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Die Geschichte des Tom Jones / Theil II

Henry Fielding: Die Geschichte des Tom Jones / Theil II - Kapitel 40
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Geschichte des Tom Jones / Theil I
authorHenry Fielding
year1848
firstpub1749
translatorDr. A. Diezmann
publisherGeorg Westermann
addressBraunschweig
titleDie Geschichte des Tom Jones / Theil II
pages239
created20080529
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Vierzehntes Kapitel.

Ein schaudererregendes Kapitel, an das sich wenig Leser des Abends wagen sollten, zumal wenn sie allein sind.

Jones trank eine große Portion Fleischbrühe mit vortrefflichem Appetite und würde auch noch das Huhn, woraus sie bereitet war und ein Stück Schinken obendrein verzehrt haben; und da er sich jetzt weder unwohl noch muthlos fühlte, so beschloß er aufzustehen und seinen Feind aufzusuchen.

Aber zuvörderst schickte er nach dem Sergeanten, seiner ersten Bekanntschaft unter diesen Herren vom Militär. Unglücklicherweise hatte dieser brave Officier so viel getrunken, daß er im buchstäblichen Sinne des Worts voll war, und sich seit einiger Zeit auf sein Lager zurückgezogen, wo er so laut schnarchte, daß es keine leichte Sache war, vor seinen Ohren ein Geräusch zu machen, wodurch das aus seinen Nasenlöchern hervordringende übertäubt worden wäre.

Da indessen Jones darauf bestand, ihn zu sehen, so gelang es endlich einem Kellner, der gut bei Stimme war ihn aus dem Schlafe zu erwecken und mit dem Auftrage, den er hatte, bekannt zu machen. Diesen hatte der Sergeant nicht sobald gefaßt, als er von seinem Lager aufstand, und da er seine Kleider bereits anhatte, sogleich mitging. 226 Jones hielt es nicht für gerathen, den Sergeanten von seinem Plane in Kenntniß zu setzen, obgleich er das ohne Gefahr für seine Sicherheit gekonnt hätte, denn dieser war selbst ein Mann von Ehre und hatte seinen Mann gestanden. Er würde daher dieses Geheimniß, so wie überhaupt jedes andere, für dessen Entdeckung kein Preis ausgesetzt worden, treulich bewahrt haben. Aber da Jones bei ihrer so kurzen Bekanntschaft diese Tugend noch nicht kennen gelernt hatte, so war seine Vorsicht jedenfalls klug und lobenswerth.

Er sagte daher dem Sergeanten, daß er jetzt, wo er in Kriegsdienste getreten sei, sich schämen müsse, des nöthigsten Werkzeugs eines Soldaten, nämlich eines Degens zu entbehren, und fügte hinzu, daß er ihm sehr dankbar sein würde, wenn er ihm einen verschaffen könnte. »Ich will ihn gut bezahlen,« sagte er; »auch kommt mir es nicht auf einen silbernen Griff an; wenn er nur eine gute Klinge hat und sonst für einen Soldaten passend ist.«

Der Sergeant, welcher über das, was sich zugetragen hatte und über Jones' gefahrvolle Lage wohl unterrichtet war, schloß sogleich aus einem solchen Anliegen, zu einer solchen Zeit an ihn gerichtet, daß ein Mann unter diesen Umständen nicht mit voller Ueberlegung handle. Er faßte sich daher schnell und gedachte aus dieser Stimmung des Kranken seinen Vortheil zu ziehen. »Herr,« sagte er, »ich glaube, damit kann ich dienen. Ich habe einen herrlichen Degen. Er hat zwar kein silbernes Gefäß, worauf Sie ja auch gar nicht sehen; aber es ist ganz anständig und die Klinge eine der besten in Europa. Es ist eine Klinge, die – eine Klinge – Kurz, ich will den Degen gleich holen, und da sollen Sie selbst sehen und urtheilen. Ich freue mich von Herzen, Ew. Gnaden so wohl zu sehen.«

227 Er kehrte alsbald mit dem Degen zurück und übergab ihn Jones, der ihn untersuchte und, da er ihn gut fand, nach dem Preise fragte.

