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Die Geschichte des Tom Jones / Theil II

Henry Fielding: Die Geschichte des Tom Jones / Theil II - Kapitel 41
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Geschichte des Tom Jones / Theil I
authorHenry Fielding
year1848
firstpub1749
translatorDr. A. Diezmann
publisherGeorg Westermann
addressBraunschweig
titleDie Geschichte des Tom Jones / Theil II
pages239
created20080529
sendergerd.bouillon@t-online.de
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234 Funfzehntes Kapitel.

Schluß des vorigen Abenteuers.

Außer dem Verdachte, daß die Schildwache geschlafen haben möchte, hegte der Lieutenant noch einen schlimmern gegen dieselbe, nämlich den des Verraths; denn da er von der Spukgeschichte nicht eine Sylbe glaubte, so hielt er das Ganze für eine Erdichtung des Soldaten, den Northerton bestochen hätte, damit er ihn entwischen ließe. Und dies war ihm um so wahrscheinlicher, als sich bei einem Manne, der für einen der tapfersten und kühnsten im Regimente galt, der in mehreren Treffen mit gefochten und verschiedene Wunden erhalten, kurz, der sich stets als einen guten und tüchtigen Soldaten bewiesen hatte, Furcht nicht füglich voraussetzen ließ.

Damit der Leser also nicht etwa von einer solchen Person eine schlechte Meinung fasse, werden wir keinen Augenblick länger anstehen, ihren Charakter von diesem Vorwurfe zu befreien.

Herr Northerton war mit dem Ruhme seiner That vollkommen zufrieden. Er hatte vielleicht gesehen, oder gehört, oder errathen, daß Mißgunst gern dem Ruhme nachstellt. Nicht, daß ich damit sagen will, er hätte sich zu dem heidnischen Glauben an die göttliche Nemesis oder zu deren Verehrung hingeneigt; denn ich bin in der That überzeugt, daß er sie nicht einmal den Namen nach kannte. Er liebte überdies eine freie Thätigkeit und hatte eine große Abneigung gegen jene beengenden Winterquartiere im Schlosse zu Gloucester, zu denen ihm ein Friedensrichter leicht eine Eintrittskarte geben konnte. Ferner empfand er einiges Unbehagen bei dem Gedanken an ein gewisses hölzernes Gebäude, das ich nicht nennen will, und das mehr als jedes andere öffentliche Gebäude eine Wohlthat für die 235 menschliche Gesellschaft ist. Kurz, um nicht noch mehr Beweggründe für sein Vorhaben anzuführen, Herr Northerton trachtete ernstlich danach, diese Nacht zu entfliehen, und dazu blieb ihm nur noch das Wie zu ermitteln übrig, was ihm eine Sache von einiger Schwierigkeit zu sein schien.

Nun war dieser junge Mann, obgleich von der moralischen Seite betrachtet, etwas verkrüppelt, von Person vollkommen gerade, wohlgewachsen und kräftig. Auch sein Gesicht wurde von der Mehrzahl der Frauen hübsch gefunden; denn es war voll und roth und hatte Zähne von ziemlich guter Beschaffenheit. Solche Reize verfehlten ihren Eindruck auf die Wirthin nicht, die an dieser Art von Schönheit gerade großen Wohlgefallen fand. Sie fühlte in der That Mitleiden mit dem jungen Manne; und da sie von dem Chirurgen hörte, daß die Sache mit dem Freiwilligen wahrscheinlich einen schlimmen Ausgang nehmen würde, so erblickte sie darin auch eine unerfreuliche Aussicht für den Fähndrich. Da sie ihn nun bei einem Besuche, den sie ihm zu machen die Erlaubniß erhalten hatte, in einer sehr trüben Stimmung antraf, die sie durch ihre Aussage, daß kaum einige Hoffnung zur Wiederherstellung des Freiwilligen übrig sei, noch um ein Bedeutendes erhöhte, so ließ sie einige verstohlene Winke fallen, die der andere bereitwillig und eifrig aufnahm, so daß es bald zu einem deutlichen Verständniß kam, in Folge dessen endlich die Uebereinkunft getroffen wurde, daß der Fähndrich auf ein gegebenes Zeichen im Kamin, das in geringer Höhe mit dem der Küche communicirte, aufsteigen und sich in letzterer wieder herunterlassen sollte, wozu sie ihm durch Reinhalten des Weges behülflich sein wollte.

Damit aber diejenigen unsrer Leser, welche anderer Gesinnung sind, diese Gelegenheit nicht zu hastig erfassen, 236 um alles Mitleid als eine Thorheit und der Gesellschaft gefahrbringend zu verdammen, dürfen wir hier eines Umstandes nicht unerwähnt lassen, der vielleicht einigen Einfluß auf diese Handlung gehabt haben dürfte. Der Fähndrich hatte zufällig damals die Summe von funfzig Pfund, welche der Compagnie gehörten, in Verwahrung; der Hauptmann hatte sich nämlich mit dem Lieutenant veruneinigt und aus diesem Grunde den Sold seiner Compagnie dem Fähndrich anvertraut. Dieser hielt es jedoch für gerathen, das Geld bei der Wirthin niederzulegen, vielleicht als eine Bürgschaft dafür, daß er zurückkommen werde, um sich gegen eine Klage zu verantworten; genug, sie hatte das Geld und der Fähndrich seine Freiheit.

