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Die Geschichte des Tom Jones / Theil II

Henry Fielding: Die Geschichte des Tom Jones / Theil II - Kapitel 36
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Geschichte des Tom Jones / Theil I
authorHenry Fielding
year1848
firstpub1749
translatorDr. A. Diezmann
publisherGeorg Westermann
addressBraunschweig
titleDie Geschichte des Tom Jones / Theil II
pages239
created20080529
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zehntes Kapitel.

Handelt über verschiedene, ziemlich natürliche aber gemeine Dinge.

Der Leser wird so gefällig sein, sich zu erinnern, daß wir Herrn Jones zu Anfange dieses Buchs auf dem Wege nach Bristol verließen, wohin er sich begab, um zur See sein Glück zu suchen, oder in der That vielmehr, von seinem Glücke hinweg der Küste zu zu fliehen.

Der Zufall wollte (was gar nicht ungewöhnlich ist), daß der Führer, der es übernommen hatte, ihm den Weg zu zeigen, diesen unglücklicherweise nicht kannte, so daß er, nachdem er die Richtung verloren hatte und sich gleichwohl schämte, jemanden zu fragen, rück- und vorwärts wanderte, bis die Nacht herankam und es dunkel zu werden anfing. Jones, der die Sache ahnete, äußerte dem Führer seine Bedenken; allein dieser behauptete, sie wären auf dem richtigen Wege und fügte hinzu, es würde sehr sonderbar sein, wenn er den Weg nach Bristol nicht kennen wollte; ob es gleich wirklich viel sonderbarer gewesen sein würde, wenn er ihn gekannt hätte, da er ihn in seinem Leben nicht passirt war.

Jones hatte kein so unbedingtes Vertrauen zu seinem Führer, daß er nicht, bei ihrer Ankunft vor einem Dorfe, den ersten Burschen, den er sah, hätte fragen sollen, ob 195 sie auf dem rechten Wege nach Bristol wären. »Woher kommen Sie denn?« rief der Bursche. »Darauf kommt nichts an,« sagte Jones ein wenig ungeduldig; »ich wollte wissen, ob dies der rechte Weg nach Bristol wäre.« – »Der Weg nach Bristol!« rief der Bursche, sich auf dem Kopfe kratzend: »Nun, Herr, ich glaube kaum, daß Sie Bristol heute Abend auf diesem Wege erreichen.« – »Drum bitte ich, Freund,« antwortete Jones, »uns zu sagen, welches der Weg ist.« – »Nun Herr,« rief der Bursche, »Sie müssen, Gott weiß wie, von Ihrem Wege abgekommen sein; denn dieser Weg führt nach Gloucester.« – »Gut, und welcher nach Bristol?« sagte Jones. »Nun, Sie entfernen sich ja immer mehr von Bristol,« antwortete der Bursche. – »Gut, und wenn wir wieder zurück auf die Anhöhe gekommen sind, welchen Weg müssen wir dann einschlagen?« – »Nun, dann gehen Sie den geraden Weg.« – »Aber ich erinnere mich, daß dort zwei Wege sind, von denen einer rechts, der andere links geht.« – »Nun, Sie müssen rechts gehen, und dann immer gerade fort; merken Sie sich nur, daß Sie zuerst rechts gehen, und dann wieder links, da kommen Sie, wenn Sie sich rechts halten, an den Edelhof; und nachher müssen Sie gerade aus und sich links wenden.«

Es kam jetzt ein anderer Bursche heran und fragte, wohin die Herren wollten; als ihm Jones das gesagt hatte, kratzte er sich zuvörderst auf dem Kopfe, stützte sich dann auf einen Pfahl, den er in der Hand hatte und belehrte ihn: »Er müsse ungefähr eine halbe bis drei Viertelstunden, oder so darum, auf dem Wege rechts fortgehen, sich dann eine kurze Strecke links halten, worauf er bei Herrn Bearnes anlangen würde.« – »Aber wer ist das, Herr Bearnes?« fragte Jones. »Mein Gott!« rief der Bursche, »kennen Sie Herrn Bearnes nicht einmal? Wo kommen Sie denn her?«

