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Die Geschichte des Tom Jones / Theil II

Henry Fielding: Die Geschichte des Tom Jones / Theil II - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Geschichte des Tom Jones / Theil I
authorHenry Fielding
year1848
firstpub1749
translatorDr. A. Diezmann
publisherGeorg Westermann
addressBraunschweig
titleDie Geschichte des Tom Jones / Theil II
pages239
created20080529
sendergerd.bouillon@t-online.de
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152 Zweites Kapitel.

Herr Jones hält ein Selbstgespräch.

Jones erhielt seine Sachen von Herrn Allworthy am andern Morgen früh mit der folgenden Antwort auf seinen Brief:

»Mein Herr,

»Im Auftrage meines Oheims melde ich Ihnen, daß er nicht ohne die reiflichste Ueberlegung und ohne die vollste Ueberzeugung von Ihrer Unwürdigkeit zu den gegen Sie genommenen Maßregeln schritt, und daß es nie in Ihrer Macht stehen werde, ihn zur geringsten Aenderung in seinem Entschlusse zu vermögen. Er drückt seine große Verwunderung über Ihre Anmaßung aus, die Sie in den Worten an den Tag legen, daß Sie allen Ansprüchen auf eine junge Dame entsagt hätten, auf deren Besitz Sie unmöglich jemals Ansprüche haben konnten, da sie vermöge ihrer Geburt und ihres Vermögens unendlich weit über Ihnen steht. Endlich soll ich Ihnen sagen, daß mein Oheim nur das als Beweis Ihrer Fügung in seinen Willen ansehen wird, daß Sie unverzüglich dieses Land verlassen. Ich kann nicht schließen, ohne Ihnen meinen Rath, den Rath eines Christen, anzubieten, daß Sie nämlich ernstlich daran denken mögen, Ihren Lebenswandel zu bessern. Daß Ihnen die Gnade des Himmels darin beistehen möge, ist das Gebet

»Ihres ergebenen Dieners
»W. Blifil.«
       

Viele einander widerstreitende Leidenschaften wurden durch diesen Brief in unseres Helden Seele erweckt; aber die sanften behielten endlich die Oberhand über die stürmischen, und ein Strom von Thränen erleichterte ihn zu 153 rechter Zeit und verhinderte vielleicht, daß ihm sein Unglück die Fassung raubte oder ihm das Herz brach.

Bald erwachte indessen die Schaam über seine Schwäche; er raffte sich auf und rief: »Wohlan denn, ich will Herrn Allworthy den verlangten Beweis meines Gehorsams geben; ich will mich sogleich aufmachen – aber wohin? – Wie? das gute Glück mag mich führen; da niemand auf dieser Welt ist, den es kümmert, was aus mir wird, so soll es mir auch gleichgültig sein. Soll ich allein mich kümmern, da sonst niemand – Ha! habe ich nicht Ursache zu glauben, daß es doch jemanden giebt? – eine, die mir mehr gilt als die ganze Welt! – Ich darf, ich muß annehmen, daß es meiner Sophie nicht gleichgültig ist, was aus mir wird. Soll ich also diese einzige Freundin verlassen – solch eine Freundin verlassen? Soll ich nicht bei ihr bleiben? – Wo – wie kann ich in ihrer Nähe bleiben? Habe ich die entfernteste Hoffnung, sie je zu sehen, wenn sie es auch so sehnlich wünscht wie ich selbst, ohne sie dem Zorne ihres Vaters auszusetzen? und zu welchem Ende? Kann ich daran denken, solch ein Wesen zu bestimmen, daß es sich in sein Verderben stürzt! Soll ich einer Leidenschaft nachgeben, die ein solches Opfer fordert? Soll ich in dieser Gegend wie ein Dieb mit solchen Plänen herumschleichen? Nein, ich verachte, ich verabscheue den Gedanken. Lebe wohl, Sophie; lebe wohl, Du Holde, Du Geliebteste« – hier versagte ihm die Sprache und seine Gemüthsbewegung machte sich durch Thränen Luft.

Und jetzt, da er den Entschluß gefaßt hatte, das Land zu verlassen, fing er an mit sich zu Rathe zu gehen, wohin er sich wenden sollte. Die ganze Welt, wie Milton sagt, lag vor ihm, und Jones hatte niemanden, bei dem er Trost oder Beistand suchen konnte. Alle seine Bekannten waren die Bekannten Allworthy's; und von diesen durfte 154 er auf keine Unterstützung rechnen, da ihm Letzterer seine Gunst entzogen hatten. Männer von erhabenem und gutem Charakter sollten wirklich sehr vorsichtig darin sein, wie sie solche, die von ihnen abhängig sind, von sich entfernen; denn die Folge für diese Unglücklichen ist, daß sich alle andern von ihnen zurückziehen.

Eine zweite Frage war nun, was er ergreifen, welche Laufbahn er einschlagen sollte: und in dieser Hinsicht bot ihm die Zukunft eine traurige und öde Aussicht. Jeder Erwerbszweig erforderte Zeit, und was das Schlimmste war, Geld; denn so ist nun einmal die Einrichtung der Dinge, daß der Grundsatz »aus nichts kann nichts werden« in der Natur eben so Anwendung findet als im Staate; und ein jeder, dem es an Gelde fehlt, ist darum aller Mittel beraubt, welches zu erwerben.

Endlich öffnete der Ocean, dieser gastliche Freund der Bedrängten, seine weiten Arme, ihn aufzunehmen, und er faßte sogleich den Entschluß, seine freundliche Einladung anzunehmen. Um mich weniger figürlich auszudrücken, er nahm sich vor, zur See zu gehen.

Dieser Gedanke hatte sich ihm in der That kaum dargeboten, als er ihn mit Begierde erfaßte. Er miethete sogleich Pferde und machte sich nach Bristol auf, ihn zur Ausführung zu bringen.

Doch ehe wir ihn auf dieser Expedition begleiten, wollen wir ein wenig im Hause des Herrn Western verweilen, um zu sehen, wie es der lieblichen Sophie erging.

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