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Die Geschichte des Tom Jones / Theil II

Henry Fielding: Die Geschichte des Tom Jones / Theil II - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Geschichte des Tom Jones / Theil I
authorHenry Fielding
year1848
firstpub1749
translatorDr. A. Diezmann
publisherGeorg Westermann
addressBraunschweig
titleDie Geschichte des Tom Jones / Theil II
pages239
created20080529
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Dreizehntes Kapitel.

Sophiens Benehmen unter den gegenwärtigen Umständen, das keine ihres Geschlechts, die sich auf gleiche Weise zu benehmen fähig ist, tadeln wird. – Die Verhandlung eines schwierigen Punktes vor dem Gerichtshofe des Gewissens.

Sophie hatte die letzten vier und zwanzig Stunden auf nicht eben beneidenswerthe Weise zugebracht. Einen großen Theil dieser Zeit hatte ihre Tante sie mit Klugheitslehren unterhalten und sie auf das Beispiel der feinen Welt verwiesen, in welcher die Liebe durchaus verlacht werde und die Frauen die Ehe nicht anders betrachten, als die Männer öffentliche Aemter, nämlich blos als das Mittel, ihr Glück zu machen und in der Welt emporzukommen. Die Auslegung dieses Textes hatte ihre Beredtsamkeit durch mehrere Stunden in Anspruch genommen.

Diese klugen Lehren, obgleich sie weder dem Geschmacke noch der Neigung Sophiens entsprachen, waren ihr dennoch weniger lästig als ihre eigenen Gedanken, welche sie die 139 Nacht über beschäftigten und sie keinen Augenblick ruhen ließen.

Aber ob sie gleich weder Schlaf noch Ruhe in ihrem Bett fand, so fühlte sie doch auch keinen Beruf aufzustehen und ihr Vater fand sie noch darin, als er von Herrn Allworthy zurückkam, was nicht früher als nach zehn Uhr Morgens war. Er ging geraden Weges nach ihrem Zimmer, öffnete die Thür und als er sah, daß sie noch nicht aufgestanden war, rief er: »Ah, da bist Du gut aufgehoben, da sollst Du mir bleiben.« Dann schloß er die Thür ab und übergab den Schlüssel an Honour, nachdem er ihr zuvor die strengsten Instructionen ertheilt und diese mit großen Versprechungen zum Lohne ihrer Treue und mit den fürchterlichsten Strafandrohungen für den Fall ihrer Untreue begleitet hatte.

Honour's Instructionen waren, ihre Herrin ohne die Erlaubniß des Squire nicht aus ihrem Zimmer heraus, und Niemanden außer ihm und ihrer Tante zu ihr hineinzulassen; sie sollte aber Sophien alles gewähren, was sie wünschte, mit Ausnahme von Tinte, Feder und Papier, deren Gebrauch ihr untersagt war.

Der Squire befahl seiner Tochter, sich anzukleiden und bei Tische zu erscheinen, wo sie ihm Gehorsam leistete. Nachdem sie die gehörige Zeit dabei abgesessen hatte, ward sie wieder in ihren Gewahrsam abgeführt.

