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Die Geschichte des Tom Jones / Theil II

Henry Fielding: Die Geschichte des Tom Jones / Theil II - Kapitel 37
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Geschichte des Tom Jones / Theil I
authorHenry Fielding
year1848
firstpub1749
translatorDr. A. Diezmann
publisherGeorg Westermann
addressBraunschweig
titleDie Geschichte des Tom Jones / Theil II
pages239
created20080529
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Elftes Kapitel.

Das Abenteuer mit einem Trupp Soldaten.

Der Wirth hatte seinen Sitz der Thür der Gaststube gerade gegenüber gewählt und sich vorgenommen, die ganze Nacht hier Wache zu halten. Der Führer und noch ein anderer Kumpan leisteten ihm lange Gesellschaft ohne seinen Verdacht zu kennen oder irgend selbst einen zu haben. Die eigentliche Ursache ihres Wachens machte in der That demselben auch ein Ende; denn dies war keine andere, als die Stärke und Güte des Bieres, von dem sie, weil sie eine sehr große Quantität gezecht hatten, erst sehr laut und lustig, dann aber so müde wurden, daß sie beide einschliefen.

202 Aber der Gerstensaft hatte nicht die Kraft, Robin's Furcht einzuschläfern. Er wachte noch immer auf seinem Stuhle, die Augen unverwandt auf die Thür geheftet, die nach Jones' Zimmer führte, als ein starkes Pochen an die äußere Thür ihn von seinem Sitze hinwegrief und dieselbe zu öffnen veranlaßte; kaum hatte er dies gethan, so war auch sogleich seine Küche mit Herren in rothen Röcken gefüllt, die mit einem solchen Lärm über ihn herfielen, als ob sie sein kleines Castell mit Sturm hätten einnehmen wollen.

Der Wirth war jetzt gezwungen, seinen Posten zu verlassen, um seine zahlreichen Gäste mit Bier zu versorgen, wonach sie sehr stürmisch verlangten; und bei seiner zweiten oder dritten Rückkehr aus dem Keller, sah er Herrn Jones mitten unter den Soldaten vor dem Feuer stehen; denn es läßt sich leicht denken, daß die Ankunft von so viel guter Gesellschaft jedem Schlafe, den ausgenommen, aus dem wir durch die letzte Posaune erweckt werden sollen, ein Ende macht.

Nachdem die Gesellschaft ihren Durst recht leidlich gestillt hatte, blieb nichts übrig als die Zeche zu bezahlen, ein Umstand, der unter Leuten niedern Standes, welchen das Abschätzen der nach Verhältniß des Getrunkenen auf jeden kommenden Summe immer Schwierigkeit verursacht, oft viel Unheil und Unzufriedenheit hervorgebracht hat. Diese Schwierigkeit zeigte sich auch gegenwärtig; und sie war um so größer, als mehrere der Herren in übertriebener Eil nach dem ersten Schluck weiter marschirt waren und ihren Antheil zur besagten Zeche beizusteuern gänzlich vergessen hatten.

Es entstand nun ein heftiger Streit, in welchem beinahe jedes Wort durch einen Eid bekräftigt wurde; denn jedes zweite Wort, das man hörte, war ein Schwur. Dabei sprach die ganze Compagnie zu gleicher Zeit und ein jeder 203 schien ernstlich darauf bedacht zu sein, die Summe, welche auf seinen Antheil kam, zu schmälern; so daß sich mit der größten Wahrscheinlichkeit voraussetzen ließ, es werde ein großer Theil der zu bezahlenden Rechnung auf den Wirth fallen, oder (was das nämliche ist) unbezahlt bleiben.

Während dieser ganzen Zeit war Jones in einem Gespräch mit dem Sergeanten begriffen; denn dieser Officier war bei dem gegenwärtigen Streite ganz unbetheiligt, weil ihn ein seit undenklichen Zeiten bestehendes herkömmliches Privilegium von aller Contribution befreite.

Der Streit wurde jetzt so hitzig, daß es damit zu einer militärischen Entscheidung kommen zu wollen schien, als Jones vortrat und ihr Schreien mit einem Male durch die Erklärung beschwichtigte, daß er die ganze Zeche, die in der That nicht mehr als drei Schilling und vier Pence betrug, bezahlen werde.

Diese Erklärung erwarb Jones den Dank und Beifall der ganzen Truppe. Die Ausdrücke ein honetter, nobler und braver Herr erschollen von einem Ende des Zimmers bis zum andern; ja, selbst der Wirth fing an eine bessere Meinung von ihm zu bekommen und der Aussage des Führers beinahe zu mißtrauen.

Der Sergeant hatte Herrn Jones erzählt, daß sie gegen die Rebellen marschirten und von dem berühmten Herzog von Cumberland commandirt werden würden, woraus der Leser ersehen mag (was wir bis jetzt anzugeben nicht für nothwendig hielten), daß es gerade zu der Zeit war, wo die Rebellion ihren höchsten Grad erreicht hatte; und wirklich waren die Räuber jetzt in England eingedrungen und beabsichtigten, wie man meinte, die königlichen Truppen anzugreifen und nach der Hauptstadt vorzudringen.

Jones hatte den Muth eines Helden in seiner Brust und war der ruhmvollen Sache der Freiheit und der 204 protestantischen Religion von Herzen zugethan. Kein Wunder also, daß er unter Umständen, die ein noch so abenteuerliches und kühnes Unternehmen hätten voraussetzen lassen, auf den Gedanken gekommen sein würde, die Expedition als Freiwilliger zu begleiten.

