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Die Geschichte des Tom Jones / Theil II

Henry Fielding: Die Geschichte des Tom Jones / Theil II - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Geschichte des Tom Jones / Theil I
authorHenry Fielding
year1848
firstpub1749
translatorDr. A. Diezmann
publisherGeorg Westermann
addressBraunschweig
titleDie Geschichte des Tom Jones / Theil II
pages239
created20080529
sendergerd.bouillon@t-online.de
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123 Zehntes Kapitel.

In welchem Herr Western Herrn Allworthy einen Besuch abstattet.

Herr Allworthy war so eben mit seinem Neffen vom Frühstück aufgestanden und mit dem Berichte des jungen Mannes über den Erfolg seines Besuchs bei Sophien sehr wohl zufrieden (denn er wünschte diese Heirath von Herzen, mehr um des jungen Mädchens Charakters, als um ihres Reichthums willen), als Herr Western plötzlich hereinstürmte und ohne alle Ceremonie, wie folgt, begann:

»Na, da haben Sie doch was Schönes zu Wege gebracht, wahrhaftig. Sie haben Ihren Bastard zu was Gutem erzogen; nicht daß ich glaubte, Sie hätten die Hand dabei im Spiele, das heißt, wie man zu sagen pflegt, absichtlich; aber 's ist eine schöne Suppe, die mir in meinem Hause angerichtet worden ist.« – »Was kann denn geschehen sein, Herr Western?« fragte Allworthy. – »Geschehen sein, o über alle Begriffe geht's: meine Tochter hat sich in Ihren Bastard verliebt, nun wissen Sie alles; aber nicht einen Heller will ich ihr geben, nicht den zwanzigsten Theil eines rothen Hellers. Ich habe immer daran gedacht, was dabei herauskommen sollte, einen Bastard wie einen großen Herrn zu erziehen und ihn mit zu ehrlichen Leuten zu bringen. Er kann froh sein, daß ich ihn nicht erwischt habe; die Beine hätte ich ihm entzweigeschlagen; ein solches Mädchen ist nicht für seines Gleichen. Von mir soll er keinen Bissen Brot bekommen, keinen Heller, sich welches zu kaufen. wenn sie ihn nehmen will, so soll ein Hemd ihr ganzes Theil sein. Lieber wollte ich mein Hab und Gut verkaufen, das freie England verlassen und nach Hannover gehen.« – »Es thut mir herzlich leid,« rief Allworthy. – »Leid, was da 124 leid,« fuhr Western fort, »das kann mir viel helfen, wenn ich mein einziges Kind verloren habe, meine arme Sophie, die die Freude meines Herzens war und meine ganze Hoffnung und mein Trost in meinen alten Tagen; aber das habe ich mir fest vorgenommen, aus dem Hause will ich sie werfen: betteln soll sie, verhungern und unter freiem Himmel verfaulen. Nicht einen Heller, nicht einen rothen Heller soll sie je von mir bekommen. Er wußte immer gut einen Hasen in seinem Lager aufzuspüren, doch der soll ihm verfaulen: ich habe wenig daran gedacht, was für ein Häschen er auf dem Korne hatte; aber es soll das schlechteste sein, das er je in seinem Leben gefunden hat. Nicht besser als ein Aas soll sie ihm sein, der Balg soll das Ganze sein, was er davon hat, und das können Sie ihm sagen.« – »Ich bin ganz erstaunt,« rief Herr Allworthy, »über das, was ich höre, nach dem was nur erst gestern zwischen meinem Neffen und dem jungen Mädchen statt gefunden hat.« – »Ja, Sir, es war gleich nachher, wie die ganze Geschichte an den Tag kam. Herr Blifil war kaum fort, als der Schurke ins Haus geschlichen kam. Ich werde daran nicht denken, wenn ich ihn zum Jagen zu mir einlade, daß er auf meine Tochter Jagd macht.« – »Aber wahrhaftig,« sagte Allworthy, »ich hätte gewünscht, daß Sie ihm nicht so viel Gelegenheit gegeben hätten, mit ihr beisammen zu sein; und Sie werden mir darin Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß ich stets dagegen gewesen bin, daß er so oft in Ihrem Hause war, ob ich gleich bekenne, so etwas nicht geahnet zu haben.« – »Wie, Donner und Hagel!« rief Western, »wer hätte so etwas auch ahnen können? Was zum Teufel hatte sie denn mit ihm zu thun? Er kam doch nicht, mit ihr zu sponsiren; er kam ja, mit mir zu jagen.« – »Aber war es möglich,« sagte Allworthy, »daß Sie von dieser Liebe nie etwas bemerkten, da Sie sie doch so 125 oft beisammen sahen?« – »Nie, mein Lebtage nicht, so wahr ich selig werden will,« rief Western aus: »In meinem ganzen Leben sah ich nicht, daß er sie nur einmal geküßt hätte; und anstatt ihr die Cour zu machen, war er weit stiller in ihrer Gesellschaft, als zu jeder andern Zeit, und was das Mädchen betrifft, so war sie immer weniger höflich gegen ihn als gegen jeden andern jungen Mann, der in's Haus kam In solchen Sachen macht mir nicht so leicht einer ein X für ein U; das glauben Sie ja nicht, Nachbar.« Allworthy kostete es alle Mühe, das Lachen zu verbeißen; aber er that sich Zwang an, denn er besaß hinreichende Menschenkenntniß und zu viel Bildung und Herzensgüte, als daß er den Squire in seiner gegenwärtigen Lage hätte kränken sollen. Dann fragte er Western, was er wolle, daß er in dieser Sache thun sollte; worauf der andere erwiederte, »daß er verlange, den Schurken aus dem Hause zu jagen; und er wolle gehen und das Mensch einsperren, denn er habe sich nun einmal vorgenommen, sie an Herrn Blifil zu verheirathen, ihr zum Trotz.« Er schüttelte hierauf Blifil die Hand und schwur, daß er keinen andern zum Schwiegersohne haben wolle, als ihn. Darauf nahm er Abschied, indem er bemerkte, sein Haus wäre in einer solchen Verwirrung, daß er eilen müsse, nach Hause zu kommen, damit ihm seine Tochter nicht entwischte; wenn er aber Jones noch dort anträfe, den würde er so zustutzen, daß ihm das Heirathen vergehen sollte.