Gegen Abend überbrachte ihr die Gefangenwärterin Honour den vom Jäger empfangenen Brief. Sophie las ihn zu wiederholten Malen sehr aufmerksam durch, warf sich dann auf ihr Bett hin und brach in einen Strom von Thränen aus. Mamsell Honour äußerte großes Erstaunen über das Benehmen ihrer Gebieterin und bestürmte sie mit Bitten, ihr doch die Ursache dieser Gemüthsbewegung mitzutheilen. Sophie gab ihr eine Zeit lang keine Antwort, 140 erhob sich dann plötzlich, ergriff ihr Mädchen bei der Hand und rief aus: »O Honour! mit mir ist es aus.« – »Das wolle Gott verhüten,« rief Honour: »Ich wünschte lieber, ich hätte den Brief verbrannt, als ihn hierher gebracht. Ich dachte ganz gewiß, mein gnädiges Fräulein sollte Trost darin finden, aber lieber wollte ich, er wäre beim Teufel gewesen, als daß ich ihn angerührt hätte.« – »Honour,« sagte Sophie, »Du bist ein gutes Mädchen, und wozu soll ich Dir länger meine Schwachheit verhehlen. Ich habe mein Herz an einen Mann weggeworfen, der mich verlassen hat.« – »Ist es möglich,« versetzte das Mädchen, »daß Herr Jones so treulos handelt?« – »Er hat auf immer in diesem Briefe Abschied von mir genommen,« sagte Sophie. »Ja, er wünscht, daß ich ihn vergessen soll. Konnte er das wünschen, wenn er mich liebte? Konnte er einen solchen Gedanken fassen? Konnte er ein solches Wort niederschreiben?« – »Nein, wahrhaftig, gnädiges Fräulein,« rief Honour, »und gewiß, wenn der beste Mann in England von mir wünschte, daß ich ihn vergessen sollte, ich würde ihn beim Worte nehmen. Wahrhaftig! das gnädige Fräulein haben ihm, gewiß, zu viel Ehre angethan, daß Sie jemals an ihn gedacht haben. Ein junges Fräulein, die unter allen jungen Männern im Lande die Wahl hat. Da ist, wenn ich meine Meinung sagen soll, der junge Herr Blifil zum Beispiel; der ist, abgesehen davon, daß er von ehrlichen Aeltern stammt und einmal einer der größten Squires in der ganzen Gegend werden wird, meiner geringen Ansicht nach gewiß ein noch einmal so schöner und höflicher Mann, und noch dazu ist er ein solider junger Herr, dem Niemand etwas nachsagen kann, der nicht liederlichen Vetteln nachläuft und dem keine Kinder vor die Thür gelegt werden. Vergessen Sie ihn immerhin! So weit ist es, Gott sei Dank, mit mir selbst noch nicht 141 gekommen, daß ich mir von einem Manne zweimal sagen ließe, ich sollte ihn vergessen. Und wenn er der beste Mensch von der Welt wäre, der mir eine solche Beleidigung sagte, ich würde ihn nie wieder ansehen, so lange es noch andere junge Männer im Königreiche giebt. Und wie ich schon sagte, gewiß, da ist der junge Herr Blifil zum Beispiel.« – »Nenne mir diesen verhaßten Namen nicht,« rief Sophie. – »O nein, gnädiges Fräulein,« sagte Honour, »wenn Sie ihn nicht leiden können, so giebt es ja mehr hübsche junge Männer, die sich um Sie bewerben würden, wenn man es ihnen nur von Weitem zu verstehen gäbe. Es wird kaum einer in der ganzen Grafschaft oder noch weiter herum zu finden sein, der nicht gleich anbisse, wenn Sie ihn nur etwas merken ließen.« – »Für was für eine Elende hältst Du mich,« rief Sophie, »mich so etwas hören zu lassen! Ich verabscheue alle Männer.« – »Ja, das ist gewiß, gnädiges Fräulein,« erwiederte Honour, »was Sie da erfahren haben, das muß sie Ihnen zum Abscheu machen. Sich von einem so bettelarmen Wicht so übel begegnen lassen zu müssen.« – »Schweig mit Deiner Lästerzunge,« rief Sophie; »wie darfst Du es wagen, seinen Namen mit Geringschätzung vor mir auszusprechen? Er mir übel begegnen! Nein, sein blutendes Herz litt mehr, als er die grausamen Worte niederschrieb, wie das meinige beim Lesen derselben. O! seine Tugend ist ganz Aufopferung, seine Güte engelgleich. Ich schäme mich der Schwäche meiner Leidenschaft, daß ich tadeln konnte, was ich bewundern sollte. O Honour! mein Wohl allein hat ihn dazu bestimmt. Meinem Interesse opfert er sich und mich. Die Furcht, mich unglücklich zu machen, hat ihn zur Verzweiflung getrieben.« – »Ich bin sehr froh,« sagte Honour, »daß Sie sich die Sache überlegen; denn gewiß konnte es nur Ihr Unglück sein, Ihr Herz an einen Verstoßenen zu 142 hängen, der keinen Heller im Vermögen hat.« – »Einen Verstoßenen!« rief Sophie hastig: »wie! was willst Du damit sagen?« – »Je nun ja, Fräulein, der gnädige Herr hatte kaum Herrn Allworthy erzählt, daß Herr Jones sich um Ihre Liebe bewerbe, als dieser splitternackend aus dem Hause gejagt wurde.« – »Ha,« sagte Sophie, »ich bin die elende Ursache seines Verderbens gewesen! Er hilflos und verstoßen! Hier Honour, nimm all das Geld, das ich habe, nimm die Ringe von meinen Fingern. Hier, meine Uhr: bringe ihm alles. Geh, such ihn augenblicklich auf.« – »Um Gottes willen, Fräulein,« entgegnete Mamsell Honour, »bedenken Sie doch, wenn der gnädige Herr eines von diesen Dingen vermissen sollte, ich würde dafür verantwortlich sein. Geben Sie daher, ich bitte sie darum, Ihre Uhr und Juwelen nicht weg. Ueberdies dächte ich, wäre es mit dem Gelde auch genug; und davon kann der Herr auch nie etwas erfahren.« – »So nimm denn,« rief Sophie, »nimm alles, was ich nur habe; suche ihn sogleich auf und gieb es ihm. Geh, geh, verliere keinen Augenblick.«

