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Die Geschichte des Tom Jones / Theil II

Henry Fielding: Die Geschichte des Tom Jones / Theil II - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Geschichte des Tom Jones / Theil I
authorHenry Fielding
year1848
firstpub1749
translatorDr. A. Diezmann
publisherGeorg Westermann
addressBraunschweig
titleDie Geschichte des Tom Jones / Theil II
pages239
created20080529
sendergerd.bouillon@t-online.de
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117 Neuntes Kapitel.

Von weit stürmischerem Inhalte als das vorige.

Ehe wir zu dem übergehen, was sich nun mit unsern Liebenden zutrug, dürfte es zweckmäßig sein, zu berichten, was sich unterdeß auf dem Vorsaale ereignet hatte.

Bald nachdem Jones Herrn Western, wie oben erwähnt worden, verlassen hatte, kam dessen Schwester hinzu und wurde sogleich von allem, was zwischen ihrem Bruder und Sophien im Betreff Blifil's verhandelt worden war, in Kenntniß gesetzt.

Dieses Betragen ihrer Nichte betrachtete die gute Dame als eine offenbare Verletzung der Bedingung, unter welcher sie, ihre Liebe zu Herrn Jones geheim zu halten, sich verbindlich gemacht hatte.

Der Gedanke an eine Verheirathung von Jones mit seiner Tochter war dem Squire nie in den Kopf gekommen, weder in solchen Momenten, wo sein Wohlwollen gegen diesen jungen Mann am wärmsten war, noch bei irgend einer andern Gelegenheit. Er hielt überhaupt eine Gleichheit des Vermögens und der Verhältnisse für ein physisch eben so nothwendiges Erforderniß zu einer Heirath, als Verschiedenheit der Geschlechter, oder irgend eine andere wesentliche Bedingung, und fürchtete eben so wenig, daß seine Tochter sich in einen armen Mann verlieben könnte, als in irgend ein Geschöpf von einer andern Species.

Er war daher ganz versteinert über die Mittheilung seiner Schwester. Anfangs vermochte er gar nichts zu antworten, so war ihm vor Erstaunen der Athem ausgeblieben. Dieser kam indessen bald wieder und, wie dies auch in andern Fällen einer Intermission gewöhnlich ist, mit verdoppelter Kraft und Heftigkeit.

118 Der erste Gebrauch, den er nach seiner Erholung von den plötzlichen Wirkungen seines Erstaunens von der Fähigkeit zu sprechen machte, war, daß er in eine Fluth von Flüchen und Verwünschungen ausbrach, worauf er auf das Zimmer losstürmte, wo er die Liebenden zu finden hoffte und bei jedem Schritte Drohungen hervormurmelte oder vielmehr hervorbrüllte.

Wie wenn zwei Waldtauben, oder (was noch bezeichnender ist) wenn Strephon und Phillis sich in ein einsames Lustwäldchen zurückgezogen haben, um mit Amor, jenem schüchternen Knaben, zu scherzen, der, wo viele sind, nicht sprechen kann und nur unter dreien ein guter Gesellschafter ist, wenn hier, während alles ringsum ruhig und heiter ist, plötzlich ein Donnerschlag durch die gebrochenen Wolken kracht und dröhnend am Himmel hinrollt, die erschrockene Jungfrau von der Moosbank oder dem grünen Rasen aufspringt, Todtenblässe an die Stelle der Röthe tritt, womit die Liebe zuvor ihre Wangen geschmückt hatte, Furcht ihren ganzen Körper erschüttert und ihr Geliebter kaum ihre zitternden, schwankenden Glieder zu unterstützen vermag –

So zitterte die arme Sophie, so erbleichte sie bei dem Toben ihres Vaters, der mit einer Schrecken erregenden Stimme schwörend, fluchend und Jones Verderben drohend nahete. Die Wahrheit zu sagen, ich glaube, der Jüngling selbst würde aus klugen Rücksichten damals lieber an einem andern Orte gewesen sein, hätte seine Besorgniß um Sophien ihn an etwas anderes denken lassen, als was seine Liebe zu ihr betraf. Und jetzt, nachdem der Squire die Thür aufgestoßen hatte, erblickte er einen Gegenstand, der augenblicklich all seinen Zorn gegen Jones lähmte: es war das geisterhafte Aussehen Sophiens, die in ihres Geliebten Armen ohnmächtig geworden war. Diesen traurigen Auftritt gewahrte Herr Western nicht so bald, als ihn seine ganze