196 Diese beiden Bursche hatten Jones' Geduld beinahe erschöpft, als ein schlichter wohlgekleideter Mann (er war nämlich ein Quäker) ihn folgendermaßen anredete: »Freund, ich höre, Du bist von Deinem Wege abgekommen; und wenn Du meinem Rathe folgen willst, so gieb Dir keine Mühe, ihn heute noch wieder zu finden. Es ist beinahe finster und der Weg schwer zu finden; überdies sind kürzlich zwischen hier und Bristol verschiedene Räubereien vorgekommen. Hier ist ganz in der Nähe ein gutes Wirthshaus, wo Du bis morgen früh ein bequemes Unterkommen finden kannst.« Jones willigte nach einigem Zureden ein, bis zum andern Morgen hier zu bleiben und wurde von seinem Freunde in das Wirthshaus geleitet.

Der Wirth, ein sehr höflicher Mann, sagte zu Jones, »er hoffe, daß er ihn seiner schlechten Bewirthung wegen entschuldigen werde, weil seine Frau außer dem Hause wäre und fast alles verschlossen und die Schlüssel mit sich genommen hätte.« Der eigentliche Umstand war nämlich der, daß sich eine Lieblingstochter von ihr gerade verheirathet hatte und diesen Morgen von ihrem Gatten heimgeführt worden war. Diese und ihre Mutter hatten dem armen Manne fast alle seine Habe und all sein Geld mitgenommen; denn ob er gleich mehrere Kinder hatte, so war doch alle Sorge der Mutter nur auf diese Tochter, ihren Liebling, gerichtet, und den Launen dieses einen Kindes würde sie mit Vergnügen alle übrigen und ihren Ehegemahl obendrein geopfert haben.

Obgleich Jones für keinerlei Gesellschaft Sinn hatte und lieber allein gewesen wäre, so konnte er doch den Zudringlichkeiten des ehrlichen Quäkers nicht widerstehen, der seine Gesellschaft um so mehr suchte, weil er die Traurigkeit auf seinem Gesicht und in seinem ganzen Wesen wohl bemerkt 197 hatte und dieselbe durch seine Unterhaltung einigermaßen zu zerstreuen hoffte.

Nachdem sie eine Zeitlang beisammen gesessen hatten, ohne ein Wort zu wechseln, so daß sich der ehrliche Quäker in eine seiner schweigsamen Versammlungen mochte versetzt glauben, begann er, von irgend einem Geiste, vermuthlich dem der Neugierde, getrieben, so zu sprechen: »Freund, ich sehe Dir an, daß Dich irgend ein Unglück betroffen hat, aber ich bitte, tröste Dich. Vielleicht hast Du einen Freund verloren. Ist das der Fall, so mußt Du bedenken, daß wir alle sterblich sind; und warum wolltest Du Dich auch grämen, da Du weißt, Dein Gram wird Deinem Freunde nichts nützen? Wir sind alle zu Leiden geboren. Ich selbst habe meine Sorgen, sowohl wie Du, und höchst wahrscheinlich größere Sorgen. Ob ich gleich ein reines Einkommen von jährlich 100 £ habe, was mehr ist als ich brauche, und dabei, Gott sei Dank, ein vorwurfsfreies Gewissen; ob ich gleich gesund und stark bin, niemandem etwas schulde und von niemandem eines Unrechts angeklagt werden kann, so sollte es mich doch wundern, Freund, wenn Du unglücklicher wärest als ich.«

