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Die Geschichte des Tom Jones / Theil II

Henry Fielding: Die Geschichte des Tom Jones / Theil II - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Geschichte des Tom Jones / Theil I
authorHenry Fielding
year1848
firstpub1749
translatorDr. A. Diezmann
publisherGeorg Westermann
addressBraunschweig
titleDie Geschichte des Tom Jones / Theil II
pages239
created20080529
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Fünftes Kapitel.

Ein sehr langes Kapitel mit einem sehr bedeutenden Vorfalle.

So leicht es nun aber auch diesem siegreichen Gotte geworden war, seine erklärten Feinde aus dem Herzen Jones' herauszutreiben, so schwer ward es ihm, mit der Besatzung, die er selbst hineingelegt hatte, fertig zu werden. Um alle Allegorie bei Seite zu setzen, der Gedanke, was aus der armen Molly werden sollte, beunruhigte und verwirrte das Gemüth des guten Jünglings. Die größeren Vorzüge Sophiens verdunkelten oder verlöschten vielmehr völlig alle schönen Eigenschaften des armen Mädchens; aber an die Stelle der Liebe trat Mitleid anstatt Verachtung. Er war überzeugt, das Mädchen hatte alle ihre Herzenswünsche und ihre ganze Hoffnung auf zukünftiges Glück auf ihn allein gesetzt. Dazu hatte er ihr ja durch seine Zärtlichkeit, womit er sie überschüttet und die er ihr zu erhalten auf das Heiligste versprochen, Veranlassung genug gegeben. Sie dagegen versicherte ihn ihres festen Vertrauens in seine Versprechungen und erklärte durch die feierlichsten Schwüre, von seiner Erfüllung oder Nichterfüllung dieser Versprechungen würde es abhängen, ob sie die Glücklichste oder die Elendeste 22 der Menschen werden würde. Und der Urheber vom höchsten Elende eines menschlichen Wesens zu sein, das war ein Gedanke, dem er nicht auf einen einzigen Augenblick bei sich Raum zu geben vermochte. Er betrachtete das arme Mädchen als diejenige, die ihm alles, was in ihren geringen Kräften stand, geopfert hatte; die auf ihre eigenen Kosten der Gegenstand seines Vergnügens gewesen war; die selbst in diesem Augenblicke nach ihm seufzte und schmachtete. Soll also, sagte er, meine Genesung, die sie so heiß erflehet; soll meine Gegenwart, die sie so sehnlich erwartet hat, anstatt ihr die gehoffte Freude zu gewähren, sie mit einem Male in Elend und Verzweiflung stürzen? Könnte ich so schändlich handeln? Hier, als der Genius der armen Molly zu triumphiren schien, stürmte Sophiens Liebe, die nun nicht länger zweifelhaft schien, auf sein Gemüth ein und scheuchte jedes Hinderniß von hinnen.

Endlich kam ihm der Gedanke bei, daß es ihm vielleicht gelingen könnte, Molly auf einem andern Wege schadlos zu halten; wenn er ihr z. E. eine Summe Geldes gäbe. Gleichwohl zweifelte er fast wieder, daß sie es annehmen würde, wenn er sich ihrer öfter wiederholten und lebhaften Versicherungen erinnerte, daß die Welt, gegen ihn in die Waagschale gelegt, ihr keinen Ersatz für seinen Verlust gewähren würde. Dennoch gab ihm ihre große Armuth und besonders ihre ausnehmende Eitelkeit (über die der Leser bereits einige Andeutungen erhalten hat) eine geringe Hoffnung, daß sie aller ihrer gelobten Zärtlichkeit ungeachtet, mit der Zeit sich vielleicht durch eine ihre Erwartungen übersteigende Summe, die ihrer Eitelkeit schmeichelte, indem sie sie über alle ihres Gleichen erhob, würde abfinden lassen. Er beschloß daher, die erste Gelegenheit zu ergreifen und ihr einen solchen Vorschlag anzubieten.

Er stahl sich demnach, als sein Arm so weit geheilt war, 23 daß er, denselben in einer Binde tragend, ausgehen konnte, eines Tages, zu einer Zeit, wo der Squire bei seinen Jagdbeschäftigungen war, hinweg und besuchte seine Schöne. Ihre Mutter und Schwestern, die er beim Theetrinken antraf, sagten ihm anfangs, daß Molly nicht zu Hause wäre; dann aber berichtete ihm die älteste Schwester mit einem boshaften Lächeln, daß sie oben wäre und zu Bett läge. Tom hatte gegen diese Situation seiner Gebieterin nichts einzuwenden und stieg sogleich die Treppe zu ihrer Schlafkammer hinauf; allein, als er oben war, fand er zu seinem großen Erstaunen die Thür verschlossen; auch konnte er eine Zeit lang keine Antwort von innen erhalten; denn Molly, wie sie ihm nachher mittheilte, lag in tiefem Schlafe.

