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Die Geschichte des Tom Jones / Theil II

Henry Fielding: Die Geschichte des Tom Jones / Theil II - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Geschichte des Tom Jones / Theil I
authorHenry Fielding
year1848
firstpub1749
translatorDr. A. Diezmann
publisherGeorg Westermann
addressBraunschweig
titleDie Geschichte des Tom Jones / Theil II
pages239
created20080529
sendergerd.bouillon@t-online.de
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32 Sechstes Kapitel.

Durch Vergleichung dieses mit dem vorigen Kapitel kann der Leser vielleicht einen Irrthum wieder verbessern, dessen er sich bei Anwendung des Wortes Liebe schuldig gemacht hat.

Molly's Untreue, die Jones jetzt entdeckt hatte, würde vielleicht eine empfindlichere Ahndung verdient haben, als die er ihr bei dieser Gelegenheit widerfahren ließ; und wenn er sie sogleich von diesem Augenblicke an verlassen hätte, so würden, glaube ich, sehr Wenige ihn darum getadelt haben.

Zuverlässig, indessen, wurde er in seinem Betragen gegen sie vom Mitleid bestimmt, und wenn auch seine Liebe zu ihr nicht der Art war, daß ihm ihre Unbeständigkeit großen Kummer verursachen konnte, so war er doch ein wenig erschrocken über den Gedanken, daß ihre Unschuld durch ihn den ersten Flecken erhalten habe; denn auf diesen ersten Fehltritt führte er den ganzen lasterhaften Lebenswandel zurück, dem sie sich zu ergeben geneigt zu sein schien.

Diese Betrachtung verursachte ihm nicht wenig Unruhe, bis Betty, die älteste Schwester, etwas später so gefällig war, ihn durch die Erklärung völlig zu kuriren, daß ein gewisser Wilhelm Barnes, und nicht er, Molly's erster Verführer gewesen wäre, und daß jenes Kind, das er bisher so unbedenklich für das seine gehalten, sehr wahrscheinlich wenigstens ein gleiches Recht haben dürfte, Barnes für seinen Vater anzusprechen.

Jones forschte dieser Spur, so wie er darauf geleitet worden war, eifrig nach und gelangte nicht allein durch das Bekenntniß des Burschen, sondern auch durch Molly's eigenes, zu der genügenden Ueberzeugung, daß ihm das Mädchen die Wahrheit gesagt hatte.

33 Dieser Wilhelm Barnes, obwohl Bauerbursch, war ein Mädchenjäger und hatte eben so viele Trophäen aufzuweisen, wie irgend ein Fähndrich oder Schreiber eines Advocaten im ganzen Königreiche. Er hatte in der That mehrere Frauen in die tiefste Verworfenheit gestürzt, hatte mehrere dem Grame ihres Herzens preisgegeben und die Ehre gehabt, daß ein solch' armes Mädchen seinetwegen eines gewaltsamen Todes starb, entweder dadurch, daß sie sich ertränkte, oder, was noch wahrscheinlicher ist, daß sie durch ihn ertränkt wurde.

Unter andern Siegen, die er errungen, hatte dieser Bursch auch über Betty's Herz triumphirt. Er hatte ihr den Hof gemacht, lange ehe noch Molly so weit herangewachsen war, daß sie füglich ein Gegenstand seiner Wünsche sein konnte, hatte jene späterhin verlassen und sich der Schwester zugewendet, deren Gunst ihm auch fast unmittelbar darauf zu Theil wurde. Nun besaß Wilhelm in der That allein Molly's Zuneigung, während Jones und Square, einer kaum minder als der andere, Opfer ihres Interesses und ihres Stolzes waren.

Daher war jener unversöhnliche Haß entstanden, der, wie wir gesehen haben, in Betty's Busen wüthete; gleichwohl hielten wir es nicht für nöthig, diese Ursache desselben früher anzugeben, als bis der Neid für sich allein schon hinreichend war, das Erzählte geschehen zu lassen.

Jones war durch den Besitz dieses Geheimnisses hinsichtlich Molly's vollkommen ruhig geworden; keineswegs aber hinsichtlich Sophiens; ja sein Gemüth gerieth in der That in die heftigste Bewegung: sein Herz war nun, um mich dieser Metapher zu bedienen, gänzlich geräumt, und Sophie nahm vollständigen Besitz davon. Er liebte sie auf das Leidenschaftlichste und erkannte deutlich, welch' zärtliche Gefühle sie für ihn hegte; dennoch vermochte diese Zuversicht seine 34 Verzweiflung an der zu erlangenden Einwilligung ihres Vaters, und die schrecklichen Folgen nicht zu mildern, welche daraus entstehen mußten, wenn er auf eine niedrige oder verrätherische Weise zu ihrem Besitze gelangte.

