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Die Geschichte des Tom Jones / Theil IV

Henry Fielding: Die Geschichte des Tom Jones / Theil IV - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Geschichte des Tom Jones / Theil IV
authorHenry Fielding
year1848
firstpub1749
translatorDr. A. Diezmann
publisherGeorg Westermann
addressBraunschweig
titleDie Geschichte des Tom Jones / Theil IV
pages227
created20080612
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Siebentes Kapitel.

Enthält außer einigen Bemerkungen von uns deren mehrere von der guten Gesellschaft in der Küche.

Obgleich Partridge zu stolz war, um für einen Bedienten gelten zu wollen, so ahmte er gleichwohl in sehr vielen Stücken die Eigenthümlichkeiten dieses Standes nach. Ein Beispiel davon war, daß er das Vermögen seines Reisegefährten, wie er Jones nannte, für sehr bedeutend ausgab; das thun in der Regel alle Bediente, wenn sie unter Fremden sind, weil keiner derselben für den Diener eines armen Teufels gehalten sein will; denn je glänzender die Umstände des Herrn sind, desto besser sind folglich auch, seiner Meinung nach, die des Dieners. Die Wahrheit dieser Beobachtung findet in dem Betragen aller Bedienten des Adels ihre Bestätigung.

Ob nun aber gleich Rang und Vermögen einen Glanz auf ihre Umgebung zurückwerfen und die Bedienten vornehmer und reicher Herren der Meinung sind, daß ihnen 103 von dem Respect. welcher dem Range und Reichthume ihrer Herren gezollt wird, auch ein Theil zukomme, so verhält es sich offenbar doch ganz anders in Hinsicht auf Tugend und Verstand. Diese Vorzüge sind durchaus persönlich und absorbiren all den ihnen gezollten Respect selbst. Es ist freilich wahr, dieser ist so gering, daß er nicht leicht eine Theilung mit anderen zuläßt. Da jene Eigenschaften also keine Ehre für den Bedienten abwerfen, so bringt der kläglichste Mangel derselben bei seinem Herrn ihm auch durchaus keine Schande. Anders ist es allerdings, wenn eine Herrin dasjenige, was man Tugend nennt, entbehrt, wovon wir vorhin die Folgen gesehen haben; denn in dieser Schande liegt eine Art Ansteckungsstoff, der sich, gleich dem der Armuth, allen, die sich nähern, mittheilt.

Darum dürfen wir uns nun auch gar nicht wundern, daß Bediente auf das Ansehen oder den Reichthum ihrer Herren so viel Rücksicht nehmen und auf deren Charakter so wenig oder gar keine, daß sie, obgleich sie sich schämen würden, einem Bettler zu dienen, keinen Anstand nehmen, eines Schurken oder Dummkopfs Diener zu sein, und sich folglich kein Gewissen daraus machen, den Ruf der Nichtswürdigkeit und Dummheit ihrer Herren so weit als möglich auszubreiten, und zwar oft mit großem Humor und großer Heiterkeit. In der That ist ein Bedienter oft ein Witzling und ein Stutzer auf Kosten des Herrn, dessen Livree er trägt.

Nachdem also Partridge das ungeheure Vermögen, das Jones erben sollte, noch bedeutend vergrößert hatte, theilte er ohne alle Zurückhaltung eine Besorgniß mit, welche er seit gestern hegte, und zu welcher Jones' Betragen hinlänglichen Grund gegeben zu haben schien. Kurz, er war jetzt vollkommen überzeugt, daß sein Herr nicht bei Verstande sei, mit welcher Ansicht er die ganze Gesellschaft am Feuer sehr plumper Weise bekannt machte.

104 Dieser Ansicht stimmte der Puppendirector sogleich bei. »Ich gestehe,« sagte er, »es überraschte mich ungemein, wie der Herr so absurd über das Puppentheater urtheilte. Es ist wirklich kaum zu begreifen, wie ein Mann, der bei gesundem Verstande ist, sich so weit verirren könnte; was Sie nun da sagen, erklärt alle seine monströsen Begriffe sehr wohl. Armer Herr! Er thut mir herzlich leid; er hat wirklich etwas auffallend Wildes in seinem Blicke; ich bemerkte es wohl, wenn ich gleich nichts darüber äußerte.«

Der Wirth war mit dieser letzten Behauptung einverstanden und rühmte sich ebenfalls, es bemerkt zu haben. »Es kann ja auch gar nicht anders sein,« setzte er hinzu; »denn nur einem Verrückten konnte es einfallen, ein so gutes Wirthshaus zu verlassen, um in dieser Jahreszeit die Nacht über im Lande umherzuschweifen.«

Der Steuereinnehmer bemerkte, nachdem er die Pfeife aus dem Munde genommen hatte, daß ihm der Herr in Blick und Sprache etwas Auffallendes zu haben scheine und sagte zu Partridge gewendet: »Wenn er wahnsinnig ist, so sollte man nicht zugeben, daß er so im Lande herumreist; denn er kann ja leicht Schaden anrichten. Es ist zum Erbarmen, daß man sich seiner nicht versichert und ihn zu den Seinigen nach Hause schickt.«

