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Die Geschichte des Tom Jones / Theil II

Henry Fielding: Die Geschichte des Tom Jones / Theil II - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Geschichte des Tom Jones / Theil I
authorHenry Fielding
year1848
firstpub1749
translatorDr. A. Diezmann
publisherGeorg Westermann
addressBraunschweig
titleDie Geschichte des Tom Jones / Theil II
pages239
created20080529
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Viertes Kapitel.

Ein kurzes Kapitel mit einem unbedeutenden Vorfalle.

Unter andern, die den jungen Mann noch besuchten, befand sich auch Mamsell Honour. Aus manchen ihrer früheren Aeußerungen könnte der Leser vielleicht, wenn er darüber nachdenkt, auf den Schluß gerathen, als ob sie selbst eine auffallende Neigung zu Herrn Jones hegte; allein in der That, dem war nicht so. Tom war ein hübscher junger Mann und diese standen bei der Honour in einigem Ansehen, aber ohne allen sonstigen Unterschied; denn nach ihrer unglücklichen Liebschaft mit eines Edelmanns Bedienten, der sie, nachdem er ihr die Ehe versprochen, treuloser Weise verließ, hatte sie die Trümmer ihres Herzens so sorgsam bewahrt, daß es keinem Manne seitdem gelungen war, auch nur ein Bruchstück davon zu erobern. Sie betrachtete alle hübsche Männer mit der Achtung und dem Wohlwollen, das eine verständige und tugendhafte Person gegen alles Gute hegt. Man konnte in der That von ihr sagen, daß sie die Männer liebte, so wie Sokrates die Menschen, indem sie den einen dem andern seiner körperlichen, wie er der geistigen Schönheit wegen vorzog, diesem Vorzuge aber keinen so großen Einfluß auf sich einräumte, daß dadurch die philosophische Heiterkeit ihres Gemüths eine Störung erlitten hätte.

Den folgenden Tag, nachdem Jones jenen innern Kampf mit sich bestanden, wovon wir im vorigen Kapitel berichtet haben, kam Mamsell Honour zu ihm auf sein Zimmer und redete ihn, da sie ihn allein fand, folgendermaßen an: 18 »Sieh da, Herr, wo glauben Sie wohl, daß ich gewesen bin? ich stehe dafür, daß Sie es in funfzig Jahren nicht errathen; aber wenn Sie es auch erriethen, so dürfte ich es Ihnen doch nicht sagen.« – »Ja, und wenn es etwas wäre, was Sie mir nicht sagen dürfen,« erwiederte Jones, »so wird mich doch die Neugierde nicht ruhen lassen, danach zu forschen, und ich weiß, Sie werden nicht so grausam sein, mir es zu verschweigen.« – »Ich weiß nicht,« rief sie aus, »warum ich es Ihnen auch verschweigen sollte, denn Sie werden es sicher nicht weiter sagen. Und zudem, wenn Sie wüßten, wo ich gewesen bin, und nicht, was ich dort gewollt habe, so wäre das doch noch nicht viel. Nein, ich sehe nicht ein, warum es ein Geheimniß bleiben sollte; denn sie ist doch sicher das beste Fräulein von der Welt.« Hierauf wurde Jones allmälig ernstlich in das Geheimniß eingeweiht und versprach aufrichtig, es nicht weiter zu verbreiten. Sie fuhr dann also fort: – »Nun, so wissen Sie denn, Herr, mein junges Fräulein schickte mich zu Molly Seagrim, um zu sehen, wie es dieser Dirne ginge, und ob sie etwas bedürfte: es lag mir wahrhaftig nicht viel daran, aber Dienstleute müssen thun, was ihnen befohlen wird. – Wie konnten Sie sich so herabwürdigen, Herr Jones? – Also mein Fräulein hieß mich gehen und ihr etwas Leinen und einiges Andere hinbringen. – Sie ist zu gut. Wenn solche naseweise Schlumpen nach Bridewell geschickt würden, so wären sie besser aufgehoben. Ich sagte zu meinem Fräulein, sag' ich, gnädiges Fräulein, Sie unterstützen die Faulheit.« – »Wirklich, war meine Sophie so gut?« sagte Jones. – »Meine Sophie, gewiß und wahrhaftig!« entgegnete Honour. »Und wenn Sie erst Alles wüßten, – in der That, wenn ich wie Herr Jones wäre, ich würde meine Augen ein wenig höher richten als auf ein so nichtsnütziges Ding wie Molly 19 Seagrim.« – »Was meinen Sie,« erwiederte Jones, »mit jenen Worten, wenn ich Alles wüßte?« – »Ich meine was ich meine,« sagte Honour. »Erinnern Sie sich nicht, daß Sie einmal Ihre Hände in meines Fräuleins Muff steckten? ich glaube, ich könnte mir ein Herz fassen und es sagen, wenn ich nur gewiß wäre, daß mein Fräulein nichts wieder erführe.« – Jones gab ihr die feierlichsten Versicherungen und Honour fuhr fort: – »Also, sicherlich, mein Fräulein schenkte mir diesen Muff, und späterhin, als sie hörte, was Sie gethan hätten« – »Sie sagten ihr also, was ich gethan hatte?« unterbrach sie Jones. – »Wenn ich es that, Herr,« antwortete sie, »so brauchen Sie nicht böse auf mich zu sein. Viele würden, wer weiß was darum gegeben haben, hätte mein Fräulein das gesagt, und sie es erfahren – denn sicherlich, der aufgeblasenste Lord im Lande könnte stolz darauf sein – aber ich versichere, ich habe große Lust, es Ihnen nicht zu sagen.« – Jones legte sich aufs Bitten und bewog sie, fortzuerzählen. »Sie müssen also wissen, Herr, daß mein Fräulein mir diesen Muff gegeben hatte; aber einen oder zwei Tage darauf, nachdem ich ihr die Geschichte erzählt hatte, gefiel ihr das und jenes nicht an ihrem neuen Muffe, und wahrhaftig, es war der niedlichste Muff, den man jemals gesehen hatte. Honour, sagte sie, das ist ein unausstehlicher Muff: er ist mir zu groß; ich kann ihn nicht tragen: so lange bis ich einen andern habe, mußt Du mir meinen alten wieder geben und magst diesen dafür nehmen – denn sie ist ein gutes Fräulein und haßt es, etwas zu geben und zurückzunehmen, das muß ich Ihnen sagen. So gab ich ihr ihn denn zurück und ich glaube, sie hat ihn seitdem beinahe nicht von ihrem Arme gebracht; und ich wollte wetten, daß sie ihn oft geküßt hat, wenn sie von Niemandem gesehen wurde.«

