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Die Geschichte des Tom Jones / Theil II

Henry Fielding: Die Geschichte des Tom Jones / Theil II - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Geschichte des Tom Jones / Theil I
authorHenry Fielding
year1848
firstpub1749
translatorDr. A. Diezmann
publisherGeorg Westermann
addressBraunschweig
titleDie Geschichte des Tom Jones / Theil II
pages239
created20080529
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Drittes Kapitel.

Worin Alle, die kein Herz haben, viel Lärmen um nichts finden werden.

Der Leser wird vielleicht meinen, die Empfindungen, welche jetzt in Jones erwachten, müßten so zart und lieblich gewesen sein, daß sie eher eine freudige und heitere Stimmung seines Gemüths, als irgend eine der von uns angedeuteten gefährlichen Wirkungen zur Folge gehabt haben könnten; allein in der That sind Empfindungen der Art, so lieblich sie auch sein mögen, von sehr stürmischer Natur und haben wenig Beruhigendes. Sie wurden ferner im gegenwärtigen Falle durch gewisse Umstände verbittert, die, in Verbindung mit süßeren Ingredienzien, gleichsam ein bittersüßes Compositum bildeten; und so wie es für den 14 Gaumen nichts Widerlicheres geben kann als dies, so berührt auch, im metaphorischen Sinne genommen, nichts unangenehmer das Gemüth.