Mamsell Honour gehorchte ihrem Befehle und da sie den schwarzen Georg noch unten fand, so übergab sie ihm die Börse mit sechszehn Guineen, worin die ganze Baarschaft Sophiens bestand; denn obgleich ihr Vater sehr freigebig gegen sie war, so war sie doch viel zu wohlthätig, um reich zu sein.

George machte sich mit der Börse auf nach dem Bierhause; aber unterwegs kam ihm der Gedanke ein, ob er nicht dieses Geld gleichfalls behalten sollte. Sein Gewissen schauderte jedoch gleich bei diesem Vorsatze und machte ihm Vorwürfe über die Undankbarkeit gegen seinen Wohlthäter. Dagegen wendete seine Habsucht ein, das hätte sein Gewissen zuvor bedenken sollen, ehe er den armen Jones 143 seiner 500 Pf. beraubte; da es geschwiegen hätte bei einem um so viel wichtigeren Gegenstande, so wäre es absurd, wo nicht offenbare Heuchelei, um dieser Kleinigkeit willen Unruhe zu affectiren. Das Gewissen wiederum suchte, gleich einem guten Advocaten, zu unterscheiden zwischen einem absoluten Treuebruche, wie hier, wo das Gut anvertraut war, und einem bloßen Verheimlichen von etwas Gefundenem, wie in dem vorigen Falle. Dies zog die Habsucht sogleich ins Lächerliche, nannte es eine Unterscheidung ohne Unterschied und bestand auf der Behauptung, daß, wenn einmal in einem Falle alle Ansprüche auf Ehre und Tugend aufgegeben worden wären, das Präjudiz einer Beanspruchung derselben in einem zweiten von selbst wegfalle. Kurz, das arme Gewissen wäre gewiß rücksichtlich der Argumentation unterlegen, hätte sich nicht die Furcht zu ihrem Beistande aufgeworfen und streng darauf bestanden, daß der wirkliche Unterschied zwischen den beiden Handlungen nicht in den verschiedenen Graden von Ehre, sondern von Sicherheit liege; denn die 500 Pf. zu verheimlichen, wäre sehr wenig riskant, während die Verheimlichung der sechszehn Guineen höchst gewagt wäre.

Durch diese freundliche Unterstützung von Seiten der Furcht, errang das Gewissen einen vollständigen Sieg über des schwarzen Georg's Seele und zwang ihn, nach einigen ihm über seine Ehrlichkeit gemachten Complimenten, das Geld an Jones abzugeben.

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