Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Henry Fielding >

Die Geschichte des Tom Jones / Theil II

Henry Fielding: Die Geschichte des Tom Jones / Theil II - Kapitel 35
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Geschichte des Tom Jones / Theil I
authorHenry Fielding
year1848
firstpub1749
translatorDr. A. Diezmann
publisherGeorg Westermann
addressBraunschweig
titleDie Geschichte des Tom Jones / Theil II
pages239
created20080529
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Neuntes Kapitel.

Das weise Verfahren Herrn Western's in seiner Function als Gerichtsherr. Ein Wink für Friedensrichter, im Betreff der nothwendigen Eigenschaften eines Canzlisten; nebst ungewöhnlichen Zügen väterlichen Eigensinns und kindlicher Liebe.

Logiker beweisen bisweilen zu viel durch ihre Schlüsse, und Politiker bevortheilen sich oft selbst bei ihren Plänen. 189 So hätte es leicht der Mamsell Honour ergehen können, die, anstatt ihre übrigen Kleider zu retten, beinahe noch die verloren hätte, die sie auf dem Leibe trug; denn der Squire hörte nicht sobald von ihrer unstatthaften Aufführung gegen seine Schwester, als er durch zwanzig Eide betheuerte, daß er sie ins Zuchthaus schicken wolle.

Fräulein Western besaß ein sehr gutes und versöhnliches Gemüth. Sie hatte noch vor Kurzem einem Postillion, der ihren Wagen in einen Graben warf, seine grobe Nachlässigkeit vergeben; ja sie hatte sich sogar der gerichtlichen Verfolgung eines Straßenräubers widersetzt, der ihr nicht nur eine Summe Geld, sondern auch ihre Ohrringe abgenommen und unter Verwünschungen gesagt hatte: »Solche alte Hexen brauchen keine Juwelen.« Aber so unbeständig sind nun unsere Launen, so ganz verschieden gestimmt sind wir zu verschiedenen Zeiten, sie wollte nichts von Milderung hören; aller von Seiten Honour's geheuchelten Reue, aller Bitten Sophiens für ihre Dienerin ungeachtet, drang sie allen Ernstes in ihren Bruder, sein Richteramt zu verwalten.

Aber glücklicherweise besaß der Canzlist eine Eigenschaft, deren kein Canzlist eines Friedensrichters entbehren sollte, nämlich einige Kenntniß von den Landesgesetzen. Er flüsterte daher dem Friedensrichter in's Ohr, daß er seine Autorität überschreiten würde, wenn er das Mädchen ins Zuchthaus schickte, weil kein Versuch zu einem Friedensbruche vorläge; »denn ich fürchte, Sir,« sagte er, »daß Sie niemanden wegen einer blosen Unmanierlichkeit gesetzmäßig ins Zuchthaus schicken können.«

In Angelegenheiten von hoher Wichtigkeit, namentlich in solchen, die sich auf die Jagd bezogen, schenkte der Richter diesen Erinnerungen seines Canzlisten nicht immer Aufmerksamkeit; denn bei der Handhabung der darauf 190 bezüglichen Gesetze meinen viele Friedensrichter eine sehr ausgedehnte Gewalt zu haben, vermöge deren sie oft, unter dem Vorwande, Instrumente zur Vertilgung des Wildes zu suchen und wegzunehmen, ganz nach Gefallen widerrechtliche Handlungen und bisweilen Verbrechen begehen.

Aber das vorliegende Vergehen war nicht von so hoher Bedeutung und nicht so gefährlich für die menschliche Gesellschaft. Daher nahm der Richter hier einige Rücksicht auf den Rath seines Canzlisten; denn es waren in der That schon zwei Klagen gegen ihn bei der King's-Bench angebracht worden, und er hatte nicht Lust sich einer dritten auszusetzen.