Unser commandirender Officier hatte vom ersten Augenblicke seiner Bekanntschaft mit ihm alles mögliche angewendet, um diese günstige Stimmung zu erhöhen und zu benutzen. Er erklärte jetzt laut die edle Absicht unseres Helden, die von der ganzen Truppe mit großer Freude und unter dem Ausrufe: »Gott segne König Georg und Euer Gnaden, für Euch beide unsern letzten Blutstropfen,« aufgenommen wurde.

Der Bursche, welcher die ganze Nacht gezecht hatte, wurde durch einige Gründe, die ihm ein Corporal begreiflich machte, ebenfalls vermocht, die Expedition mit zu machen. Und jetzt, nachdem Jones' Mantelsack auf den Packwagen geladen war, schickten sich die Truppen zum Aufbruch an, als der Führer auf Jones zutrat und sagte: »Herr, ich hoffe Sie werden nicht vergessen, daß die Pferde die ganze Nacht außer dem Stalle gewesen, und daß wir ein großes Stück Weges umgeritten sind.« Jones war erstaunt über diese unverschämte Forderung und machte die Soldaten mit dem eigentlichen Verhalten der Sache bekannt, worauf diese einstimmig den Führer verurtheilten und erklärten, er wolle einen Gentleman betrügen. Einige sagten, er müsse mit Kopf und Fersen zusammengebunden werden; andere, er verdiene Spießruthen zu laufen; und der Sergeant schwang seinen Stock, indem er sagte, er wünschte nur, daß er ihn unter seinem Commando hätte, er wollte, und das beschwor er hoch und theuer, ein Muster von einem Soldaten aus ihm ziehen.

205 Jones begnügte sich jedoch mit einer negativen Strafe und brach mit seinen neuen Kameraden auf, den Führer seiner ohnmächtigen Rache überlassend, ihn zu schelten und zu schmähen, worin der Wirth mit ihm einstimmte, indem er sagte: »Ja, ja, das ist ein sauberes Herrchen, das versichere ich Dich. Ein hübscher Gentleman, wahrhaftig, der mit den Soldaten fortgeht. Eine bordirte Weste zu tragen, nun wahrlich. Es ist ein altes und ein wahres Sprichwort: Nicht alles ist Gold, was glänzt. Ich bin froh, daß ich ihn aus dem Hause los bin.«

Diesen ganzen Tag marschirten der Sergeant und der junge Soldat zusammen; und der erstere, ein durchtriebener Bursch, erzählte dem andern viele unterhaltende Geschichtchen aus seinen Feldzügen, ob er gleich in der That noch keinen mitgemacht hatte; denn er war erst kürzlich in den Dienst eingetreten und hatte sich durch seine Gewandtheit bei seinen Officieren so beliebt gemacht, daß er zum Sergeanten erhoben wurde; und zwar wegen seiner Verdienste im Recrutiren, worin er eine vorzügliche Geschicklichkeit besaß.

Es herrschte viel Leben und Fröhlichkeit unter den Soldaten auf ihrem Marsche. Sie erzählten sich die mancherlei Abenteuer, die sie in ihren letzten Quartieren erlebt hatten und ein jeder machte nach Gefallen seine Scherze über die Officiere; und manche dieser Scherze waren so grober Natur, daß sie sehr nahe an Scandal streiften. Dies erinnerte unsern Helden an den unter Griechen und Römern herrschenden Gebrauch, bei gewissen Festen und feierlichen Gelegenheiten den Sklaven zu gestatten, daß sie sich ungebunden über ihre Herren aussprechen durften.

Unsere kleine Armee, die aus zwei Compagnien Infanterie bestand, war jetzt an dem Orte angelangt, wo das Nachtquartier aufgeschlagen werden sollte. Der Sergeant meldete seinem Lieutenant, der das Commando hatte, daß 206 sie an diesem Tage auf dem Marsche zwei Bursche angeworben hätten, von denen der eine ein so schöner Mann sei, wie man nur irgend einen sehen könne (er meinte den Zecher), denn er halte nahe an sechs Fuß, sei wohlproportionirt und stark von Gliedern, der andere (womit er Jones meinte) für das hintere Glied recht gut passe.

Die neuen Soldaten wurden nun dem Officier vorgestellt, der, nachdem er den Mann von sechs Fuß zuerst gemustert hatte, weil dieser erst vortrat, nun auch an Jones kam, bei dessen Anblick der Lieutenant einige Verwunderung nicht unterdrücken konnte; denn ausgenommen, daß er sehr gut gekleidet und von elegantem Äußern war, hatte er etwas auffallend Edles in seiner Miene, was man bei gemeinen Leuten selten findet und mit den Gesichtszügen Höherer nicht einmal unzertrennlich verbunden ist.

»Herr,« sagte der Lieutenant, »mein Sergeant meldet mir, daß Sie sich in die Compagnie, die ich gegenwärtig commandire, anwerben lassen wollen; wenn dem so ist, so werden wir mit Vergnügen einen Mann aufnehmen, der der Companie Ehre zu machen verspricht.«

Jones erwiederte, daß er vom Anwerben nichts erwähnt habe; daß er sich eifrig für die Sache interessire, für die sie zu fechten im Begriff stünden, und daß er als Freiwilliger zu dienen wünsche; schloß mit einigen Complimenten, die er dem Lieutenant machte und versicherte, daß es ihn sehr freuen solle, unter seinen Befehlen zu stehen.

Der Lieutenant erwiederte seine Höflichkeit, lobte seinen Entschluß, schüttelte ihm dann die Hand und lud ihn ein, mit ihm und den übrigen Officieren zusammen zu speisen.

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