Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Henry Fielding >

Die Geschichte des Tom Jones / Theil II

Henry Fielding: Die Geschichte des Tom Jones / Theil II - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Geschichte des Tom Jones / Theil I
authorHenry Fielding
year1848
firstpub1749
translatorDr. A. Diezmann
publisherGeorg Westermann
addressBraunschweig
titleDie Geschichte des Tom Jones / Theil II
pages239
created20080529
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Zweites Kapitel.

Der Charakter von Fräulein Western, der älteren. Ihre große Gelehrsamkeit und Weltkenntniß und ein Beispiel von ihrem daraus hervorgegangenen Scharfsinne.

Wie der Leser gesehen hat, gingen Herr Western, seine Schwester und Tochter mit dem jungen Jones und dem Geistlichen zusammen nach Herrn Western's Wohnung, wo der größere Theil der Gesellschaft den Abend sehr vergnügt zubrachte. Sophie war in der That die einzige ernsthafte Person; denn was Jones betrifft, so erheiterte ihn, obgleich die Liebe jetzt völlig von seinem Herzen Besitz genommen hatte, doch die angenehme Erinnerung an Herrn Allworthy's Genesung und die Gegenwart seiner Geliebten, die es sich nicht versagen konnte, ihm dann und wann einen zärtlichen Blick zuzuwerfen, so sehr, daß er in die Fröhlichkeit der übrigen Drei einstimmte, die vielleicht das heiterste Völkchen in der Welt waren.

81 Sophie kam mit derselben ernsten Miene am nächsten Morgen zum Frühstück, vom dem sie sich auch früher als gewöhnlich zurückzog und Vater und Tante allein ließ. Der Squire hatte nicht Acht auf die Veränderung in seiner Tochter Betragen. Die Wahrheit zu sagen, besaß er, obgleich er etwas von einem Politiker hatte und zwei Mal Wahlcandidat der Grafschaft gewesen war, keine sonderliche Beobachtungsgabe. Seine Schwester war eine Dame von einem ganz andern Schlage. Sie hatte am Hofe gelebt und die Welt gesehen. Dort hatte sie alle jene Kenntniß erworben, welche die Welt gewöhnlich verleiht und war eine vollendete Dame in Manieren, Gewohnheiten, Ceremonie und Mode. Damit hörte aber ihre Bildung noch nicht auf. Sie hatte ihren Geist durch Studium wesentlich vervollkommnet: sie hatte nicht allein die modernen Schauspiele, Opern, Oratorien, Gedichte und Romane gelesen und wußte sie zu beurtheilen, sondern war auch durch Rapin's Geschichte von England, Echard's römische Geschichte und viele französische Mémoires pour servir à l'Histoire hindurchgedrungen; diesen hatte sie noch die meisten der in den letzten zwanzig Jahren erschienenen politischen Flugschriften und Journale hinzugefügt. Dadurch hatte sie ein sehr competentes Urtheil über Politik erlangt und konnte sehr gelehrt über die europäischen Angelegenheiten reden. Sie war ferner ausgezeichnet gut in der Lehre von der Liebe bewandert und wußte es besser als irgend Jemand, wenn zwei einander zugethan waren; auch wurde ihr die Erlangung dieser Geschicklichkeit um so leichter, als ihr Streben danach nie durch irgend ein persönliches Interesse gestört wurde: denn entweder hatte sie nie eine Neigung, oder es hatte sich nie Jemand darum beworben, welches letztere in der That sehr wahrscheinlich ist; denn ihre männliche Gestalt von beinahe sechs Fuß Höhe, dazu ihre 82 Manieren und Gelehrsamkeit, konnten leicht das andere Geschlecht abhalten, sie, trotz dem Unterrocke, für ein Weib zu nehmen. Da sie indessen den Gegenstand wissenschaftlich betrachtet hatte, so kannte sie, obschon sie dieselben nie geübt, alle Künste vollkommen genau, deren sich feine Damen bedienen, um aufzumuntern, oder ihre Neigung zu verbergen, kannte den ganzen reichhaltigen Zubehör von Lächeln, Liebäugeln, Seitenblicken u. s. w., wie sie gegenwärtig unter der beau monde gebräuchlich sind. Mit einem Worte, keine Art Verstellung oder Affectation war ihrer Aufmerksamkeit entgangen; aber das unverstellte einfache Walten einer unverfälschten Natur, das kannte sie nur wenig.

