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Die Geschichte des Tom Jones / Theil II

Henry Fielding: Die Geschichte des Tom Jones / Theil II - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Geschichte des Tom Jones / Theil I
authorHenry Fielding
year1848
firstpub1749
translatorDr. A. Diezmann
publisherGeorg Westermann
addressBraunschweig
titleDie Geschichte des Tom Jones / Theil II
pages239
created20080529
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Fünftes Kapitel.

Worin erzählt wird, was sich zwischen Sophien und ihrer Tante zutrug,

Sophie las in ihrem Zimmer, als ihre Tante eintrat. So wie sie diese erblickte, schlug sie ihr Buch mit solcher Hast zu, daß die gute Lady nicht umhin konnte, zu fragen, was für ein Buch es wäre, das sie sehen zu lassen so sehr fürchtete? »Auf mein Wort, Tante,« antwortete Sophie, »es ist ein Buch, das gelesen zu haben, ich ohne Beschämung oder Furcht gestehen darf. Es ist das Werk einer vornehmen jungen Dame, deren Verstand nach meinem 98 Urtheile ihrem Geschlecht und deren Herzensgüte der menschlichen Natur Ehre macht.« Fräulein Western nahm das Buch auf und warf es auch sogleich wieder hin, indem sie sagte: – »Ja, die Verfasserin ist von sehr guter Familie; aber sie kommt nicht viel unter Leute, die man kennt. Ich habe es nie gelesen; denn die besten Beurtheiler sagen, daß nicht viel daran ist.« – »Ich darf zwar,« sagte Sophie, »meine Ansicht gegen die besten Beurtheiler nicht geltend machen, aber mir scheint viel Natürliches darin zu herrschen, und an vielen Stellen so viel wahres Zartgefühl und Feinheit des Geschmacks, daß es mir manche Thräne gekostet hat.« – »Nun, Du liebst also wohl das Weinerliche?« sagte die Tante. – »Ich liebe eine zarte Empfindung,« entgegnete die Nichte, »und würde jederzeit eine Thräne darum geben.«.– »Nun gut, aber zeige mir,« fuhr die Tante fort, »was Du lasest, als ich hereinkam? ich glaube, es war etwas sehr Zartes und etwas sehr Zärtliches obendrein. Du erröthest, meine theure Sophie. Ah! Kind, Du solltest Bücher lesen, die Dich ein wenig in der Verstellung unterrichteten, die Dich Deine Gedanken ein wenig besser verbergen lehrten.« – »Ich hoffe, Tante,« antwortete Sophie, »keine Gedanken zu haben, deren ich mich zu schämen brauche.« – »Zu schämen! Nein,« rief die Tante, »ich glaube nicht, daß Du Gedanken hegst, deren Du Dich zu schämen hättest; und doch, Kind, erröthetest Du, gerade als ich das Wort zärtlich nannte. Liebe Sophie, sei versichert, daß Du nicht einen einzigen Gedanken hast, von dem ich nicht wohl unterrichtet wäre; eben so wohl, Kind, wie die Franzosen von unsern Bewegungen, lange bevor wir sie ausführen. Meintest Du, Kind, Du könntest, weil Du Deinen Vater täuschen kannst, auch mich täuschen? Bildest Du Dir ein, ich wüßte die Ursache nicht, warum Du gestern Deine Freundlichkeit gegen Herrn Blifil 99 übertriebst? Ich bin mit der Welt ein wenig zu gut vertraut, um so hintergangen zu werden. Nein, nein, werde nur nicht wieder roth. Ich sage Dir, es ist eine Leidenschaft, deren Du Dich nicht zu schämen brauchst. Es ist eine Leidenschaft, die ich selbst billige und die ich Deinen Vater gut zu heißen bereits vermocht habe. Ich berücksichtige wirklich bloß Deine Neigung; und ich würde diese wo möglich stets begünstigt haben, wenn man gleich wohl höhere Ansprüche machen könnte. Wohlan, ich habe Neuigkeiten für Dich, die Dich entzücken sollen. Schenke mir Dein Vertrauen und ich will es unternehmen, Dich so glücklich zu machen, als Du nur wünschen magst.