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Die Geschichte des Tom Jones / Theil II

Henry Fielding: Die Geschichte des Tom Jones / Theil II - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Geschichte des Tom Jones / Theil I
authorHenry Fielding
year1848
firstpub1749
translatorDr. A. Diezmann
publisherGeorg Westermann
addressBraunschweig
titleDie Geschichte des Tom Jones / Theil II
pages239
created20080529
sendergerd.bouillon@t-online.de
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108 Siebentes Kapitel.

Scene eines formellen Liebesantrags in Miniatur gezeichnet, wie das immer sein sollte; und eine Scene zärtlicherer Art in voller Größe dargestellt.

Es war eine richtige Bemerkung, die von irgend einem (und vielleicht von mehrern) gemacht wurde, daß ein Unglück nicht allein komme. – Diese Wahrheit bestätigte sich jetzt an Sophien, die nicht allein ihren Geliebten nicht gesehen, sondern auch noch die Mühe hatte, sich anders anzukleiden, um von einem Manne, den sie haßte, einen Besuch anzunehmen.

Erst an jenem Nachmittage machte Herr Western seine Tochter mit seinem Vorhaben bekannt, indem er ihr sagte, daß er recht gut wüßte, daß sie es schon von ihrer Tante gehört hätte. Sophie machte ein sehr ernstes Gesicht dazu und konnte nicht verhindern, daß ihr einige Thränen in die Augen traten. »Geh, geh,« sagte Western, »nichts von Euren Mädchenpossen: ich weiß alles; ich sage Dir, die Schwester hat mir alles gesagt.«

»Ist es möglich,« sagte Sophie, »daß meine Tante mich schon verrathen haben kann?« – »Ja, ja,« sagte Western; »Dich verrathen! Ja doch; du verriethst Dich ja selbst gestern bei Tische. Du gabst doch, meine ich, Deinen Gedanken sehr deutlich zu erkennen. Aber Ihr jungen Mädchen wißt nie was Ihr wollt. So weinst Du nun, weil ich Dich an den Mann verheirathen will, den Du liebst. Deine Mutter winselte und heulte just auch so; aber vier und zwanzig Stunden nach der Hochzeit war alles vorbei; Herr Blifil ist ein flinker junger Mann und wird Deiner Empfindelei bald ein Ende machen. Komm, heitere Dich auf, sei lustig: ich erwarte ihn jeden Augenblick.«

Sophie war jetzt überzeugt, daß ihre Tante ihr Wort 109 ehrlich gehalten hatte und setzte sich vor, diesem unangenehmen Nachmittage mit so viel Entschlossenheit als möglich entgegen zu gehen und nicht den leisesten Verdacht bei ihrem Vater zu erregen.

Herr Blifil erschien bald, und Herr Western entfernte sich kurz darauf, um das junge Paar allein zu lassen.

Nun folgte eine lange Pause von beinahe einer Viertelstunde, denn der Herr, an dem es war, die Unterhaltung zu beginnen, besaß in hohem Grade jene unschickliche Bescheidenheit, welche nichts anders als Blödigkeit ist. Er wollte oft sprechen, unterdrückte aber eben so oft in demselben Augenblicke seine Worte. Endlich brachen sie in einem Strome weit hergeholter und geschraubter Complimente hervor, die sie mit Niederschlagen der Augen, mit halben Verbeugungen und einsylbigen Höflichkeitsausdrücken erwiederte. – Blifil nahm, bei seiner Unbekanntschaft mit den Launen der Frauen und bei seiner hohen Meinung von sich selbst, dieses Betragen für eine bescheidene Annahme seiner Bewerbung; und als Sophie, um eine Scene, die sie nicht länger ertragen konnte, abzukürzen, aufstand und das Zimmer verließ, schrieb er auch dies einzig ihrer Schüchternheit zu und tröstete sich damit, daß er bald ihre Gesellschaft genug werde genießen können.

Er war überhaupt über den zu erwartenden Ausgang seiner Angelegenheit vollkommen zufrieden gestellt; denn von jenem einzigen und gänzlichen Besitz des Herzens der Geliebten, den gefühlvolle Liebhaber verlangen, kam ihm nie der entfernteste Gedanke ein. Ihr Vermögen und ihre Person waren die einzigen Gegenstände seiner Wünsche und er zweifelte nicht, dieselben bald gänzlich sein zu nennen, weil Herr Western die Heirath so ernstlich wünschte und weil er den willigen Gehorsam kannte, mit welchem Sophie ihres Vaters Willen stets zu erfüllen bereit war, und den 110 noch größeren, den ihr Vater von ihr fordern würde, wenn es nöthig sein sollte. Dieser väterlichen Gewalt also, verbunden mit den Reizen, womit er seine Person und seine Unterhaltung ausgestattet glaubte, konnte seiner Meinung nach eine junge Dame unmöglich widerstehen, deren Herz, woran er nicht zweifelte, noch völlig frei war.