Vermöge dieses wunderbaren Scharfsinnes hatte das Fräulein jetzt, wie sie glaubte, eine Veränderung in Sophiens Gemüthszustande entdeckt. Das erste Merkmal davon war ihr das Betragen derselben auf dem Schlachtfelde, und der Verdacht, den sie daraus schöpfte, wurde wesentlich bestärkt durch einige Wahrnehmungen, die sie an jenem Abende und am darauf folgenden Morgen gemacht hatte. Da sie jedoch mit großer Vorsicht zu vermeiden suchte, eines Irrthums überwiesen zu werden, so bewahrte sie das Geheimniß ganzer vierzehn Tage in ihrem Busen und gab nur einige entfernte Andeutungen durch Lächeln, Augenblinzeln, Kopfnicken und dann und wann durch ein hingeworfenes dunkles Wort von sich, was Sophien wirklich Unruhe genug machte, vom Bruder aber durchaus unbemerkt blieb.

Endlich war sie jedoch vollkommen von der Wahrheit ihrer Beobachtung überzeugt und nahm daher eines Morgens, als sie mit ihrem Bruder allein war, Gelegenheit, dessen Pfeifen mit folgenden Worten zu unterbrechen:

»Ich bitte, Bruder, hast Du nicht in der letzten Zeit etwas ganz Ungewöhnliches an meiner Nichte bemerkt?« – 83 »Nein, ich nicht,« antwortete Western: ist dem Mädchen etwas begegnet?« – »Ich denke so,« versetzte sie, »und obendrein etwas sehr Bedeutendes.« – »Sie klagte ja nichts,« rief Western aus. »Die Blattern hat sie gehabt.«– »Lieber Bruder,« erwiederte sie, »Mädchen sind noch anderen Krankheiten, als den Blattern unterworfen und bisweilen wohl noch schlimmern.« Hier unterbrach sie Western und bat sie sehr ernst, ihm es sogleich zu sagen, wenn seiner Tochter etwas fehlte, denn sie wisse ja, daß er dieselbe mehr wie sich selbst liebe und daß er bis ans Ende der Welt nach dem besten Arzte für sie senden würde. »Nein, nein,« antwortete sie lächelnd, »so schrecklich ist die Krankheit nicht; aber ich glaube, Bruder, Du traust mir zu, daß ich die Welt kenne, und ich sage Dir, in meinem Leben habe ich mich nicht ärger getäuscht, wenn meine Nichte nicht bis zum Sterben verliebt ist.« – »Was! verliebt?« rief Western in leidenschaftlicher Hitze; »verliebt, ohne mir etwas zu sagen? Ich enterbe sie; ich werfe sie splitternackt und ohne ihr einen Heller zu geben zum Hause hinaus. Ist das der Dank für alle meine Güte und Liebe, sich zu verlieben, ohne mich zu fragen?« – »Aber Du wirst doch,« entgegnete Fräulein Western, »diese Tochter, die Du mehr wie Dich selbst liebst, nicht aus dem Hause hinauswerfen, ehe Du weißt, ob Du ihre Wahl billigen wirst. Gesetzt, diese wäre gerade auf die Person gefallen, die Du Dir selbst wünschtest, so wirst Du doch hoffentlich nicht böse darüber sein?« – »Nein,« rief Western aus, »das wäre eine andere Sache. Wenn sie einen Mann heirathet, mit dem ich zufrieden bin, so mag sie lieben, wen sie Lust hat, das soll mir einerlei sein.« – »Das ist gesprochen, wie es einem verständigen Manne ziemt,« antwortete die Schwester; »aber ich glaube, daß ihre Wahl gerade auf denjenigen gefallen ist, den Du für sie 84 ausgewählt haben würdest. Ich will mich nicht auf die Welt verstehen, wenn dem nicht so ist; und ich denke, Bruder, Du giebst zu, daß ich mich ein wenig darauf verstehe.« – »Je nun, warum nicht, Schwester,« sagte Western, »so weit das ein Weib im Stande ist; und das sind nun gerade Weibersachen. Du weißt, ich hab's nicht gern, wenn Du über Politik redest; die gehört für uns und Weiber sollten sich darein nicht mischen; aber sag' an, wer ist der Mann?« – »Ei sieh doch!« sagte sie, »such ihn doch gefälligst selbst heraus. Ein so großer Politikus wie Du, kann nicht lange in Ungewißheit sein. Der Scharfblick, der in die Cabinete der Fürsten eindringt und die geheimen Triebfedern entdeckt, durch welche die großen Räder der politischen Maschinen Europa's in Bewegung gesetzt werden, muß doch ohne Zweifel durchschauen können, was in dem ungekünstelten einfachen Gemüthe eines Mädchens vorgeht.« – »Schwester,« rief ihr der Squire zu, »ich habe Dir oft gesagt, Du sollst mir mit Deinem Hofgeschwätz vom Halse bleiben. Ich sage Dir, ich verstehe die Sprache nicht; aber eine Zeitung kann ich lesen. Und wenn auch vielleicht dann und wann ein Vers darin ist, aus dem ich mir nicht viel nehmen kann, weil die Hälfte der Buchstaben weggelassen ist, so weiß ich doch recht gut, was damit gemeint ist, und daß nicht alles so geht wie es sollte, der Bestechungen wegen.« – »Ich bemitleide Deine ländliche Unwissenheit von Herzen,« rief die Lady aus. »Wirklich?« antwortete Western; »und ich bemitleide Deine Stadtgelehrsamkeit: ehe ich ein Hofmann und ein Presbyterianer und wohl gar, wie manche, ein Hanoveraner wäre, da wollte ich doch lieber sonst was sein.