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Die Geschichte des Tom Jones / Theil IV

Henry Fielding: Die Geschichte des Tom Jones / Theil IV - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Geschichte des Tom Jones / Theil IV
authorHenry Fielding
year1848
firstpub1749
translatorDr. A. Diezmann
publisherGeorg Westermann
addressBraunschweig
titleDie Geschichte des Tom Jones / Theil IV
pages227
created20080612
sendergerd.bouillon@t-online.de
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76 Zweites Kapitel.

Worin der Squire, wenn auch nicht seine Tochter, doch etwas findet, das seiner Verfolgung ein Ende macht.

Unsere Geschichte versetzt uns jetzt zurück in den Gasthof zu Upton, von wo aus wir zuerst den Fußstapfen des Squire Western folgen wollen; denn da er bald am Ende seiner Reise sein wird, so werden wir dann volle Muße haben unsern Helden weiter zu begleiten.

Der Leser möge sich gefälligst erinnern, daß besagter Squire den Gasthof in voller Wuth verließ und in dieser Stimmung seiner Tochter nachsetzte. Da er vom Wirthe erfahren hatte, daß sie über die Saverne gegangen wäre, so passirte er gleichfalls diesen Fluß und sprengte, der armen Sophie, im Fall er sie einholen sollte, die empfindlichste Rache zuschwörend, im schnellsten Laufe dahin.

Er war noch nicht weit, als er an eine Stelle kam, wo sich der Weg theilte. Hier hielt er einen kurzen Kriegsrath, verließ sich endlich, da die Meinungen verschieden waren, auf sein gutes Glück und schlug die gerade Richtung nach der Straße von Worcester ein.

Auf dieser Straße war er etwa zwei Meilen geritten, als er bitterlich zu klagen anfing und häufig ausrief: »Was für ein Jammer das ist! Nie kann es einen unglücklichern Hund gegeben haben als mich!« Und dann brach er in einen Strom von Flüchen und Verwünschungen aus.

Der Geistliche versuchte ihm Trost zuzusprechen. »Sorgen Sie sich nicht, wie einer, dem keine Hoffnung übrig ist. Haben wir auch bis jetzt das Fräulein nicht einholen können, so dürfen wir es doch immer für ein Glück ansehen, daß wir auf die rechte Spur gekommen sind. Vielleicht wird sie, ermüdet durch die Reise, bald in einem Gasthause 77 anhalten, um sich zu erholen, und in diesem Falle sind Sie, aller Wahrscheinlichkeit nach, in Kurzem compos voti

»Bah! Hol' sie der Henker,« versetzte der Squire; »mich dauert nur der schöne Morgen, an dem sich's so herrlich jagen ließe. Es ist verdammt hart, allem Anscheine nach einen der besten Jagdtage einzubüßen, die wir bisher gehabt haben, und namentlich nach einem so langen Froste.«

Ob nun das Schicksal, das sich unter den herbsten Streichen dann und wann unserer erbarmt, Mitleid mit dem Squire hatte, und ihn vielleicht dafür, daß es ihn seine Tochter nicht einholen ließ, auf eine andere Weise entschädigen wollte, will ich nicht entscheiden; aber er hatte kaum die so eben angeführten Worte ausgesprochen und ihnen einige Flüche hinterdreingeschickt, als in geringer Entfernung von ihnen ein Rudel Hunde anfingen ihre melodischen Kehlen zu öffnen, worauf des Squire's Pferd und dessen Reiter sogleich die Ohren spitzten und der Squire unter dem Rufe: »Er ist heraus, er ist heraus! Verdammt bin ich, wenn er nicht heraus ist!« seinem Thiere die Sporen einsetzte, was gar nicht so nöthig war, weil jenes dieselbe Neigung mit seinem Herrn theilte: und nun ritt die ganze Gesellschaft, quer über ein Kornfeld unter einem lärmenden Halloh gerade auf die Hunde los, während der arme Pfarrer sich segnend nachfolgte.

So erzählt die Fabel, daß die schöne Grimalkin, welche Venus auf den Wunsch eines leidenschaftlichen Liebhabers aus einer Katze in ein schönes Weib verwandelte, kaum eine Maus erblickte, als sie, eingedenk ihres frühern Spieles und gemäß ihrer ursprünglichen Natur, welche dieselbe geblieben war, aus dem Bette ihres Mannes heraussprang, um das kleine Thier zu verfolgen.

Was lernen wir daraus? Nicht daß die Braut mißvergnügt gewesen wäre über die Umarmungen des verliebten 78 Bräutigams: denn wenn auch manche bemerkt haben, daß Katzen undankbar sind, so werden dennoch Weiber und auch Katzen zufrieden gestellt und schnurren bei gewissen Gelegenheiten. Die Wahrheit ist, wie der scharfsinnige Sir Roger L'Estrange in seinen tiefen Betrachtungen bemerkt, daß, »wenn wir die Natur zur Thür hinauswerfen, sie zum Fenster wieder hereinkommt; und daß Miezchen, wenn gleich eine Madame, doch nie das Mausen lassen wird.« Ebenso wenig dürfen wir den Squire des Mangels an Liebe zu seiner Tochter anklagen; denn er liebte sie in der That recht sehr: wir brauchen nur zu bedenken, daß er ein Squire und ein Jagdliebhaber war, und dann die Fabel auf ihn anzuwenden und die scharfsinnige Erklärung gleichfalls.