Nun waren in Partridge schon ähnliche Gedanken aufgestiegen; denn da er jetzt überzeugt war, daß Jones von Herrn Allworthy davon gelaufen wäre, so versprach er sich die reichste Belohnung für den Fall, daß es ihm auf irgend eine Weise gelänge, denselben zurückzubringen. Aber die Furcht vor Jones, von dessen Stolz und Körperkraft er einige Beweise kennen gelernt, hatte ihm eine solche Maßregel als unausführbar erscheinen lassen und ihm den Muth benommen, irgend einen regelmäßigen Plan zu diesem Zwecke zu entwerfen. Aber nicht sobald hörte er die Ansicht des 105 Steuereinnehmers, als er diese Gelegenheit ergriff, seine eigene auszusprechen und den innigen Wunsch zu äußern, daß so etwas möchte in Ausführung gebracht werden können.

»Können, in Ausführung gebracht werden können!« sagte der Steuereinnehmer; »wie so? nichts ist doch leichter.«

»Ah, mein Herr,« entgegnete Partridge, »Sie wissen nicht, was für ein Teufelskerl er ist. Er hebt mich mit einer Hand in die Höhe und wirft mich zum Fenster hinaus; und er würde sogar, wenn er nur dächte –«

»Bah!« sagte der Steuereinnehmer, »ich glaube, ich bin so gut ein Mann wie er. Uebrigens sind wir unser fünf.«

»Ich wüßte nicht, wo fünf herkämen,« rief die Wirthin; »mein Mann soll sich nicht darein mengen. Auch soll in meinem Hause an Niemanden gewaltsamer Weise Hand angelegt werden. Der junge Herr ist ein so lieber junger Herr, als ich je in meinem Leben einen gesehen habe, und ich glaube, er ist nicht verrückter, als irgend eines unter uns. Was wollen Sie mit seinem wilden Blicke? Er hat die schönsten Augen, die mir jemals vorgekommen sind, und den scharmantesten Blick; dabei ist er ein sehr bescheidener, höflicher junger Mann. Wahrlich, ich habe ihn von Herzen bedauert, seit der Herr dort im Winkel mir sagte, daß er eine unglückliche Liebe habe. Das kann doch gewiß machen, daß ein Mann, zumal ein so feiner junger Herr wie er ist, ein wenig anders aussieht wie zuvor. Nur über die Dame! was zum Teufel kann denn die Dame besseres haben wollen, als einen so hübschen Mann mit einem solchen Vermögen? Wahrscheinlich ist sie eine von Euren vornehmen Damen, eine von Euren Stadtdamen, wie wir sie im Puppentheater gesehen haben, die nicht wissen, was sie wollen.«

Der Kopist erklärte gleichfalls, er werde sich nicht in die Sache mischen, ohne irgend eine Befugniß dazu zu haben. 106 »Gesetzt,« sagte er, »es würde wegen ungerechter Verhaftung eine Klage gegen uns eingebracht, womit wollten wir uns vertheidigen? Wer weiß denn, was dazu gehört, um vor Gericht genügend zu beweisen, daß einer wahnsinnig ist? Aber ich spreche blos für mich; denn es schickt sich nicht wohl für einen Rechtskundigen, sich mit solchen Angelegenheiten zu befassen, außer in der Qualität eines Rechtskundigen. Die Gerichte sind uns immer weniger günstig, als andern Leuten. Ich will Ihnen darum nicht abrathen, Herr Thompson (so hieß der Steuereinnehmer), noch dem Herrn da, noch sonst Jemandem.«

Der Steuernehmer schüttelte den Kopf bei diesen Worten und der Puppenspieler sagte, der Wahnsinn sei ein Gegenstand, dessen Entscheidung einem Gericht zuweilen große Schwierigkeiten verursache; »denn ich erinnere mich,« fuhr er fort, »einst einer Untersuchung über Wahnsinn beigewohnt zu haben, wo zwanzig Zeugen schwuren, daß die fragliche Person so verrückt wäre, wie nur einer sein könnte, und zwanzig andere, daß kein Mann in England bei gesünderem Verstande wäre. – Und in der That glaubten die Meisten, daß es blos ein Streich von den Verwandten wäre, um den armen Mann um sein Recht zu bringen.«

»Leicht möglich!« rief die Wirthin. »Ich habe selbst einen armen Herrn gekannt, der sein Lebenlang von seiner Familie in einem Tollhause gehalten wurde, während sie sein Vermögen genoß; aber es kam ihr nicht zu Gute, denn wenn auch das Gesetz es ihr zusprach, das Recht war doch bei einem andern.«

»Bah!« rief der Copist mit tiefer Verachtung, »wer hat irgend ein Recht, außer das, welches ihm vom Gesetze verliehen wird? Wenn mir das Gesetz das schönste Grundstück im Lande zuspräche, was sollte es mich kümmern, wer ein Recht daran hätte.«

