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Die Geschichte des Tom Jones / Theil II

Henry Fielding: Die Geschichte des Tom Jones / Theil II - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Geschichte des Tom Jones / Theil I
authorHenry Fielding
year1848
firstpub1749
translatorDr. A. Diezmann
publisherGeorg Westermann
addressBraunschweig
titleDie Geschichte des Tom Jones / Theil II
pages239
created20080529
sendergerd.bouillon@t-online.de
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47 Achtes Kapitel.

Enthält mehr Natürliches als Erfreuliches.

Außer der Trauer um ihren Herrn, war es noch eine andere Quelle, aus der jener salzige Strom, der in Fluthen über die berghohen Backenknochen der Haushälterin rann, seinen Zufluß erhielt. Kaum war sie allein, so begann sie folgendes anmuthige Selbstgespräch vor sich hinzumurmeln: »Ich hätte doch wahrhaftig gedacht, der Herr würde einen Unterschied machen zwischen mir und den Dienstleuten. Ich vermuthe, er hat mir Trauerkleider vermacht; nun wahrhaftig! wenn das alles ist, so mag sie meinetwegen der Teufel für ihn tragen. Ich hätte es seiner Gnaden sagen sollen, daß ich keine Bettlerin bin. Ich habe mir fünf hundert Pfund in seinen Diensten gespart, und nun so behandelt zu werden. – Es ist eine schöne Aufmunterung für Dienstboten, ehrlich zu sein; und wahrlich, wenn ich mir bisweilen hie und da eine Kleinigkeit zu Nutzen gemacht habe, so haben andere das zehnmal mehr gethan; und nun werden wir alle in eine Brühe geworfen. Wenn es so sein soll, gut, so mag das Legat zum Teufel gehen, und er auch, der es gab. Nein, aufgeben will ich es doch auch nicht, denn das würde gewissen Leuten recht lieb sein. Nein, ich will mir das bunteste Kleid kaufen, das ich nur bekommen kann, und darin auf des alten Knickers Grabe tanzen. Dies ist also mein Lohn, daß ich so oft seine Partei genommen habe, wenn alle Welt Schande über ihn schrie, daß er seinen Bankert so erzog; aber er ist jetzt auf dem Wege dahin, wo er für alles büßen muß. Es würde ihm besser angestanden haben, auf seinem Sterbebett seine Sünden zu bereuen, als sich derselben zu rühmen, und sein Vermögen seiner eignen Familie zu entziehen, um es an ein uneheliches Kind hinzugeben. In seinem Bette 48 gefunden, nun wahrlich! eine hübsche Geschichte! ja, ja, die etwas verbergen, wissen auch wo es zu finden ist. Gott mag's ihm vergeben! Ich wette darauf, er hat noch für mehr uneheliche Kinder zu stehen, wenn man es nur recht wüßte. Es ist nur ein Trost, daß sie alle erfahren werden, wohin sein Weg jetzt geht. – »Dort sind für meine Dienstleute einige Geschenke aufgezeichnet, bei denen sie sich meiner erinnern mögen.« das waren seine Worte; ich werde sie nie vergessen und wenn ich tausend Jahre leben sollte. Ja, ja, ich werde mich Ihrer erinnern, dafür daß Sie mich mit den andern Dienstboten zusammenwerfen. Man hätte doch denken sollen, er würde meinen Namen eben so gut nennen, wie Square's; aber der ist freilich ein vornehmer Mann, ob er gleich keinen Rock auf dem Leibe hatte, als er zuerst hierher kam. Gott erbarme sich über solche vornehme Leute! wenn er gleich so viele Jahre hier lebt, so ist wohl kaum ein Diener im Hause, der weiß wie sein Geld aussieht. Der Henker mag einem solchen vornehmen Herrn aufwarten.« In der Art murrte sie noch vieles vor sich hin; doch dieses Pröbchen wird dem Leser genügen.

Nicht besser waren Thwackum und Square mit ihren Legaten zufrieden. Wenn sie auch ihren Verdruß nicht laut werden ließen, so nehmen wir doch aus ihren mißvergnügten Mienen sowohl, als aus dem folgenden Zwiegespräch ab, daß sie keine sonderliche Freude empfanden.