Die Hunde jagten was sie konnten und der Squire setzte ihnen über Hecke und Graben nach und war auf einmal ganz in seinem Elemente; nicht ein einziges Mal kam ihm ein Gedanke an Sophien an, der ihm die Freude der Jagd getrübt hätte; ja, er rühmte sie als eine der schönsten, der er jemals beigewohnt, und betheuerte, daß sie einer Reise von funfzig Meilen recht gut werth sei. So wie der Squire seine Tochter vergaß, so vergaßen die Diener, wie sich leicht denken läßt, ihre Herrin; und der Geistliche dachte, nachdem er sein großes Erstaunen lateinisch vor sich hingemurmelt hatte, gleichfalls mit keinem Gedanken mehr an das Fräulein, sondern begann, indem er in einiger Entfernung hinterdrein humpelte, einen Theil seiner nächsten Sonntagspredigt zu meditiren.

Der Squire, dem die Hunde gehörten, war hocherfreut über die Ankunft seines Bruder-Squire und Jägersmann; denn alle Menschen erkennen das Verdienst, jeder in seiner Weise an; und niemand war erfahrener in dem Jagdwesen als Herr Western, und keiner wußte die Hunde mit seiner 79 Stimme mehr anzufeuern und die Jagd durch sein Halloh mehr zu beleben.

Jäger sind in der Hitze der Jagd so sehr beschäftigt, daß sie keine Zeremonie, ja nicht einmal die Pflichten der Menschlichkeit beobachten; denn ist einer so unglücklich, in einen Graben oder in einen Fluß zu stürzen, so eilen die Andern unbekümmert vorüber und überlassen ihn insgemein seinem Schicksale; daher wechselten die beiden Squires, ob sie gleich einander oft ganz nahe kamen, die ganze Zeit über auch nicht ein Wort. Der Jagdbesitzer indessen bemerkte und lobte oft die große Umsicht, mit welcher der Fremde die Hunde leitete, wenn sie die Spur verloren hatten, und faßte daher eine sehr hohe Meinung von seiner Jagdkenntniß, so wie ihm die Zahl seiner Begleiter eine hohe Meinung von seinem Range einflößte. Sobald daher die Jagd durch den Tod des kleinen Thieres, das sie veranlaßt hatte, zu Ende war, gingen die beiden Squires auf einander zu und begrüßten sich gegenseitig in aller Form.

Die Unterhaltung war ziemlich lebhaft und wir werden sie vielleicht in einem Anhange oder bei irgend einer andern Gelegenheit mittheilen; denn da sie in keinem Bezuge zu dieser Geschichte steht, so können wir uns nicht entschließen, ihr hier einen Platz einzuräumen. Sie schloß mit einer zweiten Jagd, und diese mit einer Einladung zum Essen. Dies nahm man an und ließ ein tüchtiges Trinkgelag folgen, das für Squire Western mit einem eben so tüchtigen Schlafe endete.

Unser Squire konnte es diesen Abend bei der Flasche weder mit seinem Wirthe noch mit Herrn Supple aufnehmen, woran die heftige Ermüdung des Geistes sowohl als des Körpers, die er erfahren, schuld sein mochte, ohne seiner Ehre im Mindesten Eintrag zu thun. Er war in der That im höchsten Grade betrunken; denn ehe er noch 80 die dritte Flasche geleert hatte, wurde er so ganz überwältigt, daß der Geistliche ihn, ob er gleich noch lange nachher nicht zu Bett gebracht wurde, als abwesend betrachtete und dem andern Squire alles auf Sophien Bezügliche erzählte, auch das Versprechen erhielt, ihn morgen in seinen Gründen, durch die er Herrn Western zur Rückkehr bewegen wollte, zu unterstützen.

Kaum hatte also der gute Squire den Rausch dieses Abends ausgeschlafen, verlangte nach seinem Morgentrunk und rief nach seinen Pferden, um seine Verfolgung fortzusetzen, als Herr Supple anfing, ihm davon abzurathen, und der Wirth ihn so kräftig darin unterstützte, daß sie endlich siegten und Herr Western sich darein ergab, nach Hause zurückzukehren, wozu ihn hauptsächlich ein Grund bestimmte, der nämlich, daß er nicht wußte, welchen Weg er einschlagen sollte, und daß er sich sehr leicht immer weiter von seiner Tochter entfernen konnte, anstatt ihr nachzukommen. Er nahm daher von seinem Jagdcollegen Abschied und machte sich, indem er seine Freude über den nachlassenden Frost ausdrückte (was vielleicht nicht wenig zur Beschleunigung seiner Heimkehr beitrug), auf den Rückweg nach Sommersetshire; schickte jedoch zuvor einen Theil seiner Begleiter zur ferneren Verfolgung seiner Tochter ab, denen er gleichfalls eine gute Anzahl seiner kräftigsten Flüche mit auf den Weg gab.

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