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Die Geschichte des Tom Jones / Theil II

Henry Fielding: Die Geschichte des Tom Jones / Theil II - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Geschichte des Tom Jones / Theil I
authorHenry Fielding
year1848
firstpub1749
translatorDr. A. Diezmann
publisherGeorg Westermann
addressBraunschweig
titleDie Geschichte des Tom Jones / Theil II
pages239
created20080529
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Achtes Kapitel.

Jones' und Sophiens Zusammentreffen.

Jones suchte sogleich Sophien auf und fand sie, als sie sich gerade mit thränenschweren Augen und blutenden Lippen vom Boden aufrichtete, wo sie ihr Vater hatte liegen lassen. Er eilte schnell hinzu und rief mit einem Ausdruck der größten Zärtlichkeit und des größten Schreckens in der Stimme: »O, meine Sophie! was bedeutet dieser schreckenvolle Anblick?« Sie sah ihn einen Augenblick mild und schweigend an, dann sagte sie: »Herr Jones, um des Himmels willen, wie kommen Sie hierher? – Verlassen Sie mich sogleich, ich bitte Sie darum.« – »Warum diesen strengen Befehl?« versetzte er, »mein Herz blutet stärker als diese Lippen. O Sophie! wie gern wollte ich meine Adern öffnen, wenn ich damit einen Tropfen dieses theuern Blutes schonen könnte.« – »Ich bin Ihnen bereits zu viele Verpflichtungen schuldig,« antwortete sie. Sie blickte ihn fast eine Minute lang zärtlich an, dann rief sie, von einem inneren Kampfe überwältigt, aus: »O Herr Jones, warum retteten Sie mir das Leben? der Tod würde ein größeres Glück für uns beide gewesen sein!« – »Ein größeres Glück für uns beide?« wiederholte er. »Hätte der Tod schmerzlicher für mich sein können als Sophiens – ich kann das schreckliche Wort nicht aussprechen – Lebe ich nicht einzig für sie?« Seine Stimme wie sein Blick waren voll 115 der unaussprechlichsten Zärtlichkeit, als er dies sprach; und gleichzeitig ergriff er sanft ihre Hand. Sie zog sie nicht zurück, denn, die Wahrheit zu sagen, sie wußte kaum, was sie that oder geschehen ließ. Beide schwiegen jetzt einige Augenblicke, während seine Augen fest auf Sophien, die ihrigen auf den Boden geheftet waren: endlich gewann sie wieder so viel Kraft, daß sie ihn von Neuem bat, sie zu verlassen, weil es zu ihrem Verderben sein würde, wenn man sie beisammen fände. »Ach, Herr Jones,« setzte sie hinzu, »Sie wissen nicht, was diesen unglücklichen Nachmittag vorgegangen ist!« – »Ich weiß alles, meine Sophie,« antwortete er; »Ihr grausamer Vater hat mir alles erzählt, und er selbst hat mich her zu Ihnen geschickt.« – »Mein Vater Sie zu mir geschickt!« versetzte sie: »sicher träumen Sie.« – »Wollte der Himmel,« rief er aus, »daß es ein Traum wäre! ach! Sophie, Ihr Vater hat mich zu Ihnen geschickt, daß ich der Fürsprecher für meinen verhaßten Nebenbuhler sein, Sie zu seinen Gunsten stimmen soll. Ich griff nach jedem Mittel, zu Ihnen zu gelangen. O sprechen Sie, Sophie! trösten Sie mein blutendes Herz. Nie hat Jemand so heftig, so innig geliebt als ich. Ziehen Sie nicht unfreundlich diese theure liebliche Hand zurück – ein Moment vielleicht reißt uns auf ewig aus einander – nichts geringeres als dieses grausamen Ereignisses bedurfte es, glaube ich, um die Achtung und Ehrfurcht, die Sie mir eingeflößt haben, zu besiegen.« Sie schwieg eine Weile verlegen still; dann fragte sie, indem sie ihn zärtlich anblickte: »Was können Sie von mir wollen, Herr Jones?« – »O versprechen Sie blos,« rief er, »daß Sie Blifil nie diese Hand geben wollen.« – »Nennen Sie diesen verhaßten Namen nicht,« antwortete sie. »Sein sie versichert, nie werde ich ihm geben, was in meiner Macht steht, ihm zu versagen.« – »Wohlan denn,« fuhr er fort, »da Sie 116 so unendlich gütig sind, o so gehen Sie noch etwas weiter und sagen Sie mir, daß ich hoffen darf.« – »Ach! Herr Jones,« sagte sie, »wohin werden Sie mich treiben? Welche Hoffnung vermag ich zu geben? Sie kennen meines Vaters Absichten.« – »Aber ich weiß auch,« antwortete er, »daß Sie nicht gezwungen werden können, sich denselben zu fügen.« – »Was,« erwiederte sie, »wird aber nothwendig die Folge meines Ungehorsams sein? Mein eigenes Schicksal ist meine geringste Rücksicht. Ich kann den Gedanken nicht ertragen, die Ursache von meines Vaters Kummer zu sein.« – »Er ist selbst die Ursache dazu,« rief Jones, »weil er eine Gewalt über Sie übt, die ihm die Natur nicht verliehen hat. Denken Sie an den Kummer, der mich erwartet, wenn ich Sie verlieren soll, und sehen Sie, auf welche Seite das Mitleid die Wagschaale neigen wird« – »Daran denken!« erwiederte sie, »können Sie glauben, daß ich nicht das Unglück fühle, das ich über Sie bringen müßte, wenn ich in Ihre Wünsche willigte? Dieser Gedanke ist es, der mir die Entschlossenheit giebt, Sie zu bitten, daß Sie mich für immer fliehen, um ihrem eigenen Verderben zu entgehen.« – »Ich fürchte nichts,« rief er aus, »als den Verlust Sophiens. Wenn Sie mir den bittersten Kummer ersparen wollen, so nehmen Sie diesen grausamen Ausspruch zurück. Gewiß, ich kann mich nie von Ihnen trennen, gewiß, ich kann es nicht!«

Die Liebenden standen jetzt beide schweigend und zitternd da, Sophie unfähig, Jones ihre Hand zu entziehen und dieser fast unfähig, sie zu halten; da wurde die Scene, die vielleicht manchen meiner Leser lange genug gedauert hat, durch eine andere von so ganz verschiedener Art unterbrochen, daß wir die Schilderung derselben für ein anderes Kapitel aufsparen.

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