Das Unrecht, das er dadurch Herrn Western zufügen mußte, und der Kummer, den es Herrn Allworthy verursachen würde, waren Umstände, die ihn alle Tage quälten, und ihm auch des Nachts keine Ruhe gönnten. Sein Leben war ein ununterbrochener Kampf zwischen Ehre und Neigung, welche abwechselnd über einander triumphirten. Oftmals faßte er, wenn Sophie abwesend war, den Entschluß, ihres Vaters Haus zu meiden und sie nicht wieder zu sehen; in ihrer Gegenwart vergaß er eben so oft alle diese Vorsätze und nahm sich vor, sein Leben, ja was ihm noch weit theurer war, als dieses, an ihren Besitz zu setzen.

Dieser innere Zwiespalt brachte bald sehr auffallende und sichtbare Veränderungen mit ihm hervor: er hatte alle seine gewohnte Lebhaftigkeit und Heiterkeit verloren und war, nicht nur wenn er allein, traurig und schwermüthig, sondern zeigte sich auch in Gesellschaft niedergeschlagen und zerstreut; ja, wenn er sich einmal, Herrn Westerns guter Laune zu Gefallen, zur Heiterkeit zwang, so blickte doch dieser Zwang so deutlich hindurch, daß er durch diese Verstellung erst recht an den Tag zu legen schien, was er zu verbergen sich bemühete.

Vielleicht ließe sich die Frage aufwerfen, ob die List, welche er anwandte, um seine Leidenschaft zu verbergen, oder die Mittel, deren sich die ehrliche Natur bediente, um dieselbe zu offenbaren, ihn am meisten verriethen: denn während die List ihn gegen Sophien zurückhaltender als je sein ließ, und ihn abhielt, irgend ein Gespräch mit ihr zu führen, ja während er mit der größten Vorsicht ihren Blicken auswich, war die Natur nicht minder geschäftig, 35 ihm entgegen zu wirken. Daher kam es, daß er, so wie das junge Mädchen sich näherte, erbleichte, und wenn sie unvermuthet erschien, zusammenfuhr. Wenn seine Blicke zufällig den ihrigen begegneten, stieg ihm das Blut in die Wangen und sein Gesicht sah aus wie mit Scharlach überzogen. Wenn die Gesetze der Höflichkeit ihn nöthigten, das Wort an sie zu richten, etwa um bei Tische ihre Gesundheit zu trinken, da fing seine Zunge sicher an zu stammeln. Wenn er sie berührte, zitterte seine Hand, ja alle seine Glieder. Und selten erweckte ein Gespräch, wenn auch nur entfernt, den Gedanken an Liebe, ohne daß sich unwillkürlich ein Seufzer aus seinem Busen stahl. Dabei war die Natur bewunderungswürdig erfinderisch, täglich dergleichen Vorfälle herbeizuführen.

Alle diese Merkmale entgingen der Beobachtung des Squire; nicht so Sophien. Sie nahm bald diese Gemüthsbewegungen an Jones wahr und errieth deren Ursache; denn sie fand sie in der That in ihrer eignen Brust wieder. Und in dieser Erkenntniß besteht, wie ich vermuthe, jene den Liebenden so oft zugeschriebene Sympathie, aus der sich dann zur Genüge erklärt, warum sie so viel scharfsichtiger war als ihr Vater.

Allein, um die Wahrheit zu sagen, es giebt eine einfachere und deutlichere Erklärungsweise jenes wunderbaren Scharfblickes, den manche Menschen in einem hohen Grade vor den übrigen voraus haben, und zwar eine Erklärungsweise, die nicht blos auf Liebende, sondern auf alle Andere Anwendung findet. Woher kommt es, daß ein Schelm gemeiniglich Schelmereien so leicht durchschaut, durch welche oft ein ehrlicher Mann von weit durchdringenderem Verstande hintergangen wird? Es giebt gewiß keine allgemeine Sympathie der Schelme; noch haben sie, wie die Freimaurer, eine allgemeine Zeichensprache. Die Sache liegt einzig und 36 allein darin, daß sie dasselbe in ihren Köpfen haben und daß ihre Gedanken dieselbe Richtung gehen. Daß also Sophie die deutlichen Zeichen der Liebe an Jones wahrnahm und Western nicht, kann gar nicht Wunder nehmen, wenn wir erwägen, daß der Gedanke an Liebe dem Vater nicht in den Kopf kam, während die Tochter damals an nichts weiter dachte.

