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Die Geschichte des Tom Jones / Theil II

Henry Fielding: Die Geschichte des Tom Jones / Theil II - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Geschichte des Tom Jones / Theil I
authorHenry Fielding
year1848
firstpub1749
translatorDr. A. Diezmann
publisherGeorg Westermann
addressBraunschweig
titleDie Geschichte des Tom Jones / Theil II
pages239
created20080529
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Drittes Kapitel.

Enthält verschiedene Gespräche.

An dem Morgen, an welchem Herr Jones abreiste, rief Fräulein Western Sophien zu sich auf ihr Zimmer und 155 hielt ihr, nachdem sie ihr zuerst mitgetheilt, daß sie ihr die Freiheit bei ihrem Vater ausgewirkt hätte, eine lange Vorlesung über die Ehe, die sie keineswegs als ein romantisches Gemälde von Liebesglück darstellte, wie die Dichter gethan haben; auch erwähnte sie keine jener Zwecke, nach denen sie, wie die Geistlichen lehren, ein Fonds ist, in welchem kluge Frauen ihr Vermögen gegen die besten Zinsen anlegen.

Nachdem Fräulein Western geendet hatte, antwortete Sophie, »daß sie keineswegs mit einer Dame, die so überlegene Kenntnisse und Erfahrung wie ihre Tante hätte, zu streiten im Stande wäre, namentlich über einen Gegenstand, wie die Ehe, über den sie so wenig nachgedacht hätte.«

»Streiten, mit mir, Kind!« erwiederte die andere: »das erwartete ich auch nicht. Ich müßte wahrhaftig sehr wenig Gewinn davon haben, daß ich die Welt gesehen habe, wenn ich mit einer von Deinen Jahren mich auf Streiten einlassen wollte. Ich habe mir diese Mühe genommen, um Dich zu belehren. Die alten Philosophen, als Sokrates, Alcibiades und andere, pflegten sich nicht mit ihren Schülern zu streiten. Du hast mich, Kind, wie Sokrates zu betrachten, wie er frage ich nicht nach Deiner Meinung, sondern will Dich von der meinigen unterrichten.« Aus diesen letzten Worten dürfte der Leser vielleicht abnehmen, daß diese Dame von der Philosophie des Sokrates nicht mehr gelesen hat, als von der des Alcibiades; in der That können wir in dieser Hinsicht seine Neugier nicht befriedigen.

»Tante«, rief Sophie, »ich habe mich nie unterstanden, irgend eine Ihrer Meinungen zu bestreiten; und was diesen Gegenstand anlangt, so habe ich, wie ich gesagt, noch nie darüber nachgedacht, und dürfte es vielleicht auch nie thun.«

156 »Nun wahrhaftig, Sophie,« erwiederte die Tante, »diese Verstellung gegen mich ist sehr thöricht. Die Franzosen sollen mich eben so leicht überreden, daß sie blos zur Vertheidigung ihres Landes fremde Städte erobern, als Du mich glauben machen kannst, Du hättest noch nie ernstlich über die Ehe nachgedacht. Wie kannst Du leugnen wollen, Kind, daß Du daran gedacht hast eine Verbindung einzugehen, wenn Du so wohl weißt, daß mir die von Dir beabsichtigte Partie bekannt ist? – eine Verbindung, die so unnatürlich und Deinem Interesse so zuwider ist, wie ein Separatvertrag mit den Franzosen es dem Interesse der Holländer sein würde? Wenn Du aber dennoch über diesen Gegenstand noch nicht nachgedacht hättest, so sage ich Dir, daß es nun hohe Zeit ist, es zu thun; denn mein Bruder ist entschlossen, den Contract mit Herrn Blifil unverzüglich abzuschließen, und ich habe eine Art Bürgschaft in der Sache übernommen und Deine Zustimmung versprochen.«

»Dies, Tante,« rief Sophie, »ist gerade der einzige Fall, in welchem ich Ihnen sowohl wie meinem Vater ungehorsam sein muß. Denn das ist eine Heirath, zu deren Verweigerung es von meiner Seite sehr wenig Ueberlegung bedarf.«