Der Squire nahm daher eine ungemein weise und wichtige Miene an und sagte nach mehreren Hms und wiederholtem Räuspern zu seiner Schwester, daß er nach reiferer Ueberlegung der Meinung wäre, daß, da hier kein Friedensbruch vorläge, »worunter das Gesetz,« so erklärte er ihr, »das Thüreinbrechen, oder Zaundurchbrechen, oder Halsbrechen oder irgend eine ähnliche Art von Brechen verstehe, die Sache auch kein Verbrechen wäre und daher im Gesetze keine Strafe darauf stünde.«

Fräulein Western bemerkte dagegen, »sie kennte die Gesetze besser; sie hätte Dienstboten gekannt, die wegen ihres groben Benehmens gegen ihre Herrschaft sehr streng bestraft worden wären,« und nannte dann einen gewissen Friedensrichter in London, der die Dienstboten jederzeit ins Zuchthaus schicken würde, wenn es die Herrschaft verlangte.

»Leicht möglich,« rief der Squire; »das kann in London so sein; aber auf dem Lande ist das Gesetz anders.« Hier folgte eine sehr gelehrte Disputation zwischen dem Bruder und der Schwester über das Gesetz, die wir mittheilen würden, wenn wir hoffen dürften, daß sie von vielen unsrer Leser verstanden werden würde. Endlich legten 191 sie jedoch ihren Streit dem Canzlisten zur Entscheidung vor, und dieser entschied zu Gunsten des Gerichtsherrn; und Fräulein Western mußte sich endlich mit der Genugthuung zufriedenstellen, daß sie Honour fortgejagt hatte, wozu Sophie selbst sehr bereitwillig und gern ihre Zustimmung gab.

Nachdem sich somit Fortuna nach ihrer Gewohnheit durch einige Launen zerstreut hatte, fügte sie endlich alles zum Besten für unsere Heldin, der in der That ihr Betrug sehr wohl gelang, zumal wenn man bedenkt, daß es der erste war, den sie jemals begangen hatte.

Honour spielte ihre Rolle unübertrefflich. Sie sah sich nicht sobald sicher vor der Gefahr ins Zuchthaus geschickt zu werden, einen Ort, von dem sie sich die schrecklichsten Vorstellungen gemacht hatte, als sie ihr gewöhnliches unbefangenes Wesen, das durch den Schrecken ein wenig eingeschüchtert worden war, wieder annahm und ihre Stelle mit so viel affectirter Ruhe, ja Verachtung niederlegte, als je bei der Resignation auf Aemter von weit größerer Bedeutung gezeigt worden ist. Wenn es daher dem Leser recht ist, so sagen wir lieber, sie resignirte – ein Ausdruck, der stets synonym gehalten worden ist mit fortgejagt werden.

Herr Western befahl ihr, sich mit dem Einpacken ja dazuzuhalten; denn seine Schwester erklärte, sie würde mit einer so frechen Dirne nicht noch eine Nacht unter demselben Dache schlafen. Sie machte sich daher ans Werk und griff es mit solchem Eifer an, daß sie Abends bei guter Zeit mit allem zu Stande war. Nachdem sie ihren Lohn empfangen hatte, machte sie sich mit Sack und Pack auf und davon, und zwar zu großer Zufriedenheit von jedermann und zur größten Freude von Sophien, die sich nun selbst zu ihrer Abreise anzuschicken begann, um mit ihrem Mädchen an 192 dem bezeichneten Orte unweit dem Hause, genau zur Geisterstunde, zusammenzutreffen.

Allein zuvor hatte sie noch zwei peinliche Audienzen zu geben, und zwar die eine ihrer Tante, die andere ihrem Vater. Fräulein Western sprach in einem entschiedeneren Tone mit ihr, als vorher; aber ihr Vater vollends ließ sie so heftig und hart an, daß sie, dadurch eingeschüchtert, sich zum Schein in seinen Willen fügte, was den guten Squire so hoch entzückte, daß seine zornige Miene in ein Lächeln und seine Drohungen in Versprechungen verwandelt wurden. Er betheuerte, sie sei sein ganzes Leben, und ihre Einwilligung (denn als solche nahm er die Worte: – »Du weißt, Vater, ich kann und darf einem unbedingten Befehle von Dir den Gehorsam nicht verweigern«) habe ihn zum glücklichsten der Menschen gemacht. Dann gab er ihr eine ansehnliche Summe in einer Banknote, wofür sie sich einige Kleinigkeiten kaufen sollte, umarmte und küßte sie auf das Zärtlichste, während Thränen aus jenen Augen träufelten, aus denen vor wenigen Augenblicken dem Gegenstande seiner Zärtlichkeit Flammen der Wuth entgegenblitzten.