Die extremen Grade des Kummers und der Freude üben sehr ähnliche Wirkungen auf uns aus, und wenn eines von beiden uns überrascht, so vermag es eine so völlige Bestürzung und Verwirrung in uns hervorzubringen, daß wir oft dadurch des Gebrauchs aller unserer Fähigkeiten beraubt sind. Es kann daher keine Verwunderung erregen, wenn der unerwartete Anblick des Herrn Jones eine so erschütternde Wirkung auf Molly's Gemüth äußerte und sie in eine solche Verwirrung versetzte, daß sie einige Minuten lang unfähig war, das große Entzücken an den Tag zu legen, wovon sie, wie sich der Leser denken wird, bei dieser Gelegenheit durchdrungen war. Was Jones betrifft, so war er so ganz eingenommen und gleichsam bezaubert durch die Gegenwart dieses geliebten Wesens, daß er eine Weile lang Sophiens und folglich des Hauptzwecks seines Besuchs vergaß.

Dieser kehrte ihm jedoch bald wieder in das Gedächtniß zurück, und wie die ersten Ausbrüche der Freude über ihr Wiedersehen vorüber waren, fand er allmälig Mittel und Wege, ein Gespräch über die traurigen Folgen anzuknüpfen, welche 24 ihre Liebe haben müßte, wenn Herr Allworthy, der ihm streng untersagt hätte, sie ferner zu sehen, erfahren sollte, daß er diesen Umgang immer noch fortsetze. Eine solche Entdeckung, – und seine Feinde gäben ihm Grund, sie für unvermeidlich zu halten, – müßte mit seinem Verderben, und folglich mit dem ihrigen enden. Da es nun einmal in ihrem herben Schicksale beschlossen läge, daß sie sich trennen müßten, so rieth er ihr, es mit Standhaftigkeit zu ertragen und schwur, er würde nie, so lange er lebte, eine Gelegenheit versäumen, ihr die Aufrichtigkeit seiner Zuneigung dadurch zu beweisen, daß das, was er für sie thun werde, ihre Erwartung, ja wenn es irgend in seinen Kräften stände, ihre Wünsche übertreffen solle; und schloß endlich damit, daß sie bald einen Mann finden möchte, der sie heirathete und glücklicher machte, als sie es sein könnte, wenn sie mit ihm ein ehrloses Leben führte.

Molly schwieg einige Augenblicke still, dann brach sie in eine Thränenfluth und in folgende Vorwürfe aus: »Das ist also Ihre Liebe zu mir, mich auf diese Weise zu verlassen, nun da Sie mich unglücklich gemacht haben! Wie oft, wenn ich Ihnen sagte, daß alle Männer falsch und treulos wären und unser überdrüssig würden, sobald wir ihrer niedrigen Lust zu Willen gewesen, wie oft haben Sie da geschworen, Sie würden mich nie verlassen! So meineidig könnten Sie also sein! Was sind mir alle Reichthümer der Welt ohne Sie, nun Sie mein Herz gewonnen und – und –? Warum sprechen Sie mir von einem andern Manne? Ich kann nie in meinem Leben einen andern lieben. Alle andern sind mir nichts. Wenn morgen der größte Squire im ganzen Lande um mich würbe, ich würde ihm kein Gehör geben. Nein, stets werde ich um Deinetwillen das ganze Geschlecht hassen und verabscheuen.« –

In diesem Tone fuhr sie fort, als ein Ereigniß dem 25 Strome ihrer Worte, ehe er noch die Hälfte seines Laufes vollendet, Schranken setzte. Das Zimmer, oder vielmehr die Dachstube, worin Molly lag, war über zwei Treppen hoch, das heißt im Giebel des Hauses und deshalb von schräger Gestalt, gleich einem großen griechischen Delta. Unsere Leser werden sich vielleicht eine bessere Vorstellung davon machen, wenn wir ihnen sagen, daß es unmöglich war, anderswo aufrecht zu stehen, als in der Mitte. Da sich nun an dieser Stube kein Cabinet befand, so hatte Molly, um diesem Mangel abzuhelfen, eine alte Decke an die Sparren des Hauses so angenagelt, daß dadurch ein kleiner Winkel eingeschlossen wurde, in welchem sie ihren Staat, als da waren die Ueberreste jenes Negligee, dessen wir erwähnt haben, einige Häubchen und andere Gegenstände, die sie sich erst kürzlich angeschafft, aufgehangen und vor dem Staube geschützt hatte.