20 Hier ward das Gespräch durch Herrn Western unterbrochen, welcher Jones nach dem Clavier abrief, wohin sich der arme junge Mann ganz bleich und zitternd begab. Western gewahrte es, schrieb es aber, als er Mamsell Honour erblickte, einer falschen Ursache zu; er gab daher Jones, halb im Scherz, halb im Ernst, einen derben Verweis und hieß ihn auswärts jagen und das Wild in seinem Gehäge verschonen.

Sophie war diesen Abend schöner als gewöhnlich; und wir dürfen annehmen, daß ihre Reize in Jones' Augen durch den Umstand nicht wenig erhöhet worden seien, daß sie an ihrem rechten Arme zufällig gerade jenen Muff trug.

Sie spielte eine von ihres Vaters Lieblingsmelodien und er lehnte hinter ihrem Stuhle, als der Muff über ihre Finger vorfiel und sie aus dem Concepte brachte. Dies störte den Squire dermaßen, daß er den Muff ergriff und ihn unter einem kräftigen Fluche ins Feuer warf. Sophie sprang augenblicklich auf und holte ihn mit der größten Begierde wieder aus den Flammen heraus.

Wenn gleich dieser Vorfall vielen unserer Leser von geringer Bedeutung erscheinen wird, so machte er doch, so geringfügig er war, einen so lebhaften Eindruck auf den armen Jones, daß wir es für unsere Schuldigkeit hielten, ihn mitzutheilen. Es werden fürwahr nur zu oft von kurzsichtigen Geschichtschreibern kleine Umstände übergangen, aus denen Ereignisse von der größten Wichtigkeit hervorgehen. Die Welt läßt sich wirklich mit einer großen Maschine vergleichen, worin die großen Räder ursprünglich durch sehr kleine, dem schärfsten Auge kaum sichtbare, in Bewegung gesetzt werden.

So würden all die Reize der unvergleichlichen Sophie, all der blendende Glanz und das zarte Schmachten ihrer Augen, die Harmonie ihrer Stimme und ihrer Gestalt, all 21 ihr Witz, ihr Humor, ihre Seelenstärke oder Sanftmuth nicht im Stande gewesen sein, das Herz des armen Jones so vollständig zu besiegen und in Fesseln zu schlagen, als dieser kleine Vorfall mit dem Muffe. Jones' Herz war jetzt durch Ueberrumpelung genommen. Alle jene Rücksichten der Ehre und Klugheit, welche unser Held noch vor Kurzem mit so militairischer Umsicht als Wächter vor den Zugängen seines Herzens aufstellte, liefen von ihren Posten und der Gott der Liebe hielt in Triumph seinen Einzug.

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