Der Sergeant fing nun an sich in dem Lobe seiner Waare zu ergehen. Er sagte (ja er beschwor es hoch und theuer), daß der Degen in der Schlacht bei Dettingen einem hohen französischen Officier abgenommen worden wäre. »Ich selbst,« sagte er, »habe ihn demselben abgenommen, nachdem ich ihn niedergehauen hatte. Das Gefäß war von Gold. Das habe ich an einen von unsern eleganten Herren verkauft; denn da giebt es welche, mit Ew. Gnaden Erlaubniß, die bei einem Degen mehr auf das Gefäß sehen als auf die Klinge.«

Hier unterbrach ihn der andere und ersuchte ihn, den Preis zu bestimmen. Der Sergeant, in der Meinung, daß Jones nichts weniger als bei Besinnung und seinem Ende nahe sei, besorgte, seiner Familie zu nahe zu treten, wenn er zu wenig forderte. Indessen begnügte er sich nach einigem Zögern mit einer Summe von zwanzig Guineen, und schwur, billiger würde er ihn seinem eignen Bruder nicht ablassen.

»Zwanzig Guineen!« sagte Jones, aufs höchste erstaunt; »Sie müssen mich wahrhaftig für verrückt halten, oder glauben, ich habe in meinem Leben noch keinen Degen gesehen. Zwanzig Guineen, wahrhaftig, ich glaubte nicht, daß Sie es wagen würden, mich so zu prellen. Hier, nehmen Sie Ihren Degen. – Doch nein, gut daß es mir einfällt, ich will ihn behalten, um ihn morgen dem Lieutenant zu zeigen und ihm gleichzeitig zu berichten, welchen Preis Sie mir dafür abgefordert haben.«

Der Sergeant wußte sich, wie wir schon oben sahen, jederzeit schnell zu fassen; und da er nun wohl einsah, daß es mit Jones' Geistesverfassung anders stand, als er 228 vermuthet hatte, so stellte er sich jetzt eben so erstaunt wie jener und sagte: »Nun, das ist doch wahrhaftig nicht zu viel gefordert. Uebrigens müssen Sie bedenken, daß es der einzige Degen ist, den ich habe, und daß ich mich, wenn ich ihn weggebe, einer Rüge von Seiten meiner Officiere aussetze. Kurz, wenn Sie die Sache recht überlegen, glaube ich nicht, daß zwanzig Schillinge eben zu viel ist.«

»Zwanzig Schillinge!« rief Jones; »Sie forderten ja so eben zwanzig Guineen.« – »Wie!« rief der Sergeant; »da müssen mich Ew. Gnaden mißverstanden haben; oder ich habe mich versprochen – nun, ich bin freilich noch halb im Schlafe. Zwanzig Guineen, wahrhaftig! da ist es kein Wunder, daß Ew. Gnaden so aufbrausten. Ich sagte also zwanzig Guineen? Nein, nein, ich meine zwanzig Schillinge, ich versichere Sie. Und wenn Ew. Gnaden es sich überlegen, so werden Sie das hoffentlich nicht zu hoch finden. Es ist allerdings wahr, Sie können für weniger Geld eine Waffe kaufen, die eben so gut aussieht; aber –«

Hier unterbrach ihn Jones und sagte: »Lassen Sie uns nicht so viel Worte verlieren, ich will Ihnen einen Schilling über Ihre Forderung geben.« Er gab ihm hierauf eine Guinee, hieß ihn in sein Bett zurückkehren und wünschte ihm einen guten Marsch, indem er hinzusetzte, er hoffe die Division einzuholen, ehe sie Worcester erreicht haben werde.

Der Sergeant empfahl sich sehr höflich; er war vollkommen zufrieden mit seinem Handel und nicht wenig froh über die geschickte Wendung seines Fehlers, zu dem ihn seine Vermuthung, daß der Kranke nicht bei voller Besinnung sei, verleitet hatte.

Sobald der Sergeant fort war, stand Jones vom Bett auf, zog seine Kleider an, selbst seinen Ueberrock, der, weil er von lichter Farbe war, die über denselben 229 herabgeflossenen Blutströme sehr deutlich erkennen ließ und war jetzt, den neuerkauften Degen in der Hand, bereit aufzubrechen, als der Gedanke an sein Vorhaben plötzlich seine Schritte hemmte und zur Vorstellung ward, daß er in wenigen Minuten vielleicht ein menschliches Wesen des Lebens berauben, oder sein eignes verlieren könne. »Wohlan,« sagte er, »was treibt mich, mein Leben zu wagen? Meine Ehre ist's. Und wer ist dieses menschliche Wesen? Ein Schurke, der mich ohne Veranlassung beleidigt und beschimpft hat. Aber ist die Rache nicht von Gott verboten? Ja, aber sie wird von der Welt gefordert. Gut, aber soll ich der Welt gehorchen im Widerspruch mit dem ausdrücklichen Willen Gottes? Soll ich mir eher Gottes Ungnade zuziehen als die Namen – ha – Memme – Schurke? – Ich will nicht mehr darüber nachdenken; es ist beschlossen, ich muß mich mit ihm schlagen.«

