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Die Geschichte des Tom Jones / Theil II

Henry Fielding: Die Geschichte des Tom Jones / Theil II - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Geschichte des Tom Jones / Theil I
authorHenry Fielding
year1848
firstpub1749
translatorDr. A. Diezmann
publisherGeorg Westermann
addressBraunschweig
titleDie Geschichte des Tom Jones / Theil II
pages239
created20080529
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Achtes Kapitel.

Enthält Wortwechsel von gar nicht seltener Art.

Mamsell Honour war kaum von ihrer jungen Lady weggegangen, als ihr irgend etwas (denn ich möchte nicht, wie jenes alte Weib in Quivedo, dem Teufel durch eine 184 falsche Beschuldigung Unrecht thun, und er konnte möglicher Weise außer dem Spiele sein), ich sage darum, irgend etwas den Gedanken eingab, daß sie, wenn sie Sophien opferte und alle ihre Geheimnisse Herrn Western verriethe, wahrscheinlich ihr Glück machen könne. Zu dieser Entdeckung fand sie sich durch mancherlei Beweggründe aufgefordert. Die schöne Aussicht auf eine gute Belohnung für einen so großen und annehmlichen Dienst, den sie dadurch dem Squire leistete, reizte ihre Habsucht; und dagegen machte die Gefahr des projectirten Unternehmens, die Ungewißheit seines Ausgangs, Nacht, Kälte, Räuber, Entführer, alles ihre Furcht rege. Dies alles wirkte so mächtig auf sie ein, daß sie nahe daran war, geraden Weges zu dem Squire zu gehen und ihm die ganze Sache aufzudecken. Sie war gleichwohl ein zu ehrlicher Richter, um sich für die eine Seite zu entscheiden, ohne die andere gehört zu haben. Und hier schien nun zuerst eine Reise nach London sehr für Sophien zu sprechen. Sie hätte für ihr Leben gern einen Ort gesehen, wo sie alle die Zauber erwartete, die sich ein Geistlicher in seiner Verzückung vom Himmel verspricht. Da sie ferner wußte, daß Sophie freigebiger war als ihr Vater, so versprach sie sich von ihrer Treue einen größern Lohn, als vom Verrath zu hoffen stand. Sie ging dann nochmals alle Punkte, die ihr Furcht gemacht hatten, genau durch und fand bei reiflicher Ueberlegung, daß sie von sehr geringer Bedeutung waren. Und jetzt, wo beide Wagschaalen einander ziemlich gleich standen, brachte ihre Liebe zu ihrer Herrin die Wagschaale ihrer Redlichkeit schon zum Sinken, als ihr plötzlich ein Umstand einfiel, der eine gefährliche Wirkung hervorgebracht haben würde, wäre er mit seinem ganzen Gewicht in die andere Wagschaale eingelegt worden. Dies war die Länge der Zeit, welche nothwendig zwischen Sophiens Versprechungen und deren möglicher Erfüllung 185 lag; denn ob sie schon nach ihres Vaters Tode auf das Vermögen ihrer Mutter, und mit ihrer Mündigkeit auf eine Summe von 3000 Pf., die ihr von einem Oheim vermacht worden waren, Anspruch hatte, so waren das doch ferne Zeiten, und mancher unvorhergesehene Umstand konnte der Freigebigkeit der jungen Dame noch hinderlich werden; wogegen die Belohnung, welche sie von Herrn Western erwarten durfte, unmittelbar bevorstand. Aber während sie sich noch mit diesem Gedanken beschäftigte, führte Sophiens guter Genius, der über Honour's Redlichkeit wachende Genius, oder auch der bloße Zufall ein Ereigniß herbei, das auf einmal ihre Treue rettete und sogar das beabsichtigte Unternehmen beförderte.

Fräulein Western's Kammermädchen wollte aus verschiedenen Rücksichten weit mehr gelten als Mamsell Honour. Fürs erste stand sie von Geburt höher; denn ihre Urgroßmutter von mütterlicher Seite war eine nahe Verwandte von einem irländischen Peer. Fürs zweite bekam sie höhern Lohn. Und endlich war sie in London gewesen und hatte folglich mehr von der Welt gesehen. Sie hatte daher in ihrem Betragen gegen Mamsell Honour stets jenes zurückhaltende und vornehme Wesen beobachtet, das jene Klasse von Frauen gegen andere aus einem niederen Stande zu beobachten pflegt, und einen gewissen Respekt von ihr verlangt. Da nun Honour hierin nicht mit ihr einverstanden war, sondern sogar oft gegen den verlangten Respekt sündigte, so konnte Fräulein Western's Kammermädchen sie nicht leiden, ja sie wünschte sich sehnlichst nach dem Hause ihrer Herrin zurück, wo sie nach Gefallen über die andern Dienstleute befehlen konnte. Sie war daher sehr mißvergnügt darüber, daß Fräulein Western diesen Morgen ihren Entschluß hinsichtlich der Abreise wieder aufgegeben hatte und befand sich seitdem in einer sehr übeln Laune.