Ungefähr eine Stunde später, als sie das Krankenzimmer verlassen hatten, begegnete Square Thwackum im Saale und redete ihn mit folgenden Worten an: »Nun, Herr, haben Sie etwas Neues von Ihrem Freunde gehört, seit wir ihn verließen?« – »Wenn Sie Herrn Allworthy meinen,« antwortete Thwackum, »so denke ich, Sie sollten ihn eher Ihren Freund nennen; denn er scheint mir diesen Namen verdient zu haben.« – »Wohl eben so gut von 49 Ihrer Seite,« entgegnete Square; »denn seine Güte, wie sie nun gerade ist, hat sich gegen uns beide gleich bewiesen.« – »Ich würde nicht davon angefangen haben,« rief Thwackum aus; »aber da Sie es erwähnen, so muß ich Ihnen sagen, daß ich anderer Meinung bin. Es ist ein großer Unterschied zwischen Geschenken und Belohnungen. Das Amt, das ich in seiner Familie verwaltet habe und die Leitung der Erziehung seiner beiden Knaben, sind Dienste, für die manche Leute eine größere Vergeltung erwartet haben dürften. Glauben Sie aber nicht, daß ich deshalb unzufrieden bin; denn St. Paulus hat mich gelehrt, mit dem Wenigen, was ich habe, zufrieden zu sein. Wäre der mäßige Theil, der mir zugefallen, auch noch geringer, so würde ich doch meine Pflicht gekannt haben. Aber obgleich die Schrift mir auferlegt, zufrieden zu sein, so schreibt sie mir doch nicht vor, vor meinem Verdienste meine Augen zu verschließen, oder nicht zu sehen, wenn ich durch eine ungerechte Vergleichung gekränkt werde.« – »Da Sie mich herausfordern,« erwiederte Square, »so wissen Sie, dieses Unrecht ist mir geschehen; auch habe ich nimmermehr geglaubt, daß Herrn Allworthy meine Freundschaft so wenig gegolten hätte, daß er mich mit einem gleichstellt, der seinen Gehalt bekam. Ich weiß woher das rührt: es kommt von jenen kleinlichen Grundsätzen, die Sie ihm, mit Verachtung von allem was groß und edel ist, seit langer Zeit beizubringen sich bemüht haben. Die Schönheit und Liebenswürdigkeit der Freundschaft ist zu blendend für blöde Augen; sie kann auch nur durch das Medium des untrüglichen Rechtsgefühls wahrgenommen werden, das Sie so oft lächerlich zu machen sich bestrebten, daß Sie Ihres Freundes Verstand verdreht haben.« – »Ich wünsche,« rief Thwackum aufgebracht, »ich wünsche, um seiner Seele willen, daß Ihre verdammungswürdigen Lehren seinem 50 Glauben nicht geschadet haben. Diesem schreibe ich sein gegenwärtiges, einem Christen unziemliches Verfahren zu. Wem anders als einem Atheisten konnte es beikommen, die Welt zu verlassen, ohne seine Sünden zu beichten und die Absolution zu empfangen, da er doch wußte, daß einer im Hause war, dem es rechtmäßig zustand, ihm die letztere zu ertheilen? Er wird dieses Bedürfniß fühlen, wenn es zu spät ist, wenn er dorthin gelangt sein wird, wo Heulen und Zähnklappen ist. Dann wird er erkennen, was ihm jene heidnische Gottheit, jene Tugend, die Sie und alle Deisten dieser Zeit verehren, Großes helfen wird. Dann wird er seinen Geistlichen rufen, wenn keiner da ist, und wird schmerzlich jene Absolution entbehren, ohne die kein Sünder selig werden kann.« – »Wenn das so nothwendig ist,« sagte Square, »warum geben Sie sie ihm nicht unaufgefordert?« – »Sie hat,« sprach Thwackum, »nur bei solchen Kraft, die gut gesinnt genug sind, sie zu verlangen. Doch was rede ich von solchen Dingen mit einem Heiden und einem Ungläubigen? Sie waren es, der ihm den Unterricht gegeben hat, für den Sie Ihren rechtschaffenen Lohn haben in dieser Welt, wie Ihr Schüler ihn ohne Zweifel bald in jener empfangen wird.« – »Ich weiß nicht, was Sie mit dem Lohne meinen,« sagte Square;« aber wenn Sie auf jenes erbarmungswürdige Andenken unserer Freundschaft anspielen, das er mir zugedacht hat, so verachte ich es; und nur die traurige Lage meiner Umstände würde mich bestimmen, es anzunehmen.«

Der Arzt kam jetzt hinzu und fragte die beiden Streitenden, wie es oben ginge? »Erbärmlich,« antwortete Thwackum. »Ich erwartete es nicht anders,« rief der Doctor aus: »aber ich bitte, was für Zeichen sind denn erschienen, seit ich Sie verließ?« »Keine guten, fürchte ich,« versetzte Thwackum: »nach dem zu urtheilen, was 51 bei unserm Weggange geschah, glaube ich, ist wenig Hoffnung.« Der Arzt für die körperlich Kranken mißverstand vielleicht den Seelenarzt; und ehe es zu einer Erklärung kam, trat Herr Blifil mit einer höchst traurigen Miene zu ihnen und sagte, daß er schlimme Neuigkeiten brächte; seine Mutter wäre nämlich zu Salisbury gestorben: sie wäre auf ihrem Heimwege von Kopf- und Magengicht befallen und in wenigen Stunden dahingerafft worden. »Ist's denn möglich!« rief der Doctor aus. »Man kann für Unglück nicht stehen; aber ich wünschte dazu gerufen worden zu sein. Die Gicht ist eine schwer zu behandelnde Krankheit; doch ich habe merkwürdiges Glück darin gehabt.« Thwackum und Square bezeigten Herrn Blifil ihre Theilnahme über den Verlust seiner Mutter, den der eine ihm wie ein Mann, der andere wie ein Christ zu tragen empfahl. Der junge Mann sagte, er wüßte recht wohl, daß wir alle sterblich wären und wollte sich seinem Schicksale zu fügen suchen: er könnte gleichwohl nicht umhin, sich ein wenig über die besondere Strenge desselben zu beklagen, da es ihm die Nachricht eines so traurigen Ereignisses auf so unerwartete Weise zuführe und gerade zu einer Zeit, wo ihm stündlich der härteste Schlag eines tückischen Geschicks bevorstände, der ihn jemals treffen könne. Er sagte, bei der gegenwärtigen Gelegenheit würden ihm die trefflichen Lehren, die ihm Thwackum und Square beigebracht hätten, sehr zu Statten kommen; und ihnen allein würde er es zu verdanken haben, wenn er solche Unglücksfälle überlebe.

