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Die Geschichte des Tom Jones / Theil II

Henry Fielding: Die Geschichte des Tom Jones / Theil II - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Geschichte des Tom Jones / Theil I
authorHenry Fielding
year1848
firstpub1749
translatorDr. A. Diezmann
publisherGeorg Westermann
addressBraunschweig
titleDie Geschichte des Tom Jones / Theil II
pages239
created20080529
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Erstes Kapitel.

Eine Vergleichung der Welt mit der Bühne.

Die Welt ist oft mit einem Theater verglichen worden, und viele Schriftsteller, Prosaiker sowohl als Dichter, haben das menschliche Leben als ein großes Drama, fast in jeder Beziehung als jenen theatralischen Darstellungen gleichend, dargestellt, welche Thespis zuerst erfunden haben soll und welche in allen gebildeten Ländern mit so viel Beifall und Entzücken aufgenommen worden sind.

Dieser Gedanke ist so weit ausgedehnt und so allgemein geworden, daß manche technische Theaterausdrücke, die anfangs metaphorisch auf die Welt übergetragen wurden, jetzt ohne Unterschied und wörtlich von beiden gebraucht werden: so sind uns Bühne und Scene durch ihre gemeinschaftliche Anwendung eben so gewöhnlich geworden, wenn wir vom Leben im Allgemeinen sprechen, als wenn wir uns auf dramatische Darstellungen beschränken; und wenn von Verhandlungen hinter dem Vorhange die Rede ist, so fällt uns wohl eher St. James als Drurylane ein.

Das alles scheint sich ziemlich leicht erklären zu lassen, wenn man erwägt, daß das Schauspiel nichts weiter ist, 148 als eine Darstellung, oder, wie sich Aristoteles ausdrückt, eine Nachahmung desjenigen, was in der Wirklichkeit existirt; und daher könnten wir schon jenen Schriftstellern ein großes Compliment machen, die durch ihre Schriften oder Schilderungen das Leben so nachzuahmen vermochten, daß ihre Gemälde gewissermaßen mit den Originalen verwechselt wurden.

Aber wir sind wirklich nicht so freigebig mit Complimenten gegen diese Leute, mit denen wir umgehen, wie häufig Kinder mit ihren Spielsachen, indem wir sie lieber auszischen und auspfeifen, als ihre Geschicklichkeit bewundern. Es giebt noch manche andere Gründe, aus denen uns die Analogie zwischen der Welt und der Bühne gerechtfertigt erscheint.

Manche haben den größeren Theil der Menschen mit Schauspielern verglichen, weil sie fremde Charaktere darstellen, die ihnen eben so wenig eigen sind, als der Schauspieler wirklich der König oder Kaiser ist, dessen Rolle er giebt. Auf diese Art kann ein Heuchler ein Schauspieler genannt werden; und in der That benennen die Griechen beide mit einem und demselben Namen.

Die Kürze des Lebens hat gleichfalls Gelegenheit zu dieser Vergleichung gegeben. So sagt der unsterbliche Shakspeare –

Das Leben gleicht einem armen Schauspieler,
Der sich sein Stündchen auf der Bühne brüstet und ereifert,
Und dann nicht weiter gehört wird.

In allen solchen Vergleichungen zwischen dem Leben und dem Theater ist die Aehnlichkeit stets von der Bühne allein hergenommen. Niemand hat, so viel ich mich erinnere, irgend wie auf die Zuschauer bei diesem großen Drama Rücksicht genommen.

Allein da die Natur oft ihre besten Vorstellungen vor 149 einem vollen Hause giebt, so wird das Benehmen ihrer Zuschauer die oben erwähnte Vergleichung nicht weniger zulassen als das ihrer Schauspieler. In diesem großen Theater der Zeit saßen der Freund und der Kritiker; und da ward geklatscht und gejubelt und gepfiffen und gezischt, kurz da war alles, was man je in dem königlichen Theater gesehen oder gehört hat.

Lassen Sie uns das an einem Beispiele sehen, und zwar an dem Benehmen der Zuschauer bei jener Scene, welche die Natur im zwölften Kapitel des vorhergehenden Buches darstellte, wo sie den schwarzen Georg vorführte, wie er seinem Freunde und Wohlthäter mit den 500 £ davonging.

Diejenigen, welche in der obersten Gallerie der Welt saßen, behandelten diesen Vorfall, davon bin ich fest überzeugt, auf ihre gewöhnliche lärmende Weise, und es wurde bei dieser Gelegenheit wahrscheinlich kein pöbelhafter Ausdruck des Vorwurfs gespart.

Wären wir zur nächsten Abtheilung der Zuschauer herabgestiegen, so würden wir einen gleichen Grad von Abscheu, obgleich weniger Geschrei und Gemeinheit wahrgenommen haben; und dennoch überantworteten hier die guten Frauen den schwarzen Georg dem Teufel und viele derselben erwarteten jede Minute, daß der Herr mit dem Pferdefuße sich seines Eigenthums versichern würde.

