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Die Geschichte des Tom Jones / Theil IV

Henry Fielding: Die Geschichte des Tom Jones / Theil IV - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Geschichte des Tom Jones / Theil IV
authorHenry Fielding
year1848
firstpub1749
translatorDr. A. Diezmann
publisherGeorg Westermann
addressBraunschweig
titleDie Geschichte des Tom Jones / Theil IV
pages227
created20080612
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Drittes Kapitel.

Jones' Abreise von Upton, und was zwischen ihm und Partridge unterwegs vorfiel.

Endlich sind wir einmal wieder zu unserm Helden zurückgekommen; und wir haben uns fürwahr so lange von ihm trennen müssen, daß ich fürchte, manche unsrer Leser 810 sind, in Betracht der Umstände, unter denen wir ihn verließen, auf den Gedanken gerathen, wir beabsichtigten, ihn für immer aufzugeben, weil seine Lage der Art war, daß kluge Leute dann gewöhnlich von allen weiteren Erkundigungen im Betreff ihrer Freunde abstehen, sie müßten denn durch die Nachricht überrascht werden, daß sich diese unglücklichen Freunde erhängt hätten.

Aber in Wahrheit, wenn wir nicht alle Tugenden eines klugen Charakters haben, so besitzen wir, ich darf es kühn behaupten, doch auch nicht alle Laster desselben, und ob man sich gleich nicht leicht eine viel unglücklichere Lage denken kann, als die des armen Jones damals war, so werden wir doch zurückkehren und ihm dieselbe Aufmerksamkeit schenken, als wenn ihn die Sonne des Glücks mit ihren glänzendsten Strahlen beschiene.

Herr Jones also und sein Begleiter Partridge verließen den Gasthof wenige Minuten später als Squire Western und schlugen denselben Weg zu Fuße ein, denn der Wirth sagte ihnen, daß zur Zeit durchaus keine Pferde in Upton zu bekommen wären. Mit schwerem Herzen schritten sie dahin; denn wenn auch ihr Kummer aus sehr verschiedenen Ursachen entsprang, so waren sie doch beide verstimmt; und wenn Jones bei jedem Schritte kläglich seufzte, so stöhnte Partridge eben so kläglich mit.

Als sie an den Scheideweg kamen, wo der Squire angehalten hatte um Rath zu pflegen, blieb Jones gleichfalls stehen und fragte, gegen Partridge gewendet, diesen um seine Meinung hinsichtlich des einzuschlagenden Weges. »Ach, lieber Herr!« antwortete Partridge, »ich wünschte, Ew. Gnaden folgten meinem Rathe.« – »Warum das nicht?« entgegnete Jones; »ist es mir etwa nicht gleichgültig, wohin ich gehe, oder was aus mir wird?« – »So ist mein Rath denn,« sagte Partridge, »daß Sie unverzüglich 82 umkehren und wieder nach Hause gehen; denn wozu sollte einer, der eine solche Heimath hat wie Ew. Gnaden, so im Lande herumziehen wie ein Vagabund? Verzeihen Sie mir, sed vox ea sola reperta est

»Ach!« rief Jones, »ich habe keine Heimath, in die ich zurückkehren könnte; – aber wenn auch mein Freund, mein Vater mich wieder aufnehmen wollte, könnte ich den Anblick des Ortes ertragen, aus dem Sophie entflohen ist? – Grausame Sophie! Grausam? Nein. Mich selbst will ich tadeln. – Nein, Dich vielmehr. Fluch Dir albernen Buben! Du hast mich unglücklich gemacht, mit Deinem Leben sollst Du mir dafür büßen.« Bei diesen Worten packte er den armen Partridge am Kragen und schüttelte ihn so gewaltig, wie ihn nie zuvor ein Fieber oder die Furcht geschüttelt hatte.

Partridge fiel zitternd auf seine Kniee nieder und bat um Gnade, indem er betheuerte, es nicht böse gemeint zu haben; worauf Jones, nachdem er ihm noch einen wilden Blick zugeworfen, ihn losließ und dermaßen gegen sich selbst wüthete, daß jener vor lauter Angst kein Lebenszeichen von sich gab.