Beispiele dieser Handlungsweise sind bei Eltern etwas so Gewöhnliches, daß der Leser ohne Zweifel über Western's ganzes Betragen sehr wenig erstaunt sein wird. Wäre er es dennoch, so gestehe ich, darüber keine Rechenschaft geben zu können; daß Western aber von da an seine Tochter auf das Zärtlichste liebte, darüber, denke ich, waltet kein Zweifel ob. Das haben auch viele andere, die ihre Kinder durch die nämliche Behandlung unsaglich unglücklich gemacht haben; und diese Behandlung, ob sie gleich fast allgemein bei Eltern vorkommt, ist mir stets als die unerklärbarste aller Absurditäten erschienen, die jemals aus dem Gehirne »dieses Wunderwerkes der Schöpfung, des Menschen,« entsprungen ist.

193 Western's Art und Weise, wie sie sich zuletzt äußerte, machte einen so tiefen Eindruck auf Sophiens gefühlvolles Herz, daß ein Gedanke in ihr aufstieg, auf den sie durch alle Sophistik ihrer politischen Tante, durch alle Drohungen ihres Vaters nimmermehr gebracht worden wäre. Sie hing mit so kindlicher Verehrung und mit so kindlicher Liebe an ihrem Vater, daß sie kaum an irgend etwas mehr Vergnügen fand, als an dem, was sie zu seiner Freude und Zufriedenheit beizutragen vermochte; denn er konnte nie seine Freude zurückhalten, wenn er ihr Lob hörte, und das hörte er fast jeden Tag ihres Lebens.. Der Gedanke also, wie unendlich glücklich sie ihren Vater durch ihre Einwilligung in diese Heirath machen könnte, brachte einen tiefen Eindruck in ihrem Gemüthe hervor. Auch die hohe Frömmigkeit, welche in einem solchen Akt des Gehorsams lag, forderte sie mächtig dazu auf, weil sie eine sehr warme Empfänglichkeit für Religion hatte. Als sie endlich erwog, was sie selbst würde dulden müssen, indem sie sich wirklich der kindlichen Liebe und Pflicht gewissermaßen zum Opfer brachte, da empfand sie einen angenehmen Reiz in jener kleinen Leidenschaft, die zwar weder mit der Religion noch mit der Tugend unmittelbar verwandt ist, aber doch die Zwecke beider zu fördern sehr bereitwillig und thätig mitwirkt.

Sophie gefiel sich in dem Gedanken, eine so heroische That zu vollbringen, und fing schon an, sich mit etwas voreiliger Selbstgefälligkeit zu betrachten, als Cupido, der in ihrem Muffe verborgen lag, plötzlich hervorkroch und, gleich dem Polichinell im Puppenspiele, alles um sich her verjagte. In Wahrheit (denn wir verschmähen es, unsere Leser zu täuschen, oder den Charakter unsrer Heldin dadurch zu beschönigen, daß wir ihren Handlungen einen übernatürlichen Impuls als Beweggrund zuschreiben), der Gedanke 194 an ihren geliebten Jones und einige (wiewohl leise) Hoffnungen, bei denen Jones ganz besonders betheiligt war, rissen alles wieder nieder, was kindliche Liebe, Frömmigkeit und Stolz in vereintem Streben aufzubauen bemüht gewesen waren.

Aber ehe wir weiter gehen, müssen wir einen Blick auf Jones zurückwerfen.

 << Kapitel 34  Kapitel 36 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.