Hier schloß der Quäker mit einem tiefen Seufzer und Jones erwiederte ihm darauf: »Ich bedaure zu hören, daß Sie unglücklich sind, was auch immer die Ursache dazu sein möge.« – »Ach! Freund,« versetzte der Quäker, »eine einzige Tochter ist die Ursache. Eine Tochter, die meine größte Freude auf Erden war, und die in dieser Woche von mir fortgelaufen ist, um sich gegen meinen Willen zu verheirathen. Ich hatte ihr eine passende Partie, einen braven und dazu einen wohlhabenden Mann ausgesucht. Aber sie, wahrhaftig, sie wollte selbst wählen und da ist sie mit einem jungen Menschen fortgegangen, der keinen Groschen im Vermögen hat. Wäre sie gestorben, was, wie ich vermuthe, 198 mit Deinem Freunde geschehen ist, ich würde glücklich gewesen sein.« – »Das ist sehr sonderbar, Herr,« sagte Jones. – »Wie so, wäre es nicht besser für sie, todt zu sein, als eine Bettlerin?« entgegnete der Quäker; »denn wie ich Ihnen sagte, der Mensch hat keinen Groschen, und sie kann doch wahrhaftig nicht erwarten, daß ich ihr je einen Schilling geben werde. Nein, hat sie nach Liebe geheirathet, mag sie von der Liebe leben, wenn sie kann; sie mag ihre Liebe nur zu Markte bringen und sehen ob sie ihr jemand in Silber oder auch nur in Kupfer umsetzt.« – »Sie kennen Ihr eignes Interesse am besten,« sagte Jones. – »Es muß ein lange vorbereiteter Plan gewesen sein,« fuhr der Quäker fort, »mich zu betrügen; denn sie haben einander von Kindheit auf gekannt; und ich habe ihr immer gegen die Liebe vor gepredigt und ihr tausendmal gesagt, daß es nichts als Thorheit und Leichtfertigkeit sei. Ja, das schlaue Geschöpf gab auch vor, mir Gehör zu geben und alle Fleischeslust zu verabscheuen; und dennoch sprang sie endlich zwei Stockwerk hoch aus dem Fenster: denn ich fing wirklich an ein wenig argwöhnisch gegen sie zu werden und hatte sie sorgfältig eingeschlossen, in der Absicht, sie den nächstfolgenden Morgen nach meinem Wunsche zu verheirathen. Aber sie vereitelte meinen Plan und entfloh zu dem Manne ihrer eignen Wahl, welcher keine Zeit verlor, sondern innerhalb einer Stunde mit ihr getraut, zusammengebettet und alles war.

»Aber das soll ihnen beiden schlechten Lohn bringen; denn meinetwegen mögen sie zusammen verhungern, oder betteln oder stehlen. Von mir sollen sie keinen Heller bekommen.« Hier fuhr Jones in die Höhe und rief aus: »Ich muß wirklich um Entschuldigung bitten; ich wünschte, daß Sie mich allein ließen.« – »Was da, Freund,« sagte der Quäker, »laß Dich nicht vom Kummer überwältigen. 199 Du siehst, es giebt außer Dir auch noch unglückliche Leute.« – »Ich sehe, es giebt Verrückte und Narren und Schurken in der Welt,« rief Jones. »Aber nehmen Sie einen Rath von mir an – lassen Sie Ihre Tochter und Ihren Schwiegersohn nach Hause kommen, und sein Sie nicht selbst die einzige Ursache des Unglücks derjenigen, die Sie zu lieben vorgeben.« – »Sie und ihren Mann nach Hause kommen lassen!« rief der Quäker mit lauter Stimme; »eher wollte ich meine ärgsten Feinde in der Welt zu mir kommen lassen!« – »Wohlan, so gehen Sie selbst nach Hause, oder wohin es Ihnen beliebt,« sagte Jones, »denn ich mag nicht länger in solcher Gesellschaft sein.« – »Nein Freund,« entgegnete der Quäker, »ich will meine Gesellschaft niemandem aufdringen.« Er wollte nun Geld aus der Tasche ziehen, aber Jones schob ihn mit einiger Heftigkeit aus der Thür.

