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Die Geschichte des Tom Jones / Theil II

Henry Fielding: Die Geschichte des Tom Jones / Theil II - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Geschichte des Tom Jones / Theil I
authorHenry Fielding
year1848
firstpub1749
translatorDr. A. Diezmann
publisherGeorg Westermann
addressBraunschweig
titleDie Geschichte des Tom Jones / Theil II
pages239
created20080529
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Sechstes Kapitel.

Handelt von sehr verschiedenartigen Dingen.

Der Squire holte seine Schwester ein, gerade als sie im Begriff war in den Wagen zu steigen und erlangte, theils durch Gewalt, theils durch Bitten, den Befehl von ihr, ihre Pferde wieder in den Stall zurückzuführen. Dieser Erfolg wurde ihm nicht sehr schwer; denn die Dame war, wie wir bereits angedeutet haben, von sehr versöhnlicher Natur und liebte ihren Bruder sehr, obgleich sie seine geistigen Eigenschaften oder vielmehr seine geringe Weltkenntniß verachtete.

Die arme Sophie, welche diese Versöhnung erst eingeleitet hatte, ward nun zum Opfer derselben ausersehen. Sie stimmten beide im Tadel ihres Benehmens überein, 170 erklärten ihr gemeinschaftlich den Krieg und gingen ohne Verzug mit einander zu Rathe, wie er auf das nachdrücklichste zu führen sei. Zu diesem Zwecke schlug Fräulein Western das sofortige Zustandebringen des Vertrags mit Allworthy und seine ungesäumte Ausführung vor, indem sie sagte, »es gäbe ihrer Nichte gegenüber keine andern als Zwangsmittel und sie wäre überzeugt, daß Sophie nicht Entschlossenheit genug besäße, um diesen zu widerstehen. Unter Zwangsmitteln,« fügte sie hinzu, »verstehe ich vielmehr schleunige Maßregeln; denn was Einsperrung oder absolute Gewalt betrifft, so etwas kann und darf nicht versucht werden. Unser Plan muß auf eine Ueberrumpelung und nicht auf einen Sturm abzielen.«

Diese Beschlüsse waren eben gefaßt worden, als Herr Blifil ankam, um seiner Gebieterin einen Besuch abzustatten. Der Squire hatte kaum seine Ankunft erfahren, als er auf Anrathen seiner Schwester hinwegging, um seine Tochter auf den Empfang ihres Liebhabers vorzubereiten. Das that er denn auch, indem er ihrer Weigerung die bittersten Verwünschungen und Drohungen entgegensetzte.

Dem Ungestüm des Squire mußte alles weichen; und Sophie war, wie ihre Tante sehr schlau vorhersah, unvermögend, ihm zu widerstehen. Sie erklärte sich daher bereit, Blifil zu empfangen, obgleich sie kaum Kraft genug fand, ihre Zustimmung auszusprechen. Es war in der That nichts Leichtes, einem Vater, den sie zärtlich liebte, entschieden entgegenzutreten. Wäre dieser Umstand nicht gewesen, so hätte es vielleicht einer weit geringern Entschlossenheit, als sie wirklich besaß, bedurft; aber es ist nichts Ungewöhnliches, solche Handlungen, die großentheils aus Liebe entsprungen sind, auf Rechnung der Furcht zu schreiben.

In Folge des ausdrücklichen Befehls ihres Vaters nahm also Sophie Herrn Blifil's Besuch an. Scenen wie diese, 171 wenn sie ausführlich geschildert werden, bieten, wie wir bemerkt haben, dem Leser sehr wenig Unterhaltung dar. Wir wollen uns daher hier streng an eine Regel des Horaz halten, welche Schriftstellern vorschreibt, alle solche Dinge mit Stillschweigen zu übergehen, die sie nicht in ein glänzendes Licht zu setzen hoffen dürfen; – eine Regel, die, wie man begreift, für den Historiker wie für den Dichter gleich ersprießlich ist, und die, wenn sie befolgt wird, zum Wenigsten das Gute haben muß, daß manches große Uebel (so werden alle großen Bücher genannt) dadurch auf ein kleines reducirt wird.