Dieser eingeschlossene Raum war gerade zu Füßen des Bettes, dem die Decke wirklich so nahe hing, daß sie gewissermaßen die Stelle eines Bettvorhangs vertrat. Ob nun Molly im Aufbrausen ihres Zornes mit den Füßen an diese Decke stieß oder ob Jones sie berührte; oder ob der Nagel von selbst nachgab, dessen bin ich nicht gewiß; aber wie Molly die oben angeführten letzten Worte aussprach, ging die abscheuliche Decke von ihrer Befestigung los und ließ alles sichtbar werden, was dahinter war; und dort erschien denn (ich schäme mich, es niederzuschreiben, und mit Betrübniß wird es der Leser vernehmen) – der Philosoph Square, in einer Stellung (der Raum ließ nämlich eine aufrechte nicht zu), wie man sie sich lächerlicher nicht vorstellen konnte.

Seine Stellung war in der That der eines Soldaten, welcher mit Hals und Füßen zusammengebunden ist, nicht sehr unähnlich, oder glich vielmehr derjenigen, in welcher 26 sich oft auf den öffentlichen Straßen Londons Bettelbuben sehen lassen und die in derselben zwar keine Strafe erleiden, wohl aber verdienen. Auf seinem Kopfe saß ein Nachthäubchen von Molly und seine großen Augen stierten, in dem Augenblicke, wo die Decke fiel, in gerader Richtung nach Jones; so daß sich Niemand, der die jetzt enthüllte Gestalt gesehen und die Idee der Philosophie mit ihr in Verbindung gebracht hätte, eines unmäßigen Lachens würde haben erwehren können.

Ich untersuche nicht, ob das Erstaunen des Lesers hier so groß sein wird, als es das Jones' war, da der Verdacht, welcher aus dem Erscheinen dieses weisen und ernsten Mannes an einem solchen Orte, entspringen mußte, mit dem Character, den er bisher ohne Zweifel in der Meinung Jedermanns behauptet hatte, doch so unvereinbar erschien.

Indessen, die Wahrheit zu gestehen, ist diese Unvereinbarkeit mehr eingebildet, als reel. Philosophen bestehen so gut wie andere Menschenkinder aus Fleisch und Blut und, wie geläutert und verfeinert immer die Theorie derselben sein mag, in der Praxis ist ihnen eine kleine Schwäche so natürlich wie andern Sterblichen. In der Theorie, und nicht in der Praxis, ist also, wie wir vorhin angedeutet haben, allein der Unterschied zu suchen; denn wenn auch solche erhabene Wesen viel besser und weiser denken, so handeln sie doch stets genau so wie andere Menschen. Sie wissen sehr gut, auf welche Weise alle Begierden und Leidenschaften zu unterdrücken sind und verachten Leid und Freude; und diese Kenntniß gewährt ihnen Stoff zu angenehmen Betrachtungen und ist leicht erworben: aber die praktische Anwendung derselben würde ihnen lästig und beschwerlich fallen; und somit lehrt sie dieselbe Kenntniß, durch die sie das wissen, deren praktische Anwendung vermeiden.

Herr Square war zufällig an jenem Sonntage in der 27 Kirche, wo, wie sich der Leser gefälligst erinnern möge, Molly's Erscheinen in ihrem neuen Anzuge jenes große Aufsehen erregte. Hier bemerkte er sie zuerst und ward so eingenommen von ihrer Schönheit, daß er den jungen Herrn veranlaßte, die Tour ihres Rittes an jenem Abende so abzuändern, daß er an der Wohnung Molly's vorbeikäme und sie vielleicht noch einmal sähe. Da er indessen damals seine Absicht Niemandem merken ließ, so hielten auch wir es nicht für angemessen, sie dem Leser mitzutheilen.

Zu den Umständen, welche nach Herrn Square's Ansichten die Unzulässigkeit der Dinge bestimmen, rechnete er unter andern Gefahr und Schwierigkeit. Demnach war die Schwierigkeit, welche es machen konnte, diese junge Dirne zu verführen, und die Gefahr, welche im Fall einer Entdeckung seinem Charakter drohte, so abschreckend für ihn, daß er wahrscheinlich anfangs den Vorsatz hatte, sich mit den angenehmen Ideen, womit der Anblick der Schönheit uns erfüllt, zu begnügen. Diese gewähren sich die ernsthaftesten Männer nach einem vollen Mahle ernsten Nachdenkens oft als Dessert, zu welchem Zwecke sich gewisse Bücher und Gemälde in die verborgensten Winkel ihrer Studirstube einschleichen und ein gewisser faftiger Theil der Naturkunde einen Theil ihrer Unterhaltung bildet.

