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Die Geschichte des Tom Jones / Theil II

Henry Fielding: Die Geschichte des Tom Jones / Theil II - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Geschichte des Tom Jones / Theil I
authorHenry Fielding
year1848
firstpub1749
translatorDr. A. Diezmann
publisherGeorg Westermann
addressBraunschweig
titleDie Geschichte des Tom Jones / Theil II
pages239
created20080529
sendergerd.bouillon@t-online.de
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7 Zweites Kapitel.

Herr Jones erhält, so lange er das Zimmer hüten muß, viele freundliche Besuche; auch einige, mit unbewaffnetem Auge kaum wahrnehmbare, feine Winke in Bezug aus die Leidenschaft der Liebe.

Tom Jones empfing, während er das Zimmer hüten mußte, viele Besuche, von denen jedoch einige ihm vielleicht nicht sehr angenehm waren. Herr Allworthy kam beinahe jeden Tag; allein wenn er auch Tom seiner Leiden wegen bemitleidete und seinem wackern Verhalten, wodurch er sich dieselben zugezogen, volle Gerechtigkeit widerfahren ließ, so hielt er doch die Gelegenheit für günstig, ihm seine Unbesonnenheit von dem richtigen Gesichtspunkte aus zu zeigen; und diese heilsame Belehrung konnte zu keiner gelegneren Zeit angebracht werden als jetzt, wo das Gemüth durch Schmerz und Krankheit weicher gestimmt und durch Gefahr beunruhigt war; und wo seine Gedanken nicht durch jene stürmischen Leidenschaften fortgerissen wurden, die uns bei der Verfolgung unsers Vergnügens bewegen.

Jederzeit daher, wenn der gute Mann mit dem Jünglinge allein war, namentlich wenn der letztere sich vollkommen behaglich fühlte, nahm er Gelegenheit, ihm seine frühern Verirrungen vorzuhalten, immer aber auf die schonendste und zarteste Weise und einzig und allein in der Absicht, um ihn für die Zukunft vorsichtiger zu machen; »denn nur von seinem künftigen Betragen,« so versicherte er ihn, »würde sein Glück abhängen und das Wohlwollen, das er sich von seinem Adoptivvater blos dann versprechen dürfte, wenn er sich hinführo nicht seine gute Meinung verscherzte, denn was das Vergangene anlangte,« fügte er hinzu, »so sollte das vergeben und vergessen sein. Er 8 riethe ihm daher, aus diesem Vorfalle Vortheil zu ziehen, damit er am Ende zu seinem Besten gereichen möchte.«

Thwackum besuchte ihn ebenfalls fleißig; und auch er hielt ein Krankenbett der Aufnahme guter Lehren für günstig. Seine Sprache war indessen strenger als die Allworthy's; denn er sagte zu seinem Zöglinge, »daß er seinen Armbruch als eine Strafe des Himmels für seine Sünden betrachten sollte, daß er wohl daran thun würde, Gott täglich auf den Knieen zu danken, daß er blos seinen Arm und nicht den Hals gebrochen hätte; welches letztere,« wie er hinzufügte, »ihm wahrscheinlich bei einer künftigen, vielleicht gar nicht fernen Gelegenheit vorbehalten wäre. Er für seinen Theil hätte sich oft gewundert, daß ihn nicht eher eine Strafe getroffen; aber es ließe sich daraus erkennen, daß Gottes Gericht, wenn es auch langsam komme, doch sicher niemals ausbliebe. Daher könne er sich mit gleicher Zuverlässigkeit nur auf noch größeres Unheil gefaßt halten, was ihn so gewiß als dieses in seiner Ruchlosigkeit ereilen werde. Dieses ist,« setzte er hinzu, »nur durch eine so vollkommene und aufrichtige Reue zu umgehen, wie sie von einem so jungen Sünder, dessen Gemüthsart, ich erschrecke es zu sagen, gänzlich verderbt ist, nicht zu erwarten und zu hoffen steht. Es ist jedoch meine Pflicht, Sie zu dieser Reue aufzufordern, ob ich gleich weiß, daß alle Ermahnungen vergeblich und fruchtlos sein werden. Indessen liberavi animam meam. Mein Gewissen kann mich keiner Nachlässigkeit zeihen; obschon ich gleichzeitig mit dem größten Bedauern sehe, daß Sie einem gewissen Elende in dieser und einer gewissen Verdammniß in der andern Welt entgegengehen.«

