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Die Geschichte des Tom Jones / Theil IV

Henry Fielding: Die Geschichte des Tom Jones / Theil IV - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Geschichte des Tom Jones / Theil IV
authorHenry Fielding
year1848
firstpub1749
translatorDr. A. Diezmann
publisherGeorg Westermann
addressBraunschweig
titleDie Geschichte des Tom Jones / Theil IV
pages227
created20080612
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Viertes Kapitel.

Das Abenteuer mit einem Bettler.

Partridge hatte eben jene gute und fromme Lehre, womit das vorige Kapitel schloß, ausgesprochen, als sie an einen zweiten Scheideweg kamen, wo sie ein Mann in zerlumpten Kleidern um ein Almosen ansprach. Partridge gab ihm darüber einen sehr strengen Verweis und sagte: »Jede Gemeinde hat für ihre Armen selbst zu sorgen.« Jones lachte laut auf und fragte Partridge, ob er sich nicht schäme, so viel von christlicher Liebe zu schwatzen und sie so wenig zu üben. »Deine Religion dient Dir nur zur Entschuldigung Deiner Fehler, aber nicht als Antrieb zur Tugend. Kann einer, der ein ächter Christ ist, an einem seiner Brüder, der sich in solchem Elend befindet, vorübergehen, ohne ihm eine Unterstützung zu gewähren?« Und dabei griff er in die Tasche und gab dem Armen einen Schilling.

»Lieber Herr,« sprach der Mann, nachdem er ihm gedankt hatte, »ich habe da in meiner Tasche ein curioses Ding, das ich ungefähr eine Stunde von hier gefunden habe, wenn es Ew. Gnaden etwa kaufen wollen. Ich möchte es nicht jedermann sehen lassen; aber da Sie ein so guter Herr sind, und so liebreich gegen den Armen, so werden 88 Sie nicht denken, daß einer darum gerade ein Dieb ist, weil er arm ist.« Er zog hierauf eine kleine vergoldete Brieftasche heraus und gab sie Jones in die Hand.

Jones öffnete sie sogleich und (rathe, Leser, was er fühlte) fand auf der ersten Seite die Worte Sophie Western von ihrer eigenen schönen Hand geschrieben. Er hatte kaum den Namen gelesen, als er ihn an seine Lippen preßte und sich trotz den Umstehenden den Ausbrüchen der ausgelassensten Freude überließ; aber vielleicht machte gerade diese Freude ihn vergessen, daß er nicht allein war.

Während Jones die Brieftasche küßte und liebkosete, fiel ein Blatt Papier aus derselben heraus, das Jones, als es Partridge aufgehoben und ihm überreicht hatte, sogleich als eine Banknote erkannte. Es war in der That jene Banknote, welche Western seiner Tochter den Abend vor ihrer Flucht gegeben hatte, und ein Jude würde sie mit Vergnügen für fünf Schillinge weniger als hundert Pfund gekauft haben.

Partridge's Augen strahlten bei dieser Entdeckung, welche Jones jetzt laut mittheilte; eben so (wenn auch mit einem etwas andern Ausdrucke) die des armen Mannes, der die Brieftasche gefunden und dieselbe (ich hoffe, aus Ehrlichkeit) nicht geöffnet hatte: aber wir würden nicht ehrlich an dem Leser handeln, wenn wir einen Umstand verschweigen wollten, der hier wohl etwas wesentlich sein dürfte, nämlich, daß der Mann nicht lesen konnte.

Die Freude und das Entzücken, welche Jones über die aufgefundene Brieftasche empfand, wurde durch diese neue Entdeckung etwas getrübt; denn seine Ahnung sagte ihm sogleich, daß die Eigenthümerin der Banknote diese leicht brauchen werde, ehe er sie ihr werde wieder zustellen können. Er sagte daher dem Finder, daß er die Eigenthümerin der 89 Brieftasche kenne und sich bemühen werde, sie aufzufinden, um ihr dieselbe zurückzugeben.

Die Brieftasche war ein Geschenk, das Fräulein Western ihrer Nichte gemacht hatte; sie hatte fünf und zwanzig Schillinge gekostet und war aus dem Laden eines Galanteriehändlers; aber der wahre Werth des Silbers, aus dem das Schloß bestand, betrug etwa drei Schillinge, und um diesen Preis würde sie, da sie noch so gut wie neu war, der Galanteriehändler noch jetzt wiedergenommen haben. Eine kluge Person würde jedoch die Unwissenheit des armen Mannes benutzt und nicht mehr als einen Schilling oder vielleicht noch weniger gegeben haben; ja, mancher hätte vielleicht gar nichts gegeben und den Mann auf den Lohn seines guten Bewußtseins verwiesen, worauf er unter diesen Umständen ohne Zweifel wenig Anspruch hatte.

Jones hingegen, der sehr freigebig, vielleicht nur zu freigebig war, gab ohne Weiteres eine Guinee für das Buch. Der arme Mann mochte lange Zeit so viel Geld nicht besessen haben, er dankte Jones daher tausendmal und es drückte sich nicht viel weniger Freude durch seine Muskeln aus, als es zuvor bei Jones der Fall gewesen war, nachdem er den Namen Sophie Western gelesen hatte.