Das Parterre war ohne Zweifel, wie gewöhnlich, getheilt: diejenigen, welche nur an aufopfernder Tugend und Vollkommenheit des Charakters Gefallen finden, verwarfen die Vorführung solcher Beispiele von Bosheit, ohne zugleich die strenge Bestrafung derselben mit folgen zu lassen. Einige Freunde des Autors riefen: »Ja, meine Herren, der Mann ist ein Bösewicht; im Ganzen ist die Sache aber doch natürlich.« Und alle jungen Kritiker, 150 Schreiber, Lehrlinge u. s. w. nannten es gemein und fingen an zu seufzen.

Was die Logen anlangt, so benahmen die sich in ihrer gewohnten höflichen Weise. Die meisten erwarteten noch weiter etwas. Einige wenige, die die Scene auf irgend eine Weise beachteten, erklärten, daß er ein schlechter Mensch wäre, während andere mit ihrer Meinung zurückhielten, bis sie die der besten Kunstrichter gehört haben würden.

Wir nun, die wir hinter den Coulissen dieses großen Theaters der Natur Zutritt haben (und kein Schriftsteller, der nicht dieses Privilegium hat, sollte etwas Anderes schreiben als Wörterbücher und Abcbücher), wir können die Handlung beurtheilen, ohne einen unbedingten Abscheu gegen die Person zu fasse, die die Natur vielleicht nicht für alle ihre Dramen zu schlechten Rollen bestimmt hat; denn in dieser Beziehung gleicht das Leben ganz genau der Bühne, indem oft die nämliche Person den Bösewicht und den Helden darstellt: und der sich heut eure Bewunderung erwirbt, wird sich vielleicht morgen eure Verachtung zuziehen. So wie Garrick, den ich im Trauerspiele für das größte Genie halte, das die Welt jemals hervorgebracht hat, sich bisweilen dazu hergiebt, den Narren zu spielen, so machte es, nach Angabe des Horaz, einst Scipio der Große und Lälius der Weise; ja Cicero berichtet über sie, daß sie »ungemein kindisch« gewesen wären. Diese spielten freilich, gleichwie mein Freund Garrick, den Narren nur im Scherze; aber verschiedene eminente Charaktere haben in unzähligen Fällen ihres Lebens den Narren ganz vortrefflich im Ernste dargestellt; so zwar, daß es einigermaßen zweifelhaft wurde, ob ihr Verstand oder ihre Narrheit das Uebergewicht hatte, oder ob sie mehr Beifall oder Tadel, Bewunderung oder Verachtung, Liebe oder Haß verdienten.

Diejenigen Personen also, welche irgend eine Zeitlang 151 hinter der Coulisse dieses großen Theaters verweilt haben und nicht allein mit den mannigfachen Verkleidungen, welche dort vorgenommen werden, sondern auch mit dem fantastischen und launenhaften Wesen der Leidenschaften, in deren Händen die oberste Leitung dieses Theaters ist (denn die Vernunft, welche eigentlich das Privilegium hat, ist eine sehr müßige Person und macht sich selten geltend), vollkommen vertraut sind, werden höchst wahrscheinlich das bekannte nil admirari des Horaz verstehen gelernt haben.

Eine einzige schlechte Handlung stempelt eben so wenig einen Bösewicht im Leben, als eine einzige schlechte Rolle auf der Bühne. Die Leidenschaften nöthigen oft, gleichwie die Directoren eines Schauspielhauses, Leute zur Uebernahme von Rollen, ohne zu bedenken, ob diese ihrer Denkungsart oder ihren Fähigkeiten angemessen sind. So kann der Mensch, eben so wie der Schauspieler, seine Handlungsweise verabscheuen; ja es ist sogar etwas Gewöhnliches, zu sehen, daß das Laster manche Menschen eben so wenig kleidet, wie der Charakter des Jago dem ehrlichen Gesicht William Mill's entsprach.

Mit einem Worte also, der Biedere und wahrhaft Verständige beeilt sich nie mit seinem Verdammungsurtheil. Er kann einen Fehler, oder selbst ein Laster rügen, ohne gegen den Schuldigen zu wüthen. Kurz all dem Schreien und Toben, im Leben sowohl als auf der Bühne, liegt derselbe Mangel an Verstand, dasselbe kindische Wesen, dieselbe schlechte Erziehung und dieselbe Bosheit zum Grunde. Gemeiniglich führen die schlechtesten Menschen die Worte Schurke und Bösewicht am häufigsten im Munde, so wie die gemeinsten Seelen am ersten im Parterre ihr »gemein« ausrufen.

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