Wir würden uns die Mühe nicht verdrießen lassen, das wahnsinnige Treiben, dem sich Jones bei dieser Gelegenheit überließ, bis auf die einzelnen Umstände zu beschreiben, wenn wir versichert sein dürften, daß sich der Leser eben sowohl die Mühe nehmen würde, es zu lesen; allein da wir fürchten, daß der Leser, trotz allem auf die Schilderung dieser Scene von unserer Seite verwendeten Fleiße, sie dennoch gänzlich überschlagen könnte, so haben wir uns diese Mühe erspart. Es ist wahr, wir haben einzig und allein aus diesem Grunde der Fruchtbarkeit unsres Genies oftmals den größten Zwang angethan und manche herrliche Schilderung aus unserm Werke weggelassen, die sonst darin 83 Platz gefunden haben würde. Und dieser Argwohn entspringt, ehrlich gesagt, wie dies in der Regel der Fall ist, aus unserm schlechten Herzen; denn wir haben selbst oft unbarmherzig überschlagen, wenn wir die Seiten voluminöser Geschichtswerke durchgingen.

Es genüge daher die einfache Angabe, daß Jones, nachdem er einige Minuten lang wie ein Wahnwitziger getobt hatte, allmälig wieder zu sich kam; damit wendete er sich auch sogleich an Partridge und bat ihn wegen der in der Hitze seiner Leidenschaft an ihm verübten Gewaltthätigkeit um Verzeihung, fügte aber schließlich den Wunsch hinzu, daß er gegen ihn nie wieder etwas von Rückkehr erwähnen möchte; denn er hätte beschlossen, jene Gegend nie wieder zu sehen.

Partridge vergab gern und versprach, den ihm auferlegten Befehl getreulich befolgen zu wollen. Und darauf rief Jones entschlossen aus: »Da es absolut unmöglich für mich ist, den Schritten meines Engels zu folgen, so will ich denen des Ruhms nachgehen. Ja, mein braver Freund, auf zur Armee! – Es gilt einer ruhmvollen Sache, ihr würde ich gern mein Leben opfern, selbst wenn es der Erhaltung werth wäre.« Und mit diesen Worten schlug er den entgegengesetzten Weg von dem ein, welchen der Squire gewählt hatte und verfolgte so durch blosen Zufall den von Sophien eingeschlagenen.

Unsere Reisenden wanderten nun eine volle halbe Stunde fort, ohne ein Wort mit einander zu sprechen, obwohl Jones mancherlei vor sich hin murmelte. Partridge hingegen beobachtete das tiefste Stillschweigen; denn er schien sich von seinem vorhin gehabten Schrecken noch nicht vollkommen erholt zu haben; überdies fürchtete er, er möchte bei seinem Freunde einen neuen Zornausbruch heraufbeschwören, zumal da er jetzt auf einen gewissen Gedanken 84 gerieth, der dem Leser vielleicht gar nicht so wunderbar erscheint. Mit einem Worte, er fing an zu argwöhnen, daß Jones durchaus nicht bei gesunden Sinnen sei.

Endlich redete Jones, seiner Selbstunterhaltung müde, ihn an und machte ihm Vorwürfe über sein Schweigen. Der arme Mann entschuldigte sich ganz offenherzig damit, daß er gefürchtet habe, ihn zu beleidigen. Jetzt, da diese Befürchtung durch die bestimmtesten Versicherungen des Gegentheils so ziemlich gehoben war, ließ Partridge seiner Zunge wieder freien Lauf; und diese schwelgte nicht weniger in ihrer wiedererlangten Freiheit, als ein junges Füllen, nachdem ihm auf der Weide der Zaum vom Nacken abgenommen worden ist.

Da Partridge das Thema, das ihm am nächsten lag, nicht anschlagen durfte, so fiel er auf jenes, das ihn nach diesem am meisten beschäftigte, nämlich auf den Mann vom Berge. »Nimmermehr,« sagte er, »kann das ein Mensch sein, wer eine so höchst sonderbare und von der anderer Leute so ganz abweichende Lebensweise führt. Ueberdies besteht seine Nahrung, wie mir die alte Frau sagte, hauptsächlich in Kräutern, die eher für ein Pferd, als für einen Christen passen; ja der Wirth zu Upton sagt, die Leute in der Nachbarschaft fürchten sich sehr vor ihm. Es ist mir immer so, als müsse er irgend ein Geist sein, der vielleicht zu unsrer Warnung geschickt worden ist, und wer weiß, aber alles was er uns von seinem Gefecht und von seiner Gefangenschaft und der Gefahr gehängt zu werden erzählte, konnte darauf abgezielt sein, uns vor dem, was wir vorhatten zu warnen; übrigens träumte ich die ganze letzte Nacht von nichts als von Fechten; und ich glaube das Blut strömte mir aus der Nase wie der Branntwein aus einem Zapfen. Ja, ja, infandum, regina, jubes renovare dolorem