Der Arme erklärte sich gern bereit, unsere Reisenden zu der Stelle zu begleiten, wo er die Brieftasche gefunden hatte. Sie machten sich daher insgesammt dahin auf den Weg, allein nicht so schnell als Jones wünschte; denn sein Führer ging unglücklicherweise lahm und brauchte zu einer halben Stunde Weges eine ganze Stunde. Da nun jene Stelle über anderthalbe Stunde entfernt war, also weiter als er oben angegeben hatte, so brauchen wir dem Leser nicht zu sagen, wie viel Zeit sie dazu nöthig hatten.

Jones öffnete das Buch hundertmal unterweges, küßte es oft und sprach viel mit sich selbst und sehr wenig mit 90 seinen Begleitern, so daß der Führer einigemal durch Zeichen seine Verwunderung gegen Partridge ausdrückte und dieser mehr als einmal mit dem Kopfe schüttelte und ausrief: »Armer Herr! Orandum est ut sit mens sana in corpore sano

Endlich gelangten sie an den Ort, wo Sophie unglücklicherweise ihre Brieftasche verloren, und wo der Arme sie gefunden hatte. Hier wollte sich Jones von seinem Führer verabschieden und einen schnelleren Schritt annehmen; allein der Führer, dessen großes Erstaunen und Freude über die empfangene Guinee sich jetzt beträchtlich abgekühlt hatte und der hinlängliche Zeit gehabt, sich wieder zu sammeln, nahm eine mißvergnügte Miene an und sagte, indem er sich auf dem Kopfe kratzte: »Ich hoffe, Ew. Gnaden werden mir noch etwas mehr geben. Ew. Gnaden mögen bedenken, daß wenn ich nicht ehrlich gewesen wäre, ich das Ganze hätte behalten können.« Und dagegen kann der Leser allerdings nichts einzuwenden haben. »Wenn das Papier,« fuhr er fort, »100 Pf. werth ist, so verdient der Finder mehr als eine Guinee. Uebrigens denke ich mir, Ew. Gnaden werden die Dame nicht wieder zu sehen bekommen, und es ihr auch nicht wiedergeben – und wenn auch Ew. Gnaden ganz wie ein Gentleman aussehen und sprechen, so habe ich doch nichts weiter als Ihr bloses Wort; und wenn sich der rechte Eigenthümer nicht findet, so gehört doch eigentlich alles dem ersten Finder. Ich hoffe, Ew. Gnaden werden das alles wohl überlegen. Ich bin nur ein armer Mann, und darum sollten Sie nicht alles haben wollen; es wäre nicht mehr wie billig, daß ich meinen Theil davon bekäme. Ew. Gnaden scheinen ein guter Herr zu sein und werden hoffentlich auf meine Ehrlichkeit Rücksicht nehmen; denn ich hätte ja alles behalten können, und niemand würde etwas gewußt haben.« – »Ich versichere 91 Dich auf mein Ehrenwort,« rief Jones, »daß ich die rechte Eigenthümerin kenne und es ihr wiedergeben werde.« – »Nein, nein,« entgegnete der Mann, »Ew. Gnaden mögen das halten wie Sie wollen; wenn Sie mir nur meinen Antheil geben, das heißt die Hälfte von dem Gelde, dann können Ew. Gnaden meinetwegen das Uebrige für sich behalten,« und er schloß mit einem schweren Eide, durch den er sich verpflichtete, keiner lebenden Seele eine Sylbe davon zu sagen.

»Höre, Freund,« rief Jones, »die Eigenthümerin soll gewiß alles, was sie verloren hat, wieder erhalten; und was das anlangt, daß Du eine größere Belohnung haben willst, so kann ich sie Dir wahrhaftig jetzt nicht geben; aber laß mich Deinen Namen wissen und wo Du wohnst, und es ist mehr als möglich, daß Du späterhin noch Ursache haben wirst, Dich des Glückes von diesem Morgen zu freuen.«

»Ich muß es wohl darauf ankommen lassen, ob die Dame ihr Geld wieder bekommt oder nicht; aber Ew. Gnaden sollten doch bedenken – –« »Was da,« sagte Partridge, »sage Sr. Gnaden Deinen Namen und Deinen Wohnort; ich versichere Dich, Du wirst es nie bereuen, ihm das Geld ausgehändigt zu haben.« Als der Arme keine Hoffnung mehr sah, wieder in den Besitz der Brieftasche zu kommen, so entschloß er sich endlich, seinen Namen und Wohnort anzugeben, die Jones mit Sophiens Bleistift auf ein Blatt Papier schrieb; und während er dieses in die Brieftasche legte rief er aus: »Sieh da, Freund, Du bist der glücklichste unter den Lebenden: ich habe Deinen Namen zu dem eines Engels gelegt.« »Was weiß ich von Engeln,« erwiederte der Bettler; »ich wollte lieber, Sie gäben mir noch etwas Geld, oder außerdem die Brieftasche.« Partridge wurde nun zornig; er schimpfte den armen Krüppel und 92 hätte ihn wohl gar geschlagen, wenn ihn Jones nicht daran gehindert hätte. Jones wiederholte dem Bettler die Versicherung, er werde gewiß Gelegenheit finden, ihm nützlich zu sein und machte sich so eilig als möglich auf und davon, und Partridge, dem der Gedanke an die hundert Pfund neuen Muth gegeben hatte, ihm nach, während der arme Mann, der nothwendig zurückbleiben mußte, sie beide nicht nur, sondern auch seine Eltern verfluchte; »denn,« sagte er, »hätten sie mich in eine Schule geschickt und mich lesen, schreiben und rechnen lernen lassen, so würde ich den Werth dieser Dinge eben so gut gekannt haben wie andere Leute.«

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