Die Glocke hatte so eben zwölf geschlagen und jedermann im Hause lag in seinem Bett und schlief, ausgenommen die Schildwache, welche Northerton bewachte, als Jones, leise die Thür öffnend, heraustrat, um seinen Feind aufzusuchen, dessen Gefängniß er sich von dem Kellner genau hatte bezeichnen lassen. Man kann sich nicht leicht eine schrecklichere Gestalt vorstellen, als die seinige in diesem Augenblicke. Er trug, wie wir erwähnten, einen hellfarbigen Rock, mit Strömen von Blut bedeckt. Sein Gesicht, worin man eben jenes Blut und noch zwanzig Unzen mehr, die ihm der Chirurg abgezapft, vermißte, war leichenblaß. Um seinen Kopf schlang sich ein Verband, der einem Turban nicht unähnlich war. In der rechten Hand hielt er den Degen und in der linken ein Licht. Der blutige Banquo wäre bei einem Vergleiche noch hinter ihm zurückgeblieben. In der That, ich glaube, eine schrecklichere Erscheinung ist nie auf einem Kirchhofe oder in der Einbildung furchtsamer 230 und abergläubischer Landleute in einer grausigen Winternacht gesehen worden.

So wie die Schildwache unsern Helden nur ankommen sah, sträubte sich ihr unter der Grenadiermütze das Haar zu Berge, ihre schlotternden Kniee schwankten. Dann wurde der ganze Mann wie von einem Fieberfrost durchschüttelt; er feuerte seine Flinte ab und fiel platt mit dem Gesicht zu Boden.

Ob Furcht oder Muth ihn zum Abfeuern seines Gewehrs bewog, und ob er dabei den Gegenstand seines Schreckens zum Ziele nahm, kann ich nicht sagen. Wenn er es that, so war er wenigstens so glücklich, sein Ziel zu verfehlen.

Jones errieth, als er den Burschen fallen sah, die Ursache des Schreckens und konnte sich eines Lächelns nicht erwehren, ohne jedoch im mindesten an die Gefahr zu denken, der er so eben entgangen war. Er ging dann an der noch immer am Boden liegenden Schildwache vorüber und trat in das Zimmer, worin, wie ihm gesagt worden war, Northerton gefangen gehalten wurde. Hier fand er auf einem Tische einen leeren Bierkrug, dem man es ansah, daß das Zimmer noch kürzlich bewohnt gewesen war; doch jetzt war es völlig leer.

Jones vermuthete, daß irgend ein anderes Gemach daran stoßen möchte, konnte jedoch trotz allem Suchen keine andere Thür auffinden, als durch die er hereingekommen war und vor welcher die Schildwache gestanden hatte. Er rief nun Northerton mehrmals bei seinem Namen, ohne jedoch eine Antwort zu erhalten; vielmehr diente es dazu, die Schildwache, welche glaubte, der Freiwillige wäre an seinen Wunden gestorben und sein Geist nun gekommen, um den Mörder aufzusuchen, in ihrer Befürchtung zu bestärken. Sie lag jetzt da, der ganzen Gewalt ihres Schreckens hingegeben; und ich wünschte nichts mehr, als daß einige von 231 den Schauspielern, die irgend einmal einen bis zum Wahnsinnigwerden Erschrockenen darzustellen haben, ihn gesehen hätten, um von der Natur zu lernen und sie nachzuahmen, anstatt durch verschiedene antike Stellungen und Gesten zur Unterhaltung der Gallerien sich um deren Beifall zu bewerben.

Als er die Ueberzeugung gewonnen hatte, daß der Vogel ausgeflogen war, oder wenigstens, daß er ihn hier nicht finden werde, und mit Recht fürchtete, daß der Schuß das ganze Haus in Aufruhr bringen möchte, blies unser Held sein Licht aus und schlich leise wieder auf sein Zimmer und in sein Bett, wohin er jedoch schwerlich unentdeckt gelangt sein würde, hätte, außer einem Herrn, den die Gicht an das Bett fesselte, sonst noch jemand in derselben Etage gewohnt; denn ehe er noch die Thür seines Zimmers erreichte, war das Vorhaus, wo die Schildwache ihren Posten hatte, halb mit Leuten erfüllt, die einen im bloßen Hemd, die andern nicht zur Hälfte bekleidet und alle durch einander eifrig fragend, was es gäbe.