85 »Deine Geschichte, Partridge,« entgegnete Jones, »paßt so schlecht wie Dein Latein. Nichts ist wahrscheinlicher für Männer, die in den Kampf gehen, als daß sie den Tod finden. Es kann möglich sein, daß wir beide fallen, – und was ist's dann?« – »Was ist's dann!« antwortete Partridge; »nun dann ist's aus mit uns, nicht so? Wenn ich hinüber bin, ist's aus mit mir. Was kümmert mich die Sache, um die gekämpft wurde, oder wer den Sieg gewinnt, wenn ich erschlagen bin? Ich werde nie einen Vortheil davon sehen. Was helfen einem, der sechs Fuß unter der Erde liegt, alle Freudenfeuer und alles Glockengeläute? Mit dem armen Partridge ist es doch aus.« – »Und einmal,« rief Jones, »eher oder später, muß es mit dem armen Partridge auswerden. Wenn Dir das Lateinische Vergnügen macht, so will ich Dir einige schöne Verse aus Horaz recitiren, die einer Memme Muth einflößen würden:

»Dulce et decorum est pro patria mori.
Mors et fugacem persequitur virum,
Nec parcit imbellis juventae
Poplitibus, timidoque tergo.«

»Das ist gewiß,« rief Partridge. »Ja, ja, mors omnibus communis: aber es ist ein großer Unterschied, ob einer nach vielen Jahren in seinem Bette stirbt wie ein guter Christ und alle seine Freunde um ihn stehen und weinen, oder ob einer heute oder morgen todt geschossen wird wie ein toller Hund, oder wohl gar mit dem Säbel in zwanzig Stücke zerhauen, und das ehe er noch seine Sünden gebeichtet hat. Daß sich Gott erbarme! wahrlich, die Soldaten sind eine schlechte Art Menschen. Ich habe nie gern etwas mit ihnen zu thun gehabt. Es ist mir immer schwer angekommen, zu denken, daß sie Christen sind. Da ist nichts wie fluchen und schwören unter ihnen. Ich wollte, daß Ew. Gnaden sich anders besönnen; ich wünschte von 86 Herzen, daß Sie das thäten, ehe es zu spät ist, und daß Sie nicht daran dächten, unter sie zu gehen..– Böse Beispiele verderben gute Sitten. Das ist mein Hauptgrund. Denn was jenes betrifft, so fürchte ich mich davor nicht mehr wie jeder andere, nein; da denke ich, wir müssen alle sterben; aber darum kann ein Mensch doch viele Jahre leben. Nun, ich bin jetzt ein Mann in den mittlern Jahren und kann doch vielleicht noch manches Jahr erleben. Ich habe von verschiedenen gelesen, die es bis auf hundert, und von einzelnen, die es weit über hundert Jahre gebracht haben. Nicht daß ich hoffte, ich meine nämlich als ob ich mir Rechnung darauf machte, mein Leben auch so hoch zu bringen, nein das nicht. Aber mag es nur achtzig oder neunzig sein, so habe ich doch, Gott Lob, noch weit dahin; und dann fürchte ich den Tod nicht, nicht mehr wie jeder andere, aber, wahrlich, dem Tode in den Weg laufen, ehe es Zeit ist, scheint mir geradezu gottlos und verwegen zu sein. Uebrigens, wenn es nur noch zu was nützen könnte; aber mag sich's handeln um was es will, was können zwei Menschen so Gewaltiges ausrichten? Und ich, für meine Person, ich verstehe nichts davon. Ich habe in meinem Leben nicht über zehn Mal geschossen, und das nicht einmal mit Kugeln. Und Fechten habe ich auch nie gelernt; davon weiß ich nichts. Und dann sind die Kanonen, denen in den Weg zu treten die größte Verwegenheit wäre und was niemand außer ein Verrückter – ich bitte um Verzeihung; bei meiner Seele, es war nicht böse gemeint; ich bitte Ew. Gnaden, daß Sie sich nicht wieder erzürnen.«

»Sei ohne Furcht, Partridge,« rief Jones. »Ich bin jetzt so vollkommen von Deiner Feigheit überzeugt, daß Du mich auf keine Weise gegen Dich aufbringen kannst.« – »Ew. Gnaden,« erwiederte er, »mögen mich feig nennen, oder wie Sie sonst wollen. Wenn ein Mann, der auf eine 87 heile Haut was hält, feig ist, dann allerdings non immunes ab illis malis sumus. Ich habe nie in meiner Grammatik gelesen, daß der nicht ein guter Mensch sein könnte, der nichts vom Fechten versteht. Vir bonus est quis? Qui consulta patrum, qui leges juraque servat. Kein Wort vom Fechten; und ich glaube gewiß, die Schrift ist so sehr dagegen, daß mich niemand überzeugen wird, er sei ein guter Christ, wenn er Christenblut vergießt.«

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