»Hätte ich es in der Philosophie nicht eben so weit gebracht, wie Sokrates selbst,« versetzte Fräulein Western, »so könntest Du meine Geduld ermüden. Was kannst Du gegen den jungen Mann einzuwenden haben?«

»Sehr Wichtiges, meinem Dafürhalten nach«, sagte Sophie. – »Ich hasse ihn.«

»Wirst Du nie die Worte in ihrer richtigen Bedeutung gebrauchen lernen?« war die Antwort der Tante. »Wirklich, Kind, Du solltest Bailey's Wörterbuch studiren. Es ist unmöglich, daß Du einen Mann hassen kannst, von 157 dem Du keine Beleidigung empfangen hast. Unter Haß verstehst Du daher nichts weiter als Abneigung, und dies ist kein genügender Einwand gegen eine Verheirathung mit ihm. Ich habe viele Eheleute gekannt, die sich einander durchaus nicht leiden konnten, und doch ein recht angenehmes und anständiges Leben führten. Glaube mir, Kind, ich kenne das besser, als Du. Du wirst mir, denke ich, zugeben, daß ich die Welt gesehen habe, und da habe ich denn nicht eine unter meinen Bekannten gefunden, die ihrem Gatten wohl nicht eher abgeneigt als zugethan gewesen wäre. Das Entgegengesetzte ist so altmodischer romanhafter Unsinn, daß der bloße Gedanke daran anekelt.«

»Im Ernst, Tante«, entgegnete Sophie, »ich werde nie einen Mann heirathen, den ich nicht leiden kann. Wenn ich meinem Vater das Versprechen gebe, nie eine Heirath gegen seinen Willen einzugehen, so denke ich doch hoffen zu dürfen, daß er mich nie zu einer Heirath gegen meine Neigung zwingen wird.«

»Neigung!« rief die Tante etwas gereizt, »Neigung! Ich erstaune über Deine Unverschämtheit. Ein junges Frauenzimmer von Deinem Alter, und unverheirathet, von Neigung zu reden! Aber, welche Bewandtniß es immer mit Deiner Neigung haben möge, mein Bruder ist entschlossen; ja, da Du von Neigung redest, werde ich ihm rathen, den Abschluß zu beschleunigen. Neigung!«

Sophie warf sich ihr zu Füßen und Thränen träufelten aus ihren glänzenden Augen. Sie bat ihre Tante, Mitleiden mit ihr zu haben und ihr ihre Weigerung nicht so grausam entgelten zu lassen, daß sie sie unglücklich mache; auch führte sie zu wiederholten Malen an, daß sie ja allein betheiligt wäre und daß nur ihr Glück auf dem Spiele stünde.

158 Gleichwie der Scherge, wenn er, autorisirt durch seinen Verhaftbefehl, sich der Person des unglücklichen Schuldners bemächtigt hat, bei allen dessen Thränen ungerührt bleibt, trotz der Versuche des armen Gefangenen, sein Mitleid rege zu machen, trotz seines Widerstrebens, als dessen Grund er die Verlassenheit des zarten Weibes, des kleinen plaudernden Knaben oder des erschrockenen Mädchens anführt; gleichwie dieser, gegen alles Elend blind und taub, sich über jede Regung der Menschlichkeit hinwegsetzend, seine unglückliche Beute den Händen des Gefangenwärters zu überliefern beschließt, so war die politische Tante blind gegen die Thränen und taub gegen die Bitten Sophiens, nicht minder entschlossen, die zitternde Jungfrau den Armen Blifil's auszuliefern. Sie antwortete mit großer Heftigkeit: »Was das anlangt, Fräulein, daß Du allein betheiligt seist, so ist Dein Interesse im geringsten dabei im Spiele, oder sicherlich das am wenigsten wichtige. Die Ehre Deiner Familie ist es, die bei dieser Verbindung betheiligt ist; Du bist blos das Werkzeug. Meinst Du, Fräulein, daß bei einer Heirathsverbindung zweier Königreiche, wie wenn eine Tochter Frankreichs nach Spanien verheirathet wird, die Prinzessin allein berücksichtigt werde? Nein, es ist vielmehr eine Ehe zwischen zwei Königreichen, als zwischen zwei Personen. Derselbe Fall ist es mit großen Familien, wie die unsrige. Die Verbindung zwischen den Familien ist die Hauptsache. Du solltest mehr Rücksicht auf die Ehre Deiner Familie nehmen, als auf Deine Person; und wenn Dich das Beispiel einer Prinzessin nicht zu so edeln Gesinnungen entflammen kann, so sollst Du Dich wenigstens nicht beklagen, schlechter als irgend eine behandelt worden zu sein.