Square drückte sich in ganz anderer Weise aus: er sagte: »Solche Ereignisse, wie ein Armbruch, wären der Beachtung eines weisen Mannes gar nicht werth. Es wäre 9 völlig genug, das Gemüth mit einem solchen Unfalle auszusöhnen, zu bedenken, daß sie dem Weisesten begegnen könnten und ohne Zweifel zum Wohle des Ganzen gereichten.« Er sagte ferner: »es wäre eine reine Wortverdrehung. solche Dinge, die kein moralisches Gebrechen enthielten, Uebel zu nennen. Schmerz, der sich als die schlimmste Folge solcher Ereignisse ergäbe, wäre das verächtlichste Ding von der Welt,« und was dergleichen Sentenzen mehr waren, die er aus dem zweiten Buche von Tullius' tusculanischen Quästionen und von Lord Shaftesbury entlehnte. Dabei gerieth er eines Tages so sehr in Eifer, daß er sich unglücklicherweise in die Zunge biß; und zwar dermaßen, daß dadurch nicht allein seiner Rede ein Ende gemacht war, sondern daß er auch vor Schmerz und Aerger einige Flüche ausstieß; aber was das Schlimmste von allem war, dieser Vorfall gab Thwackum, welcher zugegen war und alle solche Lehren für heidnisch und atheistisch hielt, Gelegenheit, mit einer Strafpredigt über ihn herzufallen. Diese hielt er ihm denn auch in einem so boshaften, höhnischen Tone, daß es den Philosophen, den sein Zungenbiß schon etwas übellaunig gemacht hatte, ganz außer Fassung brachte; und da er seinen Zorn nicht über die Lippen herauszubringen vermochte, so hätte er vielleicht eine eindringlichere Methode, sich zu rächen, gefunden, hätte nicht der Wundarzt, der glücklicherweise gerade im Zimmer war, sich, gegen sein Interesse, in's Mittel geschlagen und den Frieden aufrecht erhalten.

Herr Blifil besuchte seinen Freund Jones nur selten und nie allein. Dieser würdige junge Mann bewies ihm jedoch viele Achtung und eben so große Theilnahme an seinem Mißgeschick; allein er vermied sorgfältig jede Vertraulichkeit, um nicht, wie er häufig zu verstehen gab, seinen eigenen Charakter zu gefährden, weshalb er auch beständig 10 jenes Sprichwort Salomo's gegen böse Gesellschaft im Munde führte. So bitter wie Thwackum war er freilich nicht; denn er ließ allezeit einige Hoffnung auf Tom's Besserung laut werden, »welche,« sagte er, »die unvergleichliche Güte seines Oheims bei dieser Gelegenheit sicher in einem noch nicht ganz Verdorbenen bewirken müßte;« schloß aber damit: »wenn sich Herr Jones je wieder vergehen sollte, dann vermag ich nicht eine Silbe mehr zu seinen Gunsten zu sprechen.«

Was Squire Western anlangt, so fehlte er selten im Krankenzimmer, wenn er nicht im Freien oder mit der Flasche beschäftigt war. Ja er brachte bisweilen sein Bier mit und es kostete nicht geringe Mühe, ihn abzuhalten, daß er nicht Jones zwang, auch mit zu trinken: denn kein Quacksalber hielt sein Geheimmittel für eine allgemeinere Panacee, als er sein Bier, »das,« wie er sich ausdrückte, »gesunder wäre, als alle Tränkchen einer Apotheke.« Er wurde jedoch durch vieles Bitten dahin vermocht, von der Anwendung dieser Medicin abzustehen; aber davon, daß er seinem Patienten jeden Morgen, wo er auf die Jagd ging, mit dem Horne eine Morgenmusik unter den Fenstern brachte, war er unmöglich abzubringen, auch legte er jenes Geräusch nicht ab, von dem sein Auftreten in Gesellschaft stets begleitet war, wenn er Jones besuchte, und nahm keine Rücksicht auf den Kranken, mochte er zu der Zeit wachen oder schlafen.

Bei diesem geräuschvollen Wesen dachte er nicht daran, daß er dadurch schaden könnte, und glücklicherweise schadete er auch nicht, und Jones wurde, als er erst wieder aufstehen konnte, für diese Unannehmlichkeit reichlich durch die Gesellschaft Sophiens entschädigt, die der Squire ihn zu besuchen mitbrachte; auch dauerte es wirklich nicht lange, bis Jones sie auf dem Clavier begleiten konnte, worauf 11 sie ihn Stunden lang mit der herrlichsten Musik erfreute, außer wenn es dem Squire einfiel, sie zu unterbrechen und auf Old Sir Simon oder einem andern seiner Lieblingsstückchen zu bestehen.

Ungeachtet der strengsten Wachsamkeit über ihr Benehmen, vermochte Sophie ihre innern Empfindungen doch nicht stets durch den äußern Schein zu verbergen: denn die Liebe ist auch hierin einer Krankheit zu vergleichen, daß sie, wenn ihr der eine Weg verschlossen ist, sicher auf einem andern ausbricht. Was daher ihre Lippen geheim hielten, das verriethen ihre Augen, ihr Erröthen und viele kleine unwillkührliche Handlungen.