Allein als der Philosoph einige Tage später erfuhr, daß die Festung der Tugend bereits erobert gewesen wäre, da begann er seinen Wünschen einen größern Spielraum einzuräumen. Sein Geschmack war nicht so ekel, daß er einen Leckerbissen hätte verschmähen sollen, wovon ein anderer gekostet hatte. Kurz, das Mädchen war ihm, gerade weil ihr die Keuschheit mangelte, um desto lieber, weil er sonst seinem Vergnügen hätte entsagen müssen: er warb um ihre Gunst und erhielt sie.

Der Leser ist im Irrthume, wenn er meint, Molly 28 habe Square den Vorzug vor ihrem jüngeren Geliebten gegeben; im Gegentheil, wäre sie auf die Wahl eines einzigen beschränkt gewesen, Tom Jones würde ohne Zweifel von ihnen beiden der Sieger gewesen sein. Auch war es nicht allein die Rücksicht, daß zwei besser sind als einer (obschon dies seinen besondern Werth hatte), welcher Herr Square seinen Erfolg verdankte: die Abwesenheit Jones', während seines Krankenlagers, war ein unglücklicher Umstand; und einige gut gewählte Geschenke des Philosophen erweichten und kirrten in der Zwischenzeit so das Herz des Mädchens, daß einer günstigen Gelegenheit nicht mehr zu widerstehen war und Square über den letzten Rest von Tugend, welcher noch in Molly's Busen lag, den Sieg davon trug.

Es war nun ungefähr vierzehn Tage seit dieser Eroberung, als Jones seiner Geliebten den oben gemeldeten Besuch machte und sie mit Square im Bett antraf. Dies war der eigentliche Grund, weshalb die Mutter, wie wir sahen, sie verleugnete; denn da die alte Frau von dem Sündenlohne ihrer Tochter ihren Antheil bekam, so bestärkte sie diese in ihrer verworfenen Lebensweise und nahm sie nach Kräften in Schutz; aber der Neid und Haß der ältesten Schwester gegen Molly war so groß, daß sie, obgleich auch sie ihren Theil an der Beute hatte, diesem gern entsagt haben würde, wenn sie dadurch ihre Schwester hätte zu Grunde richten und ihr Gewerbe zerstören können. Deshalb hatte sie Jones beigebracht, daß sie oben im Bett läge, damit er sie in Square's Gesellschaft überraschen möchte. Dies wußte indessen Molly zu verhindern, weil die Thür verschlossen war und sie dadurch Zeit gewann, ihren Liebhaber hinter jene Decke zu verbergen, wo er jetzt unglücklicher Weise entdeckt war.

Kaum war Square zum Vorschein gekommen, so warf sich Molly wieder ins Bett, schrie, sie wäre verloren und 29 wollte ganz verzweifeln. Das arme Mädchen, noch Neuling in ihrem Gewerbe, hatte es noch nicht zu jenem sichern Takte gebracht, welcher einer Stadtdame aus jeder verzweifelten Lage heraushilft, indem er es ihr nicht an einer Entschuldigung fehlen läßt oder ihr wohl gar eingiebt, die Sache mit Unverschämtheit gegen ihren Gatten zu verfechten, der aus Liebe zur Ruhe oder aus Besorgniß um seinen Ruf und wohl auch zuweilen aus Furcht vor dem Galan, der, wie Constantin in der Comödie, ein Schwert trägt, froh ist, wenn er die Augen zudrücken und seine Hörner in die Tasche stecken kann. Molly hingegen machte dieses Ereigniß verstummen und sie gab ohne weiteres eine Sache für verloren, die sie bisher mit so vielen Thränen und mit so feierlichen und feurigen Versicherungen der reinsten Liebe und Treue vertheidigt hatte.

Was den Herrn hinter der Tapete anlangt, so war seine Bestürzung nicht geringer. Er stand eine Zeit lang da, ohne sich zu rühren und ohne zu wissen, was er sagen oder wohin er seine Blicke richten sollte. Jones, obgleich unter allen dreien vielleicht am meisten erstaunt, fand zuerst die Sprache wieder, und indem er sich von dem unangenehmen Eindrucke, den Molly's Vorwürfe auf ihn gemacht hatten, sogleich erholte, brach er in ein lautes Lachen aus, begrüßte dann Herrn Square und näherte sich, ihm die Hand zu reichen und ihn aus seinem Versteck zu befreien.

