Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Henry Fielding >

Die Geschichte des Tom Jones / Theil II

Henry Fielding: Die Geschichte des Tom Jones / Theil II - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Geschichte des Tom Jones / Theil I
authorHenry Fielding
year1848
firstpub1749
translatorDr. A. Diezmann
publisherGeorg Westermann
addressBraunschweig
titleDie Geschichte des Tom Jones / Theil II
pages239
created20080529
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Elftes Kapitel.

Zwar kurz, aber für den theilnehmenden Leser reich genug an Interesse.

Herr Allworthy hatte die Gewohnheit, nie Jemanden zu bestrafen, selbst einen Dienstboten nicht fortzujagen, wenn er leidenschaftlich aufgeregt war. Er beschloß daher, Jones' Urtheilsspruch bis auf den Nachmittag zu verschieben.

Der arme junge Mann war, wie gewöhnlich, bei Tische zugegen; aber sein Herz war ihm zu schwer, als daß er hätte etwas essen können. Sein Kummer wurde noch um ein Bedeutendes erhöht durch die unfreundlichen Blicke Herrn Allworthy's, woraus er schloß, daß Western das Ganze in Betreff seiner und Sophiens entdeckt hatte; aber von Blifil's Beschuldigungen ahnete er nicht das Mindeste; denn der größere Theil derselben traf ihn unschuldig und was das 130 Uebrige anlangt, so dachte er, weil er es vergeben und vergessen hatte, an keine Rache von der andern Seite. Nach Tische und als die Dienstboten sich entfernt hatten, fing Herr Allworthy an, in einer langen Anrede die vielen Fehltritte aufzuzählen, deren sich Jones schuldig gemacht hatte, namentlich die am heutigen Tage ans Licht gekommenen, und endigte damit, ihm zu sagen, daß, wenn er sich gegen die Anklagen nicht hinlänglich vertheidigen könne, er ihn auf immer aus seiner Gegenwart verbannen werde.

Es hatte viel Schwierigkeit für Jones, sich zu vertheidigen, ja er wußte wirklich kaum, wessen man ihn beschuldigte; denn da Herr Allworthy, wie er von dem Rausche &c. während seiner Krankheit sprach, aus Bescheidenheit alles namentlich auf ihn Bezügliche, was aber in der That hauptsächlich das Vergehen ausmachte, milder darstellte, so konnte Jones die Beschuldigung nicht leugnen. Uebrigens war ihm das Herz schon fast gebrochen und sein Muth dergestalt gesunken, daß er kein Wort für sich vorbringen konnte, sondern alles zugab und gleich einem verzweifelnden Verbrecher sich in die Arme der Gnade warf, indem er zum Schlusse sagte, daß er, obgleich er sich vieler Fehler und Thorheiten schuldig bekennen müsse, dennoch nichts begangen zu haben hoffe, wodurch er das verdient habe, was für ihn die größte Strafe aus der Welt sein würde.

Allworthy antwortete, daß er ihm in Betracht seiner Jugend und in der Hoffnung auf seine Besserung schon zu oft vergeben habe; daß er ihn jetzt für einen verstockten Bösewicht halten müsse, den auf irgend eine Weise zu unterstützen und aufzumuntern ein Verbrechen sei. »Nein,« sagte Herr Allworthy zu ihm, »Dein kühnes Unternehmen, das junge Fräulein zu gewinnen, macht es mir zur Pflicht, Dich zu strafen. Die Welt, welche schon die Dir von mir erwiesene Auszeichnung getadelt hat, möchte, wenigstens 131 mit einem Schein von Recht, glauben, daß ich eine so niedrige und grausame Handlung gut hieße: eine Handlung, vor der ich, wie Dir bekannt sein muß, den größten Abscheu habe, und die zu begehen Dir, wenn Dir meine Ruhe und Ehre nur irgend etwas galt, nie in den Sinn kommen durfte. Pfui, junger Mensch! es giebt wahrhaftig keine Strafe für Deine Verbrechen und ich kann kaum bei mir rechtfertigen, was ich jetzt noch an Dir thun will. Da ich Dich indessen wie mein eigenes Kind auferzogen habe, so will ich Dich nicht nackend in die Welt hinausstoßen. Wenn Du daher dieses Papier öffnest, wirst Du finden, was Dich, wenn Du thätig bist, in Stand setzen kann, ein anständiges Leben zu führen; verwendest Du es aber zu schlechten Zwecken, so werde ich mich nicht für verpflichtet halten, Dich ferner zu unterstützen, indem ich mir vorgesetzt habe, von diesem Tage an in keinerlei Verkehr weiter mit Dir zu stehen. Ich muß noch anführen, daß nichts in Deiner Aufführung mich mehr schmerzt, als Deine üble Behandlung jenes jungen Mannes (er meinte Blifil), der sich in seinem Betragen gegen Dich so zart und ehrenhaft bewiesen hat.«

Diese letzten Worte waren ein zu bitterer Kelch für Jones. Ein Thränenstrom entstürzte seinen Augen und das Vermögen der Sprache wie der Bewegung schien ihn gänzlich verlassen zu haben. Es verging einige Zeit, ehe er im Stande war, Allworthy's bestimmtem Befehle, zu gehen, Folge zu leisten. Endlich gehorchte er, nachdem er seines Wohlthäters Hände mit einer schwer zu beschreibenden Inbrunst mit Küssen bedeckt hatte.

Der Leser müßte sehr schwach sein, wenn er, unter der Voraussetzung, daß ihm Jones in demselben Lichte erschiene wie Herrn Allworthy, diesen seiner Strenge wegen tadeln wollte. Und dennoch verschrie die ganze Nachbarschaft, sei es nun aus einer solchen Schwäche oder aus schlimmeren 132 Beweggründen, diese Gerechtigkeit und Strenge als die höchste Grausamkeit. Ja, gerade diejenigen Personen, welche den guten Mann wegen seines Wohlwollens und seiner großen Güte gegen einen Bastard (den man allgemein für seinen Sohn hielt) bekrittelten, erhoben ihre Stimme jetzt eben so laut über das Verstoßen seines eigenen Kindes. Die Frauen insbesondere nahmen einstimmig Jones' Parthei und wußten bei dieser Gelegenheit mehr Geschichtchen zu erzählen, als dieses Kapitel fassen würde, wenn ich sie alle anführen wollte.

Eins muß ich noch erwähnen, daß nämlich trotz allem Hin- und Herreden über dieses Ereigniß Niemand der Summe gedachte, die Allworthy Jones in jenem Papiere gab, und die sich auf nicht weniger als fünfhundert Pfund belief; vielmehr stimmten alle darin überein, daß er ohne einen Pfennig Geld und, wie sich einige ausdrückten, nackend aus dem Hause seines unmenschlichen Vaters hinausgestoßen wurde.

 << Kapitel 22  Kapitel 24 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.