Es wäre möglich, daß die List, mit der sich Blifil bei dieser Zusammenkunft benahm, Sophien verleitet hätte, einen andern Mann unter solchen Umständen zu ihrem Vertrauten zu machen und ihm das ganze Geheimniß ihres Herzens zu entdecken; aber sie hatte eine so üble Meinung von diesem jungen Herrn gefaßt, daß sie sich vorgenommen hatte, ihm kein Vertrauen zu schenken; denn die Einfachheit, wenn sie gezwungen wird, auf ihrer Hut zu sein, nimmt es oft mit der List auf. Ihr Betragen gegen ihn war daher ganz und gar gezwungen und wirklich so, wie es Jungfrauen für den zweiten formellen Besuch desjenigen, der ihnen zum künftigen Gemahl bestimmt ist, vorgeschrieben zu werden pflegt.

Obgleich nun Blifil sich gegen den Squire vollkommen zufrieden mit seiner Aufnahme erklärte, so war doch der letztere, der mit seiner Schwester gehorcht und Alles mit angehört hatte, minder zufriedengestellt. Er beschloß, in Folge des Rathes, den die weise Lady gegeben, die Angelegenheit so rasch wie möglich zu betreiben, und rief, indem er sich nach einem lauten Halloh an seinen zukünftigen Schwiegersohn wendete, in der Jägersprache: »Drauf, drauf, mein Junge; spute Dich, spute Dich; so ist's recht. Todt, todt, todt. Nur nicht 172 blöde, oder besonnen, soll ich, soll ich? Allworthy und ich, wir können diesen Nachmittag alles abmachen, und dann mag morgen die Hochzeit sein.«

Blifil drückte in seinen Mienen die größte Freude aus und antwortete: »Da nichts in der Welt mir so erwünscht ist als eine Verbindung mit Ihrer Familie und meine Vermählung mit der liebenswürdigen Sophie, so können Sie sich leicht denken, wie ungeduldig ich der Erfüllung dieser meiner höchsten Wünsche entgegensehen müsse. Wenn ich Sie daher in dieser Angelegenheit nicht bestürmt habe, so mögen Sie es einzig und allein meiner Furcht zuschreiben, das Fräulein durch eine größere Beschleunigung eines so beglückenden Ereignisses, als mit den Regeln der Schicklichkeit und des Anstandes verträglich ist, zu beleidigen. Allein, wenn sie sich durch Ihre Vermittelung, Sir, dahin bewegen ließe, auf alle Formalitäten zu verzichten –«

»Formalitäten! zum Henker mit den Formalitäten!« antwortete der Squire. »Pah, ist alles dummes Zeug, alles Unsinn. Ich sage Dir, sie soll Dich morgen nehmen. Du wirst die Welt besser kennen, wenn Du erst in meine Jahre kommst. Weiber geben nie ihre Einwilligung, wenn's irgend angeht, 's ist einmal ihre Mode so. Hätte ich die Einwilligung ihrer Mutter abwarten wollen, dann glaube ich, wäre ich noch heutiges Tages ein Junggesell. – Drauf, drauf, mein Junge, das ist recht. Ich sage Dir, sie soll morgen Dein sein.«

Blifil ließ sich durch die gewaltige Beredtsamkeit des Squire besiegen; und nachdem man übereingekommen war, daß Western diesen Nachmittag mit Allworthy alles ordnen sollte, kehrte der Liebhaber nach Hause zurück, bat jedoch vorher angelegentlichst, daß man durch diese Eilfertigkeit dem Fräulein keinen Zwang anthun möge, ungefähr so wie ein päpstlicher Inquisitor den Folterknecht ersucht, dem 173 ihm überantworteten Ketzer, den die Kirche verurtheilt hat, keine Gewalt anzuthun.

Und, die Wahrheit zu sagen, Blifil hatte über Sophien abgeurtheilt; denn wie zufrieden er sich auch gegen Western über seinen Empfang ausgesprochen hatte, so war er es doch keineswegs, wo er nicht gar von ihrem Hasse und ihrer Verachtung überzeugt war; und dieser Umstand hatte wiederum in ihm Haß und Verachtung erweckt. Man könnte vielleicht fragen: Warum machte er nicht sogleich jeder fernern Bewerbung ein Ende? Ich antworte, aus eben dem Grunde, so wie aus verschiedenen andern gleich triftigen, die wir dem Leser jetzt vorlegen wollen.