»Ich hoffe, Tante,« rief Sophie mit etwas erhobener Stimme, »nie etwas zu thun, was meiner Familie zur Unehre gereichen wird; aber was Herrn Blifil betrifft, so 159 habe ich mich, was auch immer die Folgen sein mögen, gegen ihn entschieden und keine Macht soll mich zu seinen Gunsten bestimmen.«

Western, der sich in der Nähe aufgehalten und den größeren Theil des vorausgehenden Gesprächs mit angehört hatte, trat jetzt, als seine ganze Geduld erschöpft war, in heftiger Bewegung in das Zimmer und rief: »Verflucht will ich sein, wenn Du ihn nicht nehmen sollst, verflucht will ich sein, wenn Du nicht sollst, und damit Punktum – damit Punktum; verflucht will ich sein, wenn Du nicht sollst.«.

Fräulein Western hatte ein ziemliches Maaß Zorn gegen Sophien gesammelt; aber sie leerte es jetzt bis zum Boden gegen den Squire aus. »Bruder,« sagte sie, »ich muß erstaunen, daß Du Dich in eine Angelegenheit einmischest, die Du mir allein zur Ausgleichung überlassen hattest. Rücksichten gegen meine Familie haben mich vermocht, die Rolle der Vermittelung zu übernehmen, um jene Verstöße gegen die Klugheit, die Du Dir bei der Erziehung Deiner Tochter hast zu Schulden kommen lassen, wieder gut zu machen. Denn, Bruder, Du bist es – Dein widersinniges Benehmen ist es gewesen, wodurch all der gute Saamen, den ich früherhin in ihr zartes Gemüth gestreut hatte, wieder ausgerottet worden ist. Du selbst hast sie diesen Ungehorsam gelehrt« – »Hölle und Teufel!« rief der Squire, schäumend vor Wuth, »Du könntest den Teufel um seine Geduld bringen! Habe ich jemals meine Tochter gelehrt, ungehorsam zu sein? – Hier steht sie. – Sprich ehrlich, Mädchen; hieß ich Dich jemals ungehorsam gegen mich sein? Habe ich Dir nicht alles zu Gefallen gethan, damit Du mir folgen solltest? Und sie war mir sehr gehorsam, wie sie noch ein kleines Kind war, ehe Du sie in Deine Hände bekamst und sie verzogst und ihr den Kopf mit einem 160 Haufen Hofideen verdrehtest. Wie, – wie, – wie, – hörte ich Dich nicht zu ihr sagen, sie müßte sich wie eine Prinzessin betragen? Du hast eine Whig aus dem Mädchen gemacht; wie soll da ihr Vater, oder sonst jemand, Gehorsam von ihr erwarten?« – »Bruder,« antwortete Fräulein Western mit einem Ausdrucke tiefer Verachtung, »ich vermag die Verachtung, die ich gegen alle Deine Politik hege, nicht auszusprechen; aber ich will mich gleichfalls auf die junge Dame selbst berufen, ob ich ihr Lehren des Ungehorsams beigebracht habe. Im Gegentheil, Nichte, habe ich Dir nicht einen richtigen Begriff von den verschiedenen Verwandtschaften, in denen menschliche Geschöpfe in gesellschaftlicher Beziehung zu einander stehen, beizubringen gesucht? Habe ich mir nicht unendliche Mühe gegeben, Dir zu beweisen, daß das Naturgesetz Kindern Pflichten gegen ihre Eltern aufgelegt hat? Habe ich Dich nicht gelehrt, was Plato über diesen Gegenstand sagt; – einen Gegenstand, mit dem Du so durchaus unbekannt warest, als Du zuerst unter meine Aufsicht kamst, daß ich wirklich glaube, Du wußtest nichts von einer Verwandtschaft zwischen einer Tochter und einem Vater.« – »Das ist eine Lüge,« antwortete Western. »Das Mädchen ist nicht so dumm, daß sie bis ins elfte Jahr gelebt hätte, ohne zu wissen, daß sie mit ihrem Vater verwandt wäre.« – »O! mehr als Gothische Unwissenheit!« antwortete die Lady. »Und was Deine Manieren betrifft, Bruder, so muß ich Dir sagen, daß sie den Stock verdienen.« – »Ei so magst Du mir ihn geben, wenn Du Dich tüchtig dazu fühlst,« rief der Squire: »ja ich glaube, Deine Nichte würde Dir bereitwillig beistehen.« – »Bruder«, sagte Fräulein Western, »obgleich ich Dich über alle Ausdrücke verachte, so werde ich doch Deine Unverschämtheit nicht länger ertragen; ich wünsche daher, daß mein Wagen sogleich in Bereitschaft gesetzt werde, denn ich bin 161 entschlossen, noch diesen Morgen Dein Haus zu verlassen.« – »Und mich zu befreien obendrein,« antwortete er; »ich kann Deine Unverschämtheit nicht länger ertragen, daß Du es nur weißt. Verdammt! reicht es nicht allein schon hin, meinen Verstand in den Augen meiner Tochter herabzusetzen, wenn sie Dich jede Minute sagen hört, Du verachtest mich?« – »Es ist unmöglich, es ist unmöglich,« rief die Tante; »niemand kann einen solchen Bauer herabsetzen.« – »Bauer!« erwiederte der Squire, »ich bin kein Bauer; nein, auch kein Esel; und auch keine Ratte, Fräulein. Merke Dir das – auch keine Ratte. Ich bin ein ächter Engländer und nicht von Deiner hannöverschen Brut, die die Nation aufgefressen hat.« – »Du bist einer von jenen weisen Männern,« rief sie, »deren unsinnige Grundsätze der Nation zum Verderben gewesen sind, indem sie im Lande unsrer Regierung Fesseln anlegten und auswärts unsere Freunde entmuthigten und unsern Feinden Muth machten.« – »Ho! kommst Du schon wieder mit Deiner Politik?« rief der Squire: »die gilt mir nicht mehr wie ein –.« Dabei machte er eine Bewegung, durch die er das Wort, das er nicht aussprechen wollte, nicht deutlicher hätte bezeichnen können. Fräulein Western fühlte sich, ob mehr durch die gegen ihre Politik ausgedrückte Verachtung, oder die Art und Weise wie dies geschah, will ich nicht entscheiden, so sehr beleidigt, daß sie in die heftigste Wuth gerieth, Reden ausstieß, die sich nicht eignen hier wiederholt zu werden und in der größten Hast zum Hause hinauslief. Auch dachte weder ihr Bruder noch ihre Nichte daran, sie aufzuhalten oder ihr zu folgen; denn die eine war so befangen in ihrem Kummer, der andere in seinem Aerger, daß sie beide sich kaum rührten.

