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Die Geschichte des Tom Jones / Theil II

Henry Fielding: Die Geschichte des Tom Jones / Theil II - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Geschichte des Tom Jones / Theil I
authorHenry Fielding
year1848
firstpub1749
translatorDr. A. Diezmann
publisherGeorg Westermann
addressBraunschweig
titleDie Geschichte des Tom Jones / Theil II
pages239
created20080529
sendergerd.bouillon@t-online.de
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144 Vierzehntes Kapitel.

Ein kurzes Kapitel mit einem kurzen Gespräch zwischen dem Squire Western und seiner Schwester.

Fräulein Western war den ganzen Tag über auswärts gewesen. Der Squire ging ihr bei ihrer Rückkehr entgegen und berichtete ihr auf ihre Fragen nach Sophien, daß er sich ihrer hinreichend versichert hätte. »Sie ist in ihrem Zimmer eingeschlossen,« rief er, »und Honour hat den Schlüssel.« Seiner unendlich weisen und klugen Miene nach zu urtheilen, mit welcher er seiner Schwester diese Auskunft gab, erwartete er vermuthlich großen Beifall über diese seine Anordnung; allein wie sehr fand er sich getäuscht, als sie mit der verächtlichsten Miene ausrief: »Wahrhaftig, Bruder, Du bist doch der schwächste von allen Männern. Warum verlässest Du Dich nicht auf mich, was die Leitung meiner Nichte anlangt? Warum willst Du Dich darein mischen? Du hast nun alles wieder verdorben, was ich, ohne meinen Athem zu schonen, gutgemacht hatte. Während ich mich bemüht habe, ihr Gemüth mit Lehren der Klugheit zu erfüllen, hast Du sie gereizt, dieselben von sich zu weisen. Englische Frauen, Bruder, sind, Dank dem Himmel, keine Sklavinnen. Wir sind nicht einzusperren, wie die spanischen und italienischen Weiber. Wir haben ein eben so gutes Recht zur Freiheit als ihr. Wir sind nur durch Gründe und durch Ueberredung zu überzeugen und nicht durch Gewalt zu regieren. Ich habe die Welt gesehen, Bruder, und weiß was für Beweisgründe anzuwenden sind; und hätte sie, wärest Du mit Deiner Thorheit nicht dazwischen gekommen, so weit gebracht, daß sie ihr Verhalten nach jenen Regeln der Klugheit einrichtete, die ich ihr bereits eingeschärft habe.« – »Das ist doch wahr,« sagte der Squire, »Ich habe 145 allemal unrecht.« – »Bruder,« entgegnete das Fräulein, »Du hast nicht unrecht, außer wenn Du Dich in Sachen mischest, die Du nicht verstehst. Du mußt zugeben, daß ich viel von der Welt gesehen habe; und es wäre ein Glück für meine Nichte gewesen, wenn man sie meiner Aufsicht nicht entzogen hätte. Dadurch, daß sie bei Dir zu Hause gelebt hat, ist sie auf romanhafte Begriffe von Liebe und andern Unsinn gerathen.« – »Ich hoffe doch nicht,« rief der Squire, »daß Du glaubst, ich hätte ihr solche Dinge beigebracht.« – »Deine Unwissenheit, Bruder,« erwiederte sie, »besiegt meine Geduld, wie der große Milton sagt.«Des Lesers Geduld dürfte vielleicht auch besiegt werden, wenn er nach dieser Stelle in Milton suchen wollte. – »Hol' der Teufel Deinen Milton!« versetzte der Squire: »wenn er die Unverschämtheit hätte, mir so etwas in's Gesicht zu sagen, so bekäme er eine Maulschelle von mir, wenn er auch ein noch so großer Mann wäre. Geduld! Wenn Du darauf kommst, Schwester, die muß ich wohl mehr haben, mich wie einen großen Schuljungen von Dir behandeln zu lassen. Denkst Du etwa, es habe Niemand weiter Verstand, als wer bei Hofe gewesen ist? Hol's der Henker! Die Welt ginge einen guten Schritt, wahrhaftig, wenn wir alle Narren wären bis auf ein Paar Rundhüte und Hannöversche Ratten. Alle Teufel! Ich hoffe, die Zeiten sollen kommen, daß wir aus ihnen Narren machen und daß sich Jedermann des Seinigen freuen kann. Das ist's, Schwester, daß sich Jedermann des Seinigen freuen kann. Ich hoffe es zu erleben, Schwester, ehe die Hannöverschen Ratten alles unser Korn aufgefressen und uns nichts als Rüben übrig gelassen haben.« – »Ich bekenne, Bruder,« rief sie, »daß Du jetzt meinen Verstand beschämt hast, Dein Kauderwälsch von Rüben und 146 Hannöverschen Ratten ist mir vollkommen unverständlich.« – »Ich glaube,« rief er, »Du magst nichts davon hören; aber darum wird das Interesse des Landes doch gedeihen.« – »Ich wünschte,« erwiederte sie, »Du bekümmertest Dich ein wenig um das Interesse Deiner Tochter; denn die ist, glaube ich, in größerer Gefahr, als die Nation.« – »So eben,« sagte er, »schaltst Du mich ja, daß ich mich darum bekümmere und wolltest die Sorge darum allein für Dich haben.« – »Das will ich auch,« antwortete sie, »wenn Du mir versprichst, Dich nicht mehr darein zu mischen.« – »Wohlan, ich bin's zufrieden,« sagte der Squire, »denn Du weißt, ich bin immer damit einverstanden, daß Weiber mit Weibern am Besten umzugehen verstehen.«

Fräulein Western entfernte sich hierauf, indem sie mit einer verächtlichen Miene etwas von Weibern und Umgehen vor sich hin murmelte. Sie begab sich sogleich auf Sophiens Zimmer und befreite diese, nach eintägiger Gefangenschaft, wieder aus ihrer Haft.

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