Der Leser erwartet vielleicht von dem mitleidigen Herzen dieser guten Frau, daß sie sich, als sie die arme Schildwache einer, wie sie wußte, ungegründeten Beschuldigung wegen arretiren sah, für dieselbe verwendet haben werde; allein war es nun, daß sie bei dem obigen Vorfalle ihr ganzes Mitleiden bereits erschöpft hatte, oder daß die Gesichtszüge dieses Burschen, obgleich von denen des Fähndrichs nicht sehr verschieden, dasselbe nicht zu rühren vermochten, ich will es nicht bestimmen; aber, weit entfernt den gegenwärtigen Gefangenen in Schutz zu nehmen, suchte sie vielmehr den Officier in seinem Verdacht zu bestärken, indem sie mit erhobenen Augen und Händen erklärte, um alles in der Welt möchte sie einem Mörder nicht zur Flucht verholfen haben.

Alles war nun wieder ruhig geworden und die meisten zogen sich in ihre Betten zurück; aber die Wirthin fühlte, entweder aus ihrem natürlichen Drange zur Geschäftigkeit oder aus Besorgniß für ihr Geschirr, keine Neigung zum Schlafe und überredete daher die Officiere, die kurze Zeit 237 bis zu ihrem Abmarsch, nicht viel über eine Stunde, mit ihr bei einer Bowle Punsch zuzubringen.

Jones war diese ganze Zeit über wach gewesen und hatte einen großen Theil des Lärms und Getöses mit angehört, dessen nähere Umstände er jetzt gern hätte wissen mögen.. Er zog daher die Klingel, er läutete wenigstens zwanzigmal, aber umsonst; denn die Wirthin befand sich mit ihrer Gesellschaft in so lebhafter Unterhaltung, daß außer dieser nichts zu hören möglich war; und der Kellner und das Stubenmädchen, die zusammen in der Küche saßen (denn sie duldete nicht, daß er allein aufblieb, und er duldete nicht, daß sie allein im Bett lag) geriethen, je stärker die Klingel gezogen wurde, in um so größere Furcht und blieben wie angenagelt auf ihren Plätzen sitzen.

Endlich, als glücklicherweise in dem Gespräch eine Pause entstand, erreichte der Schall der Klingel das Ohr der Wirthin, die nun sogleich ihren Dienstleuten zurief. Als beide erschienen, sagte die Gebieterin: »Joseph, hörst Du nicht, daß der Herr die Klingel zieht? Warum gehst Du nicht hinauf?« – »Es ist nicht mein Amt,« antwortete der Kellner, »auf den Zimmern aufzuwarten, – es ist Bettys, des Stubenmädchens Sache.« – »Ei ja,« entgegnete das Mädchen, »es kommt mir nicht zu, Herren zu bedienen. Ich habe es wohl manchmal gethan; aber ich will des Teufels sein, wenn ich es wieder thue, da Sie ein Muß daraus machen.« Da die Klingel noch immer heftig läutete, so ward die Wirthin zornig und schwur, wenn der Kellner nicht sogleich hinaufginge, ihn noch diesen Morgen fortzujagen. »Wenn Sie das thun,« sagte dieser, »so kann ich mir nicht helfen. Ich werde nicht die Arbeiten Anderer thun.« Sie wendete sich dann zu dem Mädchen und suchte diese durch freundliche Worte zu bewegen; aber alles vergebens. Betty war eben so wenig von der Stelle 238 zu bringen als Joseph. Beide behaupteten, es wäre nicht ihr Amt, und sie würden es nicht thun.

Der Lieutenant lachte und sagte: »ich werde dem Streite ein Ende machen.« Er wendete sich an die Leute und rühmte sie ihres Vorsatzes wegen, durchaus nicht nachzugeben, setzte aber hinzu, er sei überzeugt, wenn die Eine gehe, würde der Andere auch nicht zurückbleiben. Dazu erklärten sich beide sogleich bereitwillig und sie gingen demnach ganz freundschaftlich mit einander hinauf. Als sie fortwaren, besänftigte der Lieutenant den Zorn der Wirthin.

Bald kamen sie zurück und erzählten ihrer Herrin, der Kranke sei so wenig todt, daß er vielmehr so geläufig und kräftig rede, als befinde er sich ganz wohl, er lasse sich dem Capitän empfehlen und es würde ihn sehr freuen, könnte er ihn vor dem Abmarsche noch einmal sehen.

Der gute Lieutenant fügte sich sogleich diesem Wunsche, setzte sich an dem Krankenbette nieder, beschrieb den Auftritt, der unten stattgefunden hatte und erklärte endlich, er werde die Sache exemplarisch bestrafen lassen.

Jones erzählte ihm darauf die ganze Wahrheit und bat ihn ernstlich, den armen Soldaten nicht zu bestrafen, »der, wie ich überzeugt bin,« setzte er hinzu, »so unschuldig an der Flucht des Fähndrichs ist, wie an dem Versuche, Sie zu belügen.«

Der Lieutenant bedachte sich einen Augenblick, dann antwortete er: »Da Sie den Mann von einem Theile der Schuld gereiniget haben, wird es unmöglich sein, den andern zu beweisen, weil er nicht die einzige Wache war. Ich habe aber wohl Lust, den Kerl wegen seiner Feigheit zu bestrafen; indeß wer weiß, welche Wirkung der Schreck haben kann und eigentlich hat er sich vor dem Feinde immer gut benommen. Es ist gewiß etwas Gutes, ein Zeichen von Religion bei diesen Leuten zu sehen, und so verspreche 239 ich Ihnen, er soll in Freiheit gesetzt werden, sobald wir aufbrechen. Aber hören Sie! Es wird Generalmarsch geschlagen. Noch einen Schmatz! beunruhigen und beeilen Sie sich nicht, sondern denken Sie an die christliche Lehre von der Geduld und Sie werden bald im Stande sein, sich selbst Gerechtigkeit zu verschaffen und ehrenvolle Rache an dem zu nehmen, der Sie verletzte.« Der Lieutenant entfernte sich darauf und Jones versuchte zu schlafen.

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