Eines Tages, als Sophie auf dem Clavier spielte und Jones aufmerksam zuhörte, trat der Squire mit dem Ausrufe in das Zimmer: »Da habe ich, Tom, unten mit dem dicken Pfarrer Thwackum einen Streit für Dich ausgefochten. Er sagte in meiner Gegenwart zu Allworthy, daß der Armbruch eine gerechte Strafe für Dich wäre. Donner und Wetter, sage ich, wie ist das möglich? Kam er nicht dazu, als er ein junges Mädchen beschützte? – Eine Strafe, nun ja! Hol's der Henker, wenn er nichts weiter verbrochen hat, so wird er eher in den Himmel kommen, als alle Pfarrer im Lande. Er hat mehr Ursache stolz darauf zu sein, als sich zu schämen.« – »In der That, Sir,« sagte Jones, »habe ich weder Grund zu dem Einen noch zu dem Andern; aber wenn Fräulein Western dadurch vor Unglück bewahrt wurde, so werde ich dieses Ereigniß stets für das glücklichste meines Lebens halten.« – »Und noch dazu,« sagte der Squire, »Allworthy deshalb gegen Dich aufzuhetzen! Donner und Wetter, hätte der Pfarrer nicht seinen langen Rock angehabt, ich hätte ihm Eins versetzt; denn ich habe Dich lieb, mein Junge, und verdammt will ich sein, wenn irgend etwas in meiner Macht steht, was ich nicht 12 für Dich thäte. Du sollst morgen früh unter allen Pferden in meinem Stalle die Wahl haben, blos Chevalier und Miß Slouch ausgenommen.« Jones dankte ihm, lehnte jedoch das Anerbieten ab. »Ja,« fügte der Squire hinzu, »Du sollst sogar den Rothfuchs haben, den Sophie ritt. Er kostet mir funfzig Guineen und wird dies Frühjahr sechs Jahre alt.« – »Und wenn er mir tausend gekostet hätte,« rief Jones lebhaft aus, »ich würde ihn den Hunden übergeben haben.« – »Pah! pah!« entgegnete Western: »wie, weil er Dir den Arm zerbrochen hat? Du solltest vergessen und vergeben. Ich hätte Dich für männlicher gehalten, als einem unvernünftigen Thiere zu grollen.« Hier machte Sophie dem Gespräch ein Ende, indem sie ihren Vater bat, ihm etwas vorspielen zu dürfen; eine Bitte, die er ihr nie abschlug.

Sophie hatte während des obigen Gesprächs mehr als einmal die Farbe gewechselt; und wahrscheinlich hatte sie dem leidenschaftlichen Unwillen, den Jones über den Rothfuchs zu erkennen gegeben, einen andern Grund untergelegt als ihr Vater. Ihr Gemüth war in sichtbarer Bewegung, und sie spielte so unerträglich schlecht, daß Western, wäre er nicht bald eingeschlafen, es müßte bemerkt haben. Jones indessen, der hinreichend wach und seiner Ohren und Augen mächtig war, machte einige Bemerkungen, welche ihm, in Verbindung mit dem Vorausgegangenen, dessen sich der Leser erinnern wird, wenn er Alles erwog, die ziemlich volle Ueberzeugung gaben, daß in Sophiens zartem Busen nicht Alles richtig war; eine Vermuthung, bei der sich ohne Zweifel viele junge Herren unendlich wundern werden, daß er sich nicht lange schon Gewißheit verschafft hatte. Die Wahrheit zu gestehen, so war er etwas zu mißtrauisch gegen sich und nicht keck genug, um das Entgegenkommen einer jungen Dame zu bemerken; ein Unglück, 13 was einzig und allein durch jene frühzeitige Stadterziehung, wie sie jetzt so allgemein in der Mode ist, gut gemacht werden kann.

Als diese Gedanken in Jones Wurzel gefaßt hatten, brachten sie eine Aufregung in ihm hervor, die für eine weniger gute und feste Constitution, als die seinige war, unter solchen Umständen sehr gefährliche Folgen hätte haben können. Er wußte den großen Werth Sophiens vollkommen zu schätzen. Ihre Persönlichkeit gefiel ihm ungemein, eben so bewunderte er ihre Talente und ihre Herzensgüte nahm ihn ganz für sie ein. In der That war seine Leidenschaft für sie, da er noch nie mit einem Gedanken an ihren Besitz gedacht, noch seine Neigung irgend wissentlich genährt hatte, heftiger, als er selbst wußte. Sein Herz enthüllte ihm das volle Geheimniß zu derselben Zeit, wo es ihm die Zusicherung gab, daß der anbetungswürdige Gegenstand seiner Liebe dieselbe erwiedere.

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