Gegen Jones hegte er wirklich nicht die mindeste Spur von Eifersucht; und ich habe mich oft darüber gewundert. Vielleicht wähnte er, daß der Ruf, in welchem Jones in der ganzen Umgegend stand (mit welchem Rechte, möge der Leser entscheiden) nämlich einer der ausschweifendsten Burschen in ganz England zu sein, ihn einer Dame von der musterhaftesten Sittsamkeit verhaßt machen müsse. Vielleicht auch, daß sein Verdacht durch das Betragen Sophiens und Jones' selbst, wenn sie in Gesellschaft zusammen waren, eingeschläfert wurde. Endlich und überhaupt hatte er die feste Ueberzeugung, daß keine andere Person im Spiele wäre. Er bildete sich ein, Jones durch und durch zu kennen und hatte in der That eine sehr schlechte Meinung von dessen Verstande, weil er nicht mehr auf sein Interesse bedacht war. Blifil dachte ferner, daß das Verhältniß mit Molly Seagrim noch immer seinen Fortgang habe und mit einer Heirath enden werde; denn Jones liebte ihn wirklich von seiner Kindheit an und hatte kein Geheimniß vor ihm, bis sein Betragen während Herrn Allworthy's Krankheit sein Herz ganz von ihm abwendete; und jener Kampf, welcher damals entstand und dem noch keine Versöhnung gefolgt war, war der Grund, daß Blifil von der Aenderung, welche in Jones' Neigung zu Molly vor sich gegangen war, nichts erfahren hatte.

Deshalb also sah Herr Blifil kein Hinderniß für das Gelingen seiner Bewerbung um Sophien. Er schloß, ihr Betragen sei das aller jungen Damen beim ersten Besuche 111 eines Liebhabers gewesen, und es hatte in der That seinen Erwartungen gänzlich entsprochen.

Herr Western lauerte dem Liebhaber bei seinem Weggange von seiner Geliebten auf. Er fand ihn so aufgeregt über seinen Erfolg, so eingenommen für seine Tochter und so befriedigt von ihrer Aufnahme, daß der alte Herr im Saale herumzuspringen und zu tanzen und durch andere seltsame Handlungen seine übermäßige Freude auszudrücken begann; denn er besaß nicht die geringste Herrschaft über irgend eine seiner Leidenschaften; und diejenige, die nun einmal in seinem Gemüthe die Oberhand bekam, trieb ihn zu den ausschweifendsten Handlungen fort.

Sobald sich Blifil entfernt hatte, was Western nicht eher als nach vielen herzlichen Küssen und Umarmungen geschehen ließ, suchte dieser sogleich seine Tochter auf, war außer sich vor Entzücken, als er sie fand und hieß sie von Kleidern und Juwelen auswählen, was sie nur wollte; denn der einzige Gebrauch, den er von seinem Vermögen machen könnte, erklärte er, wäre, sie glücklich zu machen. Dann überschüttete er sie mit Liebkosungen, nannte sie mit den zärtlichsten Namen und betheuerte, daß sie seine einzige Freude auf Erden wäre.