« – »Wenn Du auf mich zielst,« entgegnete sie, »so weißt Du, daß ich ein Frauenzimmer bin, Bruder; und es ist gleichgültig, was ich bin. Außerdem« – »Ich weiß, daß Du ein Frauenzimmer bist, und Du kannst froh 85 sein, daß Du eins bist; denn wenn Du ein Mann gewesen wärst, hättest Du schon lange eine Ohrfeige.« – »Nun ja,« sagte sie, »darin liegt Eure ganze eingebildete Ueberlegenheit. An Körpermasse überwiegt Ihr uns, aber nicht an Gehirn. Glaube mir, es ist ein Glück für Euch, daß ihr uns schlagen könnt, sonst würden wir mit unserer geistigen Ueberlegenheit Euch alle zu dem machen, was die Edeln und Weisen, die Witzigen und Gebildeten schon sind – zu unsern Sklaven.« – »Ich freue mich, Deine Gesinnungen kennen zu lernen,« erwiederte der Squire. »Aber wir wollen davon ein andermal sprechen. Jetzt sage mir, wer der Mann ist, den Du meinst.« – »Nur einen Augenblick Geduld,« sagte sie, »bis ich jene unbeschränkte Verachtung überwunden habe, die ich gegen Dein Geschlecht hege, sonst möchte ich auch Dir böse werden. Da – ich habe versucht, sie hinabzuschlucken. Und nun sag', lieber Politikus, was meinst Du zu Herrn Blifil? Fiel sie nicht in Ohnmacht, wie sie ihn leblos am Boden liegen sah? Erbleichte sie nicht wiederum, nachdem er sich erholt hatte und als wir zu der Stelle kamen, wo er stand? und was, frage ich Dich, sollte sonst die Ursache sein, daß sie an jenem Abende, den folgenden Morgen und überhaupt seitdem so traurig war? – »Bei George!« rief der Squire, »jetzt fällt mir's ein, jetzt erinnere ich mich an alles. Gewiß ist es so, und ich freue mich von ganzem Herzen darüber. Ich wußte doch, daß Sophie ein gutes Mädchen ist und mir, wenn sie sich verliebte, keinen Verdruß machen würde. In meinem Leben bin ich nicht so vergnügt gewesen: denn nichts kann so passend beisammen liegen, als unsere beiden Güter. Dieser Umstand ist mir lange schon im Kopfe herumgegangen; denn die beiden Güter sind gewissermaßen schon zusammen verheirathet und es wäre jammerschade, wenn sie getrennt werden sollten. Das ist wahr, es giebt 86 größere Güter im Königreiche, aber in unserer Grafschaft nicht; und lieber wollte ich etwas einbüßen, ehe ich meine Tochter an einen Fremden oder Ausländer verheirathet hätte. Ueberdies sind die meisten dieser großen Güter in den Händen von Lords und die kann ich schon um ihres Namens willen nicht leiden. Aber, Schwester, was räthst Du mir nun zu thun? denn ich sage Dir, Weiber sind in diesen Dingen besser bewandert wie wir.« – »Ei, Ihre gehorsame Dienerin, mein Herr,« antwortete die Lady, »wir sind Ihnen verbunden, daß Sie uns doch zu etwas für fähig halten. Da es Ihnen denn gefällt, mein Herr Politikus, mich um Rath zu fragen, so dächte ich, Sie machten Herrn Allworthy selbst den Heirathsvorschlag. Er enthält nichts Unschickliches, wenn er von den Aeltern der einen oder der andern Seite kommt. Der König Alcinous in Pope's Odyssee trägt dem Ulysses seine Tochter an. Einem so großen Politiker, wie Du bist, brauche ich nicht zu sagen, daß Du von der Liebe Deiner Tochter nichts erwähnen darfst; das würde freilich gegen allen Anstand sein.« – »Gut,« sagte der Squire, »ich will ihm den Vorschlag machen; aber ich gebe ihm gewiß Eins, wenn er mir eine abschlägliche Antwort giebt.« – »Fürchte nichts,« meinte Fräulein Western, »die Partie ist zu vortheilhaft, um ausgeschlagen zu werden.« – »Ich weiß das nicht,« antwortete der Squire: »Allworthy ist ein wunderlicher Kautz und Geld macht's bei ihm nicht aus.« – »Bruder,« sagte die Lady, »Deine Politik setzt mich in Erstaunen. Giebst Du wirklich auf Versicherungen so viel? Meinst Du, daß Herr Allworthy das Geld geringer achtet als andere Leute, weil er es vorgiebt? Solche Leichtgläubigkeit würde uns Frauen besser anstehen, als diesem weisen Geschlechte, das der Himmel zu Politikern gestempelt hat. Wahrhaftig, Bruder, Du würdest einen vortrefflichen Plenipo 87 abgeben, um mit den Franzosen zu unterhandeln. Sie würden Dich bald überreden, daß es eine bloße Vertheidigungsmaßregel von ihnen wäre, Städte zu erobern.« – »Schwester,« antwortete der Squire sehr höhnisch, »über die eroberten Städte laß Dir von Deinen Freunden bei Hofe Rechenschaft geben; da Du ein Weib bist, so will ich Dir es nicht anrechnen; denn ich stelle mir vor, daß sie klüger sind, als daß sie Weibern Geheimnisse anvertrauen sollten.« Er begleitete diese Worte mit einem so sarkastischen Lachen, daß Fräulein Western es nicht länger ertragen konnte. Sie war an einer sehr verwundbaren Stelle angegriffen worden (denn sie war wirklich äußerst erfahren in diesen Dingen und konnte sich darüber sehr ereifern) und gerieth daher in solchen Zorn, daß sie ihrem Bruder erklärte, er wäre ein grober Tölpel und ein Dummkopf und sie würde nicht länger in seinem Hause bleiben.