Als nun Allworthy und Blifil wieder allein waren, entstand eine lange Pause, die der Jüngling mit Seufzern anfüllte, denen theils Mißvergnügen, theils Haß zu Grunde lag; denn Jones's Glück machte ihm mehr Kummer als der Verlust Sophiens.

Endlich fragte ihn sein Oheim, was er nun zu thun gedenke, worauf er folgende Worte entgegnete: »Ach! Sir, 126 kann es zweifelhaft sein, welchen Schritt ein Liebender thun soll, wenn Vernunft und Neigung verschiedene Wege zeigen? Ich fürchte, daß er in dieser Verlegenheit gewiß stets der letztern folgen wird. Die Vernunft gebietet mir, alle Gedanken an ein Weib, dessen Neigung einem andern zugewendet ist, aufzugeben; meine Leidenschaft heißt mich hoffen, sie werde mit der Zeit ihre Gesinnungen zu meinen Gunsten ändern. Hiegegen läßt sich jedoch, wie ich wohl einsehe, ein Einwand machen, der, wenn er nicht volle Widerlegung fände, mich von jeder ferneren Bewerbung abschrecken würde. Ich meine nämlich den, daß es unrecht sei, sich in ein Herz einzudrängen, das bereits von einem andern in Besitz genommen zu sein scheint; allein Herrn Western's feste Entschließung zeigt, daß ich in diesem Falle, wenn ich jenes Herz gewinne, das Glück aller Parteien befördere; nicht allein das des Vaters, der dadurch dem höchsten Grade des Kummers entrissen wird, sondern auch der beiden andern, die sich durch diese Heirath den Untergang bereiten würden. Das Fräulein, dessen bin ich gewiß, wird in jeder Hinsicht unglücklich sein; denn, abgesehen von dem Verluste des größten Theil ihres Vermögens, wird sie nicht allein einen Bettler heirathen, sondern das geringe Erbtheil, das ihr ihr Vater nicht vorenthalten kann, wird auch an jene Dirne verschwendet werden, mit der er es, wie ich weiß, noch immer hält. Ja, das ist noch wenig; denn ich weiß, daß er einer der schlechtesten Menschen von der Welt ist; denn hätte mein theurer Oheim gewußt, was ich bis jetzt zu verschweigen gesucht habe, so würde er schon längst einen so Verworfenen verlassen haben.« – »Wie,« sagte Allworthy: »hat er etwas noch Schlimmeres gethan als ich schon weiß? Sage mir es, ich bitte Dich.« – »Nein,« erwiederte Blifil; »es ist jetzt geschehen und vielleicht hat er es bereuet.« – »Ich mache es Dir zur Pflicht, mir 127 zu sagen, was Du meinst.« – »Sie wissen, Sir, daß ich Ihnen nie ungehorsam war; aber es thut mir leid, etwas davon erwähnt zu haben, weil es jetzt wie Rache aussehen könnte, obgleich mir ein solcher Beweggrund, Dank dem Himmel, nie in den Sinn gekommen ist; und wenn Sie mir es zur Pflicht machen, es zu entdecken, so muß ich mich zugleich für ihn verwenden und Sie um Ihre Vergebung bitten.« – »Ich will keine Bedingungen,« antwortete Herr Allworthy; »ich glaube ihm Wohlwollen genug bewiesen zu haben, mehr vielleicht als Du mir danken wirst.« – »Ich fürchte in der That, mehr als er verdient,« rief Blifil; »denn an jenem Tage, wo Sie in der größten Gefahr schwebten, wo ich und alle übrigen Thränen vergossen, erfüllte er das Haus mit Schwelgen und Toben. Er trank und sang und schrie; und als ich ihm das Unschickliche seines Betragens auf eine freundliche und schonende Weise verwies, gerieth er in heftige Wuth, fluchte, schimpfte und schlug mich.« – »Wie!« rief Allworthy, »so weit konnte er sich vergehen, daß er Dich schlug?« – »Allerdings,« erwiederte Blifil, »ich habe ihm das längst vergeben. Ich wünschte, daß ich ihm seine Undankbarkeit gegen den edelsten der Wohlthäter so leicht vergessen könnte; und doch hoffe ich, Sie werden ihm auch das vergeben, weil ihn gewiß ein böser Geist besessen haben muß; denn an jenem nämlichen Abende, als wir, Herr Thwackum und ich, einen Spaziergang ins Freie machten, und uns unserer Freude über die glückliche Wendung Ihrer Krankheit überließen, sahen wir ihn leider mit einer liederlichen Dirne in einer Verfassung, welche die Schicklichkeit näher anzugeben verbietet. Herr Thwackum bewies mehr Muth als Klugheit, daß er auf ihn zuging, um ihm das Tadelhafte seines Verhaltens vorzustellen, denn (kaum wage ich es zu sagen), er fiel über den würdigen Mann her und schlug ihn auf 128 so empörende Art, daß er noch jetzt an seinen Beulen zu leiden hat. Auch ich bekam meinen Theil, während ich meinen Lehrer zu beschützen suchte: aber das ist längst vergeben; auch Herrn Thwackum vermochte ich, ihm es zu vergeben und Sie nicht mit einem Vorfalle bekannt zu machen, der, wie ich fürchtete, traurige Folgen für ihn nach sich ziehen möchte. Und nun, Sir, da ich unvorsätzlich das Ganze erzählt habe, da mich vielmehr Ihr Befehl dazu verpflichtete, lassen Sie mich ein gutes Wort für ihn einlegen.« – »Ach Kind!« sagte Allworthy, »ich weiß nicht, soll ich Dich Deiner Güte wegen, mir eine solche Schändlichkeit auch nur einen Augenblick zu verhehlen, tadeln oder loben; aber wo ist Herr Thwackum? Nicht daß ich einer Bestätigung dessen bedürfte, was Du mir gesagt hast; nein, aber ich will alle Beweise für die Sache untersuchen, um vor der Welt die Strafe zu rechtfertigen, die ich diesem Abscheulichen zugesichert habe.«