Der Squire sendete seiner Schwester denselben Ausruf nach, mit dem er einen Hasen zu begrüßen pflegte, wenn 162 er plötzlich vor den Hunden aufspringt. Er war überhaupt ein großer Meister in Ausrufungen und hatte eine passende für beinahe jedes Ereigniß im Leben.

Frauen, die, wie Fräulein Western, die Welt kennen und sich mit Philosophie und Politik beschäftigt haben, würden sich Herrn Western's gegenwärtige Stimmung sogleich zu Nutze gemacht und ihm auf Kosten seiner abwesenden Gegnerin schlau einiges Verbindliche über seine vernünftigen Ansichten gesagt haben, aber dazu war die arme Sophie zu einfach. Mit diesem Worte wollen wir dem Leser nicht etwa zu verstehen geben, daß sie einfältig gewesen wäre, was mit einfach gemeiniglich für synonym gilt. Denn sie war in der That ein sehr kluges Mädchen und ihr Verstand von ganz vorzüglicher Schärfe; aber es gebrach ihr ganz und gar an jener nützlichen List, welche Frauen auf so viele gute Zwecke im Leben verwenden, und welche, da sie mehr vom Herzen als vom Kopfe ausgeht, oftmals die Eigenschaft der einfältigsten Frauen ist.

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