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Die Geschichte des Tom Jones / Theil II

Henry Fielding: Die Geschichte des Tom Jones / Theil II - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Geschichte des Tom Jones / Theil I
authorHenry Fielding
year1848
firstpub1749
translatorDr. A. Diezmann
publisherGeorg Westermann
addressBraunschweig
titleDie Geschichte des Tom Jones / Theil II
pages239
created20080529
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Sechstes Kapitel.

Enthält ein Zwiegespräch zwischen Sophie und Jungfer Honour, die zarten Besorgnisse ein wenig zu mildern, welche die vorausgegangene Scene in dem Gemüth eines theilnehmenden Lesers erregt hat.

Nachdem Fräulein Western, wie wir im letzten Kapitel gesehen haben, jenes Versprechen von ihrer Nichte erhalten hatte, entfernte sie sich; und sogleich darauf trat Jungfer Honour ein. Sie war in einem Nebenzimmer beschäftigt gewesen und durch die Heftigkeit des vorigen Zwiegesprächs an das Schlüsselloch gezogen worden, wo sie den noch übrigen Theil mit anhörte. Bei ihrem Eintritte in das Zimmer fand sie Sophien regungslos da stehend und in Thränen. Sie besorgte sogleich die gehörige Quantität Thränen in ihre eigenen Augen und begann also: »O Jemine! mein gutes Fräulein, was giebt's denn?« – »Nichts!« rief Sophie. – »Nichts! O theures Fräulein!« antwortete Jungfer Honour, »Sie müssen mir das nicht sagen, wenn Sie in einer solchen Verfassung sind und wenn ein solcher Auftritt mit Ihrer gnädigen Tante vorausgegangen ist.« – »Quäle mich nicht,« rief Sophie, »ich sage Dir, es ist nichts. Gott im Himmel! warum bin ich geboren!« – »Nein, Fräulein,« sagte Jungfer Honour, »Sie werden mich nimmermehr überreden, daß Sie um nichts willen so klagen können. Es ist wahr, ich bin nur eine dienende Person; aber ich bin Ihnen gewiß immer treu gewesen und wollte Ihnen gewiß mit meinem Leben dienen.« – »Meine gute Honour,« sagte Sophie, »es steht nicht in Deiner Macht, mir zu helfen. Ich bin unrettbar verloren.« – »Das verhüte der Himmel!« antwortete das Kammermädchen: »aber wenn ich Ihnen nicht helfen kann, bitte, sagen Sie mir nur, Fräulein, – es wird mir ein Trost sein, es zu 105 wissen, – bitte, liebes Fräulein, sagen Sie mir, was es ist.« – »Mein Vater,« rief Sophie, »will mich an einen Mann verheirathen, den ich verachte und verabscheue.« – »Ach, theures Fräulein,« versetzte die andere, »wer ist denn dieser abscheuliche Mann? denn er ist gewiß sehr schlecht, sonst würde mein gnädiges Fräulein ihn nicht verachten.« – »Die Nennung seines Namens ist meiner Zunge Gift,« erwiederte Sophie, »Du wirst es nur zu bald erfahren.« Die Wahrheit zu gestehen, so wußte sie es bereits und war über diesen Punkt nicht so sehr neugierig. Sie ließ sich dann folgendermaßen weiter vernehmen: »Ich maße mir nicht an, Fräulein, Ihnen einen Rath zu geben, Sie wissen weit besser was Sie zu thun haben, als ich Ihnen das sagen kann, denn ich bin nur ein Dienstbote; aber, wahrlich! kein Vater in England sollte mich gegen meinen Willen verheirathen. Und der Squire ist gewiß so gut, daß er, wenn er nur wüßte, daß Sie den jungen Mann verachteten und haßten, gewiß nicht auf eine Heirath mit ihm dringen würde. Und wenn mein gnädiges Fräulein mir nur erlauben wollten, es meinem Herrn zu sagen, so – gewiß würde es schicklicher sein, wenn es aus Ihrem Munde käme; aber da Sie sich mit seinem schmutzigen Namen die Zunge nicht beschmutzen wollten« – »Du irrst Dich, Honour,« sagte Sophie; »mein Vater hatte es so bestimmt, ehe er noch für nöthig hielt, mir etwas davon zu sagen.