Obgleich Herr Blifil nicht Jones' Natur hatte und in jedes Frauenzimmer, das er sah, gleich verliebt war, so empfand er gleichwohl jenes Begehren, das allen thierischen Wesen gemein ist. Dabei besaß er gleichfalls jenen unterscheidenden Geschmack, vermöge dessen die Menschen in der Wahl des Gegenstandes oder der Nahrung je nach der Verschiedenheit ihres Begehrens geleitet werden; und dieser lehrte ihn, Sophien als einen ausgesuchten Bissen zu betrachten; machte dasselbe Verlangen in ihm rege, das eine Schnepfe in der Seele eines Epicuräers erweckt. Nun erhöhte der Kampf in Sophiens Gemüth eher noch ihre Schönheit, als daß er sie verminderte; denn ihre Thränen verschönten den Glanz ihrer Augen und ihr Busen ward von ihren Seufzern gehoben. In der That, niemand hat die Schönheit in ihrem höchsten Glanze gesehen, wer sie nicht im Unglück gesehen hat. Blifil betrachtete daher diese Schnepfe in Menschengestalt mit größerem Verlangen als zuvor; auch ward dasselbe durch ihre deutliche Abneigung gegen ihn keineswegs vermindert. Im Gegentheil trug sie vielmehr dazu bei, das Vergnügen, das ihm der Genuß ihrer Reize versprach, durch den hinzukommenden Triumph noch zu erhöhen; ja, der absolute Besitz ihrer Person sollte ihm zur Erfüllung noch anderer Wünsche dienen, deren bloße Erwähnung wir verabscheuen; und selbst das Gefühl der Rache war nicht ausgeschlossen von dem Genusse, den er sich in Aussicht stellte. Der Gedanke an seinen Nebenbuhler, den armen Jones, und die Hoffnung, ihm ihr Herz abwendig zu machen, war ein fernerer Antrieb zur Fortsetzung seiner Bewerbung, und verlieh seinem Entzücken einen Reiz mehr.

Außer allen diesen Interessen, welche manchen gewissenhaften Leuten zu viel Bosheit an sich tragen mögen, hatte er noch eines dabei, das wenige Leser ihm zu großer Schande anrechnen werden, nämlich das Besitzthum Western's, das ganz auf dessen Tochter und ihre Nachkommen übergehen sollte; denn die Liebe dieses überzärtlichen Vaters ging so weit, daß, wenn sein Kind sich nur dazu verstand, mit dem Gatten, den er ihr wählte, unglücklich zu sein, es ihn nicht kümmerte, um welchen Preis er ihn erkaufte.

Aus diesen Gründen war Herrn Blifil so viel an der Partie gelegen, daß er Sophien zu täuschen suchte, indem er ihr Liebe heuchelte und ebenso ihren Vater und seinen Oheim, indem er vorgab von ihr geliebt zu sein. Hierin stützte er sich auf die Frömmigkeit Thwackum's, welcher behauptete, daß, wenn der Zweck ein religiöser wäre (wie das doch bei der Ehe der Fall ist), nichts darauf ankäme, wie schlecht die Mittel wären, durch die er erreicht würde. Bei andern Gelegenheiten kam ihm Square's Philosophie zu statten, welche ihn lehrte, daß der Zweck gleichgültig wäre, wenn sich nur die Mittel mit der Moral vertrügen. So gab es denn in der That wenig Vorfälle im Leben, bei denen er nicht aus den Lehren des einen oder des andern dieser großen Meister Vortheil ziehen konnte.

175 Herrn Western gegenüber bedurfte es allerdings nur geringer List, weil er auf die Neigung seiner Tochter eben so wenig Gewicht legte als Blifil selbst; allein da die Denkungsart des Herrn Allworthy in dieser Hinsicht eine ganz andere war, so war es durchaus nothwendig, ihn zu täuschen. Hierin wurde jedoch Blifil von Western so gut unterstützt, daß dem Gelingen keine Schwierigkeit im Wege stand; denn da Herr Allworthy von ihrem Vater die Versicherung erhalten hatte, daß Sophiens Neigung der des jungen Blifil entspräche, und daß an allem dem, was er in Betreff Jones' vermuthet hätte, durchaus nichts wäre, so brauchte Blifil diese Angaben blos zu bestätigen. Dies that er denn auch, aber freilich in so zweideutigen Ausdrücken, daß er seinem Gewissen eine Hinterthür offen hielt und damit soviel erreichte, seinem Oheim eine Lüge aufzuheften, ohne sich mit der Schuld derselben zu beladen. Als Allworthy ihn hinsichtlich der Neigung Sophiens befragte und hinzusetzte, »er würde nie seine Hand dazu bieten, ein junges Mädchen zu einer Heirath gegen ihren Willen zu zwingen,« da antwortete er, »daß es sehr schwer sei, hinter die wahren Gesinnungen junger Mädchen zu kommen; daß ihr Betragen gegen ihn so beschaffen sei, wie er es sich nur wünschen könne, und daß sie, wenn er ihrem Vater glauben dürfe, alles das für ihn empfinde, was ein Liebender nur immer erwarten könne. Was Jones betrifft,« fügte er hinzu, »den ich mit innerm Widerstreben einen Schändlichen nenne, wenn gleich sein Betragen gegen Sie, mein Herr, diesen Namen hinlänglich rechtfertigt, so mochte wohl in seiner Eitelkeit oder in wer weiß was für niedern Absichten der Grund liegen, warum er sich etwas rühmte, was erdichtet war; denn hätte Fräulein Western ihn wirklich geliebt, so würde er sie um ihres großen Vermögens willen schon nicht aufgegeben haben, was er doch, 176 wie Sie wissen, gethan hat. Endlich versichere ich Sie, mein Herr, daß ich selbst, unter keiner Bedingung, um aller Schätze der Welt willen, mich nicht dazu verstehen würde, diese junge Dame zu heirathen, wenn ich nicht von ihrer Neigung zu mir überzeugt wäre.«

Diese herrliche Methode, eine Falschheit im Herzen zu begehen, ohne die Zunge einer Unwahrheit schuldig zu machen, indem man sich der Zweideutigkeit und des Betrugs als Mittel dazu bedient, hat schon das Gewissen manches ausgemachten Betrügers beschwichtigt; und dennoch muß dieselbe, wenn wir erwägen, daß es die Allwissenheit ist, die solche Menschen zu hintergehen suchen, nur eine sehr flüchtige Beruhigung gewähren können, so daß man meinen sollte, diese erkünstelte und spitzfindige Unterscheidung zwischen dem Beibringen und dem Aussprechen einer Lüge, sei kaum der Mühe werth, die sie kostet.

Allworthy war mit dem, was ihm Western und Blifil sagten, ziemlich wohl zufrieden, so daß nach zwei Tagen der Vertrag abgeschlossen war. Es blieb nun bis zur priesterlichen Weihe nichts mehr übrig als die richterliche Bekräftigung, zu welcher die Gerichtspersonen so viel Zeit verlangten, daß sich Western lieber durch alle möglichen Gewährleistungen binden als das Glück des jungen Paares verzögern wollte. Er drängte überhaupt so sehr, daß ein Unparteiischer hätte glauben können, er wäre näher bei der Partie betheiligt als er es wirklich war: aber dieses ungeduldige Wesen war ihm in allen Dingen eigen, und er betrieb jedes Geschäft, das er unternahm, so, als ab von ihm allein die ganze Glückseligkeit seines Lebens abhängig wäre.

Das vereinte Treiben beider, des Vaters und des Schwiegersohnes, würde wahrscheinlich Herrn Allworthy zum Nachgeben gebracht haben, da es ihm überhaupt schwer 177 ankam, bei der Beförderung des Glücks anderer einen Aufschub eintreten zu lassen, hätte Sophie es nicht selbst verhindert und Maßregeln genommen, wodurch der ganze Vertrag vernichtet und die Geistlichkeit sowohl wie die Gerichtspersonen um jene Sporteln gebracht worden wären, die diese weisen Corporationen der Fortpflanzung des Menschengeschlechts gesetzmäßig aufzuerlegen für gut befunden haben. Davon im nächsten Kapitel.

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