Square, der nun in der Mitte des Raums angelangt war, wo man wieder aufrecht stehen konnte, sah Jones mit einem sehr ernsten Gesichte an und sagte zu ihm: »Wohlan, Herr, Sie wissen jetzt um dieses wichtige Geheimniß und, ich kann schwören, ich finde großes Vergnügen in dem Gedanken, mich bloß zu stellen; wenn Sie jedoch die Sache recht überlegen, so werden Sie finden, daß Sie allein zu tadeln sind. Ich habe keine Schuld an der 30 Verführung der Unschuld. Ich habe nichts gethan, was diejenigen, welche nach den Regeln des Rechts urtheilen, verdammen werden. Die Schicklichkeit wird beherrscht von der Natur der Dinge und nicht von Gebräuchen, Formen oder Statuten. Nichts ist in der That unschicklich, was nicht unnatürlich ist.« – »Gut räsonnirt, alter Knabe,« entgegnete Jones; »aber warum glaubst Du, daß ich Dich bloßstellen sollte? Ich versichere Dich, nie in meinem Leben hast Du mir besser gefallen; und dieser Vorfall, ausgenommen Du hättest selbst Lust, ihn zu offenbaren, soll ein tiefes Geheimniß bleiben.« – »Nein, Herr Jones,« erwiederte Square, »ich möchte nicht dafür gelten, als schätzte ich einen guten Ruf gering; nein, er ist eine Art καλὸν und es ist keineswegs schicklich, ihn zu vernachlässigen. Uebrigens wäre, seinen eigenen Ruf morden, eine Art Selbstmord, ein verabscheuungswürdiges Laster. Wenn es Ihnen also gut dünkt, irgend eine meiner Schwächen (denn davon mag ich nicht frei sein, da Niemand völlig vollkommen ist), zu verheimlichen, so verspreche ich Ihnen, daß ich mich nicht selbst verrathen werde. Es giebt Dinge, die man schicklicher Weise thun kann, deren man sich aber schicklicher Weise nicht rühmen darf; denn bei dem verkehrten Urtheile der Welt wird dasjenige oftmals Gegenstand des Tadels, was der Wahrheit nach nicht blos unschuldig, sondern auch lobenswerth ist.« – »Recht so!« rief Jones, »was kann unschuldiger sein, als einem natürlichen Triebe nachzugeben, oder was lobenswerther, als die Fortpflanzung unseres Geschlechts?« – »Ernstlich gestehe ich Ihnen,« antwortete Square, »daß es mir immer so geschienen hat.« – »Und gleichwohl,« sagte Jones, »waren Sie anderer Meinung, als mein Umgang mit diesem Mädchen zuerst entdeckt ward.« – »Ei, da muß ich gestehen,« sagte Square, »wie mir die Sache fälschlich von dem Pastor 31 Thwackum dargestellt worden war, konnte ich die Verführung der Unschuld verdammen: das war es, Herr, das war es – und das –; denn Sie müssen wissen, Herr Jones, in Rücksicht auf Schicklichkeit machen sehr kleine Umstände, ja, sehr kleine Umstände einen großen Unterschied.« – »Nun gut,« rief Jones, »sei dem wie ihm wolle, es wird, nach dem was ich Ihnen versprochen habe, Ihre Schuld sein, wenn Sie jemals wieder etwas von diesem Abenteuer hören. Behandeln Sie das Mädchen freundlich, und es wird nie gegen irgend Jemand etwas davon über meine Lippen kommen. Und Sie, Molly, seien Sie Ihrem Freunde treu, und ich werde Ihnen ihre Untreue gegen mich nicht allein vergeben, sondern Ihnen auch nach allen Kräften zu Diensten sein.« Damit verabschiedete er sich kurz, schlüpfte die Treppe hinunter und zog sich eilig zurück.

Square freute sich, daß dieses Abenteuer wahrscheinlich keine übeln Folgen haben würde; und Molly, nachdem sie sich von ihrer Verlegenheit erholt hatte, begann damit, ihm Vorwürfe zu machen, weil er ihr Jones' Verlust verursacht hätte; doch er fand bald Mittel, ihren Aerger zu beschwichtigen, und zwar theils in Liebkosungen und theils in einem kleinen Arkanum aus seiner Börse, was zur Vertreibung böser Launen und zur Wiederherstellung des guten Humors von wundervoller und erprobter Wirksamkeit ist.

Darauf überschüttete sie ihren neuen Liebhaber mit Zärtlichkeit, verdrehete den Sinn alles dessen, was sie zu Jones gesagt hatte und machte diesen selbst lächerlich; dabei schwur sie, daß, wenn er auch einst ihre Person besessen, doch Niemand als Square jemals ihr Herz besessen hätte.

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