Der Inhalt der Erzählung des Quäkers hatte Jones so tief erschüttert, daß er während der ganzen Zeit des Gesprächs mit verstörtem Blicke vor sich hinstarrte. Der Quäker hatte das bemerkt, und dieser Umstand, verbunden mit seinem ganzen übrigen Wesen, brachte unsern Freund Breitkrämpe auf den Gedanken, daß es mit dem Verstande seines Gefährten wirklich nicht ganz richtig sei. Daher ward der Quäker, anstatt sich durch die ihm zu Theil gewordene Begegnung beleidigt zu fühlen, von Mitleid für sein trauriges Schicksal ergriffen. Er theilte dem Wirthe seine Vermuthung mit und rieth ihm, ja auf seinen Gast Acht zu haben und ihn mit der größten Höflichkeit zu behandeln.

»Nun wahrhaftig,« sagte der Wirth, »ich werde so große Umstände nicht mit ihm machen; denn trotz seiner bordirten Weste scheint er mir nichts Vornehmeres zu sein als ich auch bin, etwa ein armer Bastard von einem großen Squire, ungefähr sieben Meilen von hier, aufgezogen, und 200 jetzt fortgejagt (gewiß, etwas Besseres nicht). Ich werd machen, daß ich ihn sobald als möglich aus meinem Hause los werde. Büße ich meine Rechnung ein, nun, so ist der erste Verlust immer der beste. Es ist noch nicht über ein Jahr her, daß mir ein silberner Löffel wegkam.«

»Was sprichst Du da von einem armen Bastard, Robin?« antwortete der Quäker. »Gewiß mußt Du Dich in Deinem Manne geirrt haben.«

»Durchaus nicht,« versetzte Robin; »der Führer, der ihn sehr gut kennt, sagte es mir.« In der That hatte der Führer nicht sobald in der Küche seinen Platz am Feuer eingenommen, als er die ganze Gesellschaft mit allem, was er von Jones wußte oder je gehört hatte, bekannt machte.

Der Quäker war kaum über Jones's Herkunft und Schicksal im Reinen, als alle Theilnahme für ihn erlosch; und der ehrliche schlichte Mann kehrte nach Hause zurück, nicht geringeren Ingrimm im Herzen tragend, als ein Herzog empfunden haben würde, wenn ihm von einem solchen Menschen eine Beleidigung widerfahren wäre.

Der Wirth selbst hegte einen gleich großen Abscheu vor seinem Gaste; so daß man Jones, als er die Glocke zog und zu Bett zu gehen wünschte, sagte, er könne hier kein Bett bekommen. Außerdem, daß Robin seinen Gast um seiner bedrängten Lage willen verachtete, hatte er ihn noch in einem starken Verdacht in Hinsicht auf seine Absichten, die, seiner Meinung nach in nichts anderm bestanden, als eine günstige Gelegenheit abzupassen, um das Haus zu bestehlen. Auf diese Befürchtung konnte er freilich sehr leicht durch die klugen Vorsichtsmaßregeln seiner Frau und Tochter gebracht worden sein, die bereits alles in Sicherheit gebracht hatten, was nicht niet- und nagelfest war; aber er war auch von Natur argwöhnisch und war es seit dem 201 Verluste seines Löffels nur noch mehr geworden. Kurz, die Furcht bestohlen zu werden, hatte ihn den tröstlichen Gedanken ganz vergessen lassen, daß er eigentlich nichts zu verlieren hatte.

Als Jones die Gewißheit vor sich sah, kein Bett bekommen zu können, setzte er sich gelassen auf einen großen aus Binsen geflochtenen Stuhl; und bald kam der Schlaf, der noch vor Kurzem in weit besseren Zimmern seine Gesellschaft geflohen hatte, ihm in dieser niedern Zelle großmüthig einen Besuch abzustatten.

Den Wirth aber ließ die Furcht nicht zur Ruhe kommen. Er kehrte daher in die Küche zum Feuer zurück, von wo aus er die einzige Thür zur Gaststube, oder vielmehr zu der Höhle, in welcher Jones saß, übersehen konnte; und was das Fenster der Stube anlangte, so wäre es für jede Kreatur, größer als eine Katze, eine Unmöglichkeit gewesen, durch dasselbe zu entkommen.

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