Als Sophie gewahrte, daß ihr Vater in einer so zärtlichen Stimmung war, deren Ursache sie sich nicht recht enträthseln konnte (denn solche Anfälle von Zärtlichkeit waren nicht ungewöhnlich bei ihm, nur nicht so heftig wie dieser), da dachte sie, eine bessere Gelegenheit als diese könne es nicht geben, um sich ihm wenigstens in Betreff Blifil's zu entdecken; auch sah sie nur zu wohl voraus, daß eine vollständige Erklärung doch bald nothwendig werden würde. Nachdem sie daher dem Squire für alle die Verssicherungen seines väterlichen Wohlwollens gedankt hatte, fügte sie mit einem Blicke voll unaussprechlicher Zärtlichkeit 112 hinzu: »Und ist es möglich, daß mein Vater so gütig sein und seine ganze Freude in seiner Sophie Glück setzen kann?« Dies bekräftigte Western durch einen schweren Eid und einen Kuß, worauf sie seine Hand ergriff, auf ihre Knie niederfiel und ihn nach vielen warmen Versicherungen ihrer Liebe und Ehrerbietung flehentlich bat, sie nicht zur Heirath mit einem Manne, den sie verabscheue, zwingen und dadurch zu dem unglücklichsten Geschöpf auf Erden machen zu wollen. »Darum bitte ich Dich, lieber Vater,« sagte sie, »um Deinetwillen sowohl als um meinetwillen, weil Du so unendlich gütig bist, mir zu versichern, daß Dein Glück nur von dem meinigen abhänge.« – »Wie! was!« sagte Western, sie mit einem wilden Blicke anstierend. – »O, theurer Vater,« fuhr sie fort, »nicht allein Deiner armen Sophie Glück, ihr ganzes Leben und Sein hängt von Deiner Erfüllung dieser Bitte ab. Ich kann mit Herrn Blifil nicht leben. Mich zur Heirath mit ihm zwingen, hieße mich umbringen.« – »Du kannst mit Herrn Blifil nicht leben?« sagte Western. – »Nein, bei meiner Seligkeit, ich kann es nicht,« antwortete Sophie. – »So stirb und sei verflucht,« rief Western aus, indem er sie von sich stieß. – »O Vater!« rief Sophie, den Saum seines Rockes erfassend, »Erbarmen, ich bitte Dich, sei nicht so grausam – – Kann Dich diese schreckliche Lage Deiner Sophie nicht rühren? Kann der beste der Väter mein Herz brechen? Wird er mich durch den schmerzhaftesten, grausamsten Tod langsam morden wollen?« – »Pah! pah!« rief der Squire; »alles Schnickschnack und Unsinn; alles Mädchenpossen. Dich umbringen, wahrhaftig! Wird Dich das Heirathen umbringen?« – »O mein Vater,« antwortete Sophie, »eine solche Heirath ist schlimmer als der Tod. Er ist mir nicht blos gleichgültig; ich hasse und verabscheue ihn.« – »Wenn Du ihn noch so sehr 113 verabscheutest,« rief Western, »so sollst Du ihn doch nehmen.« Dies bekräftigte er durch einen Eid, der zu schrecklich war, um ihn zu wiederholen; und nach vielen heftigen Betheuerungen schloß er mit folgenden Worten: »Ich habe diese Heirath einmal beschlossen, und wenn Du nicht darein willigst, so werde ich Dir nicht einen Groschen, nicht einen einzigen Heller geben; nein, und wenn ich Dich auf der Straße verhungern sähe, ich würde Dir nicht einen Bissen Brot reichen. Dies ist mein fester Entschluß und somit verlasse ich Dich, daß Du darüber nachdenken kannst.« Hier riß er sich mit solcher Heftigkeit von ihr los, daß sie mit dem Gesicht gegen den Fußboden aufschlug, und während er zum Zimmer hinausstürmte, ließ er die arme Sophie auf den Boden hingestreckt zurück.

Auf dem Vorsaale begegnete er Jones, der, als er seinen Freund so verstört, bleich und fast athemlos erblickte, nicht unterlassen konnte, nach der Ursache dieser traurigen Anzeichen zu fragen. – Der Squire machte ihn sogleich mit allen Umständen bekannt, indem er damit schloß, bittere Drohungen gegen Sophien zu schleudern und höchst pathetisch alle Väter zu beklagen, die so unglücklich wären, Töchter zu haben.

Jones, dem alle zu Gunsten Blifil's getroffenen Vorkehrungen noch ein Geheimniß waren, war durch diese Erzählung anfangs wie vom Donner gerührt; doch erholte er sich bald wieder und nun gab ihm reine Verzweiflung, wie er späterhin sagte, einen Einschlag, der mehr Dreistigkeit zu erfordern schien, als man je hinter einer menschlichen Stirn angetroffen hat. Er bat nämlich Herrn Western um die Erlaubniß zu Sophien gehen zu dürfen, um zu versuchen, ob er sie für ihres Vaters Willen günstig stimmen könne.

Wäre der Squire so scharfsichtig gewesen, als er in hohem Grade das Gegentheil davon war, so hätte ihn vielleicht in 114 diesem Augenblicke seine Leidenschaftlichkeit geblendet. Er dankte Jones für sein Anerbieten, sich dieser Mühe unterziehen zu wollen und sagte: »Geh, geh, bitte, sieh zu was Du ausrichten kannst;« und dann schwur er viele fürchterliche Eide, daß er sie aus dem Hause hinauswerfen wollte, wenn sie sich zu dieser Heirath nicht verstünde.

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