So wie Sophie von der Stärke der Leidenschaft, welche Jones quälte, volle Ueberzeugung hatte, und nicht minder davon, daß sie deren Gegenstand war, wurde es ihr auch nichts weniger als schwer, sich sein gegenwärtiges Betragen zu erklären. Dies machte ihn ihr unendlich theuer und erweckte in ihrer Brust zwei der schönsten Gefühle, die ein Liebender seiner Geliebten nur wünschen kann. Diese waren Achtung und Mitleid: denn gewiß werden es selbst die Strengsten ihres Geschlechts entschuldigen, daß sie einen Mann bemitleidete, der um ihretwillen litt; auch werden sie nicht tadeln können, daß sie denjenigen achtete, der, offenbar aus den edelsten Beweggründen, eine Flamme in seinem Busen zu beherrschen suchte, welche sein Leben zu verzehren drohte. So waren seine Zurückhaltung, sein Ausweichen vor ihr, seine Kälte und sein Schweigen gerade seine lautesten, wärmsten und beredtesten Fürsprecher und wirkten so gewaltig auf ihr zartfühlendes Herz, daß sie bald alle jene Gefühle für ihn hegte, die ein tugendhaftes und edles weibliches Gemüth nur hegen kann; kurz alles empfand, wozu Achtung, Dankbarkeit und Mitleid gegen einen angenehmen Mann ein solches nur immer aufzufordern vermögen; in der That alles, was das feinste Zartgefühl zu gestatten vermag. Mit einem Worte, sie war zum Sterben in ihn verliebt.

Eines Tages begegnete sich das junge Paar zufällig im Garten, am Ende der beiden Gänge, die jener Kanal begrenzte, 37 in welchem Jones einst beinahe ertrunken wäre, als er Sophiens kleinen Vogel zu fangen suchte.

Diesen Platz hatte Sophie in der letztern Zeit oft besucht. Hier pflegte sie, mit aus Schmerz und Freude gemischten Empfindungen über einem Ereignisse zu brüten, das, so geringfügig es an sich war, vielleicht den ersten Keim zu jener Neigung gelegt hatte, die jetzt in ihrer Brust zu solcher Reife gediehen war.