107 »Wenn das ist,« sagte Partridge, »Felix quem faciunt aliena pericula cautum

Der Wirth, den man wegen der Ankunft eines Reiters hinausgerufen hatte, kehrte jetzt in die Küche zurück und rief mit Schrecken verkündender Miene: »Was denken Sie davon, meine Herren! Die Rebellen haben den Herzog umgangen und sind nicht weit mehr von London. Es ist wirklich wahr; denn ein Reiter erzählte es mir so eben.«

»Das freut mich von Herzen,« rief Partridge; »werden wir doch kein Gefecht in dieser Gegend haben.«

»Mich freut es aus einem bessern Grunde,« rief der Copist; »denn ich wünschte, daß immer das Recht die Oberhand behielte.«

»Ja, aber,« wendete der Wirth ein, »ich habe Manche sagen hören, dieser Mann habe nicht recht.«

»Davon will ich Ihnen gleich das Gegentheil beweisen,« rief der Copist; »wenn mein Vater eines Rechtes verlustig stirbt, meinen Sie, daß ich dann eines Rechtes verlustig bin? erbt nicht dieses Recht auf seinen Sohn fort, und zwar ein Recht so gut wie ein anderes?«

»Aber wie kann er ein Recht haben, uns katholisch machen zu wollen?« sagte der Wirth.

»Fürchten Sie nur das nicht,« rief Partridge. »Was das Recht anbelangt, so hat es der Herr da sonnenklar bewiesen, und die Religion kommt dabei gar nicht in Frage. Die Papisten erwarten so etwas selbst nicht. Ein katholischer Priester, den ich sehr gut kenne und der ein sehr rechtschaffener Mann ist, sagte mir auf sein Wort und seine Ehre, daß sie eine solche Absicht nicht hätten.«

»Und ein anderer Priester, den ich kenne,« versicherte die Wirthin, »hat mir das Nämliche gesagt. Aber mein Mann traut den Katholiken immer nicht. Ich kenne deren viele, die sehr rechtliche Leute sind und die viel Geld aufgehen 108 lassen; und es ist immer mein Grundsatz, daß eines Geld so gut ist, wie des andern.«

»Sehr wahr, Madam,« sagte der Puppenspieler; »mir ist's einerlei, welche Religion aufkömmt, wenn nur die Presbyterianer nicht an's Ruder kommen; denn die sind Feinde von Puppenspielen.«

»So wollten Sie also Ihre Religion Ihrem Interesse aufopfern,« rief der Steuereinnehmer, »und wünschen das Papstthum obenauf zu sehen, nicht wahr?«

»Das wahrhaftig nicht,« antwortete der andere; »ich hasse das Papstthum wie irgend einer; aber es ist ein Trost für einen, daß man darunter sein Brod verdienen kann, was man unter den Presbyterianern nicht könnte. Jedermann denkt doch zuerst an seinen Lebensunterhalt; das muß man mir zugeben; und ich wette, daß Sie, wenn Sie die Wahrheit gestehen wollen, eher sonst was verlieren möchten, als Ihre Stelle; aber fürchten Sie nichts, Freund, eine Steuer wird es unter einer andern Regierung eben so gut geben, als unter dieser.«

»Nun, ich müßte doch ein ganz schlechter Mann sein,« versetzte der Steuereinnehmer, »wenn ich nicht den König ehrte, dessen Brod ich esse. Das ist nicht mehr als natürlich, mag einer sagen, was er wolle: denn was hilft es mir, daß auch unter einer andern Regierung ein Steueramt sein wird, wenn meine Freunde fort müßten und ich nichts besseres zu erwarten hätte, als ihnen zu folgen? Nein, nein, Freund, ich werde mich nie von meiner Religion abwendig machen lassen in der einzigen Hoffnung, meine Stelle unter einer andern Regierung zu behalten; denn ich würde dadurch gewiß nicht besser, aber sehr wahrscheinlich schlechter werden.«

»Nun, das ist ja, was ich sage,« rief der Wirth, »wenn die Leute immer sagen, wer weiß wie es kommen kann? 109 Ei zum Henker, wäre ich denn nicht ein Narr, wenn ich einem mein Geld geben wollte, den ich nicht kenne, weil er mir es vielleicht wiedergeben kann? Ich weiß gewiß, in meinem Kasten ist es sicher, und da will ich es behalten.«

Der Schreiber hatte eine hohe Idee von Partridge's feinem Verstande gefaßt. Mochte sie nun in der großen Schärfe und Umsicht, womit der erstere Menschen und Verhältnisse beurtheilte, ihren Grund haben, oder in der Sympathie ihrer Ansichten, denn sie waren beide ihren Grundsätzen nach Jacobiner, sie schüttelten einander herzlich die Hände und tranken ein Glas Bier nach dem andern auf Gesundheiten, die wir der Vergessenheit anheim fallen lassen wollen.

Alle Anwesende thaten Bescheid darauf, und selbst der Wirth, wenn auch mit Widerstreben; allein er vermochte den Drohungen des Schreibers, welcher nie wieder einen Fuß in sein Haus zu setzen schwur, sofern er sich weigerte, nicht zu widerstehen. Die bei dieser Gelegenheit geleerten Gläser machten, daß die Unterhaltung bald ein Ende nahm. Wir wollen daher hiermit auch dem Kapitel ein Ende machen.

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