Man fand nun den Soldaten an demselben Platze und in derselben Stellung daliegen, wie wir ihn so eben verlassen haben. Mehrere der Anwesenden legten sogleich Hand an, um ihn aufzurichten, während einige ihn für todt hielten, von diesem Irrthume aber alsbald zurückkamen, weil er denen, die ihn anfaßten, nicht allein Widerstand leistete, sondern auch brüllend wie ein wüthendes Thier wieder zu Boden fiel. Wirklich glaubte er von eben so viel Geistern oder Teufeln gepackt zu werden; denn seine von dem Schrecken der Erscheinung befangene Einbildungskraft verwandelte jeden Gegenstand, den er sah oder fühlte, in ein Gespenst.

Endlich ward er durch die Zahl überwältigt und auf die Füße gebracht; und da nun auch Lichter herbeikamen und er zwei oder drei seiner Kameraden vor sich sah, so kam er ein 232 wenig zu sich; aber als man ihn fragte, was es denn eigentlich gäbe, da antwortete er: »Ich bin ein Mann des Todes, das ist Alles; ich bin ein Mann des Todes, ach, das überlebe ich nicht, ich habe ihn gesehen.« – »Was hast Du gesehen, Jack?« fragte einer von den Soldaten. – »Nun, den jungen Freiwilligen, der gestern ermordet wurde.« Er bekräftigte dann mit den gräßlichsten Flüchen, daß er denselben, über und über mit Blut bedeckt, Feuer aus Mund und Nase schnaubend, hätte an ihm vorüber in das Zimmer des Fähndrichs Northerton gehen, diesen an der Gurgel packen und unter Blitz und Donner mit ihm verschwinden sehen.

Dieser Bericht wurde von der Versammlung beifällig aufgenommen. Alle anwesende Frauen glaubten steif und fest daran und beteten zu Gott, sie vor Mord zu bewahren. Auch unter den Männern gab es mehrere, bei denen die Geschichte Glauben fand; aber andere machten sich darüber lustig und zogen sie ins Lächerliche, und ein Sergeant, der sich unter den Anwesenden befand, bemerkte sehr kalt: »Junger Mann, davon wirst Du mehr hören, daß Du auf Deinem Posten schläfst und träumst.«

Der Soldat entgegnete: »Sie können mich bestrafen, wie Sie wollen; aber ich war so wach wie in diesem Augenblicke; und der Teufel soll mich holen, wie er den Fähndrich geholt hat, wenn ich nicht den Ermordeten gesehen habe, wie ich sage, mit Augen so groß und so feurig wie zwei große Fackeln.«

Der Commandant der Truppen und der Commandant des Hauses waren jetzt auch herbeigekommen; denn der erstere, der noch wach gewesen war, als er den Schuß hörte, dachte, obgleich er es für seine Pflicht hielt, sogleich aufzustehen, dennoch nicht, daß die Sache viel zu bedeuten haben werde; dagegen waren die Befürchtungen des letztern, der 233 Wirthin nämlich, um so größer, denn sie dachte, ihre Löffel und Krüge könnten sich auf den Marsch machen, ohne dazu Ordre von ihr erhalten zu haben.

Unsere arme Schildwache, welcher der Anblick dieses Officiers nicht viel erfreulicher war, als der des Gespenstes, das sie vorhin gesehen zu haben vermeinte, erzählte die schreckliche Geschichte, und zwar mit neuen Zuthaten von Blut und Feuer ausgeschmückt, noch einmal; aber sie hatte das Unglück, bei keiner der letztgenannten Personen Glauben zu finden; denn der Officier, ein so religiöser Mann er auch war, war unzugänglich für alle solche Schrecknisse; da er überdies, wie wir gesehen haben, Jones in erwünschtem Befinden verlassen hatte, so glaubte er um so weniger an seinen Tod. Was die Wirthin anlangt, so war diese, obgleich nicht über die Maaßen religiös, der Lehre von Gespenstern keinesweges abhold; allein die Erzählung enthielt einen Umstand, von dem sie wußte, daß er falsch war, wie wir dem Leser sogleich zeigen werden.

Mochte nun aber Northerton unter Blitz und Donner oder auf welche andere Weise entführt worden sein, so viel war gewiß, daß seine Person nicht mehr in Haft war. Daraus zog der Lieutenant einen Schluß, der von dem oben erwähnten des Sergeanten nicht sehr verschieden war, und ließ sogleich die Schildwache arretiren. So daß durch eine seltsame Wendung des Geschicks (die übrigens im Soldatenleben nichts so Ungewöhnliches ist) der Wächter der Bewachte wurde.

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