Dort also begegneten sie einander. Sie waren fast an einander, ehe eines des andern Annäherung bemerkte. Wer dabei gestanden hätte, würde unzweideutige Spuren der Verlegenheit auf beider Gesichtern entdeckt haben, aber sie selbst waren zu sehr mit ihren Gefühlen beschäftigt, um irgend eine Wahrnehmung zu machen. Nachdem sich Jones von seiner ersten Ueberraschung ein wenig erholt hatte, redete er die junge Dame in einigen der gewöhnlichen Begrüßungsformeln an, die sie in gleicher Weise erwiederte; und ihre Unterhaltung begann mit dem gewöhnlichen Thema, mit der Schönheit des Morgens. Davon gingen sie über zu der Schönheit des Platzes, über den sich Jones in den höchsten Lobeserhebungen ergoß. Als sie zu dem Baume kamen, von dem er in den Kanal gestürzt war, konnte Sophie nicht umhin, jenes Vorfalles zu gedenken und äußerte: »Ich sollte meinen, Herr Jones, Sie müßten ein wenig schaudern, wenn Sie dieses Wasser sehen.« – »Ich versichere Sie, Fräulein,« antwortete Jones, »die Betrübniß, welche Sie über den Verlust Ihres kleinen Vogels empfanden, wird mir immer als der wichtigste Umstand bei jenem Abenteuer erscheinen. Der arme kleine Tommy! dort ist der Zweig, auf dem er saß. Wie konnte der kleine Thor auch jenem Aufenthalt des Glücks entfliehen, dem ich ihn wiederzugeben suchte? Sein Schicksal war eine gerechte Strafe für seine Undankbarkeit.« – »Nun wahrhaftig, Herr Jones,« sagte 38 sie, »Ihre Galanterie entging nur mit vieler Mühe einem eben so harten Schicksale. Die Erinnerung daran muß ohne Zweifel einen tiefen Eindruck auf Sie machen.« – »Allerdings, Fräulein,« war seine Antwort, »wenn ich irgend einen Grund habe, mit Unmuth daran zu denken, so ist es vielleicht der, daß das Wasser nicht ein wenig tiefer war, wodurch ich manchem bitteren Gram, den mir das Geschick beschieden zu haben scheint, hätte entgehen können.« – »Pfui, Herr Jones,« entgegnete Sophie; »gewiß ist das nicht Ihr Ernst. Diese affectirte Verachtung des Lebens ist nichts als eine Uebertreibung Ihrer Artigkeit gegen mich. Sie wollten meine Verpflichtung herabsetzen, die ich Ihnen dafür schuldig bin, daß Sie es zweimal um meinetwillen aufs Spiel setzten. Hüten Sie Sich vor dem dritten Male.« Diese letzten Worte sprach sie mit einem Lächeln und einer unaussprechlichen Milde. Jones antwortete mit einem Seufzer, »Er fürchte, daß es zur Vorsicht bereits zu spät sei,« und rief dann, indem sein zärtlicher Blick auf ihr haftete, aus: »O, Fräulein Western! können Sie mir wünschen, daß ich leben soll? Können Sie mir so Arges wünschen?« Sophie entgegnete, den Blick zu Boden gesenkt, unter Zögern: »In der That, Herr Jones, ich wünsche Ihnen nichts Arges.« – »Ach, ich kenne diesen unübertrefflichen Charakter nur zu wohl,« rief Jones aus, »nur zu wohl diese himmlische Güte, welche alle übrige Reize überstrahlt!« – »Wie?« erwiederte sie, »ich verstehe Sie nicht. Ich kann nicht länger verweilen.« – »Ich – ich wollte nicht verstanden sein!« rief er; »nein, ich kann nicht verstanden werden. Ich weiß nicht, was ich sage. Sie so unerwartet hier zu treffen, – ich bin unvorsichtig gewesen; um des Himmels willen, verzeihen Sie mir, wenn ich etwas sagte, was Sie beleidigte. – Ich wollte es nicht. Fürwahr, lieber hätte ich sterben mögen – ja, der bloße Gedanke würde mich tödten.« – 39 »Sie setzen mich in Erstaunen,« antwortete sie, »wie können Sie nur glauben, mich beleidigt zu haben?« – »Furcht, Fräulein,« sagte er, »springt leicht zu Wahnsinn über; und größere Furcht kann es nicht geben, als ich davor habe, Sie zu beleidigen. Wie kann ich nun sprechen? Nein, sehen Sie mich nicht zornig an; ein zorniger Blick würde mich vernichten. Tadeln Sie meine Augen, oder tadeln Sie diese Reize. Was sage ich? Verzeihen Sie mir, wenn ich zu viel gesagt habe. Mein Herz strömte über. Ich habe mit meiner Liebe aufs Aeußerste gekämpft, ich habe mich bemüht, ein Fieber zu verbergen, das mein Leben verzehrt und werde es hoffentlich so weit gebracht haben, daß ich Sie nie mehr kränken kann.«

Jones fing jetzt an zu zittern, als würde er vom Fieberfrost geschüttelt. Sophie, deren Zustand von dem seinigen nicht sehr verschieden war, gab ihm Folgendes zur Antwort: »Herr Jones, ich will mich nicht stellen, als verstünde ich Sie nicht: im Gegentheil, ich verstehe Sie nur zu gut; aber, um des Himmels willen, wenn ich Ihnen nicht gleichgültig bin, so lassen Sie mich jetzt ins Haus zurückkehren. – Wolle Gott, daß mich die Kraft bis dahin nicht verläßt.«

Jones, der sich selbst kaum aufrecht halten konnte, bot ihr seinen Arm, den sie freundlich annahm; doch bat sie ihn, für jetzt kein Wort mehr über diesen Gegenstand zu erwähnen. Er versprach es; nur drang er noch in sie, möchte ihm das vergeben, wozu die Liebe ihn unwillkührlich fortgerissen hätte. Sie stellte ihrer Vergebung sein künftiges Betragen zur Bedingung, und nun wankte das junge Paar zitternd dahin, und nicht ein einziges Mal wagte der liebende Jüngling seiner Geliebten die Hand zu drücken, die er in der seinigen hielt.

Sophie begab sich sogleich auf ihr Zimmer, wo Mamsell Honour und das Riechfläschchen zu ihrem Beistande entboten 40 wurden. Was den armen Jones wieder herstellte, war eine unwillkommene Neuigkeit, die uns eine von der bisherigen ganz verschiedene Scene eröffnet, und die wir daher dem Leser im nächstfolgenden Kapitel mittheilen werden.

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