Nun wurde darüber berathen, ob man Herrn Allworthy mit dem Tode seiner Schwester bekannt machen solle. Der Doctor widersetzte sich dem, und ich glaube, hierin würden alle seine Collegen mit ihm übereinstimmen; aber Herr Blifil meinte, sein Oheim hätte ihm so bestimmte Befehle 52 und wiederholt gegeben, ihm nichts zu verheimlichen, etwa aus Furcht, ihn zu beunruhigen, daß er nicht daran denken dürfe, jenen Befehlen zuwider zu handeln, was für Folgen es auch immer haben möchte. Er seines Theils könnte, in Betracht der religiösen und philosophischen Denkungsart seines Oheims, nicht mit in die Befürchtungen des Doctors einstimmen. Er wäre daher entschlossen, es ihm mitzutheilen: denn wenn sein Oheim genäse (was er von Herzen wünschte), so wäre er sicher, dieser würde es ihm nie vergeben, daß er ihm einen solchen Umstand zu verheimlichen gesucht hätte.

Der Arzt war gezwungen, sich diesen Beschlüssen, welche von den andern beiden gelehrten Herren nachdrücklich unterstützt wurden, zu unterwerfen. So begaben sich Herr Blifil und der Doctor gemeinschaftlich nach dem Krankenzimmer, wo der Doctor zuerst eintrat und sich dem Bette näherte, um den Puls des Patienten zu untersuchen. Kaum war dies geschehen, so erklärte er, daß er ihn weit besser fände, daß die letzte Verordnung Wunder gethan und das Fieber zum Aussetzen gebracht hätte, so daß jetzt eben so wenig Gefahr mehr vorhanden zu sein schiene, als vorher Hoffnung.

Die Wahrheit zu sagen, so war Herrn Allworthy's Zustand nimmermehr so schlecht gewesen, als die große Vorsicht des Doctors ihn dargestellt hatte; aber so wie ein weiser Feldherr nie seinen Feind verachtet, so gering dessen Streitkräfte auch immer sein mögen, eben so wenig verachtet ein weiser Arzt eine Krankheit, wie unbedeutend sie auch immer sei. So wie der erstere dieselbe strenge Disciplin handhabt, dieselben Wachen ausstellt, dieselben Spione ausschickt, wenn auch der Feind noch so schwach ist; eben so macht der Arzt dasselbe ernsthafte Gesicht und schüttelt den Kopf mit derselben wichtigen Miene, sei die Krankheit auch noch so 53 unbedeutend. Und beide können unter andern den haltbaren Grund für ihr Verfahren anführen, daß sie durch solche Mittel ihren Ruhm vergrößern, wenn sie den Sieg gewinnen, und die Schande vermindern, wenn sie durch irgend einen unglücklichen Zufall überwunden werden.

Herr Allworthy hatte kaum seine Augen erhoben und dem Himmel für die Hoffnung zu seiner Genesung gedankt, als Herr Blifil mit großer Niedergeschlagenheit näher trat und, ein Tuch vor die Augen haltend, als ob er seine Thränen trocknete, seinem Oheim mittheilte, was dem Leser bereits bekannt ist.

Allworthy vernahm die Nachricht mit Bedauern, Geduld und Ergebung. Er vergoß eine Thräne zärtlicher Wehmuth, faßte sich aber alsdann und rief endlich aus: »des Herrn Wille geschehe immerdar.«

Er fragte nun nach dem Boten, worauf ihm Blifil sagte, daß es unmöglich gewesen wäre, ihn einen Augenblick länger aufzuhalten, denn nach seiner großen Eilfertigkeit zu schließen, müßte er Geschäfte von Wichtigkeit vorgehabt haben; wenigstens hätte er mehrmals wiederholt, daß, wenn er sich in vier Theile theilen könnte, er einen jeden zu beschäftigen wüßte.

Hierauf übertrug Allworthy Blifil die Veranstaltungen zum Begräbniß. Er wünschte, daß seine Schwester in seiner Capelle beigesetzt würde: was aber die einzelnen Verfügungen anbelangte, so überließ er sie seinem eigenen Ermessen und bestimmte nur den Geistlichen, der bei dieser Gelegenheit das Amt verrichten sollte.

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