lehren seines Gefährten einige Aufmerksamkeit schenkte.

Sie waren noch nicht viel über eine Stunde gegangen, als sie ein heftiger Regenguß überfiel; und da sie nicht weit von einem Wirthshause waren, so brachte es Partridge durch dringendes Bitten bei Jones so weit, daß sie eintraten, um das Wetter abzuwarten. Der Hunger ist ein Feind, der, so oft man ihn auch immer unterdrücken mag, dennoch allezeit bald wieder aufsteht: und diese Erfahrung machte Partridge, der, sobald er in die Küche trat, dieselbe 112 Nachfrage hielt, wie den Abend zuvor. Das Resultat davon war, daß ein vorzügliches Stück kalter Schweinsrücken aufgetragen wurde, den sich Partridge sowohl als Jones trefflich schmecken ließ, obgleich der letztere wieder unmuthig zu werden anfing, weil die Leute des Hauses ihm keine neuen Nachrichten über Sophie geben konnten.

Nach beendigtem Mahle bereitete sich Jones, trotz der fortdauernden Heftigkeit des Wetters, wieder zum Aufbruche vor, aber Partridge bat dringend um noch einen Krug ; während dem warf er einen Blick nach einem jungen Manne, der so eben in die Küche eingetreten und an das Feuer gegangen war, und sagte, als dieser ihn gleichfalls aufmerksam ansah, gegen Jones gewendet: »Herr, geben Sie mir Ihre Hand, ein einziger Krug wird's diesmal nicht thun. Nun, da giebt's mehr Neues von Fräulein Sophie. Der Bursch dort am Feuer ist derselbe, der vor ihr her ritt. Ich kann es auf mein Pflaster schwören, das er auf seinem Gesicht hat.« – »Gott lohne es Ihnen, Herr!« rief der Bursch, »ja wohl ist es Ihr Pflaster; ich werde Ihre Güte nie vergessen; denn es hat mich fast curirt.«

Bei diesen Worten sprang Jones von seinem Stuhle auf, bat den Burschen, ihm augenblicklich zu folgen, und eilte aus der Küche in ein besonderes Zimmer; denn er war in Betreff Sophiens so zartfühlend, daß er ihren Namen nie gern in Gegenwart vieler Leute erwähnte; und wenn er auch im Ueberströmen seines Herzens Sophiens unter den Officieren bei jenem Toaste gedachte, so wird sich doch der Leser zugleich auch erinnern, daß es großer Mühe bedurfte, ihn zur Nennung ihres Zunamens zu bestimmen.

Es war daher hart und, wie mancher scharfsinnige Leser vielleicht denken wird, ganz ungereimt und widernatürlich, daß er sein gegenwärtiges Mißgeschick hauptsächlich dem auf ihm haftenden Verdachte verdanken sollte, er ermangele 113 eines Zartgefühls, das er doch so in reichem Maße besaß; denn Sophie fühlte sich in der That mehr verletzt durch den Mißbrauch, den er, wie sie (und nicht ohne Grund) meinte, mit ihrem Namen und Charakter getrieben, als durch irgend eine Freiheit, die er sich in seinem gegenwärtigen Verhältnisse gegen ein anderes Frauenzimmer erlaubt hätte; und, die Wahrheit zu sagen, so glaube ich, daß Honour sie nie dazu vermocht haben würde, Upton zu verlassen, ohne ihren Jones gesehen zu haben, wären nicht jene beiden schweren Beweise für sein leichtsinniges, alle Achtung außer Augen setzendes Betragen gewesen, das in der That mit der Liebe und Zärtlichkeit erhabener und feinfühlender Gemüther in so großem Widerspruche stand.

Aber so gestalteten sich die Sachen, und so muß ich sie erzählen; und sollten sie dem oder jenem Leser unnatürlich vorkommen, so kann ich es nicht ändern. Ich muß solchen Personen bemerken, daß ich kein System, sondern eine Geschichte schreibe, und daß ich nicht verbunden bin, jeden Umstand mit den bestehenden Begriffen von Wahrheit und Natur in Einklang zu bringen. Wenn dies aber auch noch so leicht wäre, so dürfte es doch vielleicht klüger sein, daß ich es nicht thue. Denn wie die Sachen jetzt stehen, müssen sie, wenn auch manche Leser auf den ersten Anblick sich nicht damit befreunden können, dennoch alle befriedigen; die verständigen und guten mögen nämlich das, was Jones zu Upton begegnete, als eine gerechte Strafe für seine Leichtfertigkeit im Betragen gegen Frauen ansehen, wovon es in der That die unmittelbare Folge war; und die unverständigen und schlechten mögen sich bei ihren Lastern mit dem schmeichelnden Gedanken trösten, daß der Zufall mehr Einfluß auf den Charakter des Menschen habe als die Tugend. Nun würden freilich die Betrachtungen, die wir hier gern angestellt hätten, diesen beiden Schlüssen, 114 einem wie dem andern, widersprechen und darthun, daß diese Nebenumstände blos dazu beitragen, die erhabene, nützliche und seltene Lehre zu bestätigen, deren Einschärfung der Zweck dieses ganzen Werkes ist und durch deren häufige Wiederholung wir nicht unsere Seiten füllen wollen, wie ein gewöhnlicher Prediger seine Predigt durch Wiederholung der Textesworte am Ende eines jeden Paragraphen.

Es ist uns genug, daß es so scheinen muß, als habe Sophie, so irrig auch ihre Meinung von Jones war, hinreichenden Grund zu dieser Meinung; indem, so viel ich glaube, jede andere junge Dame in ihrer Lage sich in derselben Weise geirrt haben würde. Ja, wäre sie gerade jetzt ihrem Geliebten nachgekommen und in demselben Wirthshause nur einen Augenblick nach seiner Abreise eingetroffen, so würde sie gefunden haben, daß der Wirth über ihren Namen und ihre Person eben so gut unterrichtet war als das Mädchen zu Upton. Denn während Jones den Burschen insgeheim examinirte, war Partridge unterdeß in der Küche beschäftigt, den andern Führer, der Madame Fitzpatrick begleitet hatte, ganz öffentlich auszufragen; wodurch denn der Wirth, der bei allen solchen Gelegenheiten mit offenen Ohren horchte, Sophiens Sturz vom Pferde u. s. w., ihre Verwechselung mit Jenny Cameron, die mancherlei Wirkungen des Punsches, kurz fast alles, was sich in dem Gasthofe, aus dem wir unsere Damen, als wir uns zuletzt von ihnen verabschiedeten, in einem sechsspännigen Wagen weiter spedirten, zugetragen hatte, haarklein erfuhr.

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