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Die Geschichte des Tom Jones / Theil IV

Henry Fielding: Die Geschichte des Tom Jones / Theil IV - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Geschichte des Tom Jones / Theil IV
authorHenry Fielding
year1848
firstpub1749
translatorDr. A. Diezmann
publisherGeorg Westermann
addressBraunschweig
titleDie Geschichte des Tom Jones / Theil IV
pages227
created20080612
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Sechstes Kapitel.

Aus dem sich ergiebt, daß auch das Beste mißverstanden und gemißdeutet werden kann.

Ein heftiger Tumult erhob sich jetzt vor dem Eingange, wo die Wirthin ihrer Magd mit Faust und Zunge sehr vernehmlich zusetzte. Sie hatte freilich das Mädchen bei ihrer Arbeit vermißt und nach einigem Suchen auf der Treppe zum Puppentheater, in Gesellschaft des Lustigmachers und in einer für die Beschreibung wenig geeigneten Verfassung. angetroffen.

Obgleich Ursula (so hieß die Magd) alle Sittlichkeit außer Augen gesetzt hatte, so besaß sie doch nicht Frechheit genug, eine That abzuleugnen, über der sie wirklich ertappt worden war; sie nahm daher einen andern Ausweg und suchte ihr Vergehen zu mindern. »Warum schlagen Sie mich so, Madam?« rief das Mädchen. »Wenn Ihnen nicht ansteht, was ich thue, so können Sie mich fortschicken. Wenn ich eine Hure bin (denn so hatte die andere sie genannt), so sind es wohl noch andere Leute als ich. Was war die feine 99 Dame im Puppenspiele denn anders? Ich glaube nicht, daß sie alle Nächte umsonst außer dem Hause war.«

Die Wirthin stürmte nun in die Küche und fiel über ihren Mann und den armen Puppenkünstler her. »Da siehst Du es, Mann,« sagte sie, »was es für Folgen hat, daß Du diese Menschen in Deinem Hause beherbergst. Wenn sie noch etwas aufgehen ließen für die viele Unordnung, die sie verursachen! und dann will solches Lumpengesindel einem das Haus gar noch zu einem Hurenhause machen. Das sage ich Ihnen, machen Sie, daß Sie morgen früh fortkommen, denn ich will eine solche Wirthschaft nicht länger leiden. Das führt unsere Leute zum Faullenzen und zu Thorheiten; denn etwas Besseres läßt sich aus solchen nichtsnutzigen Schauspielen, wie diese, nicht lernen. Ja, als die Puppenspiele noch Geschichten aus der heiligen Schrift vorstellten, wie Jephtha's übereilter Schwur und ähnliche schöne Sachen, und wie gottlose Bösewichter vom Teufel geholt wurden; da war doch noch ein Sinn darin; aber, wie der Pfarrer am letzten Sonntage sagte, kein Mensch glaubt heutigen Tages mehr an den Teufel; und hier bringen Sie ein Bündel Puppen her, wie Herren und Damen gekleidet, nur um den armen Mädchen die Köpfe zu verdrehen, und wenn es in ihren Köpfen einmal drunter und drüber geht, dann ist es kein Wunder, wenn es auch mit allen andern Dingen so geht.«

Virgil, denke ich, sagt uns, daß, wenn der zusammengerottete Pöbel lärmt und tobt und mit allem, was mobil ist, um sich her wirft, dann aber ein Mann mit Ernst und Würde unter ihn tritt, der Tumult augenblicklich beschwichtigt ist und der Pöbel, einem Esel vergleichbar, seine langen Ohren spitzt, um des ernsten Mannes Rede zu hören.

Wenn dagegen, während ernste Männer und Philosophen eine gelehrte Unterhaltung führen, wobei die Weisheit 100 gleichsam in Person anwesend ist und den Disputirenden Argumente liefert, unter dem Pöbel ein Tumult ausbricht, oder unter den besagten Philosophen ein scheltendes Weib erscheint, die es im Lärmen einem Pöbelhaufen gleichthut, so verstummt augenblicklich ihr gelehrtes Gespräch, die Weisheit verwaltet nicht länger ihr vermittelndes Amt und die Aufmerksamkeit Aller ist sogleich einzig und allein auf die Zänkerin gerichtet.