« – »Aber! Tante,« sagte Sophie, auf deren Gesicht sich die größte Verwirrung ausdrückte, »ich weiß nicht, was ich sagen soll. Wie, Tante, sollten Sie Verdacht haben?« – »Nein, keine Unredlichkeit,« entgegnete Fräulein Western. »Bedenke, daß Du mit einer Deines Geschlechts, mit Deiner Tante, und ich hoffe, Du bist überzeugt davon, Deiner Freundin, sprichst. Bedenke, daß Du mir blos anvertraust, was ich bereits weiß und was ich gestern deutlich sah, trotz jener überaus listigen Verstellung, die Du angenommen hattest und die einen jeden getäuscht haben müßte, der die Welt nicht vollkommen kennt. Endlich bedenke, daß es eine Leidenschaft ist, die ich höchlich billige.« – »Aber! Tante,« sagte Sophie, »Sie stürmen so unerwartet und so plötzlich auf mich ein. Es ist wahr, ich bin nicht blind – und freilich, wenn es ein Fehler ist, alle menschlichen Vollkommenheiten vereinigt zu sehen – aber ist es möglich, daß Sie, Tante, und mein Vater mit meinen Augen sehen?« – »Ich sage Dir,« erwiederte die Tante, »wir sind ganz damit einverstanden, und noch diesen Nachmittag will der Vater, daß Du Deinen Geliebten empfangen sollst.« – »Mein Vater! diesen Nachmittag!« rief Sophie, und das Blut strömte ihr zu 100 Gesicht. – »Ja, Kind,« versetzte die Tante, »diesen Nachmittag; Du kennst die Ungeduld meines Bruders. Ich machte ihn mit der Leidenschaft bekannt, die ich zuerst an jenem Tage entdeckte, wo Du auf freiem Felde in Ohnmacht fielst; ich sah sie in Deiner Ohnmacht; ich sah sie unmittelbar nachdem Du wieder zu Dir gekommen warst; ich sah sie an jenem Abende über Tische, den andern Morgen beim Frühstück (Du weißt, Kind, ich habe die Welt gesehen). Nun wohl, ich hatte meinen Bruder kaum damit bekannt gemacht, als er auch sogleich Allworthy einen Heirathsvorschlag thun wollte. Er that ihn gestern; Allworthy war damit einverstanden (und zwar, wie das nicht anders sein konnte, mit Freuden); und diesen Nachmittag, sage ich Dir, gilt es, Deine beste Miene anzunehmen.« – »Diesen Nachmittag!« rief Sophie. »Theure Tante, Sie erschrecken mich so, daß ich von Besinnung komme.« – »O! meine Liebe, Du wirst Dich bald wieder erholen; denn er ist ein liebenswürdiger junger Mann, das ist wahr.« – »Ja, ich gestehe es,« sagte Sophie, »ich kenne keinen andern, der solche Vorzüge besäße. Er ist so männlich und doch so sanft, so witzig und doch so gutmüthig; so menschenfreundlich, so höflich, so artig, so schön! Was kümmert seine uneheliche Geburt, wenn solche Eigenschaften für ihn sprechen?« – »Uneheliche Geburt! was willst Du damit sagen?« fragte die Tante; »Herrn Blifil's uneheliche Geburt!« Sophie erbleichte augenblicklich bei diesem Namen, den sie mit leiser Stimme wiederholte und worauf die Tante ausrief: »Herr Blifil! nun ja, Herr Blifil; von wem sonst haben wir gesprochen?« – »Mein Himmel!« antwortete Sophie, die sich kaum aufrecht zu erhalten vermochte, »von Herrn Jones, dachte ich; ich kenne wenigstens keinen andern, der verdiente« – – »Ich gestehe,« rief die Tante, »jetzt bin ich es, die erschrickt. 101 Herr Jones also, und nicht Herr Blifil, ist der Gegenstand Deiner Liebe?« – »Herr Blifil!« wiederholte Sophie. »Das kann doch unmöglich Ihr Ernst sein; wenn es so ist, so bin ich die unglücklichste Person, die da lebt.« Fräulein Western stand einige Augenblicke schweigend da, während ihre Augen glühenden Zorn sprüheten. Endlich polterte sie, die ganze Kraft ihrer Stimme zusammennehmend, folgende artikulirte Laute hervor:

»Ist 's möglich, daß Du daran denken kannst, Deine Familie durch eine Verbindung mit einem Bastard zu entehren? Kann dem Blute der Western solche Schmach widerfahren? Wenn Du nicht Verstand genug hast, solche widernatürliche Neigungen zu unterdrücken, so dächte ich, der Stolz unsrer Familie würde Dich abgehalten haben, eine so verwerfliche Leidenschaft im mindesten zu nähren; noch weniger hätte ich mir eingebildet, daß Du jemals den Muth haben würdest, mir sie so ins Gesicht zu gestehen.«

»Tante,« antwortete Sophie zitternd, »was ich gesagt habe, haben Sie mir abgedrungen. Welche Gedanken ich auch immer über diesen armen unglücklichen jungen Mann hegte, ich war entschlossen, sie mit mir ins Grab zu nehmen, wo ich jetzt allein noch Ruhe erwarten kann.« Hier sank sie, in Thränen schwimmend, auf ihren Stuhl nieder und bot so in ihrem stillen unaussprechlichen Kummer einen Anblick dar, der ein Herz von Stein hätte rühren müssen.

All dieser zarte Kummer erweckte jedoch kein Mitgefühl bei ihrer Tante. Im Gegentheil, sie gerieth jetzt in die heftigste Wuth. – »Und ich wollte Dir lieber,« rief sie so laut sie konnte, »in Dein Grab folgen, als Dich und Deine Familie durch eine solche Heirath entehrt zu sehen. O Himmel! Hätte ich jemals ahnen können, daß ich es erleben müßte, zu hören, meine Nichte liebe einen solchen Menschen! Du bist die erste, – ja, Sophie, Du bist die 102 erste unseres Namens, die jemals einen so niedrigen Gedanken faßte: und aus einer Familie, die der Klugheit ihrer Frauen wegen ausgezeichnet ist.« – So ging es eine volle Viertelstunde fort, bis sie ihren Athem, nicht sowohl ihre Wuth, erschöpft hatte und sie schloß mit der Drohung, sogleich zu ihrem Bruder gehen und ihn davon unterrichten zu wollen.

Hierauf warf sich ihr Sophie zu Füßen und bat sie, indem sie ihre Hand ergriff, mit Thränen, das ihr entlockte Geheimniß zu verschweigen; sie gab ihr die Heftigkeit ihres Vaters zu bedenken und betheuerte, daß keine Neigung sie vermögen würde, etwas zu thun, das ihn kränken könnte.

Fräulein Western sah sie einen Augenblick schweigend an und sagte dann, nachdem sie sich gesammelt hatte, »daß sie blos unter einer Bedingung ihrem Bruder das Geheimniß vorenthalten wolle, und diese wäre, daß Sophie versprechen sollte, Herrn Blifil diesen Nachmittag als ihren Geliebten zu empfangen und ihn als denjenigen, der ihr Gemahl werden sollte, zu behandeln.«

Sophie befand sich zu sehr in ihrer Tante Gewalt, um ihr irgend etwas geradezu abzuschlagen: sie sah sich genöthigt, zu versprechen, daß sie Herrn Blifil sehen und so höflich als möglich behandeln wolle, bat jedoch ihre Tante, die Heirath ja nicht eilig zu betreiben. Sie sagte, daß sie Herrn Blifil durchaus nicht leiden könne und hoffe, ihr Vater werde nicht wollen, daß sie die unglücklichste aller Frauen werde.

Fräulein Western versicherte sie, daß man über die Heirath vollkommen einig wäre und daß nichts dieselbe rückgängig machen könnte oder sollte. – »Ich muß gestehen,« fuhr sie fort, »daß mir die Sache ziemlich gleichgültig war, ja daß ich wohl gar einige Skrupel dabei hatte, die jedoch sogleich schwanden, als ich glaubte, sie stimme mit Deinen 103 Wünschen völlig überein; doch jetzt halte ich diese Heirath für die allervorzüglichste, auch soll sie, so weit ich es verhindern kann, keinen Augenblick weiter hinaus verschoben werden.«

Sophie bat: »Aufschub wenigstens, Tante, lassen Sie mich von Ihrer und meines Vaters Güte erwarten. Gewiß werden Sie mir Zeit geben, daß ich über eine so große Abneigung, wie ich sie jetzt gegen diese Person hege, die Oberhand zu gewinnen suche.«

Die Tante erwiederte: »sie kenne die Welt zu gut, um sich dadurch täuschen zu lassen; sie werde, da sie wisse, daß ein anderer Mann ihre Neigung besitze, ihren Bruder bereden, die Heirath so viel als möglich zu beschleunigen. Es würde wahrhaftig eine sehr schlechte Politik sein,« setzte sie hinzu, »wenn man den Sieg aufschieben wollte, während die feindliche Armee da und zu fürchten ist, ihn zu verlieren. Nein, nein, Sophie, da ich überzeugt bin, daß Du eine heftige Leidenschaft hegst, die Du nie mit Ehren befriedigen kannst, so will ich alles Mögliche thun, um Deine Familie der Sorge um Deine Ehre zu überheben; denn wenn Du verheirathet bist, so gehen diese Dinge einzig und allein Deinen Gemahl an. Ich hoffe, Kind, Du wirst stets klug genug sein, um zu handeln, wie es sich geziemt; wäre dies jedoch nicht der Fall, nun so hat eine Heirath schon viele Frauen vor Verderben bewahrt.«

Sophie verstand wohl, was ihre Tante meinte; hielt es aber nicht für gut, ihr eine Antwort zu geben. Dennoch beschloß sie, Herrn Blifil zu sehen und ihm so höflich als möglich zu begegnen; denn nur unter dieser Bedingung erhielt sie das Versprechen von ihrer Tante, das Geheimniß ihrer Liebe, das ihr böses Geschick vielmehr als die List von Fräulein Western ihr entrissen hatte, zu verschweigen.

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