Denn für's Erste war er, obschon er hinreichende Ursache hatte, sich durch seine, in Betreff Sophiens gemachten Wahrnehmungen geschmeichelt zu fühlen, noch nicht frei von Zweifel, ob er nicht Theilnahme, oder besser, Hochschätzung, für ein innigeres Gefühl genommen habe. Er war fern davon, mit sanguinischer Zuversichtlichkeit zu glauben, daß Sophie solche Gefühle gegen ihn hege, die seinen Neigungen jene Befriedigung in Aussicht stellten, wonach sie, wenn sie genährt würden, am Ende streben würden. Ueberdies, wenn er auch von Seiten der Tochter kein Hinderniß zu erfahren hoffen konnte, so glaubte er doch gewiß auf ein bedeutendes bei dem Vater zu stoßen, der, wenn gleich Landedelmann hinsichtlich seiner Lebensweise, doch ein wahrer Weltmann war, wo es auf sein Vermögen ankam, der außerordentlich für seine einzige Tochter eingenommen war und, wenn er etwas getrunken, oft auf die Freude angespielt hatte, die es ihm gewähren würde, sie an einen der reichsten Männer in der Grafschaft verheirathet zu sehen. Jones war kein so eitler Thor, um zu erwarten, daß Western, so sehr dieser ihn auch auszeichnete, jemals seine Ansichten von dem Glücke seiner Tochter aufgeben würde. Er wußte recht wohl, daß Vermögen, wo nicht die einzige, doch die Hauptrücksicht ist, welche auch die besten Eltern in diesen Angelegenheiten zu bestimmen pflegt: denn Freundschaft macht, daß wir uns mit Wärme des Vortheils Anderer annehmen; allein sie läßt uns kalt, wenn es die Befriedigung ihrer Leidenschaften gilt. In der That ist es nothwendig, um das aus diesen hervorgehende Glück zu fühlen, daß wir sie selbst besitzen. Da er demnach keine Hoffnung hatte, ihres Vaters 15 Zustimmung zu erhalten, so ging er mit dem Gedanken um, seinen Zweck ohne dieselbe zu erreichen, und auf solche Weise den großen Lebenszweck Western's vereiteln, hieß einen argen Mißbrauch von seiner Gastfreundschaft machen und die vielen kleinen Beweise seines Wohlwollens (wenn auch in rauher Weise ertheilt) mit herbem Undank lohnen. Wenn ihn ein solcher Ausgang mit Schauder und Abscheu erfüllte, um wie viel mehr fühlte er sich betroffen, wenn er an Allworthy dachte; denn so wie er diesem mehr als einem Vater verdankte, so hegte er auch gegen ihn mehr als kindliche Verehrung. Er kannte den Charakter dieses guten Mannes als jeder niedrigen und treulosen Handlung in dem Grade abhold, daß der geringste Versuch dazu ihm den Anblick des Schuldigen auf immer verhaßt und den Klang seines Namens widerwärtig machen würde. Die Gegenwart so unüberwindlicher Schwierigkeiten wäre hinreichend gewesen, ihn zur Verzweiflung zu bringen, mochten seine Wünsche auch noch so glühend sein; allein selbst diese wurden von dem Mitleiden mit einem andern Weibe in Schranken gehalten. Der Gedanke an die liebliche Molly drängte sich ihm jetzt gewaltsam auf. In ihren Armen hatte er ihr ewige Treue geschworen und sie hatte eben so oft gelobt, seine Untreue nicht zu überleben. Nun malte er sich ihren Tod in den schrecklichsten Gestalten; ja er dachte sich all das Elend eines schandbaren Lebens, dem sie sich ergeben könnte und wovon er die Ursache sein würde, für's Erste weil er sie verführt und dann weil er sie verlassen hätte: denn er wußte, wie sehr alle ihre Nachbarn und sogar ihre Schwestern sie haßten und wie gern sie alle zu ihrem Verderben beitragen würden. Er hatte sie in der That mehr dem Neide als der Schande ausgesetzt, oder vielmehr der letztern mittelst des erstern: denn viele Frauen schimpften sie eine Hure, während sie dieselbe um ihren Geliebten und 16 ihren Putz beneideten und diese recht gern um denselben Preis erkauft haben würden. Der Untergang des armen Mädchens war demnach, das sah er, wenn er sie verließ, unvermeidlich; und dieser Gedanke lastete schwer auf seinem Herzen. Armuth und Noth, meinte er, gäben keinem ein Recht, diese Drangsale noch zu erhöhen. Die Niedrigkeit ihres Standes ließ ihm ihr Unglück nicht unbedeutend erscheinen, noch schien sie seine Schuld zu rechtfertigen oder auch nur zu entschuldigen. Aber was spreche ich von Rechtfertigung? Sein eigenes Herz würde es nicht zugelassen haben, ein menschliches Wesen zu verderben, von dem er dachte, daß es ihn liebte und das dieser Liebe seine Unschuld geopfert hatte. Sein eigenes gutes Herz vertheidigte ihre Sache; nicht wie ein kalter feiler Sachwalter, sondern wie einer, der selbst Interesse am Ausgange hat.

Nachdem dieser mächtige Schutzredner dadurch, daß er die arme Molly in allen Lagen des Elends dargestellt, Jones' Mitleiden hinlänglich rege gemacht hatte, rief er listiger Weise noch eine andere Leidenschaft zu Hilfe und schilderte das Mädchen in all den lieblichen Farben der Jugend, Gesundheit und Schönheit, als einen würdigen Gegenstand des Verlangens, zumal für ein weiches Gemüth, da sie zu gleicher Zeit ein Gegenstand des Mitleids war.

Unter diesen Gedanken verbrachte der arme Jones eine lange schlaflose Nacht und am Morgen war das Resultat des Ganzen, Molly treu zu bleiben und an Sophien nicht mehr zu denken.

Bei diesem tugendhaften Entschlusse beharrte er den ganzen nächsten Tag bis zum Abend, indem er sich nur mit Molly beschäftigte und jeden Gedanken an Sophien fern hielt; allein an diesem verhängnißvollen Abende versetzte ein geringfügiger Umstand alle seine Leidenschaften wieder in Aufruhr und brachte eine so gänzliche 17 Sinnesänderung in ihm hervor, daß wir es für passend halten, die Mittheilung davon in einem neuen Kapitel zu machen.

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