« – »Desto schlechter von ihm,« rief Honour; »Sie sollen doch mit ihm zu Bette gehen und nicht der Herr: und wenn ein Mann auch noch so hübsch ist, so wird er doch nicht einer jeden gefallen. Ich bin gewiß, mein Herr würde niemals so handeln, wenn es aus seinem eigenen Kopfe käme. Ich wünschte, manche Leute bekümmerten sich nur um das, was sie angeht; sie würden es auch nicht leiden, glaube ich, daß man sich in 106 ihre Angelegenheiten mischte; denn wenn ich auch nur ein Kammermädchen bin, so kann ich mir doch leicht vorstellen, daß einem nicht ein Mann gefällt wie der andere. Und wozu nützt Ihnen ein so großes Vermögen, wenn Sie sich nicht einmal nach Gefallen den Mann wählen können, den Sie am hübschesten finden? Meinetwegen, ich sage nichts; aber gewiß, es ist jammerschade, daß manche Leute nicht anders geboren worden sind: übrigens, was das betrifft, da würde ich mich nichts drum scheren; aber dann ist auch nicht so viel Geld da: nun was thut das? Sie, Fräulein, haben Geld genug für beide; und wie könnten Sie Ihr Vermögen besser anwenden? denn gewiß, das muß jeder sagen, daß er der schönste, reizendste, feinste, schlankste, zierlichste Mann von der Welt ist.« – »Was soll diese Sprache bedeuten?« rief Sophie, indem sie einen strengen Ernst annahm. – »Habe ich Dir jemals solche Freiheiten erlaubt?« – »Nein, Fräulein, ich bitte um Verzeihung; es war ja nicht böse gemeint,« antwortete sie; »aber gewiß, der arme Herr ist mir, seit ich ihn diesen Morgen gesehen, nicht wieder aus dem Kopfe gekommen. Ach, Sie hätten ihn nur eben jetzt sehen sollen, gewiß hätte er Sie gedauert. Der arme Herr! wenn ihm nur kein Unglück zugestoßen ist; denn er ging mit über einandergeschlagenen Armen und sah so traurig aus den ganzen Morgen, – ich schwöre es Ihnen zu, daß ich bald laut aufgeschrien hätte, als ich ihn erblickte.« – »Wen erblickte?« sagte Sophie. – »Den armen Herrn Jones,« antwortete Honour. – »Ihn sahst Du! wie, wo war es, wo sahst Du ihn?« rief Sophie. – »Am Kanal, Fräulein,« erwiederte jene. »Dort ist er diesen ganzen Morgen umhergegangen und dort legte er sich endlich nieder: ich glaube, daß er noch dort liegt. – Gewiß hätte ich, wäre meine Bescheidenheit nicht gewesen, da ich doch nur ein Kammermädchen bin, 107 mich ihm genähert und mit ihm gesprochen. Ach, Fräulein, lassen Sie mich doch nur zum Spaß hinsehen, ob er noch dort ist.« – »Was sagst Du!« rief Sophie. »Dort! nein, nein; was sollte er auch dort? Er ist sicher schon wieder weggegangen. Ueberdies, warum – was – wozu wolltest Du nachsehen? – überdies brauche ich Dich zu etwas anderm. Geh, hole mir Hut und Handschuhe. Ich werde mit meiner Tante vor Tische einen Spaziergang in das Wäldchen machen.« Honour that sogleich, was ihr geheißen worden war und Sophie setzte ihren Hut auf; als sie sich jedoch im Spiegel betrachtete, stellte sie sich vor, das Band am Hute kleide sie nicht und so schickte sie das Mädchen fort nach einem andern; dann schärfte sie Jungfer Honour zu wiederholten Malen ein, ja ihre Arbeit nicht zu verlassen, weil es damit große Eile hätte und sie noch diesen Tag fertig werden müßte, murmelte etwas vom Waldgehen, lief dann den entgegengesetzten Weg hinaus und schritt so schnell sie ihre zarten zitternden Glieder tragen konnten, gerade auf den Kanal zu.

Jones war dort gewesen, wie ihr Jungfer Honour gesagt hatte; er hatte wirklich diesen Morgen in traurigen Gedanken an seine Sophie zwei Stunden dort zugebracht und war gerade in dem Momente zu der einen Thür aus dem Garten hinausgegangen als sie zur andern hereinkam; so daß jene unglücklichen Minuten, die über dem Wechseln der Bänder hingegangen waren, das Zusammentreffen der Liebenden jetzt verhinderten; – ein höchst unglücklicher Zufall, aus dem meine schönen Leserinnen nicht verfehlen werden, eine sehr heilsame Lehre zu ziehen. Und hiermit verbiete ich allen männlichen Kritikern aufs strengste, sich mit einem Umstande zu befassen, den ich blos der Damen wegen erzählt habe, und über den sie allein sich aussprechen dürfen.

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