119 Wuth verließ: er schrie aus aller Macht nach Hilfe, lief zuerst zu Sophien hin, dann zurück zur Thür, um nach Wasser zu rufen, und dann wieder zu seiner Tochter, ohne irgend zu bedenken, in wessen Armen sie lag, noch sich wohl auch nur zu erinnern, daß solch eine Person wie Jones auf der Welt war; denn ich glaube in der That, daß der Zustand seiner Tochter jetzt der einzige Gedanke war, der ihn beschäftigte.

Fräulein Western und eine Schaar von Dienstleuten kamen Sophien bald mit Wasser, belebenden Arzneien und allem, was man in solchen Fällen für nöthig hält, zu Hilfe. Diese Mittel wurden mit so gutem Erfolge angewendet, daß Sophie in wenigen Minuten sich erholte und alle Lebenszeichen zurückkehrten. Dann ward sie von ihrem Kammermädchen und Fräulein Western hinweggeführt, welche letztere jedoch ihrem Bruder zuvor einige heilsame Ermahnungen rücksichtlich der schrecklichen Folgen seiner Leidenschaftlichkeit, oder wie sie es nannte, seiner Tollheit gab.

Der Squire verstand vielleicht diese gute Lehre nicht, weil sie in dunkeln Andeutungen, Achselzucken und Ausrufungen der Verwunderung ertheilt wurde; wenigstens, wenn er sie ja verstand, zog er sehr wenig Nutzen daraus; denn kaum war er von seiner größten Besorgniß um seine Tochter befreit, als er in seine vorige Raserei zurück verfiel und Jones sogleich einen Kampf geliefert haben würde, wäre nicht Herr Supple, der ein sehr starker Mann war, zugegen gewesen und hätte ihn mit Gewalt von Thätlichkeiten zurückgehalten.

Sobald Sophie hinausgebracht worden war, näherte sich Jones Herrn Western, den der Geistliche in seinen Armen hielt, mit bittender Miene und ersuchte ihn, sich zu beruhigen; denn, wenn er in seiner Leidenschaftlichkeit beharrte, würde es unmöglich sein, ihm Genugthuung zu geben.

120 »Ich will Genugthuung von Dir,« antwortete der Squire; »wirf nur Deine Kleider ab. Dich Milchbart will ich durchbläuen, wie Du in Deinem Leben noch nicht durchgebläuet worden sein sollst.« In diesem Tone, der unter Landjunkern, wenn sie über einen Punkt streitig werden, gewöhnlich ist, fuhr er ununterbrochen fort und hieß ihn dabei häufig den Theil seines Körpers begrüßen, der bei allen Streitigkeiten unter den niedern Klassen des englischen Landadels bei Wettrennen, Hahnenkämpfen und andern öffentlichen Gelegenheiten, eine große Rolle spielt. Anspielungen auf diesen Körpertheil werden gleichfalls oft aus Scherz gemacht. Und hier glaube ich, wird der Witz gemeiniglich mißverstanden. Er liegt nämlich darin, daß man einen andern, der einem unmittelbar vorher diesen Theil zu zerprügeln drohte, denselben caressiren heißt; denn ich habe sehr genau beobachtet, daß nie einer diesen Theil seines eigenen Körpers einem andern zum Zerprügeln anbot, noch sich geneigt zeigte, denselben an einem andern zu caressiren.

Es mag gleichfalls überraschend erscheinen, daß unter den vielen tausendartigen Einladungen dieser Art, wie sie jeder, der mit Landjunkern umgegangen ist, gehört haben muß, in keinem einzigen Falle, wie ich glaube, Folge geleistet worden ist; – ein unzweideutiges Beispiel ihres Mangels an Höflichkeit: denn in Städten kann nichts gewöhnlicher sein, als daß die feinsten Herren ihren Vorgesetzten täglich diese Ceremonie erweisen, ohne daß man sie jemals von ihnen gefordert hätte.