186 In dieser Gemüthsverfassung trat sie in das Zimmer, wo Honour auf die oben angegebene Weise bei sich berathschlagte. Kaum erblickte Honour sie, als dieselbe folgende verbindliche Redensart an sie richtete: »Allerliebst! wir werden also das Vergnügen Ihrer Gesellschaft noch länger genießen, um das wir durch den Streit zwischen meinem Herrn und Ihrer Lady beinahe gekommen wären.« – »Ich weiß nicht,« erwiederte die andere, »was Sie mit »wir« sagen wollen. Das versichere ich Sie, daß ich unter den dienenden Personen des Hauses niemanden finde, der eine passende Gesellschaft für mich abgäbe. Für die bin ich denn doch wohl noch ein wenig zu gut. Ich spreche nicht in Beziehung auf Sie, Mamsell Honour; denn Sie sind ein gesittetes junges Frauenzimmer, und hätten Sie noch ein bischen mehr von der Welt gesehen, so wollte ich mich nicht schämen mit Ihnen in St. James's Park spazieren zu gehen.« – »Alle tausend!« rief Honour, »Sie sind sehr gnädig, das muß ich gestehen. Mamsell Honour, wahrhaftig! warum nennen Sie mich nicht bei meinem Zunamen? denn wenn mich auch meine Lady Honour nennt, so habe ich doch einen Zunamen so gut wie andere Leute. Sich schämen mit mir zu gehen, nun wahrlich! so viel wie Sie, denke ich, bin ich auch.« – »Da Sie meine Höflichkeit so erwiedern,« sagte die andere, »so muß ich Ihnen erklären, daß Sie nicht so viel sind, wie ich. Auf dem Lande freilich, da muß man sich mit allerhand Bettelvolk abgeben; aber in der Stadt gehe ich blos mit Frauenzimmern bei Herrschaften von Stande um. Ja, ja, Mamsell Honour; es ist wohl ein Unterschied zwischen Ihnen und mir.« – »Ei das glaube ich auch,« antworte Honour; »es ist ein Unterschied zwischen unserm Alter und vielleicht auch zwischen unsrer Persönlichkeit.« Bei den letzten Worten stolzirte sie an Fräulein Western's Kammermädchen vorüber und blickte sie 187 mit hoch getragener Nase und zurückgeworfenem Kopfe stolz und verächtlich an. Die andere sagte mit einem äußerst höhnischen Lächeln: »Kreatur! Sie stehen zu tief, um mich zu ärgern; und es ist unter meiner Würde, mich mit einer so frechen unverschämten Dirne einzulassen; aber, wissen Sie das, Sie Mensch, aus Ihrer Lebensart erkennt man Ihre niedere Herkunft und Ihre schlechte Erziehung; darum passen Sie auch ganz gut zu einer gemeinen Dienstmagd eines Landmädchens.« – »Das verbitte ich mir, so von meinem Fräulein zu reden,« rief Honour; »das lasse ich mir nicht von Ihnen gefallen; sie ist weit besser als Ihr Fräulein, denn sie ist jünger und zehn tausendmal schöner.«

Hier wollte der Zufall, daß Fräulein Western herbeikam und ihr Mädchen in Thränen schwimmen sah, die nun erst recht zu fließen anfingen. Auf ihre Erkundigung, warum sie weine, gab diese die Antwort, daß die grobe Behandlung der Kreatur hier, wobei sie auf Honour deutete, schuld daran sei. »Aber Fräulein,« setzte sie hinzu, »alles andere, was sie zu mir sagte, würde mich nicht so gekränkt haben; aber sie hat die Frechheit gehabt, Sie zu schmähen und Sie häßlich zu nennen. – Ja, Fräulein, sie nannte Sie eine häßliche alte Katze, mir ins Gesicht. Ich konnte das nicht ertragen, Sie häßlich nennen zu hören.« – »Wozu brauchst Du ihre Unverschämtheit so oft zu wiederholen?« sagte Fräulein Western. Und dann, sich an Mamsell Honour wendend, fragte sie diese: »Wie können Sie sich unterstehen, meinen Namen mit Geringschätzung auszusprechen?« – »Geringschätzung, Fräulein!« antwortete Honour, »ich habe Ihren Namen gar nicht erwähnt; ich sagte blos, es wäre jemand nicht so schön als mein Fräulein, und das wissen Sie gewiß eben so gut wie ich.« – »Mensch,« versetzte die Lady, »ich will Dich freches Ding lehren, daß ich kein Gegenstand für eure 188 Unterhaltung bin; und wenn Dich mein Bruder nicht diesen Augenblick fortjagt, will ich nie wieder unter seinem Dache schlafen. Ich will ihn aufsuchen, daß er Dich augenblicklich fortschickt.« – »Fortschickt!« rief Honour; »und wenn ich nun fortgeschickt werde: es giebt mehr als diesen einzigen Dienst in der Welt. Gott sei Dank, gute Dienstboten finden immer eine Stelle; und wenn Sie alle die wegschicken, die Sie nicht für schön halten, so werden Sie sehr bald keine mehr haben; das will ich Ihnen nur sagen.«

Fräulein Western polterte irgend eine Antwort hervor; da sie aber schwerlich artikulirt war, so wissen wir nicht genau die Worte anzugeben; wir werden es daher unterlassen, sie anzuführen, zumal da sie im besten Falle ihr nicht zu großer Ehre gereichen würde. Sie ging dann hinweg, um ihren Bruder aufzusuchen; dabei hatte ihr Gesicht einen solchen Ausdruck von Wuth, daß sie eher einer Furie, als einem Menschen ähnlich sah.

Die beiden Kammermädchen, die nun wieder allein waren, geriethen zum zweiten Male in Wortwechsel, der bald in Thätlichkeiten überging. In diesem Kampfe blieb der Sieg jener vom niedern Range, wenn schon nicht ohne einigen Verlust von Blut, Haaren und Musselinfetzen.

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