So brachte der vorerwähnte Tumult und das Auftreten der Wirthin den Puppenspieldirector zum Schweigen und machte der salbungsreichen Rede, von der wir dem Leser bereits eine hinlängliche Probe gegeben haben, schnell und ein für allemal ein Ende. Es hätte in der That nichts so ungelegen kommen können, als dieser Auftritt; die schadenfrohste Laune des Schicksals hätte keinen andern Streich erfinden können, um den armen Tropf außer Fassung zu bringen, gerade als er sich triumphirend über die guten Lehren verbreitete, die durch seine Darstellungen ausgesäet würden. Er war wirklich eben so sehr verblüfft, als es ein Quacksalber nur sein kann, wenn während seines Vortrags über die großen Wirkungen seiner Pillen und Pulver der Leichnam eines seiner Opfer hereingebracht und als ein Zeugniß seiner Geschicklichkeit vor der Bühne niedergelegt wird.

Anstatt daher der Wirthin zu antworten, rannte der Director hinaus, um seinen Lustigmacher abzustrafen; und nun, da der Mond mit seinem Silber- oder vielmehr Kupferlichte zu scheinen begann, verlangte Jones seine Rechnung und hieß Partridge, den die Wirthin so eben aus einem tiefen Schlafe erweckt hatte, sich reisefertig machen; aber Partridge, der, wie der Leser zuvor gesehen, zwei Punkte durchgesetzt, hatte die Kühnheit, es auch mit dem dritten zu versuchen, nämlich Jones zu überreden, 101 daß er in dem Hause, wo sie waren, sein Nachtquartier nähme. Er begann mit einer affectirten Ueberraschung, die er bei Jones' Mahnung zum Aufbruche zu erkennen gab, brachte dann verschiedene ausgezeichnete Gründe dagegen vor und blieb endlich dabei stehen, daß es zu gar nichts nützen könne; denn da Jones nicht wisse, welchen Weg die Dame passirt sei, so riskire er, daß ihn jeder Schritt weiter von ihr entferne; »denn nach allem, was Sie hier von den Leuten im Hause gehört haben,« sagte er, »ist sie diesen Weg nicht gekommen. Um wie viel besser wäre es daher nicht, wenn wir bis morgen blieben, wo wir erwarten dürfen, mit jemandem zusammenzutreffen, der uns Auskunft zu geben vermag?«

Dieses letzte Argument hatte in der That für Jones einiges Gewicht, und während er es erwog, warf der Wirth noch alles, was er an Beredtsamkeit besaß, in die nämliche Wagschaale. »Wahrhaftig,« sagte er, »Ihr Bedienter kann Ihnen keinen bessern Rath geben; denn wer möchte in dieser Jahreszeit bei Nacht reisen?« Dann rühmte er in der gewöhnlichen prahlerischen Weise die bequeme Einrichtung seines Hauses, und die Wirthin stimmte gleichfalls in diesen Ton ein. – Um aber den Leser nicht mit Dingen aufzuhalten, die er an jedem Wirthe und jeder Wirthin beobachten kann, möge es genügen, ihm zu sagen, daß Jones endlich überredet wurde, dazubleiben und sich durch einige Stunden Ruhe zu erquicken, die er wirklich sehr bedurfte; denn er hatte, seit er den Gasthof verlassen, in dem sich der Vorfall mit der Kopfwunde ereignete, kaum ein Auge wieder geschlossen.

Sobald als Jones zu dem Entschlusse gekommen war, diese Nacht nicht weiter zu reisen, begab er sich zugleich mit seinen beiden Bettgenossen, der Brieftasche und dem Muffe, zur Ruhe; Partridge aber, der sich zu verschiedenen Zeiten durch ein Schläfchen erquickt hatte, war mehr zum Essen, 102 als zum Schlafen, und noch mehr als zu beidem zum Trinken aufgelegt.

Da sich nun auch der durch Ursula veranlaßte Sturm gelegt und die Wirthin sich wieder mit dem Puppendirector ausgesöhnt hatte, welcher seinerseits die ungebührlichen Bemerkungen der guten Frau über seine Vorstellungen verzieh, so stellte die Küche, in welcher der Wirth und die Wirthin des Hauses, der Director, der Copist, der Steuereinnehmer und der geistreiche Herr Partridge um das Feuer bei einer traulichen Unterhaltung, welche das nächste Kapitel mittheilen wird, versammelt saßen, ein wahres Bild des Friedens und der Ruhe dar.

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