Auf alle dergleichen Witzreden antwortete Jones ruhig: »Sir, diese Begegnung möchte wohl jede andere Verpflichtung, die ich Ihnen schuldig bin, ausgleichen, außer einer, die Sie nie von mir nehmen können; auch werde ich mich durch Ihre Mißhandlung nicht bestimmen lassen, meine Hand gegen Sophiens Vater zu erheben.«

121 Durch diese Worte wurde der Squire nur noch aufgebrachter, so daß der Geistliche Jones bat, sich zu entfernen, indem er sagte: »Sie sehen, wie sein Zorn durch Ihre Gegenwart gesteigert wird, lassen Sie mich Sie deshalb bitten, nicht länger zu verweilen. Seine Erbitterung gegen Sie ist jetzt zu groß, als daß Sie sich mit ihm verständigen könnten. Sie thun daher besser, Ihren Besuch abzubrechen und was Sie für sich vorzubringen haben, auf eine andere Gelegenheit zu verschieben.«

Jones nahm diesen Rath dankbar an und entfernte sich sogleich. Der Squire erlangte nun die Freiheit seiner Hände wieder und zugleich so viel Mäßigung, daß er sich über den ihm auferlegten Zwang einigermaßen zufrieden äußerte, indem er erklärte, daß er ihm gewiß das Gehirn aus dem Kopfe geschlagen hätte und hinzusetzte: »Es würde einem doch infam zu Muthe gewesen sein, sich um eines solchen Lumpenkerls willen hängen zu lassen.«

Der Geistliche fing nun an über den Erfolg seiner Bemühungen um die Herstellung des Friedens zu triumphiren und ließ sich in einer Vorlesung gegen den Zorn aus, durch die er diese Leidenschaft in reizbaren Gemüthern vielleicht eher aufgeregt als besänftigt hätte. Diese Vorlesung stattete er mit vielen schätzbaren Citaten aus den alten Schriftstellern, namentlich Seneca aus, welcher diese Leidenschaft wirklich so schön abgehandelt hat, daß sie außer einem sehr zum Zorne Geneigten Niemand ohne großes Vergnügen und ohne Nutzen lesen kann. Der Doctor beschloß seine Moral mit der bekannten Anekdote von Alexander und Clitus, die ich aber, weil ich sie unter die Rubrik Trunkenheit gebracht habe, hier nicht erzählen werde.

Der Squire nahm so wenig Notiz von dieser Anekdote, als vielleicht von allem andern, was er ihm sagte; denn er unterbrach ihn, ehe er noch damit zu Ende war und 122 rief nach einem Kruge Bier, wobei er bemerkte (und diese Bemerkung ist wahrscheinlich so richtig, wie nur irgend eine über dieses Gemüthsfieber sein kann), daß der Zorn einen Menschen austrockne.

Kaum hatte der Squire einen kräftigen Zug gethan, als er wieder auf Jones zurück kam und sich entschlossen erklärte, den nächsten Morgen früh zu Herrn Allworthy gehen und ihm alles erzählen zu wollen. Sein Freund suchte ihm dies aus reiner Gutmüthigkeit auszureden; allein seine Bemühung hatte keinen andern Erfolg, als daß der Squire zum großen Aergerniß der frommen Ohren Supple's in einen Strom von Schwüren und Flüchen ausbrach, gegen welche keine Einwendungen zu machen waren, weil er sonst sein Privilegium als freier Engländer würde geltend gemacht haben. Die Wahrheit zu sagen, der Geistliche durfte seinen Gaumen an der Tafel des Squire ergötzen, mußte aber dafür sich gefallen lassen, daß seinen Ohren etwas zugemuthet wurde. Er beruhigte sich mit dem Gedanken, daß er diese üble Gewohnheit nicht hervorrief und daß der Squire keinen Eid weniger schwören würde, wenn er seine Schwelle nicht beträte. Wenn er sich nun aber auch die Unhöflichkeit nicht zu Schulden kommen ließ, den Edelmann in seinem Hause zu tadeln, so zog er nichts desto weniger in allgemein gehaltenen, aber auf diesen gemünzten Strafpredigten von der Kanzel gegen ihn los, was zwar nicht die Wirkung hatte, den Squire zu bessern, aber doch in so weit sein Gewissen rührte, daß er die Gesetze gegen andere sehr streng in Ausübung brachte und somit der Gerichtsherr die einzige Person in der Gemeinde war, welche ungestraft schwören konnte.

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