Der Squire war, obgleich er vielleicht Macchiavel nie gelesen hatte, nichts desto weniger in manchen Stücken ein vollendeter Politiker. Er hielt sich streng an alle die weisen Grundsätze, die in jener politisch-peripatetischen Schule der Börse so wohl eingeprägt werden. Er kannte den wahren Werth und einzigen Nutzen des Geldes, dasselbe nämlich aufzuhäufen. Er war gleichfalls wohl erfahren in der genauen Schätzung rückfälliger und zu hoffender Gelder u. s. w. und hatte oft die Summe des Vermögens seiner Schwester und die Anwartschaft erwogen, welche er oder seine Nachkommen auf deren Nachlaß hätten. Auch war er viel zu klug, um diesen einer läppischen Empfindlichkeit zu opfern. Wenn er also einsah, daß er zu weit gegangen war, so suchte er wieder einzulenken und eine Versöhnung herbeizuführen, was ihm nicht sehr schwer gemacht wurde, weil die Lady eine große Anhänglichkeit an ihren Bruder und eine noch größere an ihre Nichte hatte; und wenn sie 88 auch durch einen Zweifel an ihren politischen Kenntnissen, auf die sie sich viel einbildete, nur zu leicht gereizt werden konnte, so war sie doch eine Person von überaus guter und sanfter Gemüthsart.

Nachdem er sich also zuerst der Pferde mit Gewalt versichert hatte, denen er keinen andern Ausweg aus dem Stalle als die Fenster offen ließ, wendete er sich zunächst an seine Schwester, beruhigte und besänftigte sie durch Widerrufen alles dessen, was er gesagt und durch Versicherung gerade des Gegentheils von dem, womit er sie erzürnt hatte. Zuletzt nahm er seine Zuflucht zur Beredtsamkeit Sophiens, die ihrer Tante auf eine freundliche und gewinnende Weise zuredete und den Vortheil hatte, bei ihr das geneigteste Gehör zu finden.

Das Endresultat war ein gütiges Lächeln, womit Fräulein Western die folgenden Worte begleitete: »Bruder, Du bist ein ausgemachter Croat; aber so wie diese ihr Gutes in der Armee der Kaiserin Königin haben, so hast Du auch Dein Gutes. Ich will daher noch einmal einen Friedensvertrag mit Dir abschließen, nur sieh zu, daß Du ihn nicht brichst; wenigstens erwarte ich von Dir, als einem so vorzüglichen Politiker, daß Du, wie die Franzosen, so lange Deine Verträge hältst, bis es Dein Vortheil mit sich bringt, sie zu brechen.«

 << Kapitel 13  Kapitel 15 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.