Thwackum wurde nun herbeigerufen und erschien auch sogleich. Er bestätigte jeden Umstand des von dem Andern Erzählten; ja er producirte das Document auf seiner Brust, wo Jones' Handschrift in sehr leserlichen schwarzen und blauen Zügen noch vorhanden war. Er schloß seinen Bericht mit der Erklärung, daß er Herrn Allworthy schon längst von dem Vorfalle unterrichtet haben würde, hätte ihn nicht Herr Blifil durch die wärmsten Gegenvorstellungen davon abgehalten. »Er ist,« setzte er hinzu, »ein vortrefflicher Jüngling: doch seinen Feinden so viel verzeihen, heißt die Sache zu weit treiben.«

Es ist wahr, Blifil hatte sich damals einige Mühe gegeben, den Geistlichen von der Entdeckung des Vorgefallenen abzuhalten, und zwar aus verschiedenen Gründen. Er kannte die Menschen in so weit, daß er wußte, ihre gewöhnliche Strenge werde durch Krankheit gemildert und 129 abgespannt. Ueberdies bedachte er, daß, wenn die Sache auf frischer That erzählt würde, während der Arzt noch im Hause aus- und einging, der ja die reine Wahrheit enthüllen, und er seiner Darstellung nie die boshafte Wendung geben könnte, die er beabsichtigte. Er wollte daher dieses Geschäft so lange aufschieben, bis Jones durch seine Unbesonnenheit Anlaß zu neuen Klagen geben würde; denn er dachte, je mehr sich die Last der Beschuldigungen gegen ihn häufte, desto eher würde sie ihn vernichten; und er wartete demnach nur auf eine solche Gelegenheit, wie sie ihm der Zufall jetzt so günstig dargeboten hatte. Endlich wußte er, daß, wenn er Thwackum dahin brachte, die Angelegenheit eine Zeit lang zu verschweigen, er Herrn Allworthy noch mehr in der ihm mit vieler Mühe beigebrachten Meinung bestärkte, er hege die freundschaftlichsten Gesinnungen gegen Jones.

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