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Die Geschichte des Tom Jones / Theil II

Henry Fielding: Die Geschichte des Tom Jones / Theil II - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Geschichte des Tom Jones / Theil I
authorHenry Fielding
year1848
firstpub1749
translatorDr. A. Diezmann
publisherGeorg Westermann
addressBraunschweig
titleDie Geschichte des Tom Jones / Theil II
pages239
created20080529
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Fünftes Kapitel.

Sophiens edelmüthiges Betragen gegen ihre Tante.

Sophie hatte zu allem, was ihr Vater bisher gesagt hatte, still geschwiegen und nur mit einem Seufzer geantwortet. Die Sprache der Augen verstand er nicht, und so forderte er eine deutlichere Erklärung von seiner Tochter, ob sie seinen Ansichten beistimme, indem er, wie gewöhnlich, 166 sagte, »er sei darauf gefaßt, daß sie sich eher für jeden andern als für ihn erklären werde, wie sie sich immer für das Beest, ihre Mutter, erklärt habe.« Da Sophie noch immer schwieg, so rief er aus: »Wie, bist Du stumm? Warum sprichst Du nicht? War Deine Mutter nicht stets ein Beest gegen mich? Antworte mir. Was, ich glaube, Du verachtest Deinen Vater auch, und hältst ihn nicht einmal für gut genug, mit ihm zu sprechen?«

»Um des Himmels willen, Vater,« antwortete Sophie, »lege meinem Schweigen nicht eine so schreckliche Absicht unter! Lieber wollte ich sterben, als mich einer Unehrerbietigkeit gegen Dich schuldig machen; aber wie kann ich zu sprechen wagen, wenn jedes Wort entweder meinen theuern Vater verletzen oder mich des schwärzesten Undanks gegen die beste der Mütter zeihen müßte; denn das ist sie mir doch stets gewesen?«

»Und Deine Tante ist auch die beste der Schwestern, nicht wahr?« entgegnete der Squire. »Wirst Du so gut sein, mir zuzugeben, daß sie eine Hexe ist? das kann ich doch wohl behaupten.«

»Doch, Vater,« sagte Sophie, »bin ich ihr große Verpflichtungen schuldig. Sie ist mir eine zweite Mutter gewesen.«

»Und mir eine zweite Frau,« versetzte Western; »so willst Du also auch ihre Partei nehmen? Du willst nicht bekennen, daß sie die schlechteste Schwester von der Welt gegen mich gewesen ist?«

»Wahrhaftig, Vater,« rief Sophie, »ich müßte mein Herz belügen, wenn ich es thäte. Ich weiß, die Denkungsweise meiner Tante ist sehr verschieden von der Deinigen; aber ich habe sie tausendmal in den Ausdrücken der herzlichsten Zuneigung von Dir sprechen hören, und ich bin überzeugt, daß sie nichts weniger als die schlechteste 167 Schwester ist, ja daß es sehr wenige geben wird, die einen Bruder mehr lieben als sie.«

»Das heißt mit andern Worten,« entgegnete der Squire, »ich habe Unrecht. Ja, gewiß. Ja, ja; die Weiber haben Recht, und der Mann hat allemal Unrecht.«

»Verzeihung, Vater,« rief Sophie. »Das habe ich nicht gesagt.«

»Was hättest Du nicht gesagt?« erwiederte der Vater; »Du hast die Unverschämtheit zu sagen, daß sie Recht hat; folgt daraus nicht natürlich, daß ich Unrecht habe? Und vielleicht habe ich Unrecht, daß ich eine solche presbyterianische Hexe in meinem Hause dulde.«

»Sie beabsichtigt so wenig, Dir oder Deinem Vermögen zu schaden,« sagte Sophie, »daß ich überzeugt bin, wäre sie gestern gestorben, sie hätte Dir alles was sie besitzt hinterlassen.«

Ob es nun Sophiens Absicht war oder nicht, will ich nicht entscheiden; aber gewiß ist es, daß diese letzten Worte einen sehr tiefen Eindruck auf ihren Vater machten und eine weit größere Wirkung hervorbrachten als alles, was sie zuvor gesagt hatte. Wie der Laut seine Ohren traf, machte er ungefähr dieselbe Bewegung wie einer, der eine Kugel vor den Kopf bekömmt. Er schrak zusammen, wankte und wurde leichenblaß, dann schwieg er über eine Minute lang still und fing endlich an zu stottern: »Gestern! gestern würde sie mir ihr Vermögen hinterlassen haben? Warum gerade gestern unter allen Tagen im Jahre? Ich glaube, wenn sie morgen stirbt, wird sie es jemand anderm vermachen, und vielleicht niemandem aus der Familie.« – »Meine Tante,« rief Sophie, »ist in einer sehr großen Aufregung und ich kann nicht dafür stehen, was sie unter deren Einfluß morgen thun wird.«

»Du kannst nicht!« erwiederte der Vater; »und ich 168 bitte Dich, wer war die Ursache, daß sie in so heftiger Aufregung ist? Ja, wer hat sie jetzt so aufgeregt? Warst Du nicht in hitzigem Streite mit ihr, als ich in's Zimmer trat? Und überdies, kam nicht unser ganzer Zank um Dich her? Ich habe mich die ganzen Jahre nicht mit der Schwester gezankt außer um Deinetwillen; und jetzt willst Du die ganze Schuld auf mich wälzen, als ob ich die Ursache wäre, warum sie der Familie ihr Vermögen entzieht. Ich konnte es freilich nicht besser erwarten: das ist wahrscheinlich Dein Dank für alle meine Liebe.«

»Ich bitte Dich, Vater,« rief Sophie, »auf den Knien bitte ich Dich, wenn ich die unglückliche Ursache dieses Zwistes gewesen bin, versuche es, die Tante zu versöhnen und laß sie nicht in solchem Zorne aus Deinem Hause gehen; sie ist gut von Gemüth und wenige freundliche Worte werden bei ihr alles wieder gut machen. – Ich bitte Dich, mein Vater.«

»So muß ich gehen und um Deines Fehlers willen um Verzeihung bitten, nicht?« entgegnete Western. »Der Haase ist fort, Du hast die Spur verloren und ich muß überall herumsuchen, um sie wieder zu finden? Freilich, wenn ich gewiß wüßte –« Hier hielt er inne und Sophie, die jetzt noch mehr bat, überredete ihn endlich, so daß er, nach einigen bittern sarcastischen Aeußerungen gegen seine Tochter, so schnell als er konnte davon eilte, um seine Schwester noch wieder zu gewinnen, ehe ihre Equipage in Bereitschaft gesetzt wäre.

Sophie kehrte dann in ihr Trauergemach zurück, wo sie sich ihrem zärtlichen Kummer überließ und so zu sagen darin schwelgte. Sie las mehr als einmal den Brief, den sie von Jones empfangen hatte; auch ihren Muff liebkoste sie und zerfloß dabei fast in Thränen. Bei dieser Gelegenheit erschöpfte die freundliche Mamsell Honour ihr ganzes 169 Talent, um ihre betrübte Herrin zu trösten. Sie zählte die Namen vieler junger Herren auf und rieth Sophien, nachdem sie vieles zu deren Empfehlung beigebracht, einen daraus zu wählen. Solche Heilmethoden müssen jedenfalls in ähnlichen Fällen mit einigem Erfolge angewendet worden sein, sonst würde ein so geschickter Praktiker, wie Mamsell Honour, nicht gewagt haben, die Zuflucht dazu zu nehmen; ja ich habe gehört, daß das Collegium der Kammermädchen sie für vorzüglicher hält als irgend eine, die das Receptbuch der Frauen aufzuweisen hat; aber ob nun Sophiens Krankheit ihrem innern Wesen nach von den Fällen, mit denen sie nach ihren äußern Symptomen zu urtheilen Aehnlichkeit hatte, verschieden war, will ich nicht bestimmen; allein so viel ist Thatsache, daß das gute Kammermädchen mehr Schaden als Nutzen stiftete und ihre Gebieterin endlich so sehr reizte (was sonst nicht leicht geschah), daß diese ihr in